Serienkiller Andrew Cunanan Hochbegabt und hochgefährlich

Fünf Tote in zwölf Wochen: 1997 erschoss Andrew Cunanan den Modeschöpfer Gianni Versace in Miami. Es war der Höhepunkt eines brutalen Amoklaufs. Der Callboy war zu diesem Zeitpunkt längst der meistgesuchte Mann der USA. Dennoch gelang es ihm, wochenlang mordend durchs Land zu reisen.

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Vom Atlantik wehte an diesem Dienstagmorgen eine leichte Brise. Der Himmel über Miami war blau und klar. Gegen 8.30 Uhr schlenderte ein braungebrannter Mann mit Dreitagebart über den promenadenartigen Ocean Drive, um wie jeden Morgen im "News Café" Zeitungen zu kaufen und einen Kaffee zu trinken. Der Mann hieß Gianni Versace, die schillerndste Mode-Ikone der neunziger Jahre. In Florida wollte er sich von einem aufreibenden Frühjahr in Europa erholen, wo er der Welt vier Kollektionen und eine Haute-Couture-Schau präsentiert hatte. Versace war auf dem Zenit seines Schaffens. Dieser 15. Juli 1997 sollte der letzte Tag seines Lebens sein.

Als der Modeschöpfer mit den Zeitungen unter dem Arm durch das schmiedeeiserne Tor auf den Eingang seiner Villa "Casa Casuarina" zuging, knallte es zum ersten Mal. Der Designer sackte zusammen. Dann noch ein Schuss.

Wenige Sekunden später stürzte Versaces langjähriger Lebensgefährte Antonio D’Amico aus dem Haus, blickte auf den reglosen Körper seines Freundes, um den sich eine rote Lache bildete. Als die Notärzte in Miamis Universitätsklinik den 50-Jährigen wenig später für tot erklärten, war der Schütze längst auf und davon. Immerhin hatten die Ermittler bald einen Verdacht, wer ihn getötet haben könnte: ein Callboy namens Andrew Cunanan.

Denn der zog schon seit zweieinhalb Monaten durch den Osten der USA und tötete: Vier Männer hatte er bereits auf dem Gewissen, Versace war sein fünftes Opfer. Nicht nur die Modewelt war tief geschockt, das ganze Land fragte sich: Warum musste der Designer sterben? Und was trieb den Todesschützen an? Der Fall Versace war nicht nur einer der meistbeachteten Morde des Jahrzehnts, sondern auch der Höhepunkt einer brutalen Serie, die Cunanan von der kanadischen Grenze bis nach Florida führte.

Doch was könnte Cunanan und Versace miteinander verbunden haben? Zwar waren beide homosexuell, doch ob die beiden einander kannten, liegt bis heute im Dunkeln. Angeblich hatten sie sich Jahre zuvor in der Oper von San Francisco kennengelernt, laut dem Magazin "Time" auch wenige Monate vor Versaces Tod noch einmal getroffen. Vielleicht.

Hochbegabt und drogensüchtig

Der Tag, an dem aus dem adretten Callboy ein Killer wurde, war der 27. April 1997. Andrew Cunanan traf sich an diesem Abend mit dem Architekten David Madson und dem Geschäftsmann Jeffrey Trail in Madsons Wohnung. Mit beiden hatte Cunanan bereits Liebesbeziehungen gehabt, jetzt - so rekonstruierte die Polizei später - bahnte sich scheinbar zwischen Madson und Trail etwas an. An diesem Abend wollte sich das Trio deshalb aussprechen. Gegen 21.30 Uhr wunderten sich Nachbarn über den Lärm aus dem sonst so ruhigen Appartement. Dort war eine handfeste Prügelei ausgebrochen, in der Küche kämpfte der 28-jährige Trail mit Cunanan. Der griff plötzlich in die Werkzeugschublade, schnappte sich einen Hammer - und schlug auf sein Gegenüber ein. Fast 30-mal. Trail starb.

Drei Tage später, auch das fand die Polizei heraus, brausten Cunanan und der 33-jährige Madson in einem roten Jeep durch Minneapolis. Ob Madson eine Geisel war oder freiwillig mit ihm floh, konnte nie geklärt war. Sie hatten Trails Leichnam in einen Perserteppich gewickelt, waren noch zwei Tage lang in Madsons blutbesudelter Wohnung ein- und ausgegangen - und erst dann geflohen. Cunanan saß jetzt stumm neben Madson im Auto, in seiner Jackentasche steckte eine geladene Pistole, Kaliber 0.40, in einer weiteren Tasche sieben weitere Patronen. Nach knapp 50 Kilometern lenkte Cunanan den Jeep plötzlich in den Straßengraben und schoss dreimal auf seinen Ex-Freund. Warum Madson so plötzlich sterben musste, konnte nicht geklärt werden.

Andrew Cunanan war zuvor nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, er galt als psychisch stabil und beliebt. Bevor er zum Mörder wurde, war das jüngste von vier Kindern einer Familie aus Kalifornien als wortgewandt, höflich und belesen aufgefallen. Schon mit 21 Jahren beherrschte der Hochbegabte sieben Sprachen fließend. Ein Test ergab einen IQ von 147. Später wurde bekannt, dass er einen Hang zu sadistischer Pornografie hatte, Kokain nahm, als williger Sklave in Sexvideos auftrat. Anfang 1997 dann soll er Anzeichen einer Aids-Erkrankung an sich bemerkt haben - und gab sich auf: Immer häufiger nahm Cunanan Schmerzmittel, trank Alkohol, konsumierte ständig Drogen. Einige Wochen später wurde er zum Mörder.

Auf dem Weg nach Miami

Sein drittes Opfer traf Cunanan am 3. Mai 1997, wenige Tage, nachdem er Madsons Leiche bei einem See in Minnesota zurückgelassen hatte. An diesem Abend sollte er erstmals jemanden töten, den er vermutlich nie zuvor gesehen hatte: Als er in dem roten Jeep durch ein Wohnviertel im beschaulichen Danville in Illinois fuhr, fiel ihm in einem Vorgarten ein rüstiger Senior ins Auge. Es war der Immobilienmogul Lee Miglin. Der 72-Jährige war allein zu Hause, seine Frau nicht in der Stadt. Cunanan führte den Makler in die Garage neben dem Haus, fesselte ihm die Hände und wickelte anschließend Klebeband um seinen Kopf - nur die Nase ließ er aus.

Was dann begann, war eine Folter: Cunanen verprügelte Miglin, verletzte ihn mit Heckenscheren schwer und durchschnitt dem Millionär schließlich mit einer Gartensäge die Kehle. Danach überfuhr er den Sterbenden mehrfach mit dessen eigener Lexus-Limousine. Doch warum ausgerechnet Miglin, warum diese Brutalität? Die Polizei wusste es nicht.

Das FBI übernahm den Fall, setzte den Gesuchten auf die Liste der zehn gefährlichsten Verbrecher der USA, verbreitete Fahndungsplakate im ganzen Land und lobte für wertvolle Hinweise 10.000 Dollar aus. Als die Ermittler Cunanan auf dem Weg nach Philadelphia wähnten, sperrten sie sämtliche Straßen des Bundesstaats ab. Jetzt mussten sie dem Serienmörder ganz nah sein, so viel war sicher. Doch dieser flüchtete an einen Ort, wo ihn niemand vermutete. Zu seinem vierten Opfer.

Auf dem Finn’s Point Friedhof in Pennsville, New Jersey, hatte Cunanan am 9. Mai den roten Truck eines Friedhofwärters bemerkt, mit dem er seine Flucht fortsetzen wollte. Nach Rekonstruktion der Polizei muss der Überfall in etwa so abgelaufen sein: Der Mörder klopfte an die Tür des Wärterhauses, in dem William Reese gerade Gospelmusik hörte. Der 45-Jährige drehte den Ton leise und öffnete die Tür. Dort stand Cunanan und fragte höflich nach einem Glas Wasser für eine Kopfschmerztablette. Reese bat ihn herein. Als er sich mit dem Glas seinem Gast zuwandte, blickte er in die Mündung eines Revolvers. Cunanan forderte die Autoschlüssel. Reese zögerte nicht, gab sein Schlüsselbund sofort dem Unbekannten. Dieser drückte trotzdem ab.

Showdown im Hausboot

Am nächsten Tag kam Cunanan in Südflorida an, mehr als zwei Monate, bevor er auf Versace schoss. Wochenlang ging er unbeirrt durch die Menschenmassen in Miami Beach, residierte anonym in wechselnden Zimmern des "Normandy Plaza Hotel" für 39 Dollar pro Nacht. Den gestohlenen Wagen von Reese hatte er in ein öffentliches Parkhaus gestellt. Abends dinierte der Serienkiller beim Italiener um die Ecke. Trotz der Fahndungsplakate des FBI und Fotos von ihm in der Zeitung fühlte Andrew Cunanan sich offenbar sehr sicher. Doch plötzlich war ihm die Polizei ganz dicht auf der Spur.

Am 9. Juli erreichte die Notrufzentrale der Anruf eines Sandwich-Verkäufers aus Miami. Kenneth Brown sagte ins Telefon, dass in seinem Laden gerade jemand ein Thunfisch-Brötchen bestellt habe, der Andrew Cunanan ähnele. Die Beamten machten sich sofort auf den Weg, doch der Gesuchte hatte den Laden in der Zwischenzeit schon wieder verlassen: Ein Kollege von Brown hatte Cunanan in der Zwischenzeit bedient und abkassiert. Sechs Tage später war Gianni Versace tot.

Eine weitere Woche verging, bis die Fahnder Cunanan endlich aufspürten. An diesem 23. Juli machte ein Wachmann in Miami seinen Routinerundgang zum pastellblauen Hausboot eines deutschen Geschäftsmannes. Als er die Tür zum Boot offen vorfand, ging er hinein - und stand plötzlich vor Andrew Cunanan. Beide drehten sich daraufhin panisch um und rannten voreinander weg, der Wachmann rief die Polizei.

Vier Stunden lang umstellten daraufhin mehr als hundert Beamte das Boot, das schließlich ein Sonderkommando unter Einsatz von Tränengas stürmte. Statt des erwarteten Feuergefechts mit Cunanan wurde die schwerbewaffnete Spezialeinheit jedoch von Stille empfangen. Im Obergeschoss fanden sie schließlich den gefürchtetsten Verbrecher der USA neben einem Bett. Er hatte sich in den Mund geschossen - und damit den einzigen Menschen getötet, der vielleicht eine Erklärung für die Mordserie gehabt hätte.

Nach seinem Freitod spekulierten Ermittler und Journalisten darüber, ob Andrew Cunanan sich möglicherweise aus Verzweiflung über seine vermeintliche Erkrankung auf einen Rachfeldzug an früheren Liebhabern gemacht habe. Doch die Autopsie ergab, dass der Amokläufer nicht mit HIV infiziert war.



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Walter S. Rawyler, 14.07.2012
1.
Ein intressantes Rätsel am Rande dieser Geschichte ist bestimmt die Verhaftung und spätere Verurteilung des italienischen Journalisten und Dokumentarfilmers Enrico "Chico" Forti. Forti sitzt mittlerweile 12 Jahre in einem Gefängnis in Florida, sein Film "Il sorriso della medusa" hatte die Aufklärungen de Polizei im Falle Versace in Frage gestellt.
Martin Klaus, 14.07.2012
2.
"...Nach seinem Freitod spekulierten Ermittler und Journalisten darüber, ob Andrew Cunanan sich möglicherweise aus Verzweiflung über seine vermeindliche Erkrankung auf einen Rachfeldzug an früheren Liebhabern gemacht habe. Doch die Autopsie ergab, dass der Amokläufer nicht mit HIV infiziert war...." Wenn Cunanan nicht wusste, dass die HIV-Diagnose falsch war, ist der Rachefeldzug immer noch ein mögliches Motiv. Und vielleicht gab es zw. Mörder und Opfern Beziehungen, von denen die Ermittlungsbehörden nichts wissen. Sowas solls schon gegeben haben :-/
THOMAS MARX, 17.07.2012
3.
Sowas nennt man nicht "Serienkiller" sondern "Spree Killer", eine Abart des Massenmoerders der seine Taten auf mehrere Tatorte verteilt. Serienkiller machen zwischen den Moirden laengere Pausen, weil sie eine Abkuehlphase des pseudo sexuellen Lustgefuehls brauchen bevor sie sich wieder "in Stimmung" bringen. Der Unterschied liegt im Ausloeser oder Hintergrund der Taten (Das ist nicht eigentlich ein "Motiv"): Bei Serienkillern ist es eine Art von Lust, bei Massenmoerdern und Spree-Killern explodierende Emotion.
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