Gerichtsmedizin Herr der Fliegen

Tote reden doch - und Bill Bass versteht sie. Vor rund 40 Jahren gründete der Forensiker die legendäre Body Farm, ein Freiluftlabor, in dem Menschenleichen für die Wissenschaft verwesen. So klärte er bereits Hunderte von Morden auf, empörte Kriegsveteranen und brachte einen Hausmeister zum Kreischen.

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1. Teil: Herr der Fliegen - Die Forensiker-Legende Bill Bass

An einem Sonnabend im Winter des Jahres 1971 erlitt der Hausmeister des Football-Stadions von Knoxville, Tennessee, einen hysterischen Anfall. Eigentlich hatte er nur die Putzmittelkammer der Toilette aufräumen wollen. Doch dabei stieß er auf ein sorgsam verschnürtes Plastikbündel - mit schockierendem Inhalt. Als der Mann das Paket öffnete, fand er eine männliche Wasserleiche, aufgedunsen und ohne Kopf.

Ihr Besitzer war Professor Bill Bass. Der Leiter des in den Stadion-Katakomben untergebrachten Anthropologischen Instituts hatte den Toten aus einem ganz einfachen Grund in dem Abstellraum deponiert: Der passionierte Leichenforscher sollte ihn im Auftrag der Polizei identifizieren - hatte aber über das Wochenende keinen Lagerplatz für die Leiche zur Verfügung. Der Stadionwart hatte dafür wenig Verständnis: Nach seiner lautstarken Schimpfattacke griff Bass seinerseits zum Telefon und rief den Dekan der Universität an. Dieser zeigte immerhin Verständnis für das Grauen des Hausmeisters und wies Bass umgehend ein Areal zu, wo er fortan mit seinen Toten hantieren konnte, ohne die Lebenden zu verstören.

Auf dem Gelände eines ehemaligen Schweinestalls gründete Bill Bass am 24. Januar 1971 die "Body Farm", ein einzigartiges Freiluftlabor. Hier studierte der Wissenschaftler fortan genauestens den Verwesungsprozess des menschlichen Körpers. Durch seine Forschung machte die Gerichtsmedizin in den nächsten Jahrzehnten gewaltige Fortschritte bei der Identifizierung von Leichen und der Feststellung ihres Todeszeitpunkts.

Verrottende Körper in Kofferräumen, Teppichen, Pfützen

Wann lösen sich die Zähne aus dem Schädel? Unter welchen Umständen fällt der Arm eines Toten vom Körper ab? Wie lange dauert es, bis eine Leiche zum Skelett wird? Um solche Fragen geht es auf der Leichenfarm, die heute am Fuße der Smoky Mountains liegt, offiziell "Anthropological Research Facility" heißt und Teil der Universität Knoxville ist. Das 12.000 Quadratmeter große, hinter mannshohen Holzlatten und Stacheldraht verbarrikadierte Waldstück ist mit rund 50 Leichen in allen erdenklichen Positionen und Verwesungszuständen gespickt: frisch in drei Meter Tiefe verscharrt, seit Monaten im Kofferraum liegend, in Teppiche eingewickelt, in Pfützen abgelegt.

Akribisch fotografieren, vermessen und analysieren Forscher auf der Body Farm den menschlichen Verwesungsprozess. Besonders intensiv beschäftigten sie sich mit den Fliegen, Maden und Käfern, die nach dem Eintreten des Todes in einer von der Natur streng festgelegten Choreographie über den Leichnam ziehen: eine Erkenntnis, die genaue Rückschlüsse über den Todeszeitpunkt zulässt und die Polizei häufig auf die Spur der Mörder bringt.

Zwar war die Idee, mit verwesenden Leichnamen zu forschen, nicht neu. Doch erst Professor Bass wagte sich an das Tabu Mensch - vorher wurde nur mit Tierkadavern experimentiert, etwa denen von Hunden und Schweinen.

Bass kannte derlei Berührungsängste nicht, im Gegenteil: Er entwickelte schon früh einen Eifer, der seine erste Frau Ann regelmäßig an den Rand der Ohnmacht trieb: Immer wieder kam es vor, dass Bass zu Hause, im Achtliter-Suppentopf, menschliche Schädel oder Oberschenkel auskochte, um diese dann im Labor zu untersuchen. Kein schöner Anblick für die Ernährungswissenschaftlerin und leidenschaftliche Köchin.

Mit seiner Arbeit im Freiluft-Leichenlabor im Wald vergällte Bass weder arglose Hausmeister noch kochfreudige Gattinnen - dafür aber die Anwohner von Knoxville. Immer wieder erlitten Spaziergänger einen Schock, wenn sie an der zu Anfang noch notdürftig eingezäunten Leichenfarm vorbeiflanierten.

Davon abgesehen blieb es bis in die neunziger Jahre hinein ruhig um das Versuchsgelände. Die Stille im Reich der Toten fand ein jähes Ende, als Patricia Cornwell 1994 ihren Grusel-Bestseller "Body Farm" (deutscher Titel: "Das ABC der Toten") veröffentlichte. Mit einem Paukenschlag erlangte das Freiluftlabor nationale Berühmtheit: Fernsehteams umlagerten das Areal, Ex-Präsident Ronald Reagan kam zum Mittagessen vorbei - doch schon kurze Zeit später ging die ganze Nation gegen die Leichenfarm auf die Barrikaden.

Dreifachmord in Mississippi

Denn unter die Leichen, meist Obdachlose, die Bass und seine Kollegen für gewöhnlich auf dem Waldgrundstück der Body Farm verwesen ließen, war der Körper eines Kriegsveteranen geraten. Der Veteranenbeauftragte des Staates Tennessee schlug daraufhin einen Gesetzentwurf vor, der Bass' Arbeit faktisch unmöglich gemacht hätte.

Nur dem energischen Eingreifen mehrerer Staatsanwälte war es zu verdanken, dass die Body Farm weiter bestehen durfte. Kein Wunder: Die Juristen waren Bill Bass zu größtem Dank verpflichtet - schließlich überführten sie mit seiner Hilfe Jahr um Jahr zahlreiche Betrüger und Mörder. Etwa den des Ehepaars Perry und ihrer Tochter Krystal im Bundesstaat Mississippi. Die Polizei fand die drei bereits verwesten Leichen Anfang 1993 in einem Schuppen. Der verdächtige Großvater von Krystal konnte ein Alibi für die zuerst veranschlagte Tatzeit von Anfang Dezember 1992 vorweisen.

Doch dann entdeckte Bill Bass, dass die Augenhöhlen der Mordopfer bereits leer waren. Dies, das wusste der Forscher, dauert mindestens zwei Brutzyklen von Fliegen und Larven. So konnte er den Todeszeitpunkt auf Mitte November rückdatieren. Für diese Zeit hatte der Großvater keine Ausrede - der Dreifachmörder war überführt und wurde zum Tode verurteilt.

Mit Holzasche und Zementpulver gefüllte Urnen

Doch Bass ermöglichte nicht nur durch seine Leichenforschung Fahndungserfolge, auch mit Hilfe der DNA-Analyse konnte er rätselhafte Fälle aufklären. Zum Beispiel den des Millionärs und Betrügers Madison Rutherford aus Connecticut. Der 34-jährige Aktienmakler täuschte einen tödlichen Autounfall vor, um sieben Million Dollar Lebensversicherung zu ergattern. Bill Bass indes las aus den Knochen und Zähnen, die von der Polizei aus dem verbrannten Wagen des Mannes geborgen worden waren, dass es sich um einen besonders morbiden Fall von Versicherungsbetrug handelte: Der Tote war gar nicht Rutherford. Der kaltblütige Betrüger hatte einen 50- bis 60-jährigen mexikanischen Arbeiter an seiner statt in den Tod geschickt - und wurde am 7. November 2000 vom FBI festgenommen.

Der wohl spektakulärste Fall, den Bass und seine Mitarbeiter der Body Farm aufdecken konnten, ist der Skandal um das "Tri-State-Crematory" in Georgia von 2002: Um die Einäscherungskosten zu sparen, hatte ein Krematorium über Jahre Leichen unbestattet auf seinem Gelände verwesen lassen - und den Angehörigen einfach mit Holzasche und Zementpulver gefüllte Urnen geschickt.

Dem Team unter Bass' Leitung gelang es, anhand von DNA-Vergleichen alle 339 vorgefundenen, teilweise bereits stark verwesten Leichen zu identifizieren. Die Familien bekamen ihre Angehörigen zurück und konnten sie ordentlich beisetzen - der Krematoriumsinhaber wurde auf insgesamt 80 Millionen Dollar Schmerzensgeld verklagt.

Leben unter Leichen

Aber ist es nicht ein wenig morbide, tagtäglich mit verrottenden Leichen, Knochen, Maden, Fliegen und Mord konfrontiert zu sein? Natürlich hasse auch er den Tod, schreibt der laut Ehefrau geruchsunempfindliche Forensiker in seinen Memoiren. Als er das erste Mal mit einer Leiche konfrontiert wurde, musste sich Bass gar übergeben. Was ihn trotzdem dazu bringe, seinen Ekel zu überwinden, sei die Suche nach der Wahrheit. Um sich vor dem Entsetzen zu schützen, sehe er jeden Fall als wissenschaftliches Puzzle - und vermeide so den Anblick des grausigen Gesamtbildes.

Heute ist Bill Bass 82 Jahre alt, ein Greis mit kurzem weißem Haar, enormer Brille und Herzschrittmacher, längst führen andere seine Arbeit auf der Body Farm fort: Ob in den Massengräbern in Bosnien oder auf Ground Zero in New York, überall auf der ganzen Welt sind seine ehemaligen Studenten dem Tod auf den Fersen.

Was mit seinem Körper geschehen soll, wenn er einmal das Zeitliche segnen wird, weiß Bass noch nicht. "Der Wissenschaftler in mir will die Spendenbewilligung unterschreiben. Der Rest meiner Person kann nicht vergessen, wie sehr ich Fliegen hasse", schreibt er. Die letzte Entscheidung - Body-Farm-Bass wird sie seiner Familie überlassen.



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insgesamt 3 Beiträge
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Maja Ilisch, 12.04.2010
1.
Zum Fall Dagmar Knops (in der Fotoreihe): "Dort wurde 2008 ihre Leiche gefunden - einbetoniert im Boden des Kellers." Schön wär's. Bis heute hoffen die Forensiker, im Beton unter der Villa Horten die sterblichen Überreste der Vermißten zu finden. Dabei wurde auch die Body Farm konsultiert. Eindeutige Ergebnisse und vor allem eine Leiche liegen aber noch nicht vor. Aufgrund statischer Bedenken kann nicht einfach drauflosgebuddelt werden; das LKA Düsseldorf versucht anhand von Bohrungen die Anwesenheit von Verwesungsspuren nachzuweisen.
Hannah Dircksen, 13.04.2010
2.
¿Nach dem Tod passieren so viele Dinge, bei denen wir sagen: ¿Das darf man nicht sehen.¿ Aber ich denke, die Leute fragen sich, was hinter den verschlossenen Türen los ist." Hier kann man das komplette Interview mit Bass lesen: http://www.viceland.com/germany/v5n2/htdocs/body-farm-643.php. Wahnsinn, wie man sich bei solch einem Job soviel Enthusiasmus und Charme bewahren kann.
Hannah Dircksen, 23.04.2010
3.
Nach dem Tod passieren so viele Dinge, bei denen wir sagen: "Das darf man nicht sehen." Aber ich denke, die Leute fragen sich, was hinter den verschlossenen Türen los ist." Hier kann man das komplette Interview mit Bass lesen: http://www.viceland.com/germany/v5n2/htdocs/body-farm-643.php. Wahnsinn, wie man sich bei solch einem Job soviel Enthusiasmus und Charme bewahren kann.
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