Berühmteste Schwimmerin der Welt Die junge Frau und das Meer

Trudy Superstar! Am 6. August 1926 kraulte Gertrude Ederle durch den Ärmelkanal, schneller als je ein Mann zuvor. Doch den Ruhm musste sie teuer bezahlen - am Ende griff "America's Best Girl" zur Axt.

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Nach zwölf Stunden verlieren die Männer an Bord der "Alsace" die Nerven. Es hat begonnen zu regnen und zu stürmen. Immer höher türmen sich die Wellen, immer öfter verlieren sie das Mädchen mit der roten Badekappe aus den Augen, das da durch die aufgewühlte Nordsee schwimmt.

"Komm raus, Mädchen! Komm raus!", brüllt einer von ihnen übers Wasser. Die 20-Jährige mit der paraffin-versiegelten Motorradbrille hebt den Kopf aus dem Meer und lächelt. "What for?", ruft sie zurück. Wozu? Gertrude krault weiter, immer weiter, den Blick fest Richtung englische Küste gerichtet.

Als sie in der Ferne endlich die Leuchtfeuer sieht und das Hupkonzert hört, mit dem die Menschen sie vom Ufer aus anfeuern, setzt Gertrude zum Sprint an. Bis sie um 21.40 Uhr Ortszeit völlig entkräftet in Kingsdown bei Dover an Land wankt - nach 14 Stunden und 31 Minuten. Wegen der starken Strömung ist sie abgetrieben und 56 Kilometer anstatt der geplanten 34 geschwommen.

Gertrude Caroline Ederle hat es geschafft, sie hat es allen gezeigt: Als erste Frau bezwang sie am 6. August 1926 den Ärmelkanal - und das sogar zwei Stunden schneller als je ein Mann zuvor. Die kräftig gebaute US-Amerikanerin mit dem Kurzhaarschnitt ging als "Mrs. What for" in die Geschichte ein: ein Symbol von Frauenpower, in einer Zeit, als es noch hieß, Schwimmen gefährde die Fortpflanzungsorgane.

Mit einem Strick um den Bauch ins Wasser geworfen

Vor allem aber blamierte Trudy all jene, die von der körperlichen Unterlegenheit der Frauen fest überzeugt waren. Noch am Morgen ihres Weltrekords schrieb ein Redakteur der "London Daily News" auf Seite eins: "Selbst der glühendste Befürworter der Frauenrechte muss zugeben, dass Frauen in Bezug auf Fitness, Schnelligkeit und Ausdauer für immer das schwächere Geschlecht bleiben werden." Und im Londoner Wettbüro Lloyds standen die Wetten 5:1 gegen sie.

Niemand hatte mit der unerhörten Zähigkeit, dem Ehrgeiz, dem Trotz der jungen Frau gerechnet. "Wenn mir einer sagt, ich könnte etwas nicht, dann tu' ich es erst recht": Diesem Motto folgte Gertrude, seitdem ihr Vater, der aus dem Schwäbischen stammende Fleischer Henry Ederle, sie als kleines Mädchen mit einem Strick um den Leib ins tiefe Wasser geworfen hatte. "Nun zeig mal, was Du kannst, Trudy", soll er ihr zugerufen haben. Und Trudy zeigte, was in ihr steckte.

"Ich werde mit drei Goldmedaillen zurückkehren!"

Geboren 1905 in New York, stellte Gertrude bereits als Zwölfjährige ihren ersten Weltrekord über 800 Meter Freistil auf. Acht weitere sollten folgen - sieben davon allein im Jahr 1922, bei einem Wettbewerb in Brighton Beach. "Ich werde mit drei Goldmedaillen zurückkehren!", verkündete das Wunderkind 1924 vor seiner Abreise zu den Olympischen Sommerspielen in Paris.

Als Trudy nur einmal Gold und zweimal Bronze holte, war sie maßlos enttäuscht. Und fest entschlossen, das zu erreichen, was vor ihr noch keine Frau geschafft hatte: den eiskalten, stark befahrenen Ärmelkanal mit seinen Strömungen, dem hohen Seegang, den Feuerquallen zu durchqueren - den Mount Everest der Schwimmer.


Gertrude Ederle durchquert den Ärmelkanal (Filmmaterial von 1925 und 1926)


Beinahe wäre es Gertrude bereits im Sommer 1925 gelungen. Doch nach acht Stunden und 43 Minuten, als sie bereits 37 Kilometer geschwommen war, dachten ihre Begleiter, das wie leblos auf dem Bauch treibende Mädchen drohe zu ertrinken - und zogen Trudy aus dem Wasser. Als man die Schwimmerin auf das Begleitboot hievte, weinte sie vor Wut. Von wegen Kollaps! Sie habe sich doch nur kurz ausruhen wollen, sagte sie der Presse. Und probierte es im Sommer darauf erneut.

Hymne, Hähnchenschenkel und ein roter Sportwagen

Eingerieben mit Olivenöl, Wollfett und Schmalz sprang Trudy am 6. August 1926 um 07.09 Uhr in Cap Griz Nez in die Fluten. "Holt mich nicht aus dem Wasser, außer ich bitte darum!", hatte sie ihrem Vater eingebläut, der im Begleitboot "Alsace" neben seiner Tochter herfuhr. "Schwimm, Mädle, schwimm", brüllte der Fleischer übers Wasser, versorgte Trudy mit heißer Hühnerbrühe, Hähnchenschenkeln und Obst.

Um sein Kind zu motivieren, hatte Henry Ederle an Bord der "Alsace" ein Reisegrammophon installiert und spielte mal die amerikanische Nationalhymne, mal Trudys Lieblingsschlager wie "Yes, We have no Bananas" und "Let Me Call You Sweetheart". Von Zeit zu Zeit hielt er Schilder in die Luft, auf denen Autoteile geschrieben standen: Henry Ederle hatte seiner Tochter einen roten Sportwagen versprochen, falls sie es bis zur englischen Küste schaffen würde. Was alles andere als sicher war.

Denn am Vormittag schlug plötzlich das Wetter um. Die Wellen hoben Trudy meterhoch in die Luft, die Passagiere der beiden Begleitboote - außer der "Alsace" fuhr die von Journalisten bevölkerte "Morinie" neben der Schwimmerin her - hingen seekrank über der Reling. Zudem erlitt Trudy einen Krampf im linken Fuß, die Strömung trieb sie ab, ihr Rhythmus wurde unregelmäßiger.

Schweinebraten und Konfettiparade f ü r die Schwimmprinzessin

Trainer Thomas William Burgess, der es 1911 erst nach 16 Versuchen geschafft hatte, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, flehte Vater Ederle an, seine Tochter endlich aus dem Wasser zu holen, doch der weigerte sich. Er glaubte an das Powermädchen - und sollte Recht behalten. Marinesoldaten mussten die jubelnde Menschenmenge zurückhalten, als Trudy sich die mit Paraffin versiegelte Motorradbrille vom Kopf riss, und ihre Füße den Strand berührten.

"Die Menschen sagten, Frauen könnten den Kanal nicht durchqueren. Ich habe gezeigt, dass sie es doch können!", triumphierte die Schwimmerin. " Trudy avancierte zur berühmtesten Frau der Welt und wurde gefeiert wie eine Königin. Ob in Bissingen, dem schwäbischen Heimatort ihres Vaters, wo man die die eingedeutschte "Gertrud" mit Schweinebraten und Most ehrte. Oder in ihrer Geburtsstadt New York, wo zwei Millionen Bewunderer sie auf dem Broadway feierten, inklusive Konfettiparade und Empfang durch den Bürgermeister.


Bei ihrer Ankunft in New York wurde Gertrude Ederle frenetisch gefeiert


US-Präsident Calvin Coolidge gewährte Trudy eine Sonderaudienz im Weißen Haus und adelte sie als "America's Best Girl". Wäschekörbe voller Fan-Telegramme wurden bei den Ederles in der Amsterdam Avenue abgegeben, der Heldin zu Ehren wurde ein Tanzschritt benannt, Zehntausende US-Amerikanerinnen erwarben in den Monaten nach Trudys Triumph das Schwimmabzeichen. Und 1927 ehrte sogar Hollywood das Talent - mit der romantischen Komödie "Swim, Girl, Swim", in der Ederle einen zehnminütigen Part übernahm.

"Tell me, Trudy, who is going to be the lucky one?" So lautete der Refrain eines Songs, den Charles Tobias und Al Sherman ihr zu Ehren komponierten. In Scharen hielten die Männer um die Hand der Schwimmerin an. Doch der umworbene Star blieb allein.

"Der Preis war zu hoch"

Die zunehmende Schwerhörigkeit, an der Trudy seit ihrem fünften Lebensjahr aufgrund einer Masernerkrankung litt, verstärkte ihre Schüchternheit - seit dem Ärmelkanal-Rekord hatte sich ihr Hörproblem drastisch verschlechtert. Der einzige Mann, mit dem die Schwimmerin jemals verlobt war, machte sich aus dem Staub, als Trudy ihn über ihre Beeinträchtigung aufklärte. "Danach gab es nie wieder jemanden in meinem Leben. Ich wollte nicht noch einmal so verletzt werden", sagte sie laut der "New York Times".

1929 eröffnete ihr ein Arzt, dass sie aufgrund der exzessiven Schwimmerei endgültig ihr Gehör verlieren würde. Trudy verlor die Nerven: Wie in Trance - so schildert es Curt Riess in seinem Werk "Einsam vor Millionen Augen. Große Sportler und ihre Schicksale" - fuhr die Schwimmerin in das Varieté, wo sie ihre Kraultechnik für 6000 Dollar die Woche in einem gläsernen Bassin präsentierte. Dort nahm sie eine Feueraxt und schlug so lange auf das Becken ein, bis das Glas zerbarst und die Bühne überflutet war.

Als Riess die einstige Koryphäe 1940 interviewte, war Gertrude Ederle seinen Angaben zufolge völlig taub, nur mühsam las sie ihm die Fragen von den Lippen ab. Das "seltsamste Interview, das ich in meinem Leben gemacht habe", nannte Riess seine Begegnung mit Trudy. Und gab seinem Kapitel über die Ärmelkanal-Bezwingerin die Überschrift: "Der Preis war zu hoch."



insgesamt 13 Beiträge
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Stefan Bringer, 05.08.2016
1. 97 Jahre!
Es ist etwas merkwürdig, dass der Artikel verschweigt, dass Frau Ederle trotz aller körperlichen Beeinträchtigungen doch 97 Jahre alt geworden ist. Sie starb 2003. Der Artikel suggeriert mit seinem Schluss, dass die Schwimmerin bereits kurz nach 1940 verstorben sei.
Michael maier, 05.08.2016
2. Ist Schwimmen schlecht fürs Gehör?
Inwiefern hat ihre Schwimmtätigkeit ihr Hörproblem verschlimmert?
A. Liof, 05.08.2016
3. Dank an S. Bringer!
.. für die ergänzende Info. - Und schade, Frau Iken, daß Sie die Geschichte dieser bemerkenswerten Person mit ihrer ersten Niederlage enden lassen ... Aus eigener Anschauung weiß ich inzwischen, daß es auch nach 30, 40, 50 ... Jahren 'anders' interessant sein kann...
Hansdieter Vergib, 05.08.2016
4. Die junge Frau und das Meer.
Ich liebe es, wenn Menschen über sich hinaus wachsen. Und erst recht, wenn es eine Frau ist.
Wolfgang Sonnemann, 05.08.2016
5. War vielleicht ...
... der damalige medizinische Kenntnisstand.
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