Giftgas-Affäre "Die Vergangenheit hatte mich eingeholt"

Festnahme um Mitternacht: Wegen angeblicher Lieferungen an eine libysche Giftgasfabrik wurden 1996 zwei deutsche Unternehmer verhaftet. Detlef Crusius war einer von ihnen. Auf einestages erinnert er sich an harte Monate im Knast und ein überraschendes Urteil.

AP

Von Detlev Crusius


Deutsche Medien berichteten am 20. August 1996 über die Lieferungen brisanter Technologien nach Libyen. "Auschwitz im Wüstensand" titelte "Bild". Zwölf Tage zuvor waren die Geschäftsführer eines Mönchengladbacher Unternehmens verhaftet worden. Die Staatsanwaltschaft warf den Verdächtigen Verstöße gegen das Außenwirtschafts- und Kriegswaffenkontrollgesetz sowie das UN-Embargo vor. Die Firma sollte zwischen 1990 und 1993 Anlagen der Firma Siemens und Software zur Mischung von Kampfgasen nach Libyen geliefert haben. Die Steuerungsanlagen, so lautete der Verdacht, könnten zur Produktion von Giftgas eingesetzt werden.

Das Gericht verurteilte Detlev Crusius am 30. Oktober 1997 zu vier Jahren und drei Monaten Haft. Sein Geschäftspartner kam mit dreieinhalb Jahren Haft davon. Strafmildernd waren die Geständnisse der Angeklagten gewertet worden. Sie erhielten Haftverschonung und mussten nach 15 Monaten Untersuchungshaft nicht mehr ins Gefängnis zurück. Seine Erlebnisse aus jener Zeit verarbeitete Crusius in einem autobiografischen Roman. Auf einestages erinnert er sich an den Tag seiner Verhaftung, den schockierenden Alltag im Untersuchungsgefängnis und den Moment der Urteilsverkündung.

Es war am 8. August 1996, kurz vor Mitternacht. An jenem Abend fuhr ich sehr langsam, war übermüdet. Die lange Fahrt von Dresden bis zum Niederrhein steckte mir in den Knochen. Am letzten Autobahnkreuz waren mir Scheinwerfer eines Pkw aufgefallen, der mir in mal längeren, mal kürzeren Abständen folgte.

Als ich die Abfahrt zu meinem Heimatort erreichte, folgte mir der Wagen. Er war dicht aufgerückt, doch ich beachtete ihn nicht weiter, ich wollte nur noch nach Hause und ins Bett. Als ich vor meiner Garageneinfahrt parkte, stellte sich der fremde Wagen quer hinter meinen. Aus dem Auto stiegen drei Personen aus. Meine Frau hatte das Hoflicht angelassen. Die dann folgenden Ereignisse liefen für mich wie in Zeitlupe ab.

Einer der Beamten hielt mir einen Ausweis und ein rotes Stück Papier vors Gesicht. Lesen konnte ich im spärlichen Licht der Hofbeleuchtung nichts. Er nannte auch seinen Namen, den ich aber nicht verstand. Er fragte nach meinem Namen und erklärte mir dann, ich sei wegen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und Verstoß gegen das UN-Embargo vorläufig festgenommen. Der jüngere Beamte durchsuchte mich, ich musste die Hände auf den Rücken nehmen, Handschellen klickten, und mit auf dem Rücken gefesselten Händen stand ich neben meinem Wagen.

Nicht umkippen!

Ich war nicht in Panik, es traf mich nicht unvorbereitet. Das alles hatte ja eine Vorgeschichte. Nur ein Satz ging mir immer wieder durch den Kopf: Nicht umkippen. Du darfst nicht umkippen!

Als ich protestierte, weil ich meiner Frau Bescheid sagen wollte, wurde mir gesagt, sie werde schon merken, dass ich nicht käme. Sie würde lange auf mich warten müssen, fügte der jüngere Beamte noch hinzu.

Die beiden fassten mich rechts und links am Ellbogen und führten mich die paar Meter zu ihrem quer stehenden Wagen. In diesem Moment öffnete sich die Haustür und meine Frau kam auf den Hof. Selbst im kümmerlichen Licht sah ich ihr Entsetzen. Ich bat sie, unseren Anwalt anzurufen, das sei in der jetzigen Situation wichtig. Es war kühl geworden und ich bat sie um einen Pullover aus dem Kofferraum. Ich wusste, dass mir eine lange, unangenehme Nacht bevorstand.

"Objekt 1 festgenommen"

Meine Frau sagte kein Wort. Sie kam zum Wagen und holte mir aus dem Kofferraum meinen Pullover. Die Frau, die bisher die Straße gesichert hatte, ließ sich den Pullover geben. Sie befingerte ihn und legte ihn auf den Rücksitz des Polizeiwagens.

Die Beamtin nahm einen Kindersitz von der Rückbank und verstaute ihn im Kofferraum. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen setzte ich mich unbeholfen auf den Rücksitz des Autos. Alle stiegen ein. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte Mitternacht.

Wir fuhren über dunkle Feldwege und dann auf die Autobahn. Über Funk verständigten sie sich mit einem anderen Fahrzeug, sagten: Objekt 1 festgenommen, keine Probleme. Dann aus dem Lautsprecher die Antwort: Objekt 2 festgenommen, keine Probleme.

Gesicht zur Wand

Nach einer Weile fragte ich, wo wir hinführen. Ins Präsidium nach Mönchengladbach, war die Antwort nach längerer Pause. Offenbar wollte man mich im Ungewissen lassen, wie es mit mir weiterginge.

Nach knapp einer Stunde erreichten wir Mönchengladbach, kamen auf den Ring, fuhren hinter dem Gerichtsgebäude in eine kleine Seitenstraße, bogen mehrmals nach rechts und links ab. Ein Eisentor rollte zur Seite, wir fuhren in einen Hof, der von grellen Scheinwerfern beleuchtet war. Obwohl ich noch nie hier gewesen war, wusste ich, wo ich mich befand. Im Gefängnis.

Ich musste aussteigen, wurde in einen Warteraum geführt. Justizbeamte in grünen Uniformen, drei oder vier, darunter eine Frau, erwarteten mich.

Ich musste mich an die Wand stellen, Gesicht zur Wand. Erneut wurde ich abgetastet, so routiniert wie eben vor der Haustür. Dann nahm man mir die Handschellen ab. Endlich konnte ich meine steifen Arme nach vorne nehmen und die Handgelenke massieren.

Schuhe aus

Dann sollte ich den Inhalt meiner Taschen in eine flache Holzkiste leeren. Ich stand auf, leerte meine Hosentaschen: ein 10-D-Mark-Schein und ein paar Münzen, das Wechselgeld vom letzten Rasthaus, meine Geldbörse, ein schmutziges Tempotaschentuch. Auch den Gürtel, Uhr, sogar den Ehering musste ich in den Kasten legen. Das Tempo durfte ich wieder einstecken.

Ein Beamter sagte mir dann, ich werde am nächsten Tag dem Haftrichter vorgeführt. Ich werde des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz beschuldigt, ich hätte eine sehr hohe Haftstrafe zu erwarten. Ich solle mal von fünfzehn Jahren ausgehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer nur wie ein Echo im Kopf - Nerven behalten.

Als ich meinen Anwalt sprechen wollte, wurde mir gesagt, das könne ich Morgen noch, dafür sei der Zoll zuständig. Dann forderten sie mich auf, mitzukommen. Zwei Beamte führten mich durch einen langen nur schwach beleuchteten Gang. Auf beiden Seiten waren Zellen, eiserne Türen. Vor einer der Türen machten wir Halt. Einer schob den Riegel zurück, ein Schlüssel wurde umgedreht. Ich musste meine Schuhe ausziehen.

Unsinnigerweise ging mir durch den Kopf, dass man das in altmodischen Hotels in der Schweiz immer noch so machte. Da werden nachts die Schuhe geputzt.

Die Vergangenheit hatte mich eingeholt

Die Zelle war etwa zwei mal drei Meter groß. Eine schwach leuchtende Glühbirne an der Decke in einem Drahtkorb, wie eine Stalllampe, beleuchtete nur spärlich den Raum. Links an der Wand eine schmale Pritsche, mit Plastikfolie überzogen. Auf der Pritsche lag eine graue Wolldecke. Links neben der Tür stand ein Toilettentopf, ohne Deckel und ohne Brille. An der Schmalseite der Zelle ein vergittertes Fenster, zusätzlich noch mit Maschendraht gesichert. Es war heiß und stickig in dem Raum. Das Fenster war geschlossen, es roch nach Schweiß, Urin und nach scharfen Reinigungsmitteln. Staub hing in der Luft.

Die Tür schlug zu. Der Schlüssel drehte sich knirschend im Schloss. Der Riegel wurde krachend vorgeschoben. Das Licht erlosch. Schritte entfernten sich.

Die Vergangenheit hatte mich eingeholt.

Es war schon so, wie die Staatsanwaltschaft ermittelt hatte. Aber da war noch ein bisschen mehr, was sie nicht ermittelt hatten, vielleicht auch nicht ermitteln durften. Einige der Beteiligten hatten gute Gründe dafür zu sorgen, dass nicht alles vor Gericht und in der Öffentlichkeit breitgetreten wurde. Wenigstens zum damaligen Zeitpunkt war ich der gleichen Meinung, denn ich hatte nur ein Ziel - die Sache so schnell wie möglich hinter mich zu bringen.

Zum Weiterlesen:

Detlev Crusius: "Absturz". Dittrich Verlag, Berlin 2010, 352 Seiten.



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