40 Jahre Regenschirm-Attentat "Ich werde sterben, Sie können nichts mehr tun"

Georgi Markow wartet 1978 auf einen Bus in London, als der Fremde mit dem Regenschirm kommt. Ein Rempler, ein Stich, Tage später ist der bulgarische Dissident tot. Die Geschichte eines rätselhaften, wieder aktuellen Giftmords.

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Er hat ihn verspottet und beleidigt, immer wieder: in den bulgarischen Programmen der BBC, der Deutschen Welle, von Radio Free Europa.

Jetzt ist für den Verspotteten, Bulgariens kommunistischen Diktator Todor Schiwkow, der Tag der Rache gekommen. Ein besonderer Tag, der 7. September 1978. Schiwkows 67. Geburtstag. Dieser Tag, so ordnet er an, soll seinem verhassten Gegenspieler Georgi Markow den Tod bringen.

Längst trennen die beiden Männer Welten. Markow, einst ein glühender Kommunist und beliebter Schriftsteller in Bulgarien, hat sich mit dem Regime überworfen und ist 1969 ins Exil geflohen. Erst nach Italien, dann nach London. Hier wettert der Dissident und Journalist ab 1972 in seinen "Reportagen über Bulgarien aus der Ferne" scharfzüngig gegen seinen alten Freund Schiwkow und dessen Tyrannei. Hier fühlt er sich sicher.

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Giftanschlag auf Georgi Markow 1978: Rache am Geburtstag

Also denkt er sich nichts dabei, als ihn am 7. September 1978 ein Mann an der Londoner Bushaltestelle Waterloo Bridge anrempelt. Der Fremde murmelt ein paar Entschuldigungen und eilt dann mit seinem Regenschirm davon. Markow wundert sich nur kurz über den Stich, den er beim Zusammenprall in seinem rechten Oberschenkel verspürt hat.

Alles halb so wild. Bis ihn hohes Fieber packt. Und sein Blutdruck völlig verrückt spielt.

In der Notaufnahme, kurz bevor er ins Koma fällt, erzählt Markow dem Arzt von dem Fremden mit dem Schirm. "Er seufzte und lachte und sagte: Ich bin vom KGB vergiftet worden und werde sterben, da können Sie nichts mehr tun", wird der Arzt Jahrzehnte später dem deutschen Filmemacher Klaus Dexel erzählen. Vier Tage später stirbt Markow an Herzversagen.

Der Zucker bringt den Tod

Erst die Obduktion liefert die Erklärung für seinen Tod, der bald als "Regenschirmattentat" weltbekannt wird: In Markows Bein steckt ein Platinkügelchen mit einem Durchmesser von 1,7 Millimetern. Es hat zwei winzige Öffnungen, in denen Spuren des Pflanzengiftes Rizin nachgewiesen werden. Offenbar waren die Löcher der Kugel mit Zuckerguss verschlossen - ein raffinierter, biologischer Zeitzünder: Durch die Körperwärme löste sich der Zuckerguss auf und gab das Gift frei.

Das alles wirft Berge an Fragen auf: Wer sind die Täter und Hintermänner? Wurde die Giftkapsel per Schirm in Markows Körper injiziert oder geschossen? Steckt tatsächlich der KGB dahinter?

Knapp 40 Jahre später erschüttert wieder ein rätselhafter Mordanschlag Großbritannien: Der einstige russische Spion Sergej Skripal, der später für den britischen Geheimdienst arbeitete, und seine Tochter sind vergiftet worden. Beide schweben seit Tagen in Lebensgefahr, während ihr Fall eine schwere internationale Krise entfacht hat. Die britische Regierung behauptet, die hochtoxische Substanz sei Nowitschok, ein einst in der Sowjetunion entwickeltes Nervengift. London wirft russische Diplomaten raus, auch die USA, Frankreich und Deutschland machen Russland verantwortlich. Moskau streitet alles ab.

Auffällig morden

Die Fälle trennt vieles. Und doch gibt es Parallelen, etwa die Frage: Warum wurden beide Attentate derart kompliziert ausgeführt, dass zwangsläufig Geheimdienste in Verdacht geraten mussten? Natürlich gibt es in London nichts Unauffälligeres als einen Regenschirm. Aber eben auch nichts Auffälligeres als einen Mord mit einem Schirm.

Ähnlich verhält es sich mit dem Gift, mit dem die Familie Skripal in einer Pizzeria in Kontakt kam: Es war den Ermittlern zufolge derart massiv verteilt, dass der kontaminierte Essenstisch und andere Gegenstände zerstört werden mussten. Entweder wollten die Täter alles versuchen, damit ihre Opfer sterben. Oder dafür sorgen, dass man ihren Gift-Fingerabdruck findet.

Sollten die Attentate auf Skripal, Markow (und auf den 2006 mit Polonium ermordeten russischen Ex-Spion Litwinenko) bewusst abschrecken? Sollten sie Angst verbreiten, mit einer Botschaft, die kein Diplomat sagen kann: Seht her, wir verschonen Verräter nicht? Oder hat jemand falsche Fährten gelegt, wie Moskau gern suggeriert?

Der Fall Markow lehrt zumindest: Mit einer schnellen Aufklärung ist nicht zu rechnen. Es dauerte Jahrzehnte und benötigte eine politische Revolution, bis die Umstände der Ermordung langsam deutlicher wurden. Und immer noch sind nicht alle Details geklärt - selbst die vermeintliche Mordwaffe wirft Fragen auf.

"Brüderliche Hilfe" aus Moskau

Fest steht immerhin: Die Spur führt, trotz vieler Dementis, direkt nach Moskau. Dokumente, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gesichtet werden konnten, und die Aussagen des ehemaligen KGB-Agenten Oleg Kalugin belegen, dass spätestens 1977 "alle Mittel" genehmigt waren, um Regimekritiker wie Markow zu liquidieren. Weil der bulgarische Geheimdienst dazu nicht allein in der Lage war, bat er Kalugin zufolge beim KGB um "brüderliche Hilfe". Der Wunsch zum Anschlag kam dabei vom bulgarischen Diktator Schiwkow.

Der KGB zögerte und machte nur unter der Bedingung mit, nicht richtig mitzumachen: Man schickte Berater, lieferte Gift und Know-how - aber stellte nicht den Mörder.

So begann Kalugin zufolge eine "Komödie" voller "Fehler", der den Tod Markows zu einem Zufallsprodukt machte. Der bulgarische Geheimdienst setzte offenbar auf einen zweifelhaften Agenten, den er selbst als "kleinen internationalen Betrüger ohne jegliche Aufklärungsmöglichkeiten" eingestuft hatte. Wenn der Mann mit dem Tarnnamen "Piccadilly" schon nicht ordentlich spionieren konnte, sollte er nun wenigstens töten.

Dazu wurde er 1977 aus London nach Bulgarien geholt und festlich empfangen. Dann musste die Tötungsmethode erprobt werden, denn der Regenschirm war ein sensibles Mordwerkzeug: Ein Gasdruck-Mechanismus im unteren Teil des Schirms sollte die Rizin-Kugel tief in den Körper des Opfers schießen, nachdem eine kleine Injektionsnadel an der Schirmspitze schon durch Kleidung und die Haut gedrungen war. Solche präparierten Regenschirme wurden nach der Wende im Keller des bulgarischen Innenministeriums gefunden.

Ex-KGB-Mann Kalugin berichtete zudem, man habe zunächst ein Pferd mit der Waffe traktiert und dann einen zum Tod verurteilten Gefangenen. Das Pferd starb, der Gefangene überlebte. Also folgte ein weiterer Testlauf, ein Anschlag im August 1978 auf den bulgarischen Überläufer Wladimir Kostow in der Pariser Metro. Aber auch Kostow überlebte - und sah einen Mann mit Schirm davonhasten.

Er habe einen Schlag im Rücken verspürt und einen Knall "wie aus der Luftpistole" gehört, schilderte Kostow später. Zu Hause entdeckte er am Rücken eine kleine Wunde. Ein Arzt habe ihm "mehrere kleine Objekte" aus der Wunde entfernt.

So gesehen hatte Markow Wochen später einfach Pech.

Vernichtete Akten

Womöglich aber starb Markow auch, weil der berühmte Schirm gar nicht zum Einsatz kam, wie neuere Untersuchungen von Scotland Yard nahelegen. Demnach sei die Kugel durch eine kleinere, handlichere Kontaktwaffe in Markows Bein geschossen worden. Der Schirm diente womöglich nur als Ablenkung.

Es mutet rührselig an, wie emsig Scotland Yard den Fall jahrzehntelang verfolgte, während Bulgarien nach dem Ende der Sowjetunion nur bedingt an Aufklärung interessiert war. Seit 1990 ermittelten die Behörden zwar, doch stießen sie auf Schweigen, Murren, Widerstand.

So konnte der ehemalige Geheimdienstchef Wladimir Todorow noch sechs dicke Markow-Akten vernichten. Dreist argumentierte er später, diese Unterlagen hätten "weder operative noch historische Bedeutung" gehabt. Todorow kam dafür 16 Monate ins Gefängnis; ein weiterer wichtiger Zeuge beging kurz vor seiner Vernehmung Selbstmord.

Fassungslos

2008 wollte die bulgarische Justiz ihre Ermittlungen einstellen, weil der Fall nach 30 Jahren verjährt sei; nach Protesten aus London fahndete Bulgarien dann doch noch fünf Jahre weiter. Denn ein bulgarischer Journalist hatte kurz zuvor Dokumente veröffentlicht, die "Piccadillys" Identität aufdeckten: Der Mann hieß Francesco Gullino, ein Däne mit italienischen Wurzeln. Er soll für seine Tat umgerechnet 30.000 Euro erhalten haben. 1993 hatten ihn sogar britische und dänische Ermittler vernommen, nach sechs Stunden aber laufen lassen.

Gullino tauchte danach unter, bis ihn 2013 Filmemacher Klaus Dexel in Österreich auftrieb. Zur Tatzeit sei er "vielleicht" in London gewesen, sagte Gullino, beteuerte aber: mit dem Mord habe er nichts zu tun.

So bleibt bis heute die Ungläubigkeit nach solch dreisten Attentaten. Sie habe nicht glauben können, dass jemand Menschen mit Regenschirmen ermorde, sagte Markows Witwe Annabelle einmal fassungslos. Ähnlich dürfte es nun vielen Briten ergangen sein, als plötzlich ein chemischer Kampfstoff in einer kleinen Pizzeria in der beschaulichen Kleinstadt Salisbury auftauchte.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Georgi Markow sei am 7. September 1968 vergiftet worden. Richtig ist der 7. September 1978. Wir haben die Stellen im Text korrigiert.

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Seite 1
Thomas Ottmar, 17.03.2018
1. Nutzungseffekte
...die Frage bei jeder so heiklen Angelegenheit ist doch: wem nutzt diese Tat. Wenn dieser Skripal von keinem Wert mehr für Russland ist, dann macht es auch keinen Sinn ihn zu eliminieren, weil ja bereits alles ausgeplaudert wurde, was auszuplaudern war. Wenn Großbritannien keine Informationen mehr aus dieser Person herausbekommt würde es aber auch keinen Sinn machen, dass die Engländer selbst es gewesen wären, weil die Botschaft für potenzielle Aussteiger verheerend wäre und niemand mehr "überläuft". Es macht allerdings unglaublichen Eindruck, bei allen diesen genannten potentiellen Überläufern, wenn ich als Staat signalisiere..."überlege es dir gut, ob du das tun willst, weil wir dich irgendwann kriegen. Und wenn es Jahre später ist." Das nenne ich maximale Abschreckung!
Levy Izhak Rosenbaum, 17.03.2018
2. Was tun mit Überläufern...
Auch Mossad musste jahrelang Nazi Schergen, die sich mit Hilfe des Vatikans, über die Rattenroute nach Südamerika abgesetzt hatten liquidieren, weil sich deutsche Nach-Kriegs Behörden weigerten ihre Ex-Kameraden aufrichtig zu verfolgen. Dies setzt sich bis in die Gegenwart fort wo KZ-Aufsehern erst der Prozess gemacht wird, wenn diese Steinalt sind und auf Milde Urteile hoffen können. Genauso hat auch die Geschichte von Überläufern, mehrere Seiten, für das Land dessen Geheimnisse Verraten werden, stellen sie eine Große Gefahr dar und zum Schutz von der Nationalen Sicherheit müssen sie liquidiert werden. Jeder mag Geheimnisse erfahren, aber keiner mag den Verräter.
Max Mockelbeck, 17.03.2018
3.
Die derzeitige Kenntnislage ist ein bisschen dünn um Parallelen zu ziehen zudem sollte man eine weitere Variante nicht vergessen. Es handelt sich um eine False-Flag Aktion und die Mittel wurden gewählt um sie den Russen anzuhängen - schaut man sich die reflexhaften Schuldzuweisungen an, mit gewissem Erfolg.
Kai Heinrich, 17.03.2018
4. Regenschirmmord in Hannover
Und da war auch dieser Fall: Ein IT-Fachmann der Gewerkschaft wird 2011 in Hannover über eine Spritze in einem Regenschirm vergiftet und verstirbt: http://www.haz.de/Hannover/Aus-den-Stadtteilen/Nord/Mann-stirbt-ein-Jahr-nach-Spritzenattacke
Friedrich Wilhelm Thumeyer, 17.03.2018
5. Oh mann,
Bei allem Respekt vor dem bedauernswerten Opfer - aber wäre es nicht angebracht, gerade deshalb vor dem Schreiben ein wenig zu denken? Was soll das für ein Zucker gewesen sein, der sich "durch die Körperwärme" auflöst? Durch wässrige (Körperflüssigkeits-)Lösungen vielleicht schon eher ...
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