Gescheiterte Kanzlerkandidaten Erich Ollenhauer, Liebling der Karikaturisten

Gescheiterte Kanzlerkandidaten: Erich Ollenhauer, Liebling der Karikaturisten Fotos
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Er war ein Mann des Apparats - grundsolide und diszipliniert. Und er verkörperte in der Bonner Republik den Verlierertyp. Doch der blasse Sozialdemokrat Erich Ollenhauer hätte dem Land eine eigene Note gegeben: Er wäre der erste und einzige Kanzler mit Volksschulabschluss gewesen.

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Scheitern kann durchaus etwas Heroisches in sich tragen. Großes Theater jedenfalls greift bekanntlich oft und gerne auf dieses Motiv zurück: Junge Helden, die auf dem Höhepunkt blendender Erfolge, charismatischer Ausstrahlung oder amourösen Begehrens plötzlich tief fallen, wegen ihres Übermuts, durch Verrat, als Folge tragischer Verstrickungen. Solches Scheitern fesselt das Publikum, liefert den Stoff für das große Epos, entlockt manchen Zuschauern die Tränen.

Das Scheitern des Kanzlerkandidaten Erich Ollenhauer indes taugt ganz und gar nicht für aufwühlende Inszenierungen und gefühlsschwangere Sentimentalitäten. Ollenhauer hat sich in der Geschichtsschreibung der Bonner Republik vielmehr als der heillose Verlierer festgesetzt, als Kandidat ohne Chance und ohne Fortune. Ollenhauer erinnern wir als den grundsoliden Mann des Apparats, der diszipliniert die Last bürdete, zweimal die Verantwortung für unvermeidbare Niederlagen der Sozialdemokraten auf sich zu nehmen. Über einen solchen Typus lässt sich gönnerhaft spötteln. Aber Material für große Geschichtsschreibung bietet er nicht.

Wahrscheinlich war Ollenhauer von allen erfolglosen Kanzlerkandidaten nach 1949 in der Tat die farbloseste Gestalt. Und dennoch hätte ein Kanzler Ollenhauer einen kräftigen eigenen Farbtupfer in die Galerie bundesrepublikanischer Regierungschefs hineinbringen können. Denn Ollenhauer wäre, hätte er sein Ziel erreicht, der erste und - bis heute - einzige Bundeskanzler der Deutschen gewesen, der lediglich die Volksschule besucht hatte. Allein dadurch hätte sich die Republik sozial und kulturell wohl anders ausgedrückt.

Erich Ollenhauer war 1901 als Sohn eines Maurers in Magdeburg zur Welt gekommen. Nach der Volksschule absolvierte er eine kaufmännische Lehre. Doch in einem privatgewerblichen Beruf arbeitete der Angestellte Ollenhauer nie. Er wurde sogleich Parteifunktionär, erst als Volontär des sozialdemokratischen Heimatblattes, dann als Sekretär und Redakteur beim Hauptvorstand der sozialistischen Arbeiterjugend in Berlin. Vom Sekretärsposten ging es 1928 eine weitere Sprosse höher, hinauf zur Funktion des Reichsvorsitzenden im sozialdemokratischen Jugendverband. Im April 1933 wählten ihn die Delegierten der SPD-Reichskonferenz in den zentralen Parteivorstand. Im Prager Exil organisierte er die Auslandsarbeit der SPD als rechte Hand des Parteichefs Otto Wels. Ab 1941 war Ollenhauer in London ansässig, kehrte Anfang 1946 endgültig nach Deutschland zurück, wurde dort abermals die rechte Hand eines Parteivorsitzenden, nun: von Kurt Schumacher.

Behäbiger Pfeifenraucher

Im Grunde war eben dies wohl die Berufung und primäre Begabung des Erich Ollenhauer: Zweiter Mann seiner Partei zu sein. Ollenhauer blieb stets der Mittler und Moderator seiner Partei. Und er kannte das Gros der Parteifunktionäre von Jugend an, von Zeltlagern, Kundgebungen, Kommissionssitzungen. Er war seit den frühen 1920er Jahren, seit der gemeinsamen Zeit in den Blaukitteln der Sozialistischen Arbeiterjugend für die mittleren Kader der Sozialdemokratie der "Erich", dem man vertrauen durfte. Und als der große Charismatiker Schumacher starb, folgte ihm eben dieser geborene zweite Mann, der nun die letzte Station der Ochsentour erreicht hatte. Der Rückhalt der Delegierten war 1952 nahezu hundertprozentig, die Rührung groß: Man stand von den Sitzen auf und sang "Wann wir schreiten Seit an Seit" - die Hymne der Jugendbewegung während der Weimarer Jahre.

So war die SPD in den frühen 50er Jahren eben. Sie lebte vorwiegend noch aus der Tradition, kompensierte machtpolitische Schwächen durch trotzige Solidaritätsgefühle und Vergangenheitsgewissheit, durch den Gesang der alten Lieder. Noch fehlte der Weimarer Restaurationstruppe der Mumm, auch der Leidensdruck für eine schonungslose Bestandsaufnahme und für einen radikalen Neuanfang. Insofern war Ollenhauer der kongeniale Spitzenmann der SPD.

Alle Welt attestierte ihm Ehrlichkeit und Lauterkeit. Aber ihm fehlte der kalte Machtwille, der seinen Gegner Adenauer auszeichnete; erst recht mangelte es ihm an genialer Intuition und Verwegenheit. Ollenhauer schien durch keine Mission, keine Vision, kein kühnes Projekt getrieben. Er war der Verwalter des sozialdemokratischen Erbes; der Administrator des Parteiwillens. Ollenhauer wirkte schon vom Körperbau her behäbig, klein, ein wenig dicklich, mit schlecht sitzenden Anzügen, seine Zigarre oder ein Pfeifchen schmauchend, ein passionierter Skatspieler, Herrchen von einem schwarzen Chow-Chow namens Blackie.

Die Karikaturisten liebten Ollenhauer. Denn mit ihm hatten sie leichtes Spiel. Der SPD-Parteivorsitzende trug eine Hornbrille; und Hornbrillen galten in jenem Jahrzehnt als Ausdruck von Spießigkeit und Pedanterie. Ollenhauer mit Hornbrille, oft gar noch in Frauenkleidern, der Muttchentyp - dieses Motiv beherrschte etliche Zeichnungen jener Jahre in der bundesdeutschen Journaille. Und sehr beliebt war in diesem Jahrzehnt der keineswegs sonderlich originelle, aber offenkundig einleuchtende Witz: "Ein leeres Taxi fährt vor dem Bundeshaus vor. Wer steigt heraus? Erich Ollenhauer."

Am Bonner Katzentisch

Mit einem solchen Spitzenkandidaten war schwerlich etwas gegen den hochkarätigen Wahlkämpfer und bereits amtierenden Bundeskanzler aus Rhöndorf zu bestellen. Aber lag es allein an Ollenhauer, dass die SPD in den 1950er Jahren in Bonn so traurig am Katzentisch saß? Reicht es, allein auf dessen Behäbigkeit, rednerischen Schwächen, Traditionstümeleien hinzuweisen, um die Depression der SPD hinlänglich zu erklären? Gegen eine solche Zuspitzung auf die Person Ollenhauers spricht allein schon, dass der komplementären Gegenfigur zu ihm, dem donnernden Rhetoren und expressiven Charismatiker Schumacher auch keine anderen Ergebnisse gelungen sind. Wichtig war: Die Christliche Union hatte beträchtliches historisches Glück auf ihrer Seite. Dank ihres knappen Wahlsieges 1949 wurde sie zur Gründerpartei einer Republik und Gesellschaft, die reüssierte, aufgrund etlicher günstiger Voraussetzungen im Unterschied zu 1918/19 auch reüssieren konnte.

Boomende Wirtschaften gab es nach Weltkrieg und Depressionsperioden in den 1950er und 1960er Jahren nahezu überall im westlichen, nördlichen und mittleren Europa. Aber die Westdeutschen goutierten es nach drei Jahrzehnten von Kriegen, Bürgerkriegen, Zerstörungen und fundamentalen Bevölkerungsverschiebungen am stärksten. Sie erlebten den Wiederaufbau staunend fast als "Wirtschaftswunder" - und vergaben die politische Prämie dafür noch auf Jahrzehnte den damals regierenden Christdemokraten. In der Tat: Die sozialen und ökonomischen Vorgänge während der 1950er Jahre lassen sich, wie es Historiker oft genug auch getan haben, als "beispiellos" bezeichnen.

Politik weit gestreuter Gefälligkeiten

Beispiellos war in der modernen Wirtschaftsgeschichte die Steigerung des Bruttosozialproduktes um das Dreifache innerhalb eines Jahrzehnts; beispiellos war der Anstieg der Löhne und Kaufkraft um das Doppelte; beispiellos war ebenfalls der Zuwachs an Wohnraum und Wohnqualität bis 1960. Höhere Wachstumsraten für eine Politik weit gestreuter Gefälligkeiten hat es in der deutschen Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts jedenfalls nicht gegeben. Und Adenauer nutzte dies gerade in Wahlkampfzeiten für Gratifikationen aller Art hemmungslos aus.

Überdies lagen beim Kanzler alle Möglichkeiten der Außenpolitik. Auf diesem Feld kam in den 1950er Jahren bei Adenauer alles zusammen, was ein erfolgreicher Politiker wohl benötigt: Geschick, Zähigkeit, Zielstrebigkeit - und Fortune im rechten Moment. Im Unterschied zum ersten Mann der Opposition konnte der Regierungschef die Gunst von Staatsbesuchen und Staatsempfängen nutzen. Das gab schöne Bilder und Berichte in der Presse. Die niedergedrückten Deutschen lechzten gerade in jenen Jahren nach solchen Ereignissen, die ihnen Anerkennung und Gleichberechtigung versprachen. Und Adenauer konnte sich in schöner Regelmäßigkeit auf die Sowjetunion verlassen.

Die Kommunisten im Osten Deutschlands und Europas waren der Kitt für die bürgerliche Integrationspartei im Westen; und sie lieferten den Stoff für die Akzeptanz der Sicherheitspolitik des Kanzlers. Am 17. Juni 1953 erstickten sowjetische Panzer den Arbeiteraufstand zwischen Rostock und Plauen; im Oktober 1956 schlug die Rote Armee die Emeute der Ungarn mit unverhüllter Brutalität nieder. Beides veränderte die Stimmung im deutschen Volk jäh und weitreichend. Die Zustimmung zur Militär- und Bündnispolitik der Bundesregierung wuchs sprunghaft an; die sozialdemokratische Alternative büßte ebenso jäh an Plausibilität und Unterstützung ein.

Adenauer war skrupelloser und bedenkenloser

Außerdem war Ollenhauer Adenauer in Skrupellosigkeit und Bedenkenlosigkeit nie gewachsen. Ollenhauer war zu jeder Demagogie, ja selbst zu rhetorischer Zuspitzung unfähig. Im Grunde taugte Ollenhauer weder zum Wahlkampf noch zur Kanzlerkandidatur. Konrad Adenauer liebte die Wochen der intensiven Wahlkampfphase. Sie vitalisierten ihn, waren ihm ein Jungbrunnen. Erich Ollenhauer dagegen litt, wenn er um die Gunst der Menschen buhlen musste. Er verhielt sich gehemmt, linkisch, verklemmt im spontanen Zusammentreffen mit der Bevölkerung, bemerkenswerterweise auch im Umgang mit dem "kleinen Mann".

Ein Reporter schilderte seinerzeit wie er mit Ollenhauer im Mercedes von Wahlveranstaltung zu Wahlveranstaltung fuhr. Einmal hielt der Wagen vor einer Bahnschranke; Passanten schauten neugierig hinein. Ollenhauer aber blieb stocksteif und stumm im Fond sitzen, öffnete nicht das Fenster, wechselte keinen einzigen Satz mit den potentiellen Wählern.

Und so verschaffte sich die große Partei des bürgerlich-konfessionellen Lagers zweimal in Folge die absolute Mehrheit der Parlamentssitze, was seither keiner Formation jemals mehr gelang. Erich Ollenhauer, der Doppelverlierer, blieb bis zu seinem Tod 1963 Parteivorsitzender. Loyalität galt damals noch einiges bei den Sozialdemokraten. Doch als Kanzlerkandidat kam er für die mit dem Godesberger Programm allmählich reformierte Partei 1960/61 nicht mehr in Frage. Die Zeit des Kanzlerkandidaten Brandt begann.

Franz Walter

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 25.02. 2007

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