Wüstenkönigin Bell Gertrude von Arabien

Gertrude Bell war die mächtigste Frau ihrer Zeit: Als Spionin und Beraterin von Königen prägte sie nach dem Ersten Weltkrieg die neue Gestalt des Nahen Ostens. Wer war diese britische "Mutter des Irak", die "Königin der Wüste"?

The Gertrude Bell Archive, Newcastle

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Am 4. Dezember 1921 schrieb Gertrude Bell ihrem Vater einen Brief aus Bagdad. "Ich habe den heutigen Morgen produktiv damit verbracht", berichtete sie, "die südliche Grenze des Irak festzulegen."

Das war weder ein Scherz noch eine Übertreibung. Es war ihre Aufgabe, die politische und geografische Ordnung des neu geschaffenen Staates umzusetzen. Frankreich und Großbritannien hatten den Nahen Osten als Konkursmasse des Osmanischen Reichs unter sich aufgeteilt. Schnell merkten die beiden Mächte aber, dass sie das Gebiet nicht halten konnten: Es galt, einen Übergang zu finden, der ihnen so viel Einfluss wie möglich sicherte.

Die für diesen Zweck gefundenen Lösungen beruhten in nicht geringem Maße auf Bells Empfehlungen: Nicht nur der erste irakische König, Faisal I., verdankte seine Macht ihrer Fürsprache. Bell spielte zwischen 1915 und 1925 eine Schlüsselrolle in der Neuordnung des gesamten Nahen Ostens. Damit war die Britin zweifellos eine der mächtigsten Frauen ihrer Zeit.

Umso verwunderlicher, dass sie über Jahrzehnte fast vergessen war. Ihren 20 Jahre jüngeren Kollegen T.E. Lawrence "von Arabien" machte David Lean 1960 im gleichnamigen Film weltberühmt - und schaffte es, Bell in seinem Film komplett zu verschweigen. In "Der englische Patient" von 1996 sprechen immerhin Soldaten über "diesen Bell" - und gehen davon aus, dass Bell ein Mann sei. Erst jetzt errichtet ihr der deutsche Regisseur Werner Herzog ein filmisches Denkmal: "Queen of the Desert" mit Nicole Kidman ist sein Beitrag zur Berlinale 2015.

Bell - die Geschichte eines Ausbruchs

Gertrude Margaret Lowthian Bell wurde am 14. Juli 1868 als Tochter des Stahlmagnaten und liberalen Politikers Thomas Hugh Bell in eine der reichsten, seit zwei Generationen adeligen Familien Großbritanniens hinein geboren.

Für Bell schien damit ein Leben zwischen Hof und Geldadel vorgezeichnet. Es sollte anders kommen: Gertrude wollte lernen. Mit nicht einmal 20 Jahren schloss sie in Oxford ihr Studium der Neueren Geschichte ab. Und zwar mit Bravour, aber ohne Titel - so etwas gestand man Frauen in England bis 1920 nicht zu.

Ihre erfolgreiche akademische Nicht-Graduierung feierte sie mit einer mehrmonatigen Reise nach Bukarest und Konstantinopel. Zurück in London stürzte sie sich in die Ballsaison, um einen Ehemann zu finden. Als sich aber auch nach drei Jahren für sie keine "Partie" ergab, beschloss sie, in den Orient zu gehen. 1892 begann sie, Persisch zu lernen - und zwar in Teheran. Sie lernte die Größen der Kolonialmächte kennen - Offiziere, regionale Fürsten und den britischen Vizekönig von Indien.

Kein Glück mit Männern

Gleichzeitig verliebte sich Bell in Henry Cadogan, einen jungen Diplomaten. Der aber war so spielsüchtig wie verarmt - Gertrudes Eltern stellten sich gegen eine Heirat. Die Tochter akzeptierte und kehrte nach England zurück, während Henry versuchen sollte, seine Finanzen ins Reine zu bringen. Kurz darauf starb er bei einem Unfall. In späteren Jahren sollte sie nur noch einmal eine Affäre mit einem Mann haben. Auch diese endete tragisch: Charles Doughty-Wylie war verheiratet und starb 1915 im Ersten Weltkrieg.

Auf beider Tod reagierte Bell auf ähnliche Weise: Sie entfloh der Trauer durch Reisen und Lernen. Neben zwei Weltreisen und von der Öffentlichkeit gebannt verfolgten Alpen- und Rocky-Mountains-Besteigungen sollte sich ihr Leben in den nächsten Jahren immer mehr Richtung Naher Osten orientieren.

Aus Interesse an der Archäologie ließ sie sich in Deutschland, Frankreich und Italien in die Grabungswissenschaft einweisen. Derweil erschienen 1894 ihre Reiseerzählungen "Persian Pictures", die sie zur Bestsellerautorin machten und ihren Ruf als Gelehrte und Abenteuerreisende unterstrichen.

Bald reiste sie mit Karawanen und eigenen Expeditionen durch den Nahen Osten, perfektionierte ihr Arabisch, machte archäologische Entdeckungen und drang in Regionen vor, die noch niemand aus dem Westen bereist hatte.

Auf dem Weg zur Legende

Unter den arabischen Stämmen begann man von dieser rothaarigen Frau mit den grünen Augen zu sprechen, die ihre Sitten kannte. Gertrude gefiel die Ehrerbietung, mit der man ihr begegnete: In England war sie eine unverheiratete Exotin. In Arabien galt sie als seltsame, aber hoch geehrte Frau. Das nährte auch ihre Eitelkeit.

So empfand sie die schmeichelnden, informellen Titel, die ihr von arabischen Stammesfürsten gegeben wurden, als durchaus angemessen: "Wüstentochter" oder "Khatun" ("Königin"). Einmal erreichte sie Einlass zu einer Verhandlung, weil man sie zum "Mann ehrenhalber" erklärte. Auch das gefiel ihr: Auf die Frauen ihrer Zeit sah sie herab. Ausgerechnet sie, die so eigenständige Abenteurerin aus liberalem Haus, war eine strikte Gegnerin des Frauen-Wahlrechts und der Gleichberechtigung.

Als der Erste Weltkrieg begann, untersagten ihr die Briten zunächst, wieder in den Nahen Osten zu reisen. Die Zwangspause dauerte nur ein Jahr, denn die so männlich geprägte Armee kam an ihrer Expertise nicht vorbei: 1915 wurde sie zunächst inoffizielle Mitarbeiterin des Geheimdienstes in Kairo. Dort arbeitete sie unter anderem mit T.E. Lawrence, den sie seit Jahren kannte.

Eine merkwürdige Situation: Bell wurde von den Militärs geringgeschätzt, galt unter Nahost-Experten aber als eine Legende. Am Ende setzte sich ihre Sachkompetenz durch: Der britische Befehlshaber in Mesopotamien beförderte sie als erste Frau zur Offizierin im Rang eines Majors des Geheimdienstes und zur "Orientsekretärin".

Nationen-Formerin: Bells Seitenwechsel

Wie bei Lawrence bestand ihre Hauptaufgabe darin, örtliche Potentaten für die britische Seite zu gewinnen. Die Briten lockten die Araber mit Versprechungen auf Unabhängigkeit. Lawrence verzweifelte daran, da er wie Bell wusste, dass dies kriegstaktische Halbwahrheiten waren. Schon 1916 hatten Franzosen und Briten im geheimen Sykes-Picot-Abkommen ihre Einflusszonen in der Region abgesteckt. T.E. Lawrence war darüber so beschämt, dass er nach dem Krieg seinen Namen änderte und in die Anonymität abtauchte.

Bell ging anders damit um. Sie hatte einst dafür gesorgt, dass der Emir Faisal, als dessen engste Beraterin sie galt, die arabischen Stämme gegen die Osmanen einte und diese an der Seite von T.E. Lawrence in den Krieg zogen. Jetzt sollten er und andere dafür auch belohnt werden: Bell stand in britischen Diensten, lobbyierte aber für die Araber.

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Auf der Konferenz von Kairo gelang es ihr im Frühjahr 1921, den damaligen Kolonialminister Winston Churchill davon zu überzeugen, zunächst dem Irak und später auch einem Teil Jordaniens weitgehende Autonomie zuzugestehen. Erster König des Irak wurde auf Bells Empfehlung Faisal I.

Tod in Bagdad

Es sollte Bells größtes politisches Verdienst bleiben. Eine völlige Fehleinschätzung leisteten sich Bell und Lawrence, die nur mit Sunniten und Wahhabiten paktiert hatten, in der Frage nach der Rolle der Schiiten. Bell blendete wichtige Realitäten aus, als sie die Grenzen zwischen Irak, Jordanien, Palästina, Syrien und Saudi-Arabien zog. Viele der heutigen Konflikte waren schon darin angelegt.

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Nach 1923 verlor sie an Einfluss: Die Briten brauchten sie nicht mehr. Sie blieb in Bagdad, wo sie das Irakische Nationalmuseum maßgeblich mit aufbaute und bis heute als eine "Mutter des Irak" geehrt wird. Ihre Briefe aber klangen zunehmend depressiv.

1925 besuchte sie London ein letztes Mal, erkrankte dort aber an einer Rippenfellentzündung. Heilung suchte sie in ihrer Wahlheimat Bagdad, nur um dort zu erfahren, dass kurz nach ihrer Abreise ihr jüngster Bruder an Typhus gestorben war. Am Morgen des 12. Juli 1926 fand ein Zimmermädchen Gertrude Bell tot auf, neben dem Bett ein leeres Glas Schlaftabletten. Man begrub sie in Bagdad.

insgesamt 4 Beiträge
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Nils Holstein, 06.02.2015
1. Triumvirat
Betrachtet man die Erforschung des Nahen Ostens und den damit verbundenen Personen um 1890-1930, so erkennt man eine Art "Triumvirat" dreier bedeutender Persönlichkeiten, welche Geschichte gemacht hatten: a.) Natürlich zuallererste: Lawrence von Arabien b.) wie hier erwähnt: Gertrude Bell c.) beide hatten Kontakte bzw. kriegsbedinget Gegnerschaft zu: Max von Oppenheim Auch dieser wurde im Ersten Weltkrieg, von Deutscher Seite, entsprechend eingespannt, und stand somit Lawrence und Bell aktiv gegenüber. Insbesondere war er der Erfinder des "Dschiad" als Kriegsmethode gegen England. Bekannter und quasi unsterblich aber ist er für seine Ausgrabungen von Tel Halaf, welche heute im Pergamon-Museum zu sehen sind. Die Bedeutung seiner Entdeckungen läßt sich daran ermessen, daß er dafür im Dritten Reich als Jude sogar unter dem direkten Schutz von Hitler stand.
Wuesten Sohn, 06.02.2015
2. Sykes-Picot-Abkommen: Die Teilung der Islamischen Länder
Ja, genau, Danke für den Artikel. Deshalb haben wir heute solche Probleme und Könige und Diktaturen. Als von Gertrude Bell und Lawrens gemacht. Alle Sykes-Picot Grenzen müssen weg. Dann haben wir endlich Ruhe.
Robert Geier, 06.02.2015
3.
Der wichtigste (versteckte) Satz: "... (Bell blendete wichtige Realitäten aus, als sie die Grenzen zwischen Irak, Jordanien, Palästina, Syrien und Saudi-Arabien zog.) Viele der heutigen Konflikte waren schon darin angelegt. ..." Also das Schlamassel seit Generationen bis heute haben uns die Briten und Franzosen initial eingebrockt. Schon erschreckend zu sehen, welche Auswirkungen einzelne Entscheidungen von wenigen Leuten auf die Weltgeschichte haben. Bitte diesen Artikel immer mit verlinken, wenn über "Irak, Jordanien, Palästina, Syrien, Saudi-Arabien", IS usw. berichtet wird.
Jörg-Holger Krause, 09.02.2015
4. Sunniten und Wahhabiten
Zitat:"Eine völlige Fehleinschätzung leisteten sich Bell und Lawrence, die nur mit Sunniten und Wahhabiten paktiert hatten, in der Frage nach der Rolle der Schiiten" Der Wahhabismus ist eine Form des sunnitischen Islams. Wahhabiten sind also auch Sunniten.
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