Gewerkschaften Der Scharfmacher

Adenauer war sein Feind, Erhard verachtete er, mit Wehner lag er im Clinch: Aggressiv setzte der legendäre IG-Metall-Chef Otto Brenner die Interessen der Arbeitnehmer im Nachkriegsdeutschland durch - mit der Marktwirtschaft freundete er sich nie an.

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Von Franz Walter


Er war die Legende einer einst selbstbewussten Gewerkschaftsbewegung: Otto Brenner. Die Unternehmer der Metallindustrie fürchteten ihn, den mächtigen Chef der Industriegewerkschaft Metall in den "Wirtschaftswunder"-Jahrzehnten der Bundesrepublik. Im deutschen Bürgertum weckte allein die Nennung seines Namens die schlimmsten Assoziationen: radikaler Klassenkämpfer, Scharfmacher, Feind privaten Eigentums, Totengräber der Privatinitiative.

In der organisierten Arbeitnehmerschaft hingegen galt Bernner als Held. Hier verlieh man ihm bewundernd den Titel "Otto der Eiserne", auch "Otto der Große". Denn Brenner ging in die Tarifverhandlungen mit äußerster Härte und Entschlossenheit. Streikdrohungen hatte er stets parat - und die Gegenseite wusste, dass es ihm ernst damit war. In den Lohnkämpfen der 1950er und 1960er Jahre agierte Brenner als Prellbock und Sturmspitze zugleich. Seine Metaller - welche die stärkste Einzelgewerkschaft der Welt bildeten - setzten in den Tarifkonflikten die Maßstäbe.

Und die setzten sie hoch. Das sorgte in anderen Gewerkschaften zuweilen durchaus für Unmut. Die Anführer der Berg- und Bauarbeiter etwa hatten wenig Sympathie für die klassenkämpferische Rigidität des IG-Metall-Chefs. Der Vorsitzende der Bauarbeitergewerkschaft Georg Leber, später Bundesminister unter dern Kanzlern Kurt-Georg Kiesinger, Willy Brandt und Helmut Schmidt, warb vielmehr für die Sozialpartnerschaft, für ein Miteinander von Unternehmern und Arbeitnehmern. Er hielt Brenner für ein Fossil, für einen Anachronismus aus der untergegangenen Welt des Marxismus.

Gelebter Sozialismus

In der Tat: Brenner und Leber lebten und handelten aus unterschiedlichen Philosophien. Brenner söhnte sich nie mit Marktwirtschaft, Wettbewerb und Kapitalismus aus. Er hielt allein den Begriff "soziale Marktwirtschaft" für Lug und Trug. Der Anführer der westdeutschen Metallarbeiter prangerte die "Restauration" an, mokierte sich über die Harmoniedusselei seiner eher gemäßigten Gewerkschaftskollegen, analysierte die gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen der Republik in den Begriffen von "Klasse" und "Kampf". Üppige Unternehmergewinne waren für ihn keineswegs notwendige Vorraussetzungen für weitere Investitionen, Arbeitsplätze und Wohlfahrt, sondern Raub von gerechtem Lohn. Und natürlich hielt Brenner nichts davon, Lohnforderungen am Produktivitätszuwachs zu orientieren. Denn eine solche Selbstbeschränkung bedeutete für ihn, dass man den Status quo ungerechter Verteilungsverhältnisse gefestigt hätte.

Brenner war unzweifelhaft noch Produkt und Akteur der alten Arbeiterbewegung aus Kaiserreich und der Weimarer Republik. Seine Sozialisationsjahre verliefen wie in einem Drehbuch für einen Lehrfilm zur "Geschichte des proletarischen Sozialismus": Geboren wurde er 1907 in Hannover, einer Hochburg seinerzeit der Sozialdemokratischen Partei. Eben dieser Partei gehörte bereits sein Vater an, ein gelernter Orthopädiemechaniker. Brenner hatte drei Geschwister; die Verhältnisse waren beengt, das Auskommen karg. Und an den Rand existentieller Not geriet die Familie, als der Vater 1914 in den Krieg ziehen musste, erst 1920 aus der französischen Gefangenschaft zurückkehrte.

Der siebenjährige Otto hatte durch allerlei Botendienste dazu beitragen müssen, dass die Familie halbwegs über die Runden kam. Nach der Volksschule fehlte das Geld, welches ihm eine solide berufliche Ausbildung hätte ermöglichen können. So schlug sich Brenner für einige Jahre als Hilfs- und Gelegenheitsarbeiter durch. Doch wie viele andere aus dem sozialistisch-proletarischem Milieu nutzte er mit autodidaktischer Emsigkeit Kurse in der örtlichen Volkshochschule, um sich Qualifikationen für einen Lehrstelle anzueignen. Härte gegen sich selbst, ungeheuere Fleiß, rigorose Disziplin und der eiserne Wille, trotz minderprivilegierter Herkunft durch herausragende Leistungen zu bestechen und zu reüssieren - das blieb ein konstanter Charakterzug in der Biographie Brenners.

Der andere Wesenszug: Brenner lebte den Sozialismus, ging in ihm als Mensch, Politiker, Gewerkschafter ganz und gar auf. Er streifte die Prägungen seiner Jugend im Laufe seiner weiteren Karriere nicht - wie so viele andere - ab. Auch als Erwachsener folgte er der Devise von der Einheit des politischen Bekenntnisses und des täglichen Lebensstils. So hatte er es in der Sozialistischen Arbeiterjugend gelernt, der er bereits mit 13 Jahren beigetreten war. Daneben war er noch Aktivist bei den "Freien Schwimmern", führender Funktionär im Deutschen-Arbeiter-Abstinentenbund, Mitglied natürlich der SPD.

"Generation Brenner"

Angezogen fühlte er sich insbesondere vom so genannten "Internationalen Sozialistischen Kampfbund", den der Göttinger Philosoph Leonard Nelson gegründet hatte. Der Kampfbund war mehr ein Orden, sehr elitär, ungemein prinzipienfest und intensiv geschult. Wer dort mitmachen wollte und durfte - mehr als 300 waren es nicht - musste Vegetarier sein, durfte weder rauchen noch trinken, hatte alle Brücken zur eigenen Familie hinter sich abzubrechen, besaß die Pflicht zum täglichen körperlichen Training, zur sokratischen Diskussionsführung, zur regelmäßigen Niederschrift eines Protokolls darüber, zur strengen logischen, alle äußeren Effekte vermeidenden Argumentationsweise. Brenner war - und blieb - fasziniert von der Strenge der Lebensführung dieser sozialistischen Avantgarde, von ihrer Verlässlichkeit und in der Regel lebenslangen Treue zu den eigenen Maximen.

Die Treue zu den Überzeugungen stand jedenfalls höher als die Treue zu einer Partei, auch für Brenner. Daher verließ er mit einigen tausend anderen jungen Sozialisten 1931 die SPD, die zwar in der parlamentarischen Opposition stand, aber die Reichsregierung des Hunger-Kanzlers Brüning tolerierte statt bekämpfte, was Brenner und andere Linkssozialisten empörte. Sie gründeten - darunter auch der Lübecker Herbert Frahm - im Oktober 1931 die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands. Den Nationalsozialismus hielt auch das allerdings nicht auf. Im August 1933 steckten die neuen braunen Machthaber Brenner für zwei Jahre ins Gefängnis; auch in den Jahren danach wurde er mehrere Male kurzfristig inhaftiert.

Das Scheitern von Weimar, das Versagen der Arbeiterbewegung, die Installierung des Nationalsozialismus - das konstituierte den Erfahrungshintergrund für das politische Urteil Brenners auch in den bundesdeutschen Jahren. Weimar blieb ihm zeitlebens Menetekel, Apokalypse und Lektion. Wieder und wieder beschwor er die Lehren aus den Tragödien, Fehlentwicklungen und Irrtümer der ersten deutschen Republik. Ähnlich wie Schumacher plädierte er für eine soziale Neuordnung und Entmachtung der Industriemagnaten nicht allein oder vorwiegend aus ökonomischen Motiven, sondern aus Gründen der Demokratiesicherung. Denn das meinten die beiden aus Weimar gelernt zu haben: Ökonomische Macht bedeutet politische Macht und unterminiert dadurch die gleiche Teilhabe aller Staatsbürger.

Und so sah Brenner in der Adenauer-Gesellschaft allseits die Restauration marschieren. Dabei hatte er 1945, als das Nazi-Regime beseitigt war, fest auf eine soziale Revolution gehofft, auf die gesellschaftliche Fundamentaltransformation, die 1918/19 ausgeblieben war. Brenner selbst hatte sich in der deutschen Trümmergesellschaft des Frühjahrs 1945 sofort wieder in die Politik gestürzt. Und er war - wie die meisten Aktivisten der linkssozialistischen Kleinstgruppen aus der Spätphase der Weimarer Republik, etwa Willy Brandt - zur SPD zurückgekehrt. Einheit und Geschlossenheit statt Spaltung und Zersplitterung - auch das gehörte in der "Generation Brenner" zur historischen Lektion der 1920/30er Jahre sowohl für die politische als auch gewerkschaftliche Organisation. 1946 vertrat Brenner die Sozialdemokraten im Kommunalparlament der Stadt Hannover; zwischen Frühjahr 1951 und Herbst 1953 saß er für seine Partei im niedersächsischen Landtag.

Der Kopf des Antikapitalismus

Doch wurde die Parteipolitik nicht zum Terrain des Hannoveraners. Brenner zog es in die Gewerkschaftsarbeit. Und er stellte sich vom Beginn an die Spitze eines aggressiven gewerkschaftlichen Aktivismus. Brenner organisierte den ersten Streik überhaupt in der deutschen Nachkriegsgeschichte, der im Herbst 1946 mit dem Ziel vermehrter Mitbestimmungsrechte in der Hannoveraner Firma Bode-Panzer stattfand. Zwar war die gewerkschaftliche Kasse leer, doch Brenners Leute hielten vier Wochen Ausstand durch; am Ende musste die Unternehmensleitung klein beigeben.

Fortan war Brenner ein Held der Metallarbeiterbasis im Westen Deutschlands. Zu Beginn der 1950er Jahre rückte er als Mitvorsitzender an die Spitze der IG-Metall; ab 1956 führte er die Gewerkschaft allein. Zusammen mit neun weiteren Gewerkschaftern, die allesamt aus den linken Splittergruppen im Umfeld der Weimarer SPD und KPD kamen, bildete er einen halb verdeckt operierenden "Zehnerkreis", der innerhalb der bundesdeutschen Gewerkschaftsbewegung für einen harten, ja militanten Kampfkurs eintrat. Brenner war der Kopf dieses strategischen gewerkschaftlichen Antikapitalismus. Im Winter 1956/57 schickte er seine Metaller in Schleswig-Holstein für 114 Tage in den Streik um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Auch in den 1960er Jahren marschierte stets Brenner voran, wenn es in oft erbittert geführten Auseinandersetzungen um Lohnerhöhungen oder Arbeitszeitverkürzungen ging. Für Brenner war das immer ein Stück Klassenkampf, ein zähes Ringen um die gesellschaftliche und damit auch politische Macht.

Angenehm war es für die Unternehmer der Metallindustrie nicht, mit Otto Brenner Tarifkonflikte austragen zu müssen. Doch äußerten seine Kontrahenten auffällig viel Respekt gegenüber den Gewerkschaftsradikalen. Zwar trat Brenner auch am Verhandlungstisch in langen Nächten unbeugsam auf. Aber Brenner war ein vorzüglicher Zuhörer, nahm die Argumente der Gegenseite aufmerksam wahr, lärmte und polterte nicht dröhnend herum, sondern sprach präzise vorbereitet zur Sache - und war am Ende oft pragmatisch genug, um in verfahrenen Situationen mit einem Kompromissvorschlag den Durchbruch zu finden.

Asket und Bürgerschreck

Liest man die Reden Brenners auf Gewerkschaftsversammlungen nach, dann klingen sie tatsächlich reichlich polemisch, scharfmacherisch, beißend klassenkämpferisch. Dabei aber war Brenner keineswegs ein feuriger Tribun, kein donnernder Rhetoriker. Brenner mochte das Pathos nicht. Er war eher spröde; seine öffentlichen Ansprachen waren sorgfältig, nahezu pedantisch vorbereitet. Er las seine Anklagen gegen den Kapitalismus und die politische Restauration trocken vom Blatt ab, Satz für Satz, ohne jede Spontaneität. In einem Kreis von jungen marxistischen Akademikern, die er in seiner Frankfurter Gewerkschaftszentrale um sich versammelt hatte, war dies alles akkurat präpariert und durchdiskutiert worden.

Brenner, der Bürgerschreck, unterschied sich ganz von vielen seiner eher hemdsärmeligen, häufig körperlich kräftig gebauten Gewerkschaftskollegen. Der mächtige IG-Metall-Chef wirkte eher schmächtig, fast wie ein Intellektueller mit seiner randlosen Brille in seinem blassen, asketischen Gesicht. Selbst enge Mitarbeiter taten sich schwer damit, emotionalen Zugang zu Brenner zu finden. Er wahrte Distanz, gab sich verschlossen, war alles andere als ein schulterklopfender Schultertyp, ließ mit Ausnahme seiner Frau und Tochter niemanden an sich heran. Als Party- und Gesellschaftslöwe in der Frankfurter Society begegnete man ihm nicht. Brenner stand nie - wie durchaus andere aufgestiegene Arbeiterfunktionäre - in der Gefahr, als Parvenüs herumzustolzieren. Der Puritaner an der Spitze der Metallgewerkschaft rauchte nicht, trank kaum Alkohol, dafür jederzeit und viel Tee; er besaß kein eigenes Auto, urlaubte - wandernd- am liebsten im eigenen Land.

Paradoxe Wirkung

Aber als sozialer Revolutionär verstand er sich immer. Die Sozialisierung der Schlüsselindustrien blieb für ihn, solange er lebte, der Königsweg zu einer "wahren demokratischen Gesellschaft", wie er das nannte. Der bundesdeutschen Republik hätte er das Gütezeichen der "wahren Demokratie" nie verliehen, da er mit den sozialen, kulturellen und ökonomischen Ungleichheiten durchweg haderte. Adenauer war sein Feind, Erhard verachtete er, und mit Wehner geriet er über Kreuz wegen des "Godesberger Programms", des sozialdemokratischen Wegs zur Volkpartei, vor allem aber in Folge der Bildung der "Großen Koalition" und der Verabschiedung der Notstandsgesetze.

Brenner musste schließlich mit dem Paradoxon leben, dass sein gewerkschaftlicher Radikalismus letztlich zu einer Wohlständigkeit auch der Arbeitnehmer führte, die seine genuinen Absichten - Klassenbewusstsein zu schaffen und das sozialistische Endziel anzustreben - zunehmend konterkarierte. Die Erfolge des Aktivismus Brenners trugen zur stärkeren Integration, Zufriedenheit schließlich auch Einpassung der Arbeiter in das marktwirtschaftliche System der Bundesrepublik bei. Je mehr Brenner tarifpolitisch erreichte, desto weiter weg rückte die klassenbewusste, sozialistische Proletarität.

Otto Brenner, der am 8. November 2007 einhundert Jahre alt geworden wäre, starb im April 1972 mit 64 Jahren an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung.



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Rex Bringmann, 01.05.2017
1. Otto Brenner
So einen brauchten wir Heute auch noch,weil seine Ansichten über den Kapitalismus heute noch genauso stimmen wie damals!Und sogar wieder schlimmer geworden sind,die letzten Jahre.
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