Geschichte des 1. Mai Von Streiks und Straßenschlachten

Geschichte des 1. Mai: Von Streiks und Straßenschlachten Fotos
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Wilde Streiks und Sommerfeste, Massendemos und Schießereien: Am 1. Mai war immer was los. Nazis und Realsozialisten machten aus dem Gegenkultur-Event eine staatliche Pflichtveranstaltung, doch für manche ist der 1. Mai auch heute noch ein "Kampftag" - im Wortsinn. Von

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Der 1. Mai lässt sich als Kampftag für die Einführung eines Acht-Stunden-Tages bis in das Jahr 1865 zurückverfolgen. Straßenfeste, aber auch Demonstrationen und Kundgebungen kennzeichnen den 1. Mai heute. Besonders in Berlin Kreuzberg kommt es jedes Jahr zu gewalttätigen Ausschreitungen von Autonomen, denen mit massivem Polizeiaufgebot

Der 1. Mai ist ein gesetzlicher Feiertag in Deutschland. Als "Tag der Arbeit", "Maifeiertag", aber vor allem als "Kampftag der Arbeiterklasse" hat er eine lange Tradition. Die Geschichte des 1. Mai begann im Jahre 1865 zum Ende des Bürgerkriegs in Amerika. Dort erhoben Gewerkschaften erstmals die Forderung nach der Einführung eines Acht-Stunden-Tages. Bis in die 1860er Jahre waren elf bis dreizehn Stunden Arbeitszeit in den US-Betrieben die Regel.

Am 1. Mai 1886 traten rund 400.000 Beschäftigte aus 11.000 Betrieben der USA in einen mehrtägigen Generalstreik, um die Forderung nach einer täglichen Arbeitszeit von acht Stunden durchzusetzen. Man wählte den 1. Mai, da er in den USA als "Moving day" galt - als Stichtag für den Abschluss und die Beendigung von Verträgen. An diesem Tag sollte der Acht-Stunden-Tag verbindlich in die Verträge aufgenommen werden. In Chicago endeten die mehrtägigen Streiks am Haymarket in einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und der Polizei, bei der mehrere Menschen verletzt wurden und starben. 1889 wurde zum Gedenken der Opfer des "Haymarket Riot" in Chicago der 1. Mai als "Kampftag der Arbeiterbewegung" ausgerufen.

Sonntagsumzug statt Streik

Die Einführung des Acht-Stunden-Tags wurde 1890 vom Pariser Arbeiterkongress zu einer gemeinsamen Forderung der internationalen Gewerkschaftsbewegung erhoben. Obwohl viele Unternehmerverbände bei Streik mit Aussperrung, Schwarzen Listen und Entlassungen drohten, beteiligten sich am 1. Mai 1890 im Deutschen Kaiserreich etwa 100.000 Arbeiter und Arbeiterinnen an Streiks, Demonstrationen und Maispaziergängen. Dennoch blieb es im wilhelminischen Deutschland vorerst bei einer regulären Arbeitszeit von zehn Stunden.

Unmittelbar nach ihrer Zulassung im Oktober 1890 erhob auch die SPD die Einführung des 1. Mai als dauerhaften "Feiertags der Arbeiter" zum Programm. Ob an diesem Tag für die Forderung gestreikt werden sollte oder nicht, wurde von der wirtschaftlichen Lage des Betriebes abhängig gemacht. Wo ein Streik nicht möglich war, sollten stattdessen am ersten Maisonntag Umzüge und Feste im Freien stattfinden. Nach dem Sturz des Kaiserreichs am Ende des Ersten Weltkriegs legte die Weimarer Nationalversammlung den 1. Mai als Feiertag fest - doch nur für das Jahr 1919. Ab 1924 waren Mai-Aufmärsche unter freiem Himmel sogar wieder verboten.

Denn während die Sozialdemokraten den 1. Mai eher als Festtag begingen, betonten die Kommunisten eher den Kampfcharakter dieses Tages. Trotz Verbotes veranstalteten sie Demonstrationen, bei denen sich auch schon einmal wilde Schießereien entwickelten und viele Menschen verletzt wurden. In die Geschichte ein ging besonders der "Blutmai" des Jahres 1929, als die Polizei das Feuer auf eine nicht genehmigte KPD-Demonstration eröffnete und mindestens 32 Menschen tötete, darunter einen unbeteiligten neuseeländischen Journalisten.

Vom Gegenkultur-Event zur Pflichtveranstaltung

Zum gesetzlichen Feiertag in ganz Deutschland machten den 1. Mai dann die Nationalsozialisten. Sie nutzten den "Feiertag der nationalen Arbeit" zur pathetischen Inszenierung von Massenauftritten und als Kulisse für Paraden, Aufmärsche und Leistungsschauen der deutschen Industrie. Nach der Niederlage Hitler-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg bestätigte der Kontrollrat der alliierten Besatzer den 1. Mai als Feiertag. Umzüge durften nur in beschränkter Form durchgeführt werden, auf das Tragen von Fahnen und Transparenten musste zunächst verzichtet werden.

In der DDR war der 1. Mai seit Verabschiedung der ersten DDR-Verfassung der DDR als "Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus" ein staatlich garantierter Feiertag. Die Teilnahme an Demonstrationen mit einem Vorbeimarsch an der Tribüne der führenden Parteimitglieder und anderen Ehrengästen war für viele Betriebe und Schulklassen eine Pflichtveranstaltung. Der 1. Mai wurde im Realsozialismus so zum staatlich verordneten Ritual und verlor völlig seinen ursprünglichen Charakter im Zeichen von Gegenkultur und Gegenöffentlichkeit.

Stattdessen sollten wirtschaftliche Erfolge hervorgehoben werden; Arbeiter gelobten, mehr zu produzieren und besser zu arbeiten. Nicht mehr der Kampf um soziale und politische Rechte, sondern die Mobilisierung für ökonomische Zielvorgaben stand nun im Mittelpunkt der Kundgebungen. Seit 1956 wurden die Ost-Berliner Maifeiern mit einer Militärparade nach sowjetischem Vorbild eröffnet, und der Aufmarsch der "gepanzerten Faust der Arbeiterklasse" zeichnete das Bild der Maifeiern. Erst ab 1977 verzichtete die Partei- und Staatsführung auf das militärische Ritual, die Ehrentribüne wurde abgesenkt, sodass ein engerer Kontakt mit der Bevölkerung möglich war.

Geschlossene Veranstaltung der Staatspartei

Die Entfremdung zwischen Volk und der SED-Führung nahm mit jedem Jahr zu. Am 1. Mai 1988 und 1989 wurden die Maikundgebungen in der "Hauptstadt der DDR" zu einer Art geschlossener Veranstaltung. Aus Angst vor oppositionellen Spruchbändern und Demonstrationen ließ die Staats- und Parteiführung die Straßenzüge um die Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin großräumig von FDJ und Kampfgruppen abriegeln.

In der Bundesrepublik gestaltete vor allem der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die Maifeiern. Politische Kundgebungen wurden mit kulturellen Veranstaltungen kombiniert. Neben den gewerkschaftlich organisierten Großveranstaltungen gab es seit den 1980er Jahren auch gewaltsame Demonstrationen linksradikaler Gruppen, vor allem im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Schwere Unruhen lenkten am 1. Mai 1987 die Aufmerksamkeit einer großen Öffentlichkeit auf den Bezirk. Im Vorfeld hatten eine Razzia im Büro der Initiative für einen Volkszählungsboykott und ein Polizeieinsatz gegen den DGB-kritischen, revolutionären "Betroffenenblock" bei der offiziellen Mai-Demonstration des DGB für angespannte Stimmung in der linken Szene gesorgt.

In unmittelbarer Nähe zum jährlich stattfindenden Straßenfest auf dem Lausitzer Platz warfen daraufhin Autonome einen Streifenwagen um und schoben Bauwagen auf die Straße. Die Polizei löste das Straßenfest, unter das sich der Betroffenenblock gemischt hatte, unter Schlagstock- und Tränengaseinsatz auf. Als die Besucher Barrikaden errichteten und anzündeten zog sich die von der Gewaltbereitschaft überraschte Polizei zurück.

Kinderfest statt Plünderungen

Sympathisanten der linksradikalen Szene, aber auch Schaulustige strömten im Laufe des Abends nach Kreuzberg. Es kam zu Plünderungen von Geschäften, der U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof wurde angezündet. Mit dem Einsatz von Wasserwerfern und Räumungsfahrzeugen beendete die Polizei schließlich die Ausschreitungen. Über hundert Menschen wurden verletzt, rund fünfzig Personen festgenommen. In den darauf folgenden Jahren, besonders 1988 und 1989, kam es in der Nacht zum 1. Mai immer wieder zu Zusammenstößen.

Erst seit einigen Jahren gelingt es der Polizei, solchen Ausschreitungen mit Erfolg entgegenzuwirken. seit 1999 unterstützt sie etwa das alljährliche Kreuzberger Straßenfest "Myfest", das im Kreuzberger Kiez SO 36 mitten im traditionellen Zentrum der Ausschreitungen stattfindet .Die Anwesenheit friedlicher Besucher hat in den vergangenen Jahren offenbar dazu beigetragen, Gewaltausbrüche zu verhindern. Auch wenn es nach wie vor zu kleineren Ausschreitungen kommt, hat die Intensität abgenommen.


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