"Glücksrad"-Show Am ganz großen Rad drehen

Hübsche Buchstabenfeen, kniffelige Redewendungen und schrille Kandidaten: 1988 kam das "Glücksrad" ins Fernsehen. Zum ersten Mal vereinte eine Spieleshow wirklich die ganze Familie vor der Glotze. Lars Wöhrmann erinnert sich an seine glücklichsten Stunden vor dem Flimmerkasten.

DPA

Ich war 1988 elf Jahre alt. Es gab noch nicht viel, was ich abends hätte machen können. Von Montag bis Freitag gab es außer zweimaligem Handballtraining nicht viel zwischen draußen herumtoben und gleich nach der Tagesschau ins Bett gehen. Wir Kinder waren davon ein eigenes Fernsehgerät mit Spielkonsole auf dem Zimmer zu besitzen, ungefähr soweit entfernt wie Helmut Kohl vom Ende seiner Bundeskanzlerschaft. Doch mit einem Mal kam eine Fernsehshow, die unseren tristen Alltag aufhellte: das "Glücksrad".

Diese Spielshow entpuppte sich als ein Glücksgriff für die ganze Familie. Vom Enkel bis zur Oma hatten alle Familienmitglieder endlich den kleinsten gemeinsam Nenner in Sachen Fernsehunterhaltung gefunden. Der Oma war "Wetten dass..?" immer zu flippig gewesen, und sie mochte die vielen englischsprachige Gäste nicht. Den Eltern waren die Fragen beim "Großen Preis" zu schwierig, und wir Kinder konnten mit Karl Moik nichts anfangen. Beim "Glücksrad" dagegen war für jeden was dabei: Vater erfreute sich an der hübschen Buchstabenfee, Oma fand in Frederic Meisner und Peter Bond die idealen Schwiegersöhne, und alle anderen konnten zumindest prima mitraten.

Das Mitraten war sowieso das Tollste am "Glücksrad". Eifrig wurde schon zu Beginn vermutet, ob das erste aus drei Buchstaben bestehende Wort der, die oder das war. Blöd nur, wenn sich hinter der geheimnisvollen Umschreibung "Redewendung" die Lösung "Ein Unglück kommt selten allein" befand und das sicher geglaubte "D wie Dora" mit einem "MÖÖÖÖÖÖÖÖP"-Signal und einem irritierten Blick des Kandidaten endete.

Die Kandidaten

Die Kandidaten waren ganz grob in drei Kategorien zu unterteilen. Die erste Kategorie war der "Normalo". Schwungvolles Drehen, gutes Gefühl für die richtigen Buchstaben ,dennoch kein "Durchstarter", aber auch kein "Nixblicker". Diesem Kandidaten drückte man am meisten die Daumen, ein Sympathikus durch und durch.

In der zweiten Kategorie befanden sich Kandidaten, die wahrscheinlich schon in ihrer Schulzeit gehänselt und im Sportunterricht immer als Letztes gewählt wurden. Passend dazu trugen diese Kandidaten häufig sehr farbenfrohe Oberteile, welche durch mehr Farben als der SAT.1-Ball oben in der Ecke bestachen. Allerdings waren die Muster dieser Oberteile deutlich vertrackter - was sich zwangsläufig auf das Gemüt niedergeschlagen haben musste. Anders ist es nicht zu erklären, dass statt Konsonanten Vokale genannt und trotz eindeutiger Lösungsvermutung ein Vokal ("ich kaufe ein E - 'bing bing bing'") gekauft wurde, der die Gesamtsumme erheblich schmälerte. Zumeist endeten Vertreter dieser Gruppe (wenn nicht kurz vor der Lösung das Bankrott-Feld vor ihnen stehen blieb) mit 300 bis 750 Mark.

Imponiergehabe vor eingespieltem Applaus

Ganz im Gegensatz zu Kandidaten der Gruppe drei: den "Großkotzen". Auf der Beliebtheitsskala ganz unten angesiedelt, machten diese Kandidaten meist einen Durchmarsch in der dritten Runde, in der auch noch die höchsten Beträge auf dem Rad zu erdrehen waren. Doch damit nicht genug - der Umsatz war so groß, dass der Kandidat am Ende nicht einzelne Gegenstände aus der dritten Palette aussuchte, sondern nonchalant "Ich nehme die ganze dritte Palette sowie den Geschirrspüler, das Service und das Mountainbike von der Palette Nummer zwo" verlauten ließ.

Die Krönung war das Imponiergehabe, gegenüber den anderen Kandidaten, bevorzugt aus Gruppe zwei, die nichts, aber auch gar nichts gewonnen hatten. "Für Erwin, der heute leider leer ausgegangen ist, nehme ich noch den CD-Player", brabbelte der Sieger in die Kameras. Es folgte eine Belobigung durch Herrn Meisner oder Herrn Bond und eingespielter Applaus, der durch das echte Publikum unterstützt wurde, während alle insgeheim nur dachten: Mann, was für ein arroganter Typ.

So oder zumindest so ähnlich ging es viele Jahre für Millionen von Zuschauern. Ab 1991 wurde der Samstag ebenfalls zum "Glücksrad"-Tag, und gegen Ende des Jahres kam sogar der Sonntag dazu. "Glücksrad" an sieben Tagen in der Woche - herrlich! Sogar neue Spielrunden konnten erfolgreich integriert werden. Die "Bonusrunde" war fortan mein persönliches Show-Highlight, während das "Glücksrad inzwischen als Dauerwerbesendung ausgezeichnet werden musste.

Ich verstand das damals nicht. Nur weil der Kommentator aus dem Off unglaublich lange und ausführliche Produktinformationen vorlas, wurde um den SAT.1-Ball in der Ecke "Dauerwerbesendung" eingeblendet. Ob es das Wort "Dauerwerbesendung" jemals zu erraten gab, kann ich leider nicht mehr rekonstruieren.

Ernstl und das Ende

In der Bonusrunde jedenfalls standen alle drei Kandidaten zusammen vor dem Ratepult, um eine Art Kreuzworträtsel - zwei Begriffe waagerecht, drei senkrecht - zu erraten. Jeder Kandidat durfte sich nun zwei Buchstaben, insgesamt fünf Konsonanten und einen Vokal, aussuchen. Häufig wurde dabei bereits vom ersten Kandidaten das "Ernstl" gewählt.

Alle freuten sich, Peter Bond und Frederic Meisner freuten sich auch und sagten so etwas wie "Ahhh, das beliebte Ernstl". Dann war die Welt irgendwie in Ordnung. Wenn die Kandidaten noch das Kreuzworträtsel lösten und die bunten SAT.1-Bälle von der Decke auf sie herabprasselten - was ich eigentlich immer eher als Strafe anstatt als Belohnung empfand - durften sie sich den Jackpot teilen. Selbst Kandidaten der Gruppe zwei konnten so noch einen Gewinn abgreifen, auch wenn Kandidat drei sie nicht arrogant belohnt hatte.

Die späteren "Glücksrad"-Zeiten, in denen Sonya Kraus Maren Gilzer ablöste und die Show von SAT.1 über Kabel 1 zu 9 live wanderte, möchte ich hier gezielt ausblenden. Denn ebenso wenig wie das ursprüngliche Team saß dort noch die ursprüngliche Familie vor dem Fernseher und versuchte, die Rätsel zu lösen.

Ich selbst kam in ein Alter, in dem ich mich eher für das andere Geschlecht als fürs "Ernstl" interessierte, und auch Oma konnte nicht mehr so recht Konsonant von Vokalen unterscheiden und sagte mindestens so viele Buchstaben doppelt wie der Trottelkandidat Nummer zwei. So schön wie in der Zeit von 1988 bis 1998 wurde es nie wieder vor dem Fernseher.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Robert Bender, 06.04.2010
1.
Hinweis zur Korrektur: Die neue Runde, die in den 1990-er Jahren zum Glücksrad hinzu kam, heißt nicht "Bonusrunde" sondern "Superspiel". Die Bonusrunde gab es seit jeher und war die letzte aller Runden, in denen allein der Tagessieger um ein Auto oder eine Traumreise spielte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.