Geschichte der Vatikanbank Geldspeicher der Geistlichen

Geschichte der Vatikanbank: Geldspeicher der Geistlichen Fotos
dpa/OSSERVATORE ROMANO

Der Verdacht lautet auf Geldwäsche: Erneut erschüttert eine Affäre die Vatikanbank. Das päpstliche Geldhaus macht nicht zum ersten Mal Negativschlagzeilen. Ermordete Manager, dubiose Deals - die Geschichte des Instituts ist reich an Skandalen. Von René Schlott

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Die wohl umstrittenste Institution der katholischen Kirche verbirgt sich in einem Bollwerk, das von außen uneinnehmbar scheint. Mitten in der Vatikanstadt steht der gedrungen wirkende Turm Niccolo V. Seine dicken Mauern, die auf einem 13 Meter mächtigen Fundament ruhen, lassen nicht erkennen, dass sich in diesem alten Gemäuer aus dem 15. Jahrhundert eine moderne und durchaus weltliche Institution verbirgt: der Geldspeicher des Vatikans, die Vatikanbank.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat sie den wohl einzigen Geldautomaten der Welt mit lateinischer Sprachführung aufgestellt. Doch wer hier als Tourist versucht, an Bargeld zu gelangen, wird kein Glück haben. Die Nutzung ist exklusiv den gut 19.000 Kontoinhabern der Vatikanbank vorbehalten - darunter der Heilige Vater höchstselbst. Denn Alleineigentümer der Vatikanbank ist der Papst.

Das Konto mit der schlichten Nummer 1 führte Pius XII. (1939-1958). Er hatte das Finanzinstitut unter der bis heute verwendeten Bezeichnung "Istituto per le Opere di Religione", kurz IOR, im Juni 1942 ursprünglich für die weltweit agierenden katholischen Orden gegründet. Heute zählt das "Institut für die religiösen Werke" nach offiziellen Angaben allein 5200 katholische Institutionen zu seinen Klienten. Der exklusive Kundenkreis beschränkt sich auf Geistliche, Angestellte des Heiligen Stuhls, Orden und Stiftungen, Diözesen und Pfarreien sowie das diplomatische Korps im Vatikan. Die Gewinne der Bank, die sich im vergangenen Geschäftsjahr offiziell auf gut 87 Millionen Euro beliefen, fließen zum größten Teil an den Heiligen

Stuhl, der sie meist religiösen und karitativen Zwecken zugute kommen lässt.

Mit einer Einlagensumme von gut sieben Milliarden Euro und 114 Angestellten ist das IOR kaum größer als manche deutsche Stadtsparkasse. Und doch stand das Institut, das zwischenzeitlich zur Offshore-Bank und zum Geldumschlagsplatz avancierte, im Laufe seiner kurzen Geschichte im Mittelpunkt zahlreicher Skandale - nicht erst seit der jüngsten Korruptionsaffäre, die in dieser Woche zum Rücktritt von Bankdirektor Paolo Cipriani geführt hatte.

"Wenn ich auspacke, müssen die Priester den Petersdom verkaufen"

Die italienischen Banker Roberto Calvi und Michele Sindona nutzten die Vatikanbank in den siebziger Jahren, um Millionenbeträge aus Italien in die Schweiz oder auf die Bahamas zu transferieren - ohne dabei Spuren zu hinterlassen. Der Grund für die Wahl des Geldinstituts: Wegen des völkerrechtlichen Sonderstatus des Heiligen Stuhls ist es nicht der italienischen Bankenaufsicht unterstellt.

Als die in diese Transaktionen verwickelte katholische Privatbank Banco Ambrosiano mit Sitz in Mailand tief in die roten Zahlen geriet und in der Folge ins Visier der italienischen Finanzbehörden, drohte deren Chef Calvi unverhohlen: "Wenn ich auspacke, dann werden die Priester den Petersdom verkaufen müssen." Die illegalen Geschäfte waren von dem damaligen Vatikanbank-Chef Casimir Paul Marcinkus unterstützt worden. Für die angeschlagene Banco Ambrosiano hatte er außerdem Bürgschaften übernommen.

Nachdem sich der Fehlbetrag der Bank 1982 auf über eine Milliarde Dollar summiert hatte, wurde sie unter Zwangsverwaltung gestellt und Calvi angeklagt. Die Vatikanbank zahlte zwei Jahre später 422 Millionen Dollar an die geprellten Gläubiger. Calvi wurde im Juni 1982 unter mysteriösen Umständen erhängt an einer Brücke in London gefunden. Am gleichen Tag stürzte sich in Mailand seine Sekretärin aus dem Fenster. Sein Kompagnon Sindona starb 1986 im Gefängnis an einem mit Zyankali vergifteten Espresso.

Der Papst ein Mordopfer?

Die Affäre um Calvi und Sindona soll nicht die einzige Intrige gewesen sein, in die der Vatikanbank-Chef Marcinkus verwickelt war. 1971 war der US-amerikanische Geistliche von Papst Paul VI. (1963-1978) an die Spitze des Bankhauses berufen worden, später stieg er bis zum Erzbischof auf und agierte noch bis 1989 als Direktor des IOR. Aus dem behäbigen Geldinstitut, das sich fast drei Jahrzehnte ausschließlich auf Spar- und Kreditgeschäfte mit italienischen Banken und Unternehmen konzentrierte, wurde in seiner Amtszeit eine internationale Investmentbank. Weder der Papst selbst noch seine nächste Umgebung waren über die teils anrüchigen Machenschaften des umtriebigen Marcinkus informiert.

Sieben Jahre war Marcinkus bereits im Amt, als mit dem Venezianer Patriarchen Albino Luciani ein wesentlich jüngerer und kaum kurienerfahrener Kardinal zum Papst gewählt wurde: Johannes Paul I. Schon kurz nach seinem Amtsantritt soll dieser von den allzu weltlichen Geschäften der Vatikanbank erfahren und die Entlassung von Marcinkus erwogen haben. Als Johannes Paul I. nach nur 33 Tagen im Amt plötzlich starb, kamen umgehend Mordgerüchte auf. In deren Mittelpunkt: Bankdirektor Marcinkus.

Der britische Autor David Yallop bastelte später an einem scheinbar plausiblen Komplott: "Warum Papst Johannes Paul I. umgebracht wurde, liegt doch auf der Hand: Weil er dabei war, den Dieben die Grundlage zu entziehen. Er war dabei, sie zu enttarnen, ohne es selbst zu wissen. Am letzten Tag seines Lebens wollte er Marcinkus kündigen."

"Ihr sollt Euch nicht Schätze sammeln auf Erden!"

Yallops Buch "In Gottes Namen" verkaufte sich weltweit in 40 Ländern und über sechs Millionen Mal. Das Buch machte den Autoren zum Millionär, die darin ausgebreitete Verschwörungstheorie um einen angeblichen Mord an dem 33-Tage-Papst inspirierte Francis Ford Coppola zu der "Pate III" und Philipp Vandenberg zu seinem Roman "Sixtinische Verschwörung".

Doch die Wahrheit ist simpler: Die Kardinäle hatten ohne es zu wissen einen kranken Mann an die Spitze der Kirche gewählt, dessen Herz dem Stress und den Anforderungen seines Amtes nicht gewachsen war. Dass sein Tod in eine Spirale aus Gerüchten und Legenden geriet, ist nicht verwunderlich, fällt er doch in ein Jahr des Terrors und der Attentate in Italien, in dem selbst der ehemalige italienische Premierminister ermordet im Kofferraum eines Autos gefunden wurde.

Papst Johannes Paul II. (1978-2005) überließ Marcinkus in der Führung der Bank weitgehend freie Hand. Immerhin sorgte der mit geheimen Zahlungen dafür, dass die polnische Untergrundgewerkschaft Solidarnosc flüssig blieb. Auch als Bankchef Marcinkus zusammen mit zwei weiteren IOR-Bankern im Februar 1987 von den italienischen Behörden im Zusammenhang mit einer der größten italienischen Bankenpleiten der Nachkriegsgeschichte - der Banco Ambrosiano - wegen des Verdachts der Beihilfe zum betrügerischen Bankrott verhaftet werden sollte, hielt der Papst seine schützende Hand über ihn. Marcinkus konnte sich später unbehelligt in die USA absetzen. Das italienische Verfassungsgericht hatte den Haftbefehl mit Verweis auf die Lateranverträge aufgehoben.

Derzeit steht das Bankhaus der katholischen Kirche erneut in den Schlagzeilen, weil die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Geldwäsche gegen einen hochrangigen Geistlichen ermittelt. Der Beschuldigte Nunzio Scarano soll gute Kontakte zur Vatikanbank gehabt haben - nur wenige Tage nach seiner Verhaftung trat der Generaldirektor des Geldinstituts von seinem Posten zurück.

Die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnete die Vatikanbank in ihrer jetzigen Verfassung vor wenigen Tagen als "institutionalisierten Glaubensverrat" - gemessen an den biblischen Maßstäben. Jesus selbst soll die Geldwechsler gewaltsam aus dem Tempel in Jerusalem vertrieben und erklärt haben, es sei wahrscheinlicherer, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in den Himmel komme. In seiner Bergpredigt (Matthäus 6,19) forderte er seine Anhänger einst nachdrücklich auf: "Ihr sollt Euch nicht Schätze sammeln auf Erden!"

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1.
Günter Y Lauke 08.07.2013
SINDONA, CALVI...Johanns Paul 2...macht VATIKAN & MAFIA! Tolle MISCHUNG,...Ihr armen fehlgeleiteten verarschten KATHOLIKEN!!
2.
Roger Walter 08.07.2013
"Doch die Wahrheit ist simpler: Die Kardinäle hatten ohne es zu wissen einen kranken Mann an die Spitze der Kirche gewählt, dessen Herz dem Stress und den Anforderungen seines Amtes nicht gewachsen war." Warum schließt der Autor die Möglichkeit des Mordes am Papst so bestimmt aus? Wenn es um so viel Macht und Geld geht, ist diese Hypothese doch viel wahrscheinlicher als dass der Papst plötzlich schon nach fünf Wochen im Amt am Stress verstarb, besondes wenn es sich beim Täter um einen skrupellosen, des Betrugs verurteilten Banker handelt.
3.
Norman Primbs 08.07.2013
Johannes Paul II hat einen Verbrecher gedeckt? Ist das nicht der, der bald heilig gesprochen wird?
4.
Arno Löffler 08.07.2013
Vielleicht. Aber es gibt sicher Hunderte Päpste, die so heißen.
5.
Oliver Martin 10.07.2013
Und wieder: "Doch die Wahrheit ist simpler" Natürlich, das ehemalige Nachrichtenmagazin sagt uns mal wieder wie es "wirklich" war. Hat der Autor zufällig persönlich die Autopsie an dem Verblichenen durchgeführt, oder warum sollte der aufgeklärte Leser auch nur einen Fliegendreck auf diese Behauptung geben? Aber für den Spiegel sind die offiziellen Legenden ja immer gleichzusetzen mit der Wahrheit.
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