Geschichte der It-Girls Paris Hiltons Vor-vor-vorbild

Geschichte der It-Girls: Paris Hiltons Vor-vor-vorbild Fotos
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Kann nix, macht nix, ist berühmt? Von wegen: Zwar gilt Clara Bow als Urmutter aller It-Girls. Mit den Paris Hiltons dieser Welt hat die Schauspielerin jedoch wenig gemein. einestages erzählt die Geschichte des Stummfilmstars, der in Hollywood zum Sexsymbol wurde - und zeigt die müden Kopien. Von

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Was zum Teufel ist dieses "gewisse Etwas"? Der Stummfilm "It" von 1927 zeigt einen ratlosen Monty Montgomery. "Es", das ist diese Qualität, mit der du alle magnetisiert", liest der liebenswürdige Trottel in der Zeitschrift "Cosmopolitan". "Du kriegst damit als Frau alle Männer, und als Mann alle Frauen." Aufgeregt springt Montgomery zu den Verkäuferinnen bei Waltham's rüber, inspiziert jede einzelne, schüttelt unzufrieden den Kopf. Bis sein Blick auf Betty fällt, eine zierliche, kess dreinblickende Brünette mit herzförmigem Gesicht, vollen Lippen und unendlich großen, braunen Augen.

Nun endlich sieht er "Es", das gewisse Etwas, diese mysteriöse Mischung aus Sex-Appeal, Unschuld und Leichtigkeit. "Sie hat's!", jubiliert Montgomery und stürmt von dannen. Diese Szene ist der Schlüsselmoment von "It", jenem Stummfilm, der einer ganzen Generation von Männern den Verstand raubte. Und Betty-Darstellerin Clara Bow zum ersten Sex-Symbol Hollywoods machte.

Als Urmutter aller It-Girls steht Bow seither gemeinerweise Pate für eine Heerschar junger High-Society-Damen à la Paris Hilton, deren Ruhm primär darauf gründet, Rocker oder Milliardäre zum Papa beziehungsweise Lover zu haben, hundsteure, nur eine halbe Saison lang angesagte Handtaschen (It-Bags) zu tragen und von Party zu Party zu düsen. Kurzum: mäßig begabte, dafür perfekt vernetzte PR-Maschinen nobler Herkunft mit geringer Halbwertzeit, die genau das Gegenteil ihrer historischen Vorläuferin Clara Bow verkörpern: einem hochbegabten, arbeitswütigen, authentischen Slumkind - dessen Eltern es am liebsten tot gesehen hätten.

Vom Vater vergewaltigt, von der Mutter bedroht

Erleichtert betrachtete Mutter Sarah Bow am 29. Juli 1905 ihr leblos wirkendes Neugeborenes. Als der Säugling mit einem zaghaften Schrei seinen Lebenswillen kundtat, reagierte die Kindsmutter dagegen ihrem Umfeld zufolge schockiert. "Es ging schon damit los, dass mich keiner haben wollte", fasste Clara später ihren Start in die Welt zusammen. Ihre Mutter war eine schizophrene Gelegenheitsprostituierte, ihr Vater ein gewalttätiger, chronisch klammer Loser, der keinen Job halten konnte und sich an seiner Tochter verging.

Da die Mädchen aus der Straße nicht mit der in Lumpen gewandeten Clara spielen wollten, tobte sie mit den Jungs herum. "Mein rechter Arm war ziemlich berühmt", beschrieb Bow ihre Prügelqualitäten später. Überhaupt hatte sie keine unbeschwerte Kindheit: Ihr bester Freund Johnny verbrannte mit zehn Jahren und starb in ihren Armen. Später, am Set, konnte Clara auf Anhieb weinen - sie brauchte nur an ihn zu denken und das Schlaflied "Rock-a-Bye-Baby" zu hören.

Als ihre Mutter herausfand, dass Clara 1921 an einem Fotowettbewerb teilnahm, um Schauspielerin zu werden, schlich sie sich nachts in Claras Zimmer, um die Kehle des Mädchens mit einem Fleischermesser durchzuschneiden. Doch Clara überlebte - und ergatterte als Siegerin des "Fame and Fortune Contest" nebst Abendkleid und Pokal auch ihre erste Filmrolle, einen Part in "Beyond the Rainbow". Zwar wurde der später komplett wieder herausgeschnitten, doch Clara ließ sich nicht entmutigen. Im Sommer 1923 sprach die Schönheit mit den schwarzbraunen Augen und den hohen Wangenknochen in Schuluniform bei Filmproduzent Ben Schulburg vor - und war sofort eingekauft.

Ungestüm, natürlich, kurzhaarig

Sie sei die "Personifizierung des Flappers, schelmisch, hübsch, aggressiv, hitzig und gefühlvoll", schwärmte die "New York Times" nach Claras Filmdebüt. "Flapper", so nannte man in den zwanziger Jahren jenen Typus Frau, die ungestüm und natürlich, mit kurzem Rock und kurzem Haar auftrat, in der Öffentlichkeit rauchte, trotz Prohibition trank und auf sämtliche Konventionen pfiff. Bald war der Name Bow in aller Munde, zur Ikone stieg sie 1927 mit dem Film "It" auf - und zwar einfach deshalb, weil sie hinreißend spielte und dabei exakt jenes "gewisse Etwas" versprühte, das den aktuellen It-Girls so völlig abgeht.

Während Schönheiten wie Uschi Obermaier, Anita Pallenberg und Cynthia Plaster Caster im vergangenen Jahrhundert immerhin Stil besaßen, mit der Wahl des exzentrischen Lovers ein politisches Statement abgaben und tatsächlich bisweilen den Aufstieg zum Sexsymbol schafften, speist sich das "It" bei den heutigen It-Girls aus dem schlichten Mix von bauernschlauer Selbstvermarktung, einem überbordenden Selbstbewusstsein, den richtigen Kontakten und viel, viel Geld. Ihr Appeal besteht vor allem aus dem "Bling-bling-glam-glam", wie es die deutsche Paris-Hilton-Kopie Nina Kristin mal in einem Interview definierte.

Noch treffender hat sich bislang nur das US-Magazin "Wired" dem Phänomen des modernen It-Girls genähert. "Sie ist berühmt, weil sie berühmt ist", urteilte Wired über den amerikanischen Selfmadestar Julia Allison. Zeile des Artikels: "Werde eine Internetberühmtheit (auch wenn du ein Niemand bist)". Allison hatte sich einfach so hartnäckig auf Twitter, MySpace und Co. getummelt, bis alle glaubten, dass sie tatsächlich "das gewisse Etwas" besitze. Von ihrer Urmutter Bow jedenfalls sind affektierte Upper-Class-Gören wie Paris Hilton, Nina Kristin und Julia Allison Lichtjahre entfernt.

"Santa Claus, schenk ihn mir zu Weihnachten!"

Der Plot des Kassenschlagers "It" von 1927 ist schnell erzählt: Sexy Arbeitermädchen verliebt sich in gut aussehenden Juniorchef und setzt alle Waffen inklusive dessen Freund Monty Montgomery ein, um ihn zu erobern. Lacht ihn aus, als der Beau ihr einen Heiratsantrag macht und küsst ihn zum Schluss trotzdem - schließlich hat er sie vor dem Ertrinken gerettet. Ausgedacht hatte sich die Geschichte Schriftstellerin Elinor Glyn - sie war es auch, die dem vorangegangenen Casting-Rummel um die passende "It"-Darstellerin ein Ende machte und Clara Bow höchstpersönlich auswählte.

"Du bist mein Medium, mein Kind", soll Glyn zur verdutzten Bow gesagt und ihren Kopf wie eine Kristallkugel in beide Hände genommen haben. Das "It" sei eine "innere Magie, ein animalischer Magnetismus", erklärte die Autorin. Bow sollte nie herausfinden, was Glyn damit wirklich meinte: "I ain't real sure" lautete ihre Antwort, wenn Journalisten sie nach dem gewissen Etwas fragten - mit dem Bow aller Welt den Kopf verdrehte.

"Sie war das Mädchen des Jahres", schrieb beispielsweise Schriftsteller F. Scott Fitzgerald 1927, "ein reelles Wesen, dazu auserkoren, den Pulsschlag einer gesamten Nation zu beschleunigen." Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität erhielt Clara 45.000 Fan-Briefe pro Monat. Die männlichen Kinobesucher verliebten sich reihenweise in Clara, den weiblichen Zuschauern schenkte der Film ein völlig neues Ideal: das der emanzipierten, auf ihren Spaß bedachten Frau, die mit ihrem Charme alle Standesgrenzen sowie die ganze prüde viktorianische Moral wegsprengt. "Santa Claus, schenk ihn mir zu Weihnachten", stöhnt It-Girl Betty im Film, als sie ihren Chef Cyrus Waltham zum ersten Mal sieht. Und wartet doch nicht bis zum Heiligen Fest, sondern nimmt ihn sich einfach zwischendurch. Unbekümmert, vital, fröhlich - und damit so ganz anders als Clara Bow.

Nervenzusammenbrüche am Set

"Ich lache, aber meine Augen lachen nie", erklärte Bow nach dem spektakulären Erfolg von "It" den Reportern und verriet: "Sie (Betty) ist so viel glücklicher, als ich es bin." Clara erzählte den Journalisten auch von ihrer grauenvollen Kindheit. Ein verhängnisvoller Fehler, galt in Hollywood doch die eiserne Regel, die eigene Biografie zu schönen und Upper-Class-Manieren zu entwickeln, sobald man als Schauspieler erfolgreich war. Ihren jähen Absturz verfolgte das Gros ihrer Kollegen laut ihrem Biografen David Stenn daher mit Genugtuung. Er begann in dem Moment, als der Stummfilmstar den Mund öffnen und in Tonfilmen ihre eigene Stimme erheben musste.

Allein hierin mag sie den It-Girls von heute gleichen, die zwar hübsch anzuschauen sind, meist jedoch stark verlieren, sobald sie das Wort ergreifen. Clara hatte solche Angst vor dem Mikrofon, dass sie regelmäßig Nervenbrüche am Set erlitt. "Ich hasse Tonfilme. Sie sind so starr und einengend. Du büßt so viel an Niedlichkeit ein, weil es keine Chance mehr für die Handlung gibt. Und Handlung ist das wichtigste für mich", so Bow.

Die Abneigung gegen Tonfilme war weit verbreitet unter den Stummfilmstars der Zeit. "Tonfilme verderben die älteste Kunst der Welt, die Kunst der Pantomime", wetterte Charlie Chaplin, "Wir brauchten keinen Dialog. Wir hatten Gesichter", so Gloria Swanson im Rückblick. Für die Schauspieler kam das Aufkommen des gesprochenen Wortes einem Trauma gleich - Clara Bow sollte es niemals verwinden. Während MGM ihrem Star Greta Garbo zwei Jahre lang Zeit ließ, bevor sie in einem Tonfilm ihre Stimme offenbaren musste, gönnte die gierige Produktionsfirma Paramount ihrem Zugpferd Clara Bow gerade einmal zwei Wochen. Bow schämte sich fürchterlich wegen ihres starken Brooklyn-Slangs, immer wieder brach sie in Tränen aus und verzögerte so die Filmproduktion von "The Wild Party".

Sex mit dem gesamten USC-Footballteam

Ihre Fans sahen Clara den unverkennbaren Arbeiterkind-Akzent nach, sie strömten in Massen in die Kinosäle, um Bows Auftritte im Tonfilm zu sehen. Allein, der Star erholte sich nie mehr von dem Schock. "Die Wahrheit ist, dass ich ein sehr krankes Mädchen bin", schrieb sie Produzent Schulberg in einem Brief vom Mai 1931. Der Erfolgsdruck in der neuen Tonfilmbranche, Spielschulden und eine mediale Schmutzkampagne richteten die psychisch ohnehin labile Bow vollends zugrunde.

Drei Wochen lang zauberte etwa der "Coast Reporter" täglich neue Details über den Star aus dem Hut. Sie treibe es in der Öffentlichkeit, mit Prostituierten und Tieren und hätte außerdem binnen einer einzigen Nacht das gesamte USC-Footballteam sexuell beglückt. Bows Ex-Sekretärin Daisy setzte diese Verleumdungen in die Welt, um sich an Clara zu rächen, die sie wegen Betrugs hinter Gitter gebracht hatte. Am Boden zerstört, kehrte Clara Hollywood den Rücken, um sich auf eine Ranch in Nevada zurückzuziehen, wo sie zwei Kinder bekam und einen Selbstmordversuch unternahm. Erfolglos versuchten Ärzte später, die bei ihr diagnostizierte Schizophrenie durch Elektroschocks einzudämmen. 1965 starb das allererste it-Girl vereinsamt an einer Herzattacke.

"Der Niedergang Clara Bows, die für eine ganze Generation der Inbegriff der flammenden Jugend gewesen war, besiegelte Hollywoods Ruf als die Stadt, wo Mädchen auf Abwege geraten", schrieb Kenneth Anger einst in seinem Buch "Hollywood Babylon". Immerhin: Clara war wenigstens in Hollywood. Viele der aktuellen It-Girls würden ihr gesamtes Vermögen dafür opfern, einmal in ihrem Leben in einem wirklich großen Film mitspielen zu dürfen. Doch dazu fehlt den allermeisten von ihnen einfach das gewisse "It".

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