Gescheiterte DDR-Flucht Knasterfahrung auf Bulgarisch

Ost-Knast statt West-Freiheit: Der DDR-Bürger Uwe Pries wagte einen Fluchtversuch und landete im Gefängnis. Seinem Ziel kam er damit trotzdem ein großes Stück näher.

Uwe Pries

Kurz durfte ich meine Füße auf türkischen Boden wähnen - Türkei, Westen, Freiheit! Als ich den zweiten Grenzzaun überschritten hatte, der mich vermeintlich von der Freiheit trennte, dachte ich ganz kurz, ich hätte es geschafft, könnte endlich mein DDR-Leben hinter mir lassen. Doch ich hatte nur einen Signalzaun überschritten und Alarm ausgelöst; die eigentliche bulgarisch-türkische Grenze lag fünf Kilometer südlich. Hunde und Soldaten kamen und stellten mich. Ein Offizier feuerte mit einer Pistole eine Leuchtrakete ab, und meine Flucht war zu Ende. Der Offizier schlug mich mit dem Knauf der Pistole, nachdem Soldaten mir die Hände auf dem Rücken gefesselt hatten. Ich stürzte, man half mir wieder auf, und ein Soldat holte aus der Hosentasche ein schwarzes Tuch, eine Art Halstuch. Dann holte der Offizier Farbfotos aus seiner Jackentasche und zeigte sie mir. Ich sah einen blutüberströmten, wahrscheinlich erschossenen Mann, liegend im Gras. Der Offizier sagte dann in gebrochenem Deutsch: Schau an, so machen wir mit Dirrr auch! Und man band mir die Augen zu.

Es stellte sich als Scherz heraus, denn die Augenbinde wurde mir zehn Minuten später - nachdem wir die Grenzanlagen wieder retour passiert hatten - abgenommen. Auf einem sandigen Parkplatz standen viele Zivilisten, sie waren ärmlich gekleidet, später fuhren sie auf offenen zivilen Pritschen-Lkw davon. Ich vermute, sie hatten sich an der Suche nach mir beteiligen müssen. Ich wurde in ihre Mitte gestoßen und bekam dann eine Tracht Prügel: Sie schubsten mich fluchend, schlugen mich mit der flachen Hand - es war aber keine rasende Wut, ich war nicht ihr persönlicher Feind, eher waren sie sauer, dass ich ihre Zeit gestohlen hatte. So schien es mir.

Gegen Nachmittag fuhren sie mich in einem Jeep nach Malko Tarnova in ein Militärgebäude, und ein junger, schneidiger Offizier übernahm das Verhör. Ich bin ihm dankbar, denn er zerschnitt endlich meine Handfesseln, die sich tief in mein Fleisch geschnitten hatten. Gleichzeitig jagte er mir aber auch einen großen Schrecken ein. Er spielte dauernd mit seiner schwarzen Makarov, er konnte sie unheimlich schnell wie ein Revolverheld um den Zeigefinger kreisen lassen und dabei von einer Hand in die andere wechseln. Was ein Kasper, dachte ich, aber dann bot er mir die Waffe an, ich solle das doch auch mal versuchen. Und er lachte immer wieder über mein energisches Kopfschütteln.

Nach einer Stunde ging es wieder mit dem Jeep Richtung Wald, die weggeworfene Tasche suchen! Damals dachte ich, klar, die halten dich für einen Spion, die wollen wissen, ob wichtige Dokumente in der Tasche sind. Heute, auch nach der Lektüre jüngster Artikel von dem Politikwissenschaftler Stefan Appelius über Fluchten von DDR-Bürgern über die bulgarische Grenze, weiß ich, dass auch andere Motive ausschlaggebend gewesen sein könnten. Eine teure Fotoausrüstung und Geld. Wer weiß? Aber wie um Herrgottes Willen sollte ich denn die Tasche finden? Das war unmöglich, und mit Einbruch der Dunkelheit gaben sie endlich auf. An den Händen trug ich inzwischen Handschellen, die nicht mehr so arg schmerzten. Mit dem Jeep ging es dann am 16. Juni 1982 abends nach Burgas - ins Gefängnis.

Erste Gefängnis-Erfahrungen

In Burgas waren wir zu dritt in der Zelle: ich, ein ehemaliger bulgarischer Soldat, der wegen Schwarzhandels mit Geld einsaß, und ein Zigeuner, der mich dauernd fragte, wie es dem Mann mit dem Schnurrbart ginge. Doch gut, oder? Der meinte tatsächlich Adolf Hitler, und mir ist bis heute nicht klar, ob er mich auf dem Arm nahm. In der Situation dort hielt ich lieber den Mund und spielte mit dem Zigeuner Mühle. Er hatte in die Holzpritsche ein Mühlebrett eingeritzt, und mit gesammelten und zur Hälfte gefärbten Kirschkernen spielten wir. Verhört wurde ich dort nicht, bekam aber auch nichts zu essen. Bereits einen Tag später ging die Reise weiter. Am 17. Juni fuhr ich mit der Eisenbahn und zwei Wachleuten in einem normalen Reisezug nach Sofia. Die beiden Burschen hatten dicke Wurstbrote, Tomaten und Obst dabei. Ich hoffte, dass sie teilen würden, aber auch da ging ich leer aus.

Bei Urlaubsbeginn hatte ich stattliche 75 Kilogramm Gewicht, davon waren bei der Haftentlassung am 14. Oktober 1983 nur noch 61 Kilogramm übrig. Und ich glaube, der Grundstein wurde in den ersten Tagen in Bulgarien gelegt. Denn auch in Sofia aß ich erst mal nichts. Dort aber nicht aus Mangel an Lebensmitteln, nein, aus Ekel.

Die Zelle im zentralen Staatssicherheitsgefängnis war nach heutigen Maßstäben fürchterlich. Ein Raum, vielleicht drei mal vier Meter. Fensterlos. Nach hinten auf einer Fläche von zwei mal drei Metern befand sich das Bett; von Wand zu Wand war eine Holzdecke eingezogen, auf etwa 60 Zentimeter Höhe. Ich weiß nicht mehr, wie viele Gefangene wir waren, vier oder fünf. Die Notdurft wurde in einen Holzeimer verrichtet, sowohl großes als auch kleines Geschäft. Und am 18. Juni, so um die Mittagszeit, saß ein bulgarischer Mitgefangener auf dem Eimer. Er reinigte sich mit den Händen, dazu stand ein Schüsselchen mit Wasser neben dem Eimer. Es war so entwürdigend, und ich beschloss, nie diesen Eimer zu benutzen, sondern immer die 15 Minuten abends und morgens zu nutzen, wenn wir auf die Toiletten getrieben wurden.

Kaum hatte sich der Zellengefährte vom Eimer erhoben, ging die Klappe in der Zellentür auf, und das Mittagessen wurde gereicht. Der Gefangene, der eben noch auf dem Eimer gesessen hatte, brach das Brot und verteilte es, aber ich sah ihn noch auf dem Eimer und lehnte ab. Die Speise auf dem Teller war eine Joghurtsuppe mit Gurkenstückchen, die mir später sehr gut schmeckte, aber am ersten Tag lehnte ich auch sie ab. Die Mithäftlinge freute es, und sie schauten mich bis zum letzten Tag erwartungsvoll an, aber ich rückte nichts mehr heraus. Auch war ich immer der erste beim Essenfassen; niemand sollte mein Brot vor mir berühren. Kiselo Mlyako, die saure Milch, wurde in Sofia mein Leibgericht, und noch heute kaufe ich mir ab und an den bulgarischen Joghurt.

Nie den Humor verlieren

Nach ein paar Tagen gesellte sich F. aus Leipzig dazu. Er hatte es an der bulgarisch-jugoslawischen Grenze probiert; Einzelheiten sind mir entfallen. Wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel, eine wirkliche Notgemeinschaft. Was ist mir aus dieser Zeit noch in Erinnerung? Der Sommer war selbst für bulgarische Verhältnisse sehr heiß, entsprechend dampfte und roch es in den Zellen. Wenn die Wärter die Tür aufschlossen zum Toilettengang, dann wichen sie immer angewidert ein, zwei Schritte zurück.

Bei einem dieser Toilettengänge standen F. und ich in benachbarten Kabinen. Wir hatten gerade darüber gesprochen, dass unsere Zeit zum Verrichten der Notdurft viel zu knapp bemessen sei. Meistens kamen die Schließer bereits nach 30 Sekunden und riefen: ??????! ??????! (Schneller! Schneller!) Und klopften ungeduldig mit ihren riesigen Schlüsselbunden an die Toilettentüren. Und da passierte es: F. und ich mussten lachen; diese vergebliche Mühen, die Notdurft rasch zu verrichten, wir bekamen uns nicht ein, und da stand er schon vor unseren Türen, der Schließer. Und dann krachte es furchtbar! Es erwischte F.. Der Schließer trat gegen die Tür und schlug auf F. ein. Ein anderer trieb mich in die Zelle, wenig später folgte F.. Er hatte nur leichte Blessuren davongetragen. Abends lachten wir bereits wieder, und rückschauend kann ich sagen, dass mich der Humor nie verließ und diesen Sommer erträglicher machte.

Verhört wurden wir beide in Sofia nicht mehr, in den drei Wochen wollte der Anstaltsleiter jeden von uns aber einmal sehen. Der Mann konnte etwas deutsch, sagte, es wäre heiß, sehr heiß, und ließ uns wieder abtreten. Einen Verrückten hatten wir auch in der Zelle. Ein älterer Mann um die 45, er saß unschuldig, so seine Beteuerungen, das würde sich bald rausstellen. Dieser Mann wurde oft aus der Zelle geholt, und jedes mal kam er zurück, zog uns beide ins Gespräch und verkündete unseren Abflug per ??????? (Flugzeug), ließ seine gestreckte Hand pfeifend durch die Lüfte sausen und in Zürich landen. Dort würden unsere Eltern schon warten. Das habe er eben mit dem Anstaltsleiter so besprochen.

Zurück in die DDR

Natürlich war das totaler Quatsch, aber in Extremsituationen neigt ein Mensch wohl eher dazu, Unsinn zu glauben. Jedenfalls hingen wir noch ein paar Tage an seinen Lippen, bis wir den Hokuspokus erkannten. Am 7. Juli durften wir duschen, wurden rasiert und stiegen einen Tag später gefesselt, aber mit einem Paket Wurstbrote und einem Begleiter in eine bereitstehende Iljuschin nach Berlin-Schönefeld.

Nach der Landung in Schönefeld blieben wir eine Nacht im Stasigefängnis Hohenschönhausen, dann ging es weiter nach Halle/Saale in den Roten Ochsen. Beides sind heute Gedenkstätten. Am 5. Oktober 1982 wurde ich zu einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt. Ich wurde in Naumburg/Saale und Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) inhaftiert. Paradoxerweise habe ich diese Zeit nicht als die schlimmste meines Lebens in Erinnerung, denn vom ersten Tag an war klar, dass ich nach meiner Haft in die Bundesrepublik Deutschland entlassen werden wollte, und viele meiner Zellengefährten teilten mein Schicksal. Mit der Aussicht auf Freiheit, richtige Freiheit, gleichgesinnten Kameraden in der Zelle und relativer Offenheit ließ sich die Zeit des doppelten Eingesperrtseins ertragen. Am 14. Oktober 1983 fuhr mein Bus von Chemnitz aus nach Gießen - endlich nach Westdeutschland! Niemals habe ich der DDR auch nur eine Träne nachgeweint. Sie war es einfach nicht wert.



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