Gescheiterte Autoträume Ein mal eins

Gescheiterte Autoträume: Ein mal eins Fotos

Sie träumten von der Revolution - und kamen unter die Räder: Immer wieder versuchten Tüftler und Geschäftsleute, mit innovativen Konzepten die Automobilindustrie aufzumischen. Meist scheiterten sie. einestages über die schrägsten Ein-Automarken der Geschichte. Von Michail Hengstenberg

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
  • Zur Startseite
    4.3 (16 Bewertungen)

Auf den ersten Blick sah er aus wie ein ganz normales amerikanisches Auto der Nachkriegszeit. Groß, üppig mit Chrom behangen, eine mit ausschweifenden, sinnlichen Kurven versehene Karosserie. Doch was thronte da mitten auf der Motorhaube des "Tucker Torpedo"? War es ein Zyklopenauge? Nein, es war ein Scheinwerfer, der in den Kurven mitlenkte. Er war Teil eines vollmundigen Versprechens, wie es die Automobilindustrie selten zuvor erlebt hatte.

"The Car of tomorrow today", das Auto der Zukunft schon heute - Preston Tucker hatte es nicht mit dem Kleckern, er wollte klotzen. Als sich der amerikanische Geschäftsmann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg daran machte, ein Auto zu bauen, war eigentlich klar, dass er sich nicht mit einer kleinen Nische irgendwo in der Welt der großen US-Marken begnügen würde. Kompromisse kannte Tucker nämlich nicht.

Nach der Schule heuerte er bei der Polizei von Michigan an, vor allem, weil er dort schnelle Autos und Motorräder fahren durfte. Weil sie ihm nicht schnell genug waren, half er nach. Mit seinem illegal aufgebohrten Streifenmotorrad machte er Jagd auf Temposünder. Seine hohe Fangquote ließ seine Vorgesetzten über seine illegalen Machenschaften an der Maschine hinwegsehen. Bis zu jenem Wintertag, an dem er, weil es ihm zu kalt im Streifenwagen war, die Trennwand zum Motorraum mit einem Schweißbrenner entfernte, um mehr Wärme ins Wageninnere zu leiten - Problemlösung à la Tucker.

Angriff aufs Herz der US-Autoindustrie

Seine Laufbahn als Polizist war damit beendet - seine Karriere als Automobil-Entrepreneur konnte beginnen. Nach verschiedenen Jobs in der Branche und einem kurzen Stopp beim Rennwagenkonstrukteur Henry A. Miller verwandelte Preston Tucker das gewonnene Know-how 1946 in ein eigenes Auto, den "Tucker Torpedo". Für ihn begann damit ein Feldzug gegen die amerikanische Automobilindustrie, als kleiner, genialer David kämpfte er gegen den Goliath, dessen gigantische Fabriken Autos pro Jahr hunderttausendfach ausspuckten.

Der Name von Tuckers Limousine war dabei im doppelten Sinne zutreffend. Sie war nämlich nicht nur schnittig, sie zielte mit gewaltiger Sprengkraft auch mitten ins Herz der amerikanischen Autoindustrie. Während sich Konstrukteure in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg mit Leib und Seele der technischen Weiterentwicklung des Automobils verschrieben hatten, waren die Autos, die bei GM, Ford und Chrysler vom Band liefen, vor allem groß und schön. Mit ihren Starrachsen, Blattfedern und den schwachen Trommelbremsen standen sie aber in Sachen Fahrwerkstechnik Pferdekutschen näher als einem zeitgemäßen Automobil.

Ganz anders der Torpedo. Er sah nicht nur unverschämt gut aus, sondern sollte auch über eine Vielzahl innovativer Features verfügen. Einzelradaufhängung vorn und hinten, neuartige Stoßdämpfer, außerdem Scheibenbremsen an allen vier Rädern versprachen einen Quantensprung in Sachen Fahrwerk. Auch beim Antrieb wählte Preston Tucker den extravaganten Weg: Statt einen gewöhnlichen Pkw-Motor zu verwenden, plante er mit einem modifizierten Aggregat aus einem Hubschrauber, das den Torpedo bei einer Drehzahl von weniger als 2000 Umdrehungen pro Minute auf für damalige Verhältnisse atemberaubende 180 Kilometer pro Stunde beschleunigen sollte.

Weg mit all der Innovation

Vor allem aber verfügte der Torpedo über ein einzigartiges Sicherheitskonzept. Während alle anderen amerikanischen Autobauer die Insassen vor allem dadurch zu schützen suchten, dass sie möglichst viel Blech um Fahrer und Passagiere auftürmten, hatten Tucker und sein Chefkonstrukteur Alex Tremulis echte Lösungen parat. Am Küchentisch von Preston Tucker in Ypsilanti, Michigan, erdachten sie wegweisende Features wie den Seitenaufprallschutz und Sicherheitsgurte für die Passagiere. Um diese zusätzlich zu schützen, wurde beim Torpedo auf ein Armaturenbrett verzichtet, welches die Köpfe Passagiere im Fall eines Frontalaufpralls unsanft abgebremst hätte - zudem bestand die Frontscheibe aus Sicherheitsglas, das bei einem Unfall nicht splitterte.

Für das automobile Establishment in Dearborn und Detroit war das zu viel der Innovation - hätte sich der Torpedo durchgesetzt, wäre es vorbei gewesen mit der Schlichtheit der automobilen Massenprodukte, man hätte nachziehen müssen. Auf Druck von GM, Ford und Chrysler leitete die amerikanische Wirtschaftskontrollbehörde SEC kurz nach dem Produktionsstart des Torpedo ein Betrugsverfahren gegen Preston Tucker ein.

Der hatte, lange bevor die Serienproduktion in einer von der Regierung zur Verfügung gestellten ehemaligen Fertigungshalle für Flugzeugmotoren anlief, schon fleißig Geld eingesammelt. Die amerikanische Öffentlichkeit war von seiner auf ein paar Zeichnungen propagierten Vision von der automobilen Zukunft so begeistert, dass sie Aktien im zweistelligen Millionenbereich zeichnete, etliche Händler sicherten sich zudem die Verkaufsrechte für ein Auto, das es noch gar nicht gab.

Das Ende für den Einzelkämpfer

Weil dann erst mal lange nichts passierte, hatten die "Big Three" leichtes Spiel. Sie behaupteten, Tucker hätte das Geld nie für den Aufbau einer Massenfertigung vorgesehen, die von ihm verbreitete Stückzahl von 500.000 Autos pro Jahr sei reine Propaganda, die SEC ermittelte. Zwar wurde Tucker am Ende des aufsehenerregenden Prozesses freigesprochen, doch sein Projekt war tot. Hatten ihm Investoren zuvor die Werkstore eingerannt, ergriffen sie nun die Flucht.

Gerade mal 49 Exemplare des Torpedo waren zu diesem Zeitpunkt produziert worden, in Handarbeit. Und obwohl manche Features wie Sicherheitsgurte oder Scheibenbremsen im Entwicklungsprozess aus Kostengründen gestrichen wurden, symbolisierten diese 49 Überbleibsel noch immer den Fortschritt - nur kaufen konnte man sie nicht mehr, die schnöde Gegenwart hatte die Zukunft besiegt, das automobile Establishment dem genialen Einzelkämpfer den Garaus gemacht.

Ein Schicksal, das nicht nur Preston Tucker ereilte. Die Automobilgeschichte ist voll von Visionären, die mit ihren genialen Autokonzepten unter die Räder kamen. Gleich ist all diesen tragischen Existenzen, dass sie wenigstens einen späten Triumph feiern können. Während viele Fahrzeuge, gegen die sie damals den Kampf verloren haben heute längst verschrottet sind, werden die Konstruktionen der Einzelkämpfer von damals heute auf Oldtimerschauen gefeiert wie die Stars. Nicht einfach nur, weil sie selten sind. Autos, die sich nicht durchgesetzt haben, gibt es genug. Sondern weil in ihnen die Vision etwas Großes zu schaffen - und sei es nur ein Automobil für eine bessere Welt -, noch immer nachhallt.

Artikel bewerten
4.3 (16 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Uwe Ollmann 19.11.2010
Gehört nicht eigentlich auch "Treser" mit seinem TR 1 zu den Gescheiterten?
2.
Marcus Schätzle 22.11.2010
An Treser habe ich auch sofort denken müssen, obwohl ich nicht einmal einmal einen FÜhrerschein habe und Auto-Rubriken kaum verfolge. Im Spiegel-Archiv findet sich noch mancher Artikel zu seinen Versuchen Fuß zu fassen ("Bude gefegt").
3.
Szabolcs Gavaller 02.05.2011
Tucker war kein Visionär, er hat einfach einen Tatra 77A aus dem Jahr 1935 kopiert. Übrigens, Porsche hat den Käfer auch nach der Tatra-Baukonzept entworfen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH