Verschwundener WM-Pokal 3,8 Kilo Fußball-Legende

Er wurde unterm Bett versteckt, mit Maschinenpistolen verteidigt und machte einen Hund zum Volkshelden. 1983 wurde der "Coupe Jules Rimet" gestohlen. Der Diebstahl des Pokals war das Ende einer abenteuerlichen Geschichte und versetzte einige Fußballstars in tiefe Trauer.

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Wo ist das Ding?! Brasilien war in Aufruhr, die Nation in ihren Grundfesten erschüttert. Ungläubiges Kopfschütteln, ja Entrüstung, allerorten. Zeitungen druckten seitenlange Kommentare, Rundfunk und Fernsehen unterbrachen ihr Programm, um über die neuesten Entwicklungen im "Diebstahl des Jahrhunderts" zu berichten.

Das Unfassbare war in der Nacht zum 20. Dezember 1983 in Rio de Janeiro geschehen: Skrupellose Schurken hatten aus dem Trophäensaal im neunten Stockwerk des João-Havelange-Gebäudes in der Rua da Alfandega 70, dem Sitz der Zentrale des brasilianischen Fußballverbands CBF, den WM-Pokal entwendet.

Eine Versicherungsgesellschaft hatte umgehend die Summe von umgerechnet 50.000 Mark als Finderlohn ausgelobt. CBF-Präsident Giulite Couthinho appellierte verzweifelt an die patriotischen Gefühle der Diebe: "Gebt den Cup zurück. Er bedeutet Brasilien unglaublich viel!" Prominente Ex-Kicker meldeten sich zu Wort. Roberto Rivellino, Cup-Gewinner von 1970, erklärte: "Wir hoffen, die Verbrecher kommen zu Bewusstsein, denn der ideelle Wert ist viel größer als der Goldwert des Pokals." Und Hideraldo Bellini, Kapitän des Weltmeisterteams von 1958, ergänzte fast schon melancholisch: "Wir haben 28 Jahre lang gekämpft, um diesen Pokal zu gewinnen. War alles umsonst?"

Alles Flehen und Betteln half nichts. Zwar wurden die Diebe wenig später gefasst, doch der Pokal blieb verschwunden. Die fünf Gauner gaben an, das gute Stück gemeinsam mit anderem Raubgut nur einen Tag nach dem Diebstahl eingeschmolzen zu haben. Das Nationalheiligtum war unwiederbringlich verloren. Ein würdeloses Ende für die Trophäe, die etwas mehr als ein halbes Jahrhundert für Fußballfans auf der ganzen Welt das wichtigste Kunstwerk war.

Zweiter Weltkrieg unterm Bett

Der Diebstahl war nur das Ende der bewegten Geschichte des Pokals. Seinen Anfang nahm sie Ende der zwanziger Jahre in Paris. Hier hatte der Bildhauer Abel Lafleur den Pokal als Auftragsarbeit für den Präsidenten des Weltfußballverbandes Fifa, Jules Rimet, erschaffen: eine etwa 35 Zentimeter hohe und knapp vier Kilogramm schwere der griechischen Siegesgöttin Nike nachempfundene Statuette aus vergoldetem Sterlingsilber mit einem quadratischen Sockel aus Lapislazuli, blauglänzenden Halbedelsteinen.

Die zunächst nur als "Weltpokal" ("Coupe du Monde") bezeichnete Trophäe wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu Ehren des WM-Erfinders in "Coupe Jules Rimet" umgetauft. Der Pokal ging durch viele Hände und kam dabei ganz schön in der Welt herum. Zur WM-Premiere 1930 ging's per Dampfer quasi in Jules Rimets Handgepäck von Europa nach Uruguay. Der Fifa-Boss schipperte an Bord des italienischen Linienschiffs "Conte Verde" in einer knapp zweiwöchigen Passage nach Montevideo am Rio de la Plata, wo er den Pokal auf dem Rasen des Centenario-Stadions nach dem turbulenten Endspiel zwischen den Gastgebern und Argentinien (4:2) fast nicht loswurde. Von den Zuschauern nahezu unbemerkt überreichte Rimet das Siegeszeichen schließlich nicht an Uruguays Kapitän José Nasazzi, sondern an Verbandspräsident Raúl Jude.

1934 wanderte der Pokal zurück nach Europa. Im eigenen Land und auch vier Jahre später in Frankreich erspielte sich die italienische Squadra Azzurra die Trophäe. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs flüchtete die schmucke Nike gerade noch rechtzeitig in den "Untergrund". Der italienische Fifa-Vize Ottorino Barassi hatte die Goldfrau heimlich aus einem Bankschließfach geholt und in einem Schuhkarton unter seinem Bett versteckt. Genial, denn hier fanden die begehrte Goldgöttin trotz intensiver Suche weder Mussolinis Brigaden noch Hitlers Nazi-Schergen.

"Das wäre in Brasilien nie passiert"

So wurde trotz zwölfjähriger Pause beim Turnier 1950 in Brasilien doch zumindest in Sachen Pokal Kontinuität gewahrt. In diesem Jahr begann der Pendelverkehr des Cups zwischen Südamerika und Europa, als Uruguay die siegesgewissen Gastgeber mit einem 2:1 entsetzte. 1954 in der Schweiz musste ihn Uruguay an die Deutschen weiterreichen, vier Jahre später in Schweden griffen erstmals die Brasilianer zu, die ihn 1962 in Chile erfolgreich verteidigten.

Im Vorfeld der WM 1966 lieh sich dann der ausrichtende englische Fußballverband den Pokal für Werbemaßnahmen. Keine gute Idee. Die Firma Stanley Gibbons nutzte die Trophäe, um ihre Ausstellung "Sport und Briefmarken" in der Londoner Westminster Central Hall aufzuhübschen. Als am Sonntagmittag des 20. März 1966 die Ausstellung für eine Stunde geschlossen wurde, gingen auch die sechs für den Pokal abgestellten Wächter zum Lunch. Als sie wiederkamen, war der Goldengel, dessen damaliger Materialwert auf etwa 6000 Pfund taxiert wurde, aus seiner lediglich mit einem Vorhängeschloss gesicherten Vitrine entflogen. Postwertzeichen im Wert von rund drei Millionen Pfund hatte der Dieb dagegen unangetastet gelassen, wie der britische Briemarkensammler-Club leicht irritiert anmerkte.

Die Nachricht vom dreisten Diebstahl quasi direkt vor der Nase von Scotland Yard, dessen Hauptquartier nur ein paar stramme Flanken vom Tatort entfernt lag, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Eine WM ohne Pokal? Das Mutterland des Fußballs stand vor einer riesigen Blamage und musste aus aller Welt hämische Kommentare über sich ergehen lassen. Abrain Tebel vom brasilianischen Fußballverband CBF, dem "kommissarischen Eigentümer", der den Pokal acht Jahre lang ohne Probleme verwahrt hatte, erklärte gegenüber der "Times": "Das wäre in Brasilien nie passiert. Selbst brasilianische Diebe lieben Fußball. Sie würden niemals solch ein Sakrileg begehen." Worte, die 17 Jahre später eine besondere Würze bekommen sollten.

Finder mit vier Pfoten

Scotland Yard setzte seine fähigsten Köpfe auf den Fall an. Die sofort eingeleitete Großfahndung blieb jedoch ohne Ergebnis. Einen Tag nach dem Raub ging beim englischen Fußballverband eine Lösegeldforderung in Höhe von 15.000 Pfund ein. Der Erpresser, ein 47 Jahre alter Dockarbeiter namens Edward Betchley wurde bei der Geldübergabe festgenommen. Doch der Dieb weigerte sich beharrlich, den Aufenthaltsort des "Coupe Jules Rimet" zu verraten.

Erst eine Woche nach dem Diebstahl tauchte die Trophäe im südlichen Londoner Arbeiterstadtteil Upper Norwood unter kuriosen Umständen wieder auf - als der 26-jährige Themse-Fährmann David Corbett mit seinem Hund Pickles Gassi ging. Plötzlich jagte die schwarz-weiß-gescheckte Promenadenmischung in einen Vorgarten und fing an, unter einem Busch wie wild zu scharren. Der Hund buddelte ein in Zeitungspapier eingeschlagenes und fest mit einer Kordel verschnürtes Päckchen aus. Als Corbett das Papier aufriss und Plaketten mit den eingravierten Namen Deutschland, Uruguay, Brasilien zum Vorschein kamen, wusste er sofort, was los war, und brachte seinen Fund direkt zur nächsten Polizeistation.

Der Vierbeiner hatte das Turnier gerettet und wurde zum heißgeliebten Promi. Aus ganz England trafen bei den Corbetts Lieferungen mit Hundekuchen und kistenweise Dosenfutter ein. Obendrein durfte Pickles' Herrchen sich über 3000 Pfund Finderlohn freuen, gut das Vierfache seines Jahresverdienstes und dreimal so viel, wie jeder Spieler der englischen Auswahl wenig später für den WM-Triumph erhalten sollte. Pickles wurde zudem zum Eröffnungsspiel eingeladen und durfte in einer VIP-Loge des Wembley-Stadions, gleich neben den Sitzen von Königshaus und Regierung, ehrenvoll "Platz machen". Auch beim Abschlussbankett stand der Hund auf der Gästeliste und durfte am Ende alle Teller abschlecken.

"Sie schlagen und schießen sofort. Gefragt wird später"

Die Fifa zog indes Lehren aus der Pokal-Posse. Beim 9. Weltturnier 1970 in Mexiko überließen die Funktionäre in Sachen Sicherheit nichts mehr dem Zufall, wie Robert F. Neuber, Reporter der "Bild"-Zeitung, damals anschaulich erläuterte.

Bei seinem Besuch in der Zentrale der Banco Commercio, dem Aufbewahrungsort des Weltpokals, machte er sich Gedanken, wie er den in einem "17 Meter unter der Erdoberfläche in einem gitterbewehrten Tresorraum hinter einer 40 Zentimeter dicken und zwölfeinhalb Tonnen schweren Nirosta-Stahltür" verwahrten Cup wohl entwenden könne: "Mit einem Handstreich? Nach Rififi-Vorbild? Nun - schon die erste 'Tatortbesichtigung' machte mir klar, dass ein Gewaltakt kaum Aussicht auf Erfolg hat." Das Bankhochhaus, inmitten der City von Mexiko, würde seit Wochen ständig von 160 mit Colts, Schlagstöcken und Maschinenpistolen schwerbewaffneten Polizisten bewacht, so Neuber. "Die Jungs sehen gefährlich aus. (…) Diese Burschen denken im Ernstfall nicht. Sie schlagen und schießen sofort. Gefragt wird später."

Vor dem Endspiel von Mexiko stand dann aber doch fest, dass die "Coupe Jules Rimet" für immer futsch sein würde. In den Fifa-Statuten war die Trophäe zwar als Wanderpokal ausgelobt, jedoch war ebenso festgelegt worden, dass sie in den endgültigen Besitz des Landes übergehen soll, das den Titel zum dritten Mal gewinnt. Im Duell der Zweifach-Champions siegten Pelé, Jairzinho und Co. in begeisternder Manier mit 4:1 über Italien.

Die Fifa ließ fürs Turnier 1974 in Deutschland eine neue Trophäe gestalten, die seither als ewiger Wanderpokal fungiert. Das Original wird üblicherweise in den Tiefen des Verbandshauptquartiers, dem "Home of Fifa" in Zürich, verwahrt und nur zur Siegerehrung kurz hervorgeholt. Der amtierende Weltmeister erhält dauerhaft lediglich eine vergoldete Replik aus Bronze, den sogenannten Fifa-WM-Siegerpokal.

Umso stolzer präsentierten die Brasilianer ab 1970 ihr eigenes Original-Goldstück. Der Ausstellungssaal in Rio wurde zur regelrechten Pilgerstätte mit zeitweise Tausenden Besuchern täglich. Bis zu jenem verhängnisvollen 20. Dezember 1983 eben.

Um die Schmach vergessen zu machen, ließ Brasilien von Experten des Deutschen Goldschmiedehauses im hessischen Hanau mit Hilfe alter Gussformen eine detailgetreue Kopie des Rimet-Pokals anfertigen. Am 10. Juni 1984 wurde sie vor einem Freundschaftsspiel in Maracaña feierlich präsentiert. Der Kick gegen England ging mit 0:2 verloren. Doch das war egal. Ein knappes halbes Jahr nach seinem Verschwinden war die "Coppa" wieder "zu Hause" - und wird seither mit Argusaugen bewacht.



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