Geschichte des HipHop-Grills Harter Hund hat Gold im Mund

Geschichte des HipHop-Grills: Harter Hund hat Gold im Mund Fotos
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In den Achtzigern erfand der schwarze Zahnarzt Eddie Plein sündhaft teuren Mundschmuck für Rapper. Mit den Grills veränderte er das Gesicht des HipHop für immer. einestages fühlt den Wurzeln des Hypes auf den Zahn - und zeigt die höchstkarätigen Kauleisten.

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Snoop Dogg, Ludacris, Kelis - er kennt sie alle. Eddie Plein ist eine der wichtigsten Figuren im HipHop. Dabei ist er weder Rapper noch Produzent, sondern Zahnarzt. Oder, wie er in einem Blog schrieb, "der, der dem HipHop die Zähne gegeben hat". Ende der Siebziger, als junger Mann, hatte Plein eine Eingebung, die sein Leben für immer verändern sollte: Er reiste durch seine alte Heimat Surinam, als einer seiner Zähne abbrach. In Südamerika waren Goldzähne verbreitet, das wusste er von seinen eigenen Eltern: Die stammten von hier und waren stolz auf ihre vielen teuren Goldzähne. Also ließ auch er sich seinen ersten Goldzahn setzen. Und während er auf dem Behandlungsstuhl saß, kam ihm die Idee: "Wenn ich zurück in die USA gehe, werde ich Zahnarzt."

Plein war nicht der erste, der sich für Zahngold begeisterte - in vielen Ländern blickten metallene Zahnfüllungen schon damals auf eine bewegte Geschichte zurück. Doch er muss das Geschäftspotential gespürt haben, das ungenutzt in ihnen schlummerte. Diese Ahnung sollte ihn zum Urvater des schrägsten Modehypes der HipHop-Historie machen: "Grills", Zahnkronen aus Gold oder Platin. Jahre später gaben Rapper für sie sechsstellige Summen aus und sangen ihnen Loblieder auf MTV. Jahre später wurde Plein unter die 100 einflussreichsten Leute der Modewelt gewählt, und Grills retteten einen Star-Rapper vor dem Knast. Doch all das konnte Plein damals noch nicht geahnt haben.

Er kehrte von seiner Südamerika-Reise nach New York zurück, verwirklichte seinen Berufswunsch und wurde Anfang der Achtziger Zahnarzt. Es war die Zeit, in der HipHop aus seinem Nischendasein heraustrat: Nach dem Charterfolg "Rapper's Delight" der Sugarhill Gang von 1979 hatte die Plattenindustrie eingesehen, dass es durchaus möglich war, mit Rap-Musik Geld zu verdienen. 1980 veröffentlichte Kurtis Blow sein selbstbetiteltes Debütalbum, ein Jahr später erschien "The Adventures of Grandmaster Flash on The Wheels of Steel", die stilbildende erste Single von Grandmaster Flash. Es waren die Geburtsjahre des Rap, und New York war seine Kinderstube.

Zu Pleins Patienten zählte damals ein junger Mann namens William Jonathan Drayton, der die Begeisterung seines Arztes für Goldzähne teilte. Er ließ seine vorderen Zahnreihen mit besonders auffälligen Kronen überziehen. Für diese "gold fronts" ließ er sogar gesunde Zähne herunterfeilen - nur, um aufzufallen. Und das gelang ihm: Drayton wurde als MC Flavor Flav der HipHop-Pioniere Public Enemy berühmt - für seine Raps, aber auch für sein exzentrisches Outfit mit riesigen umgehängten Uhren - und auffälligen Goldzähnen. Gute Werbung für Plein: Immer mehr Rapper fragten bei ihm nach dem Mundschmuck.

Radioempfänger im Mund

Einer von ihnen war Joseph Williams, besser bekannt als "Just-Ice". In dem niederländischen Dokumentarfilm "Grillz. Put Your Money Where Your Mouth is" aus dem Jahr 2009 erinnert er sich an den Beginn seiner Karriere in den frühen Achtzigern: "Die Goldzähne haben meiner Karriere einen Schub gegeben." Denn sie waren ein Statussymbol, das harten Kerlen vorbehalten war: "Wenn du Goldzähne gesehen hast, wusstest Du: Der Typ hat was dabei." Er macht eine Geste, als würde er eine Pistole in seinen Gürtel stecken. "Denn keiner läuft mit einem Mund voll Gold zwischen lauter hungrigen Ghettobewohnern rum, wenn er keine Pistole dabei hat."

Ja, er sei einer der ersten im HipHop mit Grills gewesen, aber vergoldete Zahnreihen waren da schon seit langem beliebt: "Bevor wir Goldzähne hatten, hatten schon viele alte Leute welche." Tatsächlich haben Metallkronen als Statussymbol eine viel ältere Geschichte als der HipHop selbst. So huldigte etwa Blueslegende Robert Johnson schon 1938 im "Travelling Riverside Blues" einer unbekannten Schönheit mit den Worten: "Ich will nicht viel von Farben reden, aber ihre Vorderzähne sind von Gold gekrönt."

Zur Bedeutung von Goldzähnen gerade für die afroamerikanische Geschichte kursieren verschiedene Theorien: Eine führt die Beliebtheit von Zahngold in dieser Bevölkerungsgruppe auf die Zeit der Sklaverei zurück, als Plantagenbesitzer nur den für sie unentbehrlichsten Sklaven Zahnbehandlungen zugestanden hätten und Metallfüllungen so zum Zeichen des eigenen Ranges geworden seien. Eine andere führt die Vorliebe für Goldzähne darauf zurück, dass viele Farbige nach dem Bürgerkrieg den Banken der Weißen misstraut und ihr Geld lieber in Form von eingeschmolzenem Gold in ihrem Gebiss bei sich getragen hätten.

Auch der Rapper Just-Ice legte das Geld, das er in den Achtzigern mit seinen Platten machte, in immer mehr Goldzähnen an: "Erst hatte ich sechs, dann 15, dann 32." Heute sei er damit durch. Er legt das Hühnerbein beiseite, an dem er gerade noch gekaut hat, leckt mit seiner Zunge über die Zähne und legt drei makellose Goldzähne frei. "Als ich anfing, Radiowellen zu empfangen mit all dem Metall in meinem Mund, hab ich mir den ganzen anderen Scheiß wieder rausnehmen lassen." Andere hingegen konnten den Mund gar nicht voll genug kriegen: Vor allem im Süden der USA sollte der Grillz-Boom erst noch seinen Zenit erreichen.

"Überfall den Juwelier und sag ihm: Mach mir 'nen Grill!"

Wieder war es der Zahnarzt Eddie Plein, der die Dinge ins Rollen brachte: Anfang der Neunziger zog er von New York nach Atlanta. Die Rap-Szene dort war kleiner, und so fing auch Plein wieder klein an: Er baute einen Stand auf dem Flohmarkt der Greenbriar Mall auf und bot dort seine dekorativen Goldkappen an. Goldzähne waren in den Südstaaten viel beliebter als in New York, und die HipHop-Szene im Süden begann gerade zu wachsen. Schon bald hatte Plein einen Laden namens "Eddie's Gold Teeth", der bestens lief. Vielleicht sogar zu gut: "Plötzlich tauchten Juweliere auf, die auch Goldzähne anboten." Und manche von ihnen sollten selbst Stars werden.

So wie Johnny Dang. Er eröffnete Ende der Neunziger einen kleinen Juweliersladen in einem Einkaufszentrum in Houston und spezialisierte sich auf Grills: "Garnelen"-Grills, bei denen die Diamanten mit Gold überzogen waren. "Kanal"-Grills, auf denen die Edelsteine dicht an dicht in Reihen saßen. Oder aber die teuersten, die "unsichtbaren" Grills. Unsichtbar war an denen nur noch das Gold, aus dem sie bestanden, denn Diamanten überzogen lückenlos die Oberfläche. Kostenpunkt: Etwa 35.000 Dollar. Sein Laden wurde zur ersten Adresse für diamantenverzierte Grills, und bekannte Rapper wie Twista, Lil' Jon und Nelly kamen zu ihm, um sich ihre Bling-Bling-Beißer machen zu lassen.

Nelly war es auch, der 2005 mit seiner Nummer-eins-Single "Grillz" Johnny Dangs Schmuckstücke MTV-tauglich und auf der ganzen Welt bekannt machte. Und damit den Hype endgültig explodieren ließ. "Mein Mund ist wie eine Diskokugel", rappte darin Paul Wall, während ein halbnacktes Mädchen ihm ein Tablett hinhielt. Er legte seine herausnehmbaren Grills darauf - Weißgold, darauf sein Name, aus blauen Edelsteinen. "Lächel für mich, Daddy! Zeig mir deinen Grill!", hauchte eine Sängerin, und Nelly stimmte den Refrain an: "Überfall den Juwelier und sag ihm: Mach mir 'nen Grill!" Dabei hatte er seinen Juwelier keinesfalls überfallen - sondern zu einem reichen und berühmten Mann gemacht.

Vom Grill vor dem Gefängnis gerettet

Mit dem Trend des "Dirty South"-Raps aus den Südstaaten und dem Aufkommen herausnehmbarer Grills, für die kein Umschleifen des Gebisses mehr nötig war, schwappte die Goldzahn-Welle über die USA: Leute kauften juwelenbesetzte Draculazähne aus Platin, Mädchen-Grills mit rosa Diamantenherzen oder Grills mit Südstaatenflagge aus Edelsteinen. Die Sängerin Kelis und der Rapper Nas ließen sich 2003 identische Verlobungs-Grills anfertigen. Und Bryan "Birdman" Williams tauschte 2006 öffentlichkeitswirksam seinen 250.000 Dollar teuren Luxusgrill gegen einen doppelt so teuren mit Diamantenbesatz im Asscher-Schliff aus. Für alle Fälle versicherte er seine Zähne anschließend für 750.000 Dollar.

Südstaaten-MC Lil' Wayne bewahrte sein Grill sogar vor dem Gefängnis - zumindest eine Weile: Wegen illegalen Waffenbesitzes wurde er zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt, anzutreten am 9. Februar 2010. Als jedoch Gerüchte laut wurden, seine künftigen Mithäftlinge hätten gedroht, ihm die 150.000 Dollar teuren, fest implantierten Diamantenbeißer rausschlagen zu wollen, wurde der Haftantritt um einen Monat verschoben - wegen eines dringenden Zahnarzttermins. Um Gerüchten vorzubeugen, dass der Rapper sein Statussymbol ablege, beteuerte sein Management auf MTV, bei der Zahnbehandlung seien keinerlei Veränderungen an seinem Grill durchgeführt worden.

Längst hat die Welle ihren Höhepunkt erreicht - und sich gebrochen. Zum einen, weil die Preise auf der Spitze des Booms durch die verschärfte Konkurrenz zwischen Juwelieren in den Keller gingen. Zum Zweiten, weil der Markt mit silikongefüllten Billig-Grills für Teenager überflutet wurde. Vor allem aber, weil Grills als Symbol der Streetcredibility untauglich wurden, als sie Teil der Popkultur wurden: Der "Teen Choice Award" 2006 für den besten Grill ging an das Pop-Sternchen Brooke Hogan, Tochter des Wrestling-Stars Hulk Hogan. Und selbst Lady Gaga verkündete jüngst stolz auf Twitter, sie habe sich Rotgold-Vampirzähne machen lassen. Welcher Rapper sollte sich damit noch brüsten wollen?

Die goldenen Zeiten sind vorbei

Johnny Dang macht sich darüber keine Sorgen. Denn der nächste Hype steht schon in den Startlöchern: "Pieces", luxuriöse Schmuckstücke, die um den Hals gehängt werden. Er holt einen klobigen Becher an einer Silberkette aus der Vitrine, Weißgold, überzogen von einer geschlossenen Decke aus klaren und gelben Diamanten. Trinken kann man nicht mehr daraus, denn die Öffnung wird von einer Glasscheibe verschlossen. Damit die 3700 winzigen Diamanten im Inneren nicht herausfallen. "Liegt so bei 100.000 Dollar", sagt Dang.

Und Eddie Plein? "Die Dinge haben sich geändert", seufzt er. "Alle wollen Diamanten." In den letzten Jahren haben sich die Vorlieben der HipHop-Klientel verschoben: Weg vom reinen Goldschmuck, hin zu immer mehr Edelsteinen, dem "Ice", wie es im HipHop-Slang genannt wird. Von einem "ice-age" wird bereits geredet. Pleins Stimmung ist frostig: Für Juweliere, die sich auf die Bearbeitung von Diamanten spezialisiert haben, brummt das Geschäft jetzt. Für einen reinen Edelmetallspezialisten wie ihn sind die goldenen Zeiten jedoch vorbei. Ein wenig, sagt er, sei er es leid. Der Vater des Zahnhypes, so scheint es, hat am Ende nur noch eines: Die Schnauze voll.

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1.
Frank Wookie 08.04.2010
Vielleicht sollte der Autor sich ein wenig über die Themen informieren, über die er schreibt. Afroamerikanische Kultur und die Hiphop-Szene sind zwei verschiedene Dinge. Gold Fronts entstammen der Afroamerikanischen Kultur, und haben mit Hip-Hop nur so viel gemeinsam, als dass auch viele bekannte Rapper einen Afroamerikanischen Hintergrund haben. Viele Goldfrontträger, besonders die älteren, haben mit Hip Hop wenig zu tun.
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