Gescheiterte Südpol-Expedition "Der Tod kann nicht mehr fern sein"

Gescheiterte Südpol-Expedition: "Der Tod kann nicht mehr fern sein" Fotos
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Zweiter im ewigen Eis: Vor hundert Jahren erreichte Robert Scott den Südpol - einen Monat später als sein größter Rivale. Der Rückweg durch die Eishölle wurde für die Verlierer zum Horrortrip. Die Tagebücher des Abenteurers dokumentieren die Verzweiflung der Gruppe - und ihr schreckliches Schicksal. Von

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Erst war es nur eine böse Ahnung. Da hatten sich die fünf Männer auf ihrem Weg zum Südpol wochenlang durch die Eishölle der Antarktis geschleppt und plötzlich war da dieser winzige schwarze Fleck mitten in der weißen Einöde. Kaum erkennbar, aber dennoch groß genug, um alles in Frage zu stellen.

Was konnte das sein? Ein Schneegebilde? Wohl kaum. Eine optische Täuschung? Vielleicht. Eine künstliche Wegmarkierung? Hoffentlich nicht!

Es war Dienstag, der 16. Januar 1912, als die britischen Polarforscher unter Leitung von Robert Falcon Scott so gebannt auf diesen schwarzen Punkt starrten wie das Kaninchen auf die todbringende Schlange. "In wortloser Spannung hasteten wir weiter", schrieb Scott in sein Tagebuch. "Uns alle hatte der gleiche furchtbare Verdacht durchzuckt, und mir klopfte das Herz zum Zerspringen."

Wenige Stunden später wurde aus dem Verdacht Gewissheit. Der schwarze Punkt entpuppte sich als Flagge, die an einem Schlittenständer befestigt worden war. In der Nähe befand sich ein verlassener Lagerplatz. Überall waren Spuren von Schlitten. "Das Furchtbare ist eingetreten, das Schlimmste, was uns widerfahren konnte!", schrieb Scott in sein Tagebuch. "Die Norweger sind uns zuvorgekommen - Amundsen ist der Erste am Pol."

Ein "entsetzlicher Ort"

Was für ein Tag! Morgens waren die Männer in "gehobener Stimmung" und mit "sicherem Hochgefühl" aufgebrochen, am nächsten Tag endlich den Südpol zu erreichen. Abends stand wenige Kilometer vor dem Ziel ihre Niederlage gegen den Polarforscher Roald Amundsen fest. Schlimmer noch: Sie mussten in diesem Bewusstsein zwei weitere Tage Richtung Südpol marschieren.

"Grauenhaft" nannte Scott die erste Tagesetappe. Der Schock hatte ihm und seinen Gefährten Edward Wilson, Edgar Evans, Henry Bowers und Lawrence Oates den Schlaf geraubt. Dann, am 18. Januar 1912, entstand das vielleicht traurigste Verliererfoto der Weltgeschichte: Ausgezehrt und deprimiert blicken die Männer in die Kamera, neben ihnen das Zelt Amundsens, das der bereits mehr als einen Monat zuvor am Südpol aufgebaut hatte - und über dem stolz die norwegische Flagge flatterte. Einen "entsetzlichen Ort" nannte Scott sein einstiges Sehnsuchtsziel. Düster blickte er in die Zukunft:

Vor uns liegt eine Strecke von 1500 Kilometern mühsamer Wanderung. 1500 Kilometer des trostlosen Schlittenziehens, 1500 Kilometer Entbehrung, Hunger und Kälte. Traum meiner Tage - leb wohl!

Der Todesmarsch der Verlierer

Dennoch dokumentierte der Geschlagene weiter akribisch die bittere Rückkehr seiner Mannschaft, die vor genau 100 Jahren begann. Sie sollte ein langsamer Marsch in den Tod werden. Die Nase seines Begleiters Edgar Evans war schon nach wenigen Tagen "weiß und hart" vor Erfrierungen, und Evans Finger "voller böser Frostbeulen". Damit nicht genug:

Unsere Lage beginnt ernst zu werden. Ein Orkan zwang uns am Mittag, in unsere Schlafsäcke zu kriechen. (…) Das ist schon der zweite Orkan, seit wir den Pol verlassen haben und er will mir gar nicht gefallen. Kommt ein Wettersturz? Dann möge uns Gott helfen, denn der Zug über die Höhe ist fürchterlich und unsere Lebensmittel sind knapp.

Wieder einmal spielte das Wetter nicht mit. Von Beginn an hatte die Expedition, deren Vorbereitungen bereits 1910 begonnen hatten, unter einem ungünstigen Stern gestanden. Das Expeditionsschiff "Terra Nova" blieb schon bei der Anreise in die Antarktis wochenlang im Packeis stecken. Bei der verspäteten Ankunft auf dem Ross-Schelf brach auch noch einer der drei Motorschlitten im Eis ein und versank.

Tragische Fehler

Hinzu kamen logistische Fehler. Scott setzte auf drei Transportmittel (Mandschurei-Ponys, Schlittenhunde und Motorschlitten), sein Rivale Amundsen hingegen vertraute ausschließlich den Hunden. Eine kluge Entscheidung: Während die Briten Unmengen an Heu für ihre Ponys transportieren mussten, die sich zudem als wenig widerstandsfähig erwiesen, fütterten die Norweger ihre Hunde einfach mit rohem Robbenfleisch. Scotts Ponys starben wie die Fliegen, seine Motorschlitten versagten schon früh - und Hunde hatte er zu wenige.

Jetzt, auf dem Rückweg, waren die Männer auf sich alleine angewiesen und mussten ihren Schlitten selbst ziehen. Als sie am 7. Februar 1912 ein auf dem Hinweg angelegtes Lebensmitteldepot erreichten, notierte Scott entsetzt:

Am Morgen panischer Schrecken durch die Gewissheit, dass eine ganze Tagesration zu wenig Schiffszwieback vorhanden ist! Alles Nachgrübeln beantwortet uns nicht die Frage, wie das möglich sein konnte, da wir über unsere vorgeschriebene Ration bestimmt nie hinausgegangen sind.

Das erste Opfer

Nicht nur die Nahrungsreserven gingen zur Neige, auch der antarktische Sommer endete. Die Temperaturen fielen jetzt oft unter 30 Grad, der Wind wurde heftiger, der Schnee blieb klumpend an den Skiern kleben. Trotzdem bürdete Scott seinem Team nur einen Tag, nachdem er den Essensengpass entdeckt hatte, eine stundenlange geologische Exkursion auf. 15 Kilogramm Gesteinsproben einer Moräne wurden auf den Schlitten gepackt.

Dabei waren die Männer schon längst völlig entkräftet. Edgar Evans schleppte sich nur noch von Etappe zu Etappe und lief seinen Kameraden oft weit hinterher. Am 17. Februar blieb er so lange zurück, dass die anderen vier umkehrten, um ihn zu suchen. Scott war als erster bei Evans:

Mit aufgerissenem Anzug lag er auf den Knien, seine Hände waren nackt und erfroren, und in seinen Augen war ein wilder Blick. Als ich ihn fragte, was ihm fehle, antwortete er im schleppenden Ton, er wisse es nicht, aber er habe wohl einen Ohnmachtsanfall gehabt. Wir richteten ihn auf, aber nach zwei oder drei Schritten sank er wieder auf den Schnee.

Düstere Aussichten

Per Schlitten transportierten die Männer den bewusstlosen Evans ins Lager und schleppten ihn ins Zelt - zu spät.

Um 12.30 Uhr in der Nacht ist er gestorben. (…) Furchtbar, einen Kameraden so verlieren zu müssen. Aber bei ruhigem Nachdenken mussten wir Übrigen uns sagen: Immer noch ein Glück, dass die entsetzlichen Aufregungen der letzten Woche gerade so endeten. Mit einem Schwerkranken so weit reisen zu müssen, wäre für uns alle eine verzweifelte, rettungslose Sache gewesen.

So zogen die Überlebenden wochenlang durchs ewige Eis, redeten fast nur noch von dem Essen, das sie kaum noch hatten; nur tiefgefrorenes Ponyfleisch aus den Essensdepots hellte die Stimmung auf. Scotts Aufzeichnungen wurden immer düsterer. Er wusste, dass sein Team viel zu langsam vorankam und ahnte, dass die "Jahreszeit schon zu weit fortgeschritten ist". Alles ging schief: Das Wetter war noch kälter als erwartet, der Schlitten musste "wie durch Wüstensand" mühsam durch den tiefen Neuschnee gezogen werden und auch das Öl war fast aufgebraucht. Am 3. März schrieb Scott:

Gott steh uns bei! Aber diesen Anstrengungen sind wir nicht mehr gewachsen. Keiner von uns kann das noch glauben; niemand spricht zwar ein Wort davon und zueinander sind wir immer unendlich heiter - aber was jeder in seinem Herzen fühlt, ist nicht schwer zu erraten.

"Ich gehe dann mal hinaus…"

Lawrence "Titus" Oates gab als Erster auf. Seine Füße waren seit Tagen erfroren, er konnte kaum noch gehen, geschweige denn den Schlitten ziehen. Er wusste, dass er die winzigen Überlebenschancen seiner Kameraden nur noch mehr verringerte. Am 16. März beschloss er, sich zu opfern:

Die Tragödie ist in vollem Gang. Vorgestern erklärte der arme Titus Oates, er könne nicht mehr weiter, und machte uns den Vorschlag, ihn in einem Schlafsack zurückzulassen. Davon konnte natürlich keine Rede sein, und wir bewogen ihn, uns noch auf dem Nachmittagsmarsch zu begleiten. Es muss eine entsetzliche Qual für ihn gewesen sein! (...) Er schlief die vorletzte Nacht ein in der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen: Aber er erwachte doch am Morgen - gestern. "Ich will einmal hinausgehen", sagte er, "und bleibe vielleicht eine Weile draußen." Dann ging er in den Orkan hinaus - und wir haben ihn nicht wiedergesehen.

Sieger der Herzen

Der von Scott gelobte "Heldentod" war dennoch umsonst. Nur noch etwa 18 Kilometer waren die drei Polarforscher von einem großen Essens- und Materialdepot entfernt, als ein Schneesturm sie tagelang in ihrem Zelt festhielt. Jetzt rächte sich, dass Scott dieses Lager nicht, wie ursprünglich geplant, 56 Kilometer weiter südlich angelegt hatte. Ohne darauf einzugehen, schrieb er am 29. März seinen letzten Tagebucheintrag:

Draußen vor der Zelttür ist die ganze Landschaft ein durcheinanderwirbelndes Schneegestöber. Ich glaube nicht, dass wir jetzt irgendwie auf Besserung hoffen können. Aber wir werden bis zum Ende aushalten; freilich werden wir schwächer, und der Tod kann nicht mehr fern sein. Es ist ein Jammer, aber ich glaube nicht, dass ich noch weiter schreiben kann. Um Gottes willen - sorgt für unsere Hinterbliebenen!

Acht Monate später fand ein Suchtrupp die Erfrorenen in ihren Schlafsäcken in ihrem Zelt. Scott hatte die kleine Tasche mit den drei Tagebüchern unter seinen Kopf gelegt, mit einem Arm umschlang er seinen Kameraden Edward Wilson.

Der Brite hatte zwar sowohl das Wettrennen gegen Amundsen und die Natur verloren, doch bis zum Schluss versucht, zumindest posthum als Sieger in die Geschichte einzugehen. In der Hoffnung, dass man ihn und seine Begleiter nach ihrem Tod finden würde, verfasste Scott in den letzten Tagen pathetische Briefe an die Frauen seiner Begleiter sowie an seine Ehefrau Kathleen. Gleichzeitig sprach er in einer patriotischen "Nachricht an die Öffentlichkeit" von der "Kühnheit, Ausdauer und Mut" seiner Gefährten, die das Herz jedes Briten rühren müssten.

Sein Scheitern führte er allein auf Unglücksfälle und schlechtes Wetter zurück.

Zum Weiterlesen: Letzte Fahrt. Kapitän Scotts Tagebuch - Tragödie am Südpol, herausgegeben von Ernst Bartsch, Edition Erdmann, 2011.

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insgesamt 12 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Michael Borgwardt 17.01.2012
Ein nicht so schönes Detail, das bei den Berichten wie Amudsen "alles richtig gemacht" hatte meist (und auch in diesem Bericht) übergangen wird: dessen Hunde wurden vielleicht anfangs mit Robbenfleisch gefüttert, sobald man sich von der Küste entfernte gab es aber keine Robben mehr. Danach waren die Hunde Proviant auf Beinen und wurden einer nach dem anderen erschossen und an die Übriggebliebenen verfüttert. Amudsen hatte vorher genau ausgerechnet, mit wie vielen Hunden er losziehen muss um am Ende noch genug übrig zu haben um die Schlitten bis zum Ausgangspunkt zurück zu ziehen.
2.
peter wilhelm 17.01.2012
sagen wir es deutlich: scott war ein stümper von hohen graden, der nichts aus shackletons erfahrungen (ponies, manhauling) gelernt hat; der im letzten moment die polmannschaft von vier auf fünf männer erweiterte; der auf dem rückweg kilos von nutzlosem gestein mitschleppte, um seinem scheitern noch den anstrich eines wissenschaftlichen erfolgs zu geben; der seine vorratslager unsystematisch anlegte und markierte - und und und ... hohe zeit, dass man diesen "helden" vom sockel holt und ihn als das betrachtet was er war: jemand, der aus persönlichem ehrgeiz das leben seiner untergebenen leichtfertig aufs spiel gesetzt und letztendlich geopfert hat.
3.
Felix Brossmann 17.01.2012
"Die Temperaturen fielen jetzt oft unter 30 Grad" damals gab es halt noch keine Klimaerwärmung ;)
4.
Fritz Goldenbaum 17.01.2012
...die Ueberlegenheit des weissen Mannes zu glauben, mit anderen Tieren als Schlittenhunden eine Chance zu haben! ...fuer die, die es nicht wissen der wahre Held ist fuer mich Shackelton: gut vorbereitetet und umsichtig, extrem erfahren und verantwortungsbewusst! Nein, kein Verlierer 180 km entfernt vom Pole umzukehren, er hat alle seine Leute wieder lebend nach Hause gebracht und eben nicht einer nationalen Idee der damaligen Zeit oder seinem persoenlichen Ergeiz geopfert. Ein Vorbild als Expeditionsleiter, Kapitaen.
5.
Siegfried Wittenburg 17.01.2012
Ein packender Bericht. Was mich noch interessiert: Wie lange waren Amundsen und Scott unterwegs?
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