Kämpferin für Koreas Wiedervereinigung Heimlich zu den bösen Nachbarn

Kämpferin für Koreas Wiedervereinigung: Heimlich zu den bösen Nachbarn Fotos
Taskovski Films

Sie wollte Süd- und Nordkorea wieder vereinen und riskierte dafür ihr Leben: 1989 reiste die Studentin Lim Su Kyung auf eigene Faust in den Norden. Das kommunistische Regime feierte sie wie einen Popstar. Das rächte sich bei ihrer Rückkehr in die Heimat. Von

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Am Flughafen von Tokio hält Lim Su Kyung das erste Mal inne. Was passiert, wenn sie mich verhaften? Oder schlimmer noch, gleich nach der Ankunft erschießen? Was die Südkoreanerin im Juni 1989 vorhat, nennt sich im Gesetzestext ihres Heimatlandes "Flucht in feindliches Territorium". Im Klartext heißt es für die 21-jährige Studentin: Bevor sie ihre Mutter je wieder umarmen kann, wird sie mehrere Geburtstage, Weihnachtsabende und die ewig lange Zeit dazwischen in einer Zelle kauern. Falls sie die Reise überlebt.

Doch für ihr Ziel ist sie bereit, sogar ihr Leben zu riskieren. Es geht ihr um nichts Geringeres als die Wiedervereinigung Koreas.

Ihrer Regierung hatte die junge Frau ursprünglich versprochen, völlig ohne politische Absichten zu den "Weltfestspielen der Jugend und Studenten" ins nordkoreanische Pjöngjang reisen zu wollen. Als dennoch beide Volksparteien ihres Landes einstimmig dagegen votierten, wurde ihr schlagartig bewusst, wie wenig den Politikern ihres Heimatlandes trotz Lippenbekenntnissen an einer Annäherung beider Staaten gelegen war. Lim aber glaubte nicht an die Propaganda, die in ihrem Land über die Nachbarn verbreitet wurde. Sie wollte persönlich hinter die Fassade blicken.

Für 200 Kilometer rund um den Erdball

Von Tokio aus fliegt sie nach Westberlin. Von da ab verschwimmen ihre Erinnerungen zu einer nebulösen Abfolge von Standbildern: Die Grenzsoldaten an der Berliner Mauer, der Anschlussflug von Ostberlin. Rund um den Erdball jettet Lim Su Kyung, um nur 200 Kilometer Luftlinie von ihrer Heimatstadt entfernt zu landen: Am Morgen des 30. Juni 1989 erreicht ihr Flieger den Sunan-Flughafen nahe Pjöngjang.

Aus aller Welt strömen zur gleichen Zeit sozialistische Jugendgruppen zum Festival in die Stadt, das als das größte seiner Art in die Geschichte Nordkoreas eingehen wird. Nachdem Südkorea im Jahr zuvor die Olympischen Spiele in Seoul geschickt zur Selbstdarstellung genutzt hatte, wollte nun auch Nordkorea im Scheinwerferlicht der Weltbühne stehen.

Vor dem Koryo-Hotel im Stadtzentrum Pjöngjangs herrscht anarchisches Chaos: Tausende Männer schreien euphorisch, die Frauen tragen Blumen. In der ganzen Stadt verbreitet der Staatsapparat die Kunde von der Ankunft einer mysteriösen Studentin aus Südkorea. Aus den Lautsprechern vorbeifahrender Autos ertönen kräftige Stimmen: "Bürger von Pjöngjang! Lasst uns herzlich die südkoreanische Jugend begrüßen, die gegen ihre eigene Regierung kämpfen musste, um zu uns nach Pjöngjang zu kommen!"

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Menschenmassen strömen zum Hotel, in dem Lim Su Kyung untergebracht sein wird.

Masseneuphorie in Pjöngjang

Lim sitzt zu dem Zeitpunkt noch in einer Limousine, die sie in die Stadt bringen soll. Die Organisatoren des Festivals haben sie direkt vom Flughafen abgeholt, herzlich empfangen und für sie ein minutiös durchgeplantes Programm ausgearbeitet. Die Studentin selbst weiß noch nicht, was sie erwartet.

In der Menge vor dem Hotel schreit plötzlich jemand: "Sie ist hier!" Sekunden später stürmen Hunderte Menschen unkontrolliert in die Hotellobby. Unter ihnen ist Kim Chan Ku, ein ausgewanderter Südkoreaner, der seit 13 Jahren als Schiffskapitän in den USA lebt und gerade auf Geschäftsreise in Nordkorea ist. Fast vier Stunden hatte er im Gemenge vor dem Koryo-Hotel gewartet, sich die Sonne auf den Nacken brennen lassen, aufs Mittagessen verzichtet und sich sogar den Gang zur Toilette verkniffen - nur um die Ankunft des Mädchens aus dem Süden nicht zu verpassen.

Kim nutzt die Massenpanik, schmeißt sich instinktiv nach vorn und landet unverhofft im Fahrstuhl, direkt neben Lim Su Kyung. Er kann noch schnell ein Foto knipsen, bevor die Studentin im zweiten Stock des Hotels zu einer Pressekonferenz gebracht wird. Dort werden nur akkreditierte Journalisten reingelassen, doch der Kapitän reagiert geistesgegenwärtig: Er spricht fließend Englisch, trägt einen Camcorder bei sich - und ist dreist genug, sich als koreanisch-amerikanischer Reporter auszugeben.

Würde er seinen Freunden von der Situation berichten, sie würden ihn für verrückt erklären: Dutzende Journalisten starren gebannt auf eine 21-jährige Studentin in ausgeblichenen Jeans und kurzärmeligem grauen Shirt. Dieselbe 21-Jährige wird nur zwei Tage später eine Einladung zum Dinner aussprechen, der selbst der "Große Führer" Kim Il Sung folgen wird. Ihre Handgelenke werden mit blauen Flecken übersät sein wegen den Abertausenden Passanten, die sie persönlich berühren wollen. Lim Su Kyung wird die gesamten Feierlichkeiten mit ihrer Präsenz überschatten, wenn sie im größten Stadion der Welt, das eigens für das Jugendfestival errichtet worden war, einläuft und den Jubel von 150.000 Zuschauern empfängt.

"Unser Mutterland ist eins!"

Ein Vertreter des nordkoreanischen Fernsehens bricht die angespannte Stille im Hotel-Auditorium: "Sie hatten sicher Probleme mit dem nationalen Sicherheitsgesetz ihres Landes, das ja die Einreise nach Nordkorea untersagt hat. Stimmt das?"

"Natürlich habe ich mich strafbar gemacht", entgegnet Lim selbstbewusst: "Wenn ich nach Südkorea zurückkehre, werde ich wegen Infiltrierung feindlichen Bodens bestraft. Doch sobald das Festival endet, kehre ich zu meinen Eltern zurück - auch wenn ich dabei sterben sollte."

In einer Zeit, zu der Frauen in Nordkorea kaum öffentlich auftreten, hält eine südkoreanische Studentin eine frei improvisierte Rede, ohne Skript und mit unerhört souveräner Routine. Ihre Schlussworte hallen voll innbrünstigem Pathos durch das Auditorium: "Wenn die Studenten aus dem Norden und Süden weiter gemeinsam für die Wiedervereinigung kämpfen, wird es eines Tages passieren. Unser Mutterland ist eins!"

Eine moderne Jeanne d´Arc

Mehr als eine Woche lang läuft die Pressekonferenz fast ununterbrochen im nordkoreanischen Fernsehen. Am nächsten Abend sieht sie dort auch der argentinische Filmemacher José Luis García. Der 24-Jährige aus Buenos Aires hatte die Einladung zum Studentenfestival von seinem großen Bruder bekommen, einem Mitglied der peronistischen Jugend, und er hatte sie begeistert angenommen. Garcia hatte absolut keine Ahnung, was ihn in Pjöngjang erwarten würde.

Die bildhübsche Lim Su Kyung erinnert Garcia an eine moderne Jeanne d´Arc. "Der Kontrast konnte nicht größer sein: Was wir taten, war eine Art revolutionärer Tourismus. Doch für sie war es kein Spaß, sie opferte sich für ihre Idee", sagte der Regisseur später. Ihm sei klar gewesen, dass er einem historischen Moment beiwohnte. In Pjöngjang fasste er den Entschluss, Lim Su Kyung für die restliche Zeit in Nordkorea auf Schritt und Tritt mit seiner Videokamera zu verfolgen.

Der letzte Akt der koreanischen Ausnahmegeschichte spielt in Panmunjeom, dem am höchsten aufgerüsteten Grenzübergang der Welt, und wird live im Fernsehen ausgestrahlt. In ganz Nordkorea versammeln sich die Menschen vor den Fernsehgeräten und schauen gebannt, was passiert.

Mit Priestergeleit zur Grenze

Propagandamäßig inszeniert durchquert Lim Su Kyung die Waffenstillstandslinie in Richtung Süden. Viele befürchten, dass sie direkt hinter der Grenze erschossen wird. Um ihre Überlebenschancen zu erhöhen, wird sie von einem katholischen Priester aus Seoul begleitet. Wenige Meter vor der Grenze stimmt sie ein Vaterunser an. Doch niemand schießt. Lim wird auf südkoreanischer Seite von Soldaten abgeführt. Dann verschwindet sie von der Bildfläche.

"Millionen Nordkoreaner sahen damals zum ersten Mal eine Südkoreanerin, die eine junge Studentin war, zudem schön, schlau und mutig", erinnert sich Kim Chan Ku, der Schiffskapitän, 24 Jahre später. Durch Lim Su Kyung sei ihnen klar geworden, dass Südkorea nicht nur aus geldgierigen Großgrundbesitzern besteht, die eine bettelarme Bevölkerung unterdrücken. Und der südkoreanischen Bevölkerung habe sie gezeigt, dass Nordkorea nicht das böse Volk ist, zu dem es in in Schule und Fernsehen erklärt wird.

Für kurze Zeit gaben beide Seiten ihre gegenseitigen Vorurteile auf. Seitdem gilt Lim Su Kyung als "Blume der Wiedervereinigung".

Nordkorea nutzte die Popularität Lims, um aus ihr eine Art Propaganda-Superstar zu machen. Mitten in Pjöngjang ließ das Regime von ihrer "Blume der Wiedervereinigung" eine lebensgroße Statue errichten.

Suche nach Lim

Anfang der 2000er Jahre erinnert sich der Argentinier José Luis García wieder an Lim Su Kyung. Mittlerweile lebt er in Paris, ihre Geschichte aber hat ihn nie ganz losgelassen. Er versucht, die Südkoreanerin zu kontaktieren, und hofft, seine 1989 begonnene Dokumentation mit ihr beenden zu können. Doch Lim ist wie vom Erdboden verschwunden. Jeder Kontaktversuch schlägt fehl.

Nach langwieriger Recherche erfährt er, dass die Studentin 1989 nach ihrem Grenzübertritt in Südkorea umgehend in Haft genommen wurde. Neben Spionage wurde sie auch der Schmuggelei bezichtigt - weil sie nordkoreanische Schuhe trug, die man ihr schenkte, nachdem sie ihre alten verloren hatte. Nach dreieinhalb Jahren wurde Lim schließlich begnadigt. Die Verfechterin politischer Ideale verließ das Gefängnis als gebrochener Mensch. Da war sie nicht einmal 25 Jahre alt.

Nach ihrer Haftstrafe wurde sie von der konservativen Gesellschaft als kommunistische Verräterin geächtet. Die öffentliche Hetzjagd glich der Verfolgung von Kommunisten während der McCarthy-Ära in den USA. Sie selbst sagte später: "Ich habe keine Ideologie. Es ging mir immer nur darum, den schwachen Leuten zu helfen - denen, die leiden."

Rückzug in die Berge

In Lim Su Kyungs Leben folgte ein zweiter tragischer Wendepunkt: 2005 verunglückte ihr achtjähriger Sohn tödlich, und Lim zog sich daraufhin vollends aus der Gesellschaft zurück. Sie lebte in der abgelegenen Bergwelt Südkoreas in einem buddhistischen Kloster. Die "Blume der Wiedervereinigung" schien verwelkt.

Zu ihrer politischen Vitalität fand sie dennoch zurück: Heute ist die 44-Jährige Abgeordnete in Seoul, unterrichtet nebenbei an einer Universität und moderiert eine Radiosendung.

Ihr größter Lebenstraum, die Wiedervereinigung, scheint trotz des nordkoreanischen Machtwechsels nach wie vor in weiter Ferne. Die junge Generation fühlt sich dem nördlichen Nachbarn immer weniger verbunden, sondern sieht in ihm vor allem eine wirtschaftliche Belastung, die den neugewonnenen Wohlstand gefährde. Laut aktuellen Schätzungen eines regierungsnahen Instituts würde eine Wiedervereinigung allein im ersten Jahr bis zu 240 Milliarden US-Dollar kosten, nach einer Dekade gar 2,4 Billionen.

Garcías Dokumentarfilm über die Ereignisse von 1989 wurde 2012 beim Filmfestival in Toronto aufgeführt. Er hatte Lim Su Kyung doch noch gefunden und war zu ihr nach Seoul gereist. Wenige Monate später besuchte sie ihn in Buenos Aires. Heute sagt der Regisseur über die vergessene Volksheldin: "In Südkorea ist alles nur schwarz oder weiß. Lim Su Kyung versuchte ihr Leben lang verzweifelt, grau zu sein."

Zum Weiterschauen:

José Luis García: "The Girl From The South". DVD, Taskovski Films, Argentinien 2012.

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1.
Jochen Lembke 11.03.2013
Vielen Dank für diesen Artikel! Es scheinen gerade solche mutigen, ausgefallen Aktionen mit hohem Symbolwert besonders viel zu erreichen und die Menschen zu bewegen, auch wenn man dafür einen Preis bezahlen oder aber ungewöhnlich viel an Ideen und Fleiß investieren muss! Ich hoffe, ich darf mir erlauben darauf hinzuweisen, dass ich Anfang Mai zu einer sehr spektakulären Europareise mit dem Fahrrad für Frieden, Einheit und soziale Gerechtigkeit aufbrechen möchte und in 40 Hauptstädten des Kontinents eine Petition dazu überreichen möchte, ich nenne diese Reise wie meinen gleichnamigen Song dazu "A Long Line Of Hearts", Herzen, die ich erreichen möchte - und dieser Artikel hat mich dahingehend sehr berührt! http://jochenlembke.wordpress.com/2013/02/11/mein-neustes-projekt-2/
2.
oli müller 11.03.2013
Kann mir jemand sagen, ob und wenn ja wo man diese interessante DVD erwerben kann? Habe grösstes Interesse, aber im Internet keinen Anbieter gefunden - freue mich über Tips!!
3.
Christoph Hübener 11.03.2013
Wo ist die genannte DVD erhältlich? Amazon bietet sie nicht an... :-(
4.
Hartmut Braun 11.03.2013
Zitat: "In Südkorea ist alles nur schwarz oder weiß. Lim Su Kyung versuchte ihr Leben lang verzweifelt, grau zu sein." Ja, das kommt mir bekannt vor. Auch im Analogon Westdeutschland ist sogar heute noch die Schwarz-Weiß-Sicht auf das Rote oder den ehemals "grauen Osten" weit verbreitet.
5.
Siegfried Wittenburg 11.03.2013
"Auch im Analogon Westdeutschland ist sogar heute noch die Schwarz-Weiß-Sicht auf das Rote oder den ehemals "grauen Osten" weit verbreitet." Dieses resultiert allerdings aus der Schwarz-Weiß-Sicht der Roten, die graue Zwischentöne nicht wahrhaben bzw. beseitigen wollen.
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