Geschichtliches Unikum Wie ein SS-Mann ein ganzes Dorf adoptierte

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R. Schwarzenbach

Zweifelhafte Ehre für einen kleinen Ort: Als einzigem im Großdeutschen Reich verlieh SS-Obergruppenführer Gottlob Berger 1943 einem Dorf namens Bergersdorf in Böhmen-Mähren den Titel "SS-Dorf" - mit schrecklichen Folgen für seine Bewohner im Mai 1945. Von

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Ein idyllisch gelegenes Dorf an der Grenze zwischen Böhmen und Mähren, auf halbem Weg zwischen Prag und Wien gelegen, wird am 21. Juni 2008 den 700. Jahrestag seines Bestehens feiern. Über die Jahrhunderte lebten in Bergersdorf hinweg kaum Tschechen, sondern fast ausschließlich Deutsche - bis 1945. Im Sommer 1945 mussten die deutschen Einwohner ihre Bauernhöfe verlassen, einige Männer, darunter Bürgermeister Wenzel Hondl, wurden umgebracht.

Dass an Bergersdorf nun so furchtbare Rache genommen wurde, lag auch an einem bizarren Titel, den die Ortschaft seit 1943 getragen hatte: Bergersdorf war "SS-Dorf", ein Titel, der im "Dritten Reich" überhaupt nur einmal vergeben wurde.

Als Adolf Hitler am 15. März 1939 die "Rest-Tschechei" besetzte, hatten ihn die Deutschen in der Iglauer Sprachinsel, in der Bergersdorf (tschechisch: Kamenná) liegt, enthusiastisch als Befreier begrüßt. "Eine neue Zeit hebt an, die Zeit im Zeichen des Hakenkreuzes, die Zeit deutschen Rechtes, die Zeit deutschen Schaffens, deutschen Geistes und deutschen Wesens", hieß es in einem zeitgenössischen Heimatbuch.

Die Feier findet nach dem Sieg statt

Einige Wochen später war SS-Brigadeführer Gottlob Berger, als Chef des SS-Hauptamtes unter anderem für die Rekrutierung von "Volksdeutschen" für die Waffen-SS zuständig, nach Iglau (Jihlava). Dort erfuhr er von dem nahe gelegenen Bergersdorf, dessen Bauern als fortschrittlich und erfolgreich galten. Mit einer Berliner Militärkapelle, die im örtlichen Wirtshaus zum Tanz aufspielte, kam Berger bald darauf zum ersten Mal nach Bergersdorf und trifft sich mit Bürgermeister Hondl. Er erfährt, dass bereits 47 Männer aus Bergersdorf der SS beigetreten waren.

Im Laufe der folgenden Jahre machte der hohe SS-Mann auf seinen Reisen immer wieder Abstecher nach Bergersdorf, zunehmend angetan von dem kleinen Ort mit den tüchtigen Bauern. Ein Bergersdorfer Bauernsohn dient inzwischen sogar in Berlin bei der SS-Leibstandarte "Adolf Hitler". Anfang 1943 lässt Berger, inzwischen SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen SS, den Bürgermeister wissen, dass Bergersdorf ab sofort den Titel "SS-Dorf" tragen dürfe. Die offizielle Feier werde nach dem Siege stattfinden.

So adoptierte der aus dem weit entfernten württembergischen Gerstetten stammende Berger gewissermaßen das Dorf - zu dem er keinerlei Beziehungen außer der Namensverwandtschaft hatte. Viele Dörfler empfanden die Bezeichnung "SS-Dorf" als Ehre, wie eine Zeitzeugin berichtet: "Jetzt sind wir erst vier Jahre beim Großdeutschen Reich und schon SS-Dorf!", habe es seinerzeit geheißen. Sie erhofften sich mit dieser Auszeichnung Vorteile für das Dorf. Im Winter 1944/45 bereiste ein Mitarbeiter des SS-Rasse- und Siedlungshauptamtes die Iglauer Sprachinsel. In seinem Bericht beklagte er die Vermischung der deutschen mit der slawischen Rasse in der Sprachinsel, hob aber das SS-Dorf Bergersdorf als rühmliche Ausnahme hervor.

Brutale Rache der Partisanen

Skeptisch reagierten nur wenige. Ein Bruder des Bürgermeisters zum Beispiel ahnte Schlimmes voraus: "Das ist unser Untergang!" Und tatsächlich rächte sich die "Ehre", das einzige "SS-Dorf" des Großdeutschen Reiches gewesen zu sein, bei Kriegsende bitter. Tschechische "Partisanen" (wie sie sich nannten), verhafteten im Mai 1945 Bürgermeister Hondl, einen anerkannten und angesehenen Mann, der aber nach dem Einmarsch der Deutschen der NSDAP beigetreten war. Sie malten ihm ein Hakenkreuz auf den Rücken, banden ihm ein schweres Kreuz auf. Damit musste er, verspottet und misshandelt, durch Bergersdorf ziehen und weiter in einen Nachbarort.

Hondls Martyrium dauerte zwei Tage, bevor er an den Misshandlungen in der Zelle des Bezirksgerichts der nahe gelegenen Kleinstadt Polna starb. Fünf weitere Männer aus Bergersdorf wurden ebenfalls ermordet. SS-Obergruppenführer Gottlob Berger dagegen wurde 1947 im "Wilhelmstraßen-Prozess" zu 25 Jahren Freiheitsentzug verurteilt, aber schon nach vier Jahren wieder entlassen. Er starb 1975 in seiner Heimatstadt Gerstetten.

Bei den Recherchen zu ihrem Tatsachenroman "BergersDorf" (Verlag Vitalis Prag 2003) stieß die Autorin Herma Kennel eher zufällig auf den Beinamen des Ortes während der NS-Zeit. In Gesprächen mit ehemaligen Bewohnern des Dorfs erwähnte eine Frau beiläufig den bizarren Titel - an den sich andere befragte Bergersdorfer nicht erinnern wollten. In Literatur und Archiven war dazu zunächst nichts zu finden - bis die Autorin in der Regionalzeitung "Mährischer Grenzbote" vom 6. März 1943 den Beweis entdeckte: In einer Todesanzeige hieß es dort: "Im Kampf gegen den Bolschewismus gefallen. Aus dem SS-Dorf Bergersdorf des Igellandes gaben zwei SS-Männer in vorbildlichem Einsatz gegen den Bolschewismus ihr Leben."

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