Geschichte einer Rettung Die Tochter der Zenzi

Charlotte oder Albertine? Die Großmutter ging ins KZ, damit das Mädchen leben konnte. Mit Charlotte Knobloch, stand letztmals eine Überlebende der Shoah an der Spitze des Zentralrats der Juden. Die Nazi-Zeit hatte sie dank einer Tarnung überstanden, die ihre Mitmenschen nur allzu gern glauben wollten.

München Verlag

Von Michael Schleicher


Es hätte eine behütete Kindheit werden können. Charlottes Vater, Fritz Neuland, war ein angesehener Rechtsanwalt in München. Seine Kanzlei befand sich am Stachus, unweit der Münchner Hauptsynagoge. Am 29. Oktober 1932 wurde Charlotte in der Rotkreuzklinik im Münchner Westen geboren - drei Monate, bevor Adolf Hitler in Berlin zum Reichskanzler gewählt wurde. Bald schon hatte das Mädchen das Gefühl, in Deutschland nicht willkommen zu ein.

Das erste Mal - da war Charlotte noch nicht einmal acht Jahre alt: Gegenüber ihrem Elternhaus traf sie sich oft mit Kindern aus der Nachbarschaft in einem Hof zum Fangen- oder Versteckspiel. "Eines Tages aber war das Tor verschlossen", erinnert sich Charlotte Knobloch. "Als ich daran rüttelte, kam die Hausmeisterin und sagte: 'Mit Judenkindern wollen wir nichts zu tun haben.'" Ihre Stimme wird leise und klingt fast zerbrechlich, wenn sie davon erzählt - noch heute, mehr als 70 Jahre später.

Es ist die Stimme einer Frau, der oft vorgehalten wurde, sie reagiere "schrill", wenn sie sich als Präsidentin des Zentralrats der Juden immer wieder vehement gegen Diskriminierung und Antisemitismus zu Wort meldete. 2010 gab die Münchnerin ihr Amt ab; zu den Präsidentenwahlen des Zentralrates im folgenden Herbst trat sie nicht mehr an. Die Erlebnisse aus ihrer Kindheit, die sie und ihre Arbeit prägten, hat sie nie vergessen.

Abschied von der Mutter

Nicht nur die Nachbarskinder hatten sich damals von Charlotte abgewandt: Das Mädchen war gerade vier Jahre alt, als sich die Mutter, die einst aus Liebe zu Fritz Neuland zum Judentum konvertiert war, scheiden ließ. Sie war den Repressionen des Nazi-Regimes nicht gewachsen. Charlottes Großmutter Albertine, die Mutter von Fritz Neuland, sollte nun für das Kind zur Mutter werden.

Nicht vergessen hat Charlotte Knobloch bis heute die Besuche der Nazi-Schergen in der Wohnung der Familie. Sie fanden stets in den frühen Morgenstunden statt: "Stück für Stück nahmen sie die Wertgegenstände mit. Aber immer gegen Empfangsbestätigung." Ein Zynismus, der dem Kind nicht verborgen blieb.

In einigen, seltenen Fällen spürte das Mädchen aber auch Hilfsbereitschaft, etwa als Vater und Tochter Neuland bei einem Spaziergang über die Münchner Theresienwiese in eine Kontrolle geraten waren. Die Männer nahmen den Vater mit, als sie den "Judenstempel" in seinem Ausweis sahen. Da merkte Charlotte plötzlich, wie jemand ihre Hand griff und sie zu einem Kinderwagen zog. Es waren Fremde, die offenbar erkannt hatten, was gerade geschah, und helfen wollten. "Ich hatte überhaupt keine Angst mitzugehen", erinnert sich Knobloch. Als die scheinbare "Familie" die Theresienwiese weit genug hinter sich gelassen hatte, sagte die Frau zu ihr: "Lauf schnell nach Hause und sag’, was passiert ist."

"Wir haben keine Zukunft"

Auch der Vater hatte Glück an jenem Tag: "Als er von der Gestapo verhaftet und mit anderen Juden ins Polizeirevier an der Ettstraße gebracht wurde, fragte ihn ein Beamter: 'Herr Neuland, erinnern sie sich an mich?' Der Mann hatte sich einst das Honorar für eine Verteidigung nicht leisten können. Mein Vater hat wohl damals zu ihm gesagt, er solle ihn bezahlen, wenn er dazu in der Lage sei. 'Heute kann ich meine Schuld begleichen', sagte der Mann und ließ meinen Vater gehen."

Charlotte bekam auch mit, wie Vater, Großmutter und Freunden der Familie über eine mögliche Flucht aus Deutschland sprachen. "Mein Vater und ich hatten sogar die Ausreisegenehmigungen für die USA." Nur Großmutter Albertine hatte wegen ihres Alters keine bekommen - "und mein Vater wollte seine Mutter nicht allein hier lassen. Damit war das Thema beendet".

Spätestens am 9. November 1938, dem Tag der organisierten Hatz auf jüdische Bürger, ihre Synagogen und Geschäfte, war dem Mädchen jedoch klar, "dass wir keine Zukunft in diesem Land haben". Knobloch schilderte jenen Tag bei der Einweihung der neuen Münchner Hauptsynagoge Ohel Jakob im November 2006: "Sechs Jahre bin ich damals alt gewesen, als ich an der Hand meines Vaters durch meine Heimatstadt hastete, die längst keine Heimat mehr war. Ich hatte Angst, und die Zukunft hatte für mich aufgehört zu existieren. Das kleine Mädchen, das ich gewesen bin und das des Vaters Hand nicht lassen mochte, verstand nichts und dennoch alles."

Abschied von Albertine

Vater und Tochter hatten nochmals Glück an jenem Tag: Eine anonyme Warnung, vermutlich von einem nicht-jüdischen Klienten des Vaters, hielt die beiden ab, in Neulands Kanzlei oder nach Hause zu gehen. Querfeldein liefen sie nach Gauting, gut 20 Kilometer von München entfernt, wo sie bei Freunden Unterschlupf fanden: "Von unterwegs rief mein Vater in seiner Kanzlei an, fragte - indem er sich als Klient ausgab - nach sich selbst. Als sich eine fremde Stimme am anderen Ende der Leitung meldete, wusste er, was ihn erwartet hätte, wäre er zur Arbeit gegangen." In die Stadt kehrten Vater und Tochter erst zurück, als sich die Lage wieder beruhigt hatte.

Es war ein Wunder: Charlotte Knobloch überlebte die Judenvernichtung versteckt als uneheliches Kind von Kreszentia "Zenzi" Hummel, einer Haushälterin ihres Onkels, auf einem Bauernhof in Mittelfranken. Die Fahrt 1942 dorthin war Rettung in letzter Minute. Die Nazis stellten einen Transport ins KZ für Kinder und Frauen zusammen. Ein Name der Neulands musste auf die Liste geschrieben werden: Charlottes oder Albertines? Albertine entschied, zu gehen.

Beim Abschied unter Tränen im Badezimmer der elterlichen Wohnung wussten Enkelkind und Großmutter, dass sie sich nie wieder sehen würden. Dennoch taten beide so, als wäre die Trennung vorübergehend: "Ich habe genau gewusst, wo sie hingeht. Ich habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich es weiß."

Riskante Tarnung

Für den Vater war spätestens jetzt klar, dass er sein Kind in München nicht weiter würde beschützen können. Bei Zenzi Hummel wollte er das Mädchen so lange lassen, bis er es wieder zu sich holen könnte: "Was haben die Leute damals auf sich genommen?", fragt sich Charlotte Knobloch bis heute. "Damals, 1942, haben ja noch alle vom Tausendjährigen Reich gesprochen!"

Bevor sich ihr Vater auf den Rückweg nach München machte, legte er sich in dem blau gestrichenen Wohnhaus zu einem kurzen Mittagsschlaf hin. Das Kissen, das er sich dabei unter den Kopf schob, nahm seine Tochter später an sich: "Ich hab mir gesagt, dass mir nichts passieren kann, so lange ich dieses Kissen hab."

Nur erahnen lässt sich heute, welche Belastung die Tarnung für das Kind, die Familie von Zenzi Hummel und den Dorfpfarrer, der eingeweiht wurde, gewesen sein muss. "Ich wusste, was ich zu sagen hatte", erklärt Knobloch, die sich auch daran erinnert, dass die Schadenfreude im Dorf groß gewesen war, "dass diese fromme Frau ein Bankert, ein uneheliches Kind hatte". Möglich, dass die Menschen eben diese Schadenfreude so sehr genossen, die Tarnung allzu gerne glauben wollten - und daher niemand auf die Idee kam, die Geschichte zu überprüfen.

Nicht reden

Da Lotte Hummel, wie sie als Zenzis "Tochter" hieß, dennoch aufpassen musste, mit wem sie sprach, zog sie sich oft zurück. Ihre Gesprächspartner wurden die Tiere des Hofs -"mit denen habe ich über Themen gesprochen, über die ich mit den anderen nicht reden konnte". Vor allem eine junge Katze, die zeitgleich mit Lotte bei den Hummels auftauchte, hatte es dem Mädchen angetan: "Ich habe mir immer vorgestellt, dass sie geschickt wurde, um mich zu beschützen. Sie ist mir fast überall hin gefolgt, hat mich morgens geweckt und mir alle ihre Mäuse gebracht."

Als Hitler-Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte, das Land endlich befreit war, blieb Lotte Hummel zunächst bei ihren Rettern. Vom Vater fehlte jede Spur. "Ich war in meinem Innersten davon überzeugt, dass er nicht mehr lebte." Bis zum Sommer 1945.

Während der Erntezeit war die inzwischen Zwölfjährige mit einem Gespann auf dem Weg zurück zum Hof, als sie hinter sich ein Auto kommen hörte. Da sie wusste, dass die Kuh, die das Fuhrwerk zog, besonders schreckhaft war, stieg Lotte ab, redete dem Tier zu und führte es an den Straßenrand. Das Auto fuhr vorbei, das Mädchen stieg wieder auf den Holzwagen. Plötzlich hielt der Wagen mitten auf der Straße an: "Und ich sehe heute noch meinen Vater aussteigen. Dieses Gefühl kann ich nicht beschreiben."

Zenzis Lohn

Die Geschichte dieser Rettung war vor einigen Jahren Ausgangsstoff eines Fernsehfilms: "Annas Heimkehr" von Regisseur Xaver Schwarzenberger. Im Film, der 2003 erstmals ausgestrahlt wurde, heißt die Figur, die Charlotte Knobloch nachempfunden ist, Franziska Goldberg und wird von Julia Krombach gespielt. Veronika Ferres übernahm die Rolle Zenzi Hummels, die im Film Anna Schweighofer heißt.

Knobloch selbst hat bei der Entstehung des Films nicht mitgearbeitet, ihn aber gesehen: "Er enthält Teile der tatsächlichen Geschichte. Aber es ist eben auch ein Spielfilm."

Jahrzehnte nachdem ihr Vater sie im Sommer 1945 bei Zenzi Hummel abholte und mit ihr zurück nach München ging, wollte Charlotte Knobloch ihre Retterin für einen Verdienstorden vorschlagen. Zenzi Hummel lehnte ab: "Ihre Brüder waren aus dem Krieg heimgekehrt, und das hat sie als Gottes Lohn für ihre Tat empfunden."

Zum Weiterlesen:

Michael Schleicher: "Charlotte Knobloch - Ein Portrait". München Verlag, München, 144 Seiten.



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