Geschichte des FBI "Amerikanische Gestapo"

Geschichte des FBI: "Amerikanische Gestapo" Fotos
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Rechtsbrüche im Namen des Gesetzes: US-Autor Tim Weiner enthüllt in einem Bestseller die dunkelsten Kapitel in der Geschichte des FBI. Im Interview zeichnet er ein düsteres Bild von Mafia-Methoden, Manipulationen - und der unfassbaren Macht des legendären Chefs J. Edgar Hoover. Von

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SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch zeichnen Sie ein düsteres Bild der amerikanischen Bundespolizei FBI. Seit der Gründung vor 103 Jahren soll sie kontinuierlich das Gesetz gebrochen haben. Ist das FBI am Ende eher eine Gefahr für den Rechtsstaat als ein Schutzschild?

Weiner: Das FBI war und ist vor allem eins: ein Machtinstrument des amerikanischen Präsidenten. Bislang hat sich noch jeder unserer Präsidenten als ein Staatschef im Krieg gefühlt. Und in diesen Kriegen war das FBI ein willkommenes Werkzeug zum Spionieren, Intrigieren und zum Machterhalt. Rechtsstaatlichkeit hat dabei nie eine wichtige Rolle gespielt. Als das Oberste Gericht 1939 die Rechte des FBI einschränkte, war es Präsident Franklin D. Roosevelt selbst, der den FBI-Chef J. Edgar Hoover anwies: Zur Hölle damit, macht weiter wie bisher.

SPIEGEL: Roosevelt hatte Angst vor den Nazis, doch die interessierten Hoover nicht besonders. Gegen wen richteten sich die Ermittlungen des FBI damals?

Weiner: Über viele Jahrzehnte jagte Hoover tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten. Im Dezember 1919 ordnete er eine landesweite Razzia an und ließ 249 ausländische Anarchisten per Schiff nach Russland deportieren. Kurz darauf verhafteten Agenten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zwischen 6000 und 10.000 Verdächtige, die Hoover für Kommunisten hielt. Seine Beamten brachen in Gewerkschaftsbüros ein, zerstörten die Einrichtung und zapften Telefone an.

SPIEGEL: Wie kein anderer verkörpert Hoover, der die Behörde von 1924 bis 1972 führte, das FBI. Wie konnte ein einzelner Mann so viel Macht erlangen?

Weiner: Indem er über jeden und alles eine geheime Akte anlegte und die Regierungsmitglieder geschickt gegeneinander ausspielte. Hoover war der raffinierteste Bürokrat des 20. Jahrhunderts, er diente nicht dem Gesetz, er war das Gesetz. Präsident Harry Truman, der Hoover misstraute, warf ihm 1945 sogar vor, er sei im Begriff, eine amerikanische Gestapo aufzubauen. Ein andermal sprach Truman davon, das FBI sei zu einem amerikanischen KGB geworden. Nixon versprach Parteifreunden fünf Mal, er werde Hoover entlassen. Aber kein Präsident, auch Truman und Nixon nicht, hatte jemals den Mut, das auch zu tun.

SPIEGEL: Wie würden Sie Hoovers Persönlichkeit charakterisieren?

Weiner: Er war ein amerikanischer Machiavelli, der sentimental wurde, wenn es um seinen Hund ging, aber in seinem ganzen Leben keine warmen Gefühle für andere Menschen empfand. Bis zu seinem 43. Lebensjahr wohnte er noch zu Hause, bei seiner Mutter. Für Hoover waren Rituale wichtig. Jeden Mittag um Punkt zwölf Uhr ging er zu Tisch und aß Roastbeef, jeden Abend Steak. Dazu gab es Jack Daniel's, aber stets nur ein Glas. Hoover ist der Mann, der den Antikommunismus in den USA groß machte und den Sicherheitsstaat predigte. Er ist der Erfinder allumfassender Überwachung.


Heft 11/2012

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SPIEGEL: Nach Hoovers Tod 1972 rebellierte das FBI erstmals gegen eine politische Order aus dem Weißen Haus.

Weiner: Und wie! Es spielte in der Watergate-Affäre eine geradezu heroische Rolle. Ohne die Ermittlungen der FBI-Agenten wäre der Watergate-Skandal, bei dem ehemalige Polizisten und Geheimdienstler 1972 im Auftrag des Weißen Hauses in die Zentrale der Demokratischen Partei eingebrochen waren, nie aufgeklärt worden. Direkt nach dem Einbruch rief John Ehrlichman, Nixons Berater, beim zuständigen FBI-Agenten an und verlangte: "Das FBI muss die Ermittlungen zu dem Einbruch sofort einstellen." Der Agent weigerte sich. Am Ende stürzte Nixon aufgrund der FBI-Ermittlungen, nicht wegen einiger Presseenthüllungen.

SPIEGEL: Andererseits war Hoovers Nachfolger Patrick Gray ein willfähriger Diener an Nixons Seite.

Weiner: Er unterschlug sogar die Ermittlungen seiner eigenen Leute. Howard Hunt, einer der Watergate-Einbrecher, besaß im Weißen Haus einen Geheimsafe, in dem er zwei Dossiers mit den Namen aller Beteiligten aufbewahrte. Gray nahm diese Dossiers an sich, und verbrannte sie Monate später in seinem Ofen.


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SPIEGEL: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 enthüllten Ermittlungen eines der größten Überwachungsprogramme in der Geschichte der USA: die systematische Kontrolle von Mails und Telefonanrufen. Es schien, als hätte das FBI mit den Gesetzesbrüchen weiter gemacht wie eh und je.

Weiner: Und das in einer Dimension, die größer war als je zuvor. Wenn Sie eine Mail von Hamburg nach Karatschi schicken, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie irgendwo durch einen amerikanischen Server läuft - und überwacht wird. Millionen von Mails und Telefongesprächen wurden auf diese Weise kontrolliert.

SPIEGEL: Das Programm musste alle 45 Tage neu autorisiert werden. Wie reagierte die FBI-Spitze auf die Forderungen der Bush-Regierung, die Überwachung immer weiter auszudehnen?

Weiner: Irgendwann war das Maß voll. Im März 2004 hatte FBI-Chef Robert Mueller ernste Bedenken und wandte sich an Justizminister John Ashcroft. In der gleichen Nacht ereilte Ashcroft eine lebensgefährliche Entzündung der Bauchspeicheldrüse, er wurde ins Krankenhaus eingeliefert und notoperiert. Weil George W. Bush das Überwachungsprogramm aber unbedingt verlängern wollte, entsandte das Weiße Haus eine Delegation auf die Intensivstation des Krankenhauses, um Ashcrofts Unterschrift einzuholen. Als Mueller das hörte, fuhr er ebenfalls hin. Bushs Abgesandte standen bereits am Bett des Ministers, aber Ashcroft lehnte die Unterschrift ab. Auf dem Flur trafen Mueller und die Männer aus dem Weißen Haus aufeinander. Es war eine Szene wie in einem Mafia-Film. Unglaublich. Durch das gesamte Programm wurde im Übrigen nicht ein einziger Terrorist enttarnt.

SPIEGEL: Welchen Einfluss hat die Wahl Obamas auf das FBI gehabt?

Weiner: In den vergangenen drei Jahren hat sich einiges zum Guten verändert, Dank Mueller und Obama. Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des FBI kann man davon sprechen, dass sich Freiheit und Sicherheit einigermaßen in einer Balance befinden.

Das Interview führte Holger Stark

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Zum Weiterlesen:

Tim Weiner: "FBI - Die wahre Geschichte einer legendären Organisation". Fischer S. Verlag, Frankfurt am Main 2012, 704 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Jens Nurenberg 13.03.2012
Hoover hat ausserdem den Staubsaugér erfunden.
2.
Alexander Oliver Humboldt 13.03.2012
"Am Ende stürzte Nixon aufgrund der FBI-Ermittlungen, nicht wegen einiger Presseenthüllungen. " Na, da wird aber ein wenig Geschichtsklitterung betrieben. Bei aller Liebe zur Rolle des FBI bei Watergate, aber die Washington Post kann das so nicht stehen lassen...
3.
Steffen Rau 14.03.2012
Und ausserdem hat Hoover auch einen Damm gebaut.
4.
Oliver Kluge 14.03.2012
...es heißt ja auch nicht umsonst im Volksmund "Federal Bureau of Intimidation".
5.
Lars Neumann 14.03.2012
"zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des FBI davon sprechen könne, dass sich Sicherheit und Freiheit einigermaßen in einer Balance befinden." Jo, das Gesetz nennt sich NDAA (National Defense Authorization Act) und beraubt den US-Bürgern Ihre Bürgerrechte sowie deren Menschenrechte, die ganze Welt muss unter diesem Gesetz leiden! Ohne Verfahren, was in einem Rechtsstaat die Regel sein sollte, kann in den USA jeder Mensch ohne Begründung verhaftet, eingesperrt, verhört, gefoltert, überwacht, durchsucht(bist auf den blanken Ars...) und ermordet werden! Einfach so, auf der ganzen lieben Welt! Das ist das tolle Vermächtnis von dem Superpräsidenten Obama, der Superdemokrat!
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