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Goebbels und die Frauen Der Bock von Babelsberg

Goebbels und die Frauen: Der Bock von Babelsberg Fotos

Wenn er nicht gerade hetzte, säuselte er: Hitlers Chefpropagandist Joseph Goebbels hatte Schlag bei Frauen. Vor allem bei solchen, die sich einen Karrierekick erhofften. Doch zu niemandem hielt der Minister so treu wie zum "Führer" - Schauspielerin Lida Baarova sollte das zu spüren bekommen. Von

Sie hießen Agnes und Anneliese. Charlotte, Erika und Hannah. Julia, Tamara und Xenia - Frauen, die eines gemein hatten: jung, intelligent, hübsch. Und die einen Mann liebten, der gar nicht dem Bild eines attraktiven Kerls entsprach. Joseph Goebbels war klein, spindeldürr, sein rechter Fuß war von Jugend an stark deformiert, er musste orthopädisches Schuhwerk tragen.

Aber Goebbels war ein Charmeur, ein Lächler, er hatte Humor und seine Stimme einen weichen Klang - wenn er nicht gerade als Propagandaminister der Nazis und antisemitischer Hetzer in ein Mikrofon schrie. Und da das Sprachrohr des "Führers" Adolf Hitler auch oberster Zensor der Filmindustrie war, schleppte er regelmäßig gutaussehende Nachwuchssternchen aus den Potsdamer Ufa-Studios ab. Macht macht sexy. Bald hatte er einen Spitznamen weg: "Bock von Babelsberg".

Die willigen Damen hofften auf einen Karrierekick, Goebbels auf eine Art Erlösung: "Mein Eros ist krank", schrieb er in sein Tagebuch. "Jedes Weib reizt mich bis aufs Blut. Wie ein hungriger Wolf rase ich umher."

Deal mit Hitler

Seine erste große Liebe, vielleicht die einzig wirkliche in seinem Leben, war zwei Jahre älter als er. Über Anka Stalherm, die er während des Studiums in Freiburg kennengelernt hatte, kam Goebbels erstmals in näheren Kontakt zu einer Gesellschaftsschicht, von der er sich ein Leben lang ausgegrenzt fühlte - dem Bildungsbürgertum. Immer wieder waren sie - mit großen Pausen - über Jahre hinweg zusammen, heiraten jedoch wollte sie ihn nicht. "Wie dumm sie war!", notierte er 1933. "Heute wäre sie die Frau des Propagandaministers. Wie sie sich ärgern muß."

Zu diesem Zeitpunkt ist Goebbels längst Ehemann einer "schönen Frau mit Namen Quandt", Magda Quandt, der Ex-Gattin des schwerreichen Industriellen Günther Quandt. Sie hatte für Goebbels ehrenamtlich als Sekretärin in der Berliner Gau-Geschäftsstelle gearbeitet und war mit einer ganz besonderen Aufgabe betraut - geheime Dossiers über Parteifeinde und Parteifreunde zu verwalten. In der Reichshauptstadt lernte sie schnell den "Führer" kennen, auch Hitler erlag offenbar der Faszination der 30-Jährigen. Der an der Londoner Universität lehrende deutsche Zeitgeschichtler Peter Longerich, der gerade eine große Goebbels-Biografie vorgelegt hat, glaubt, dass es mehr als nur Schwärmerei war - Hitler soll sich selbst in Magda Quandt verliebt haben.

Nach Gesprächen unter Männern habe Hitler schließlich verzichtet - und "hinter Goebbels' Rücken", so der Historiker, die Hochzeit eingefädelt. "Hitler weint vor Freude", hielt Goebbels fest. "Er sagt, seien Sie glücklich und bleiben Sie mein guter Freund. Das habe ich ihm versprochen."

"Ich verwaschlappe"

Fortan spielte Magda Goebbels im Berliner Politikbetrieb eine wichtige Rolle, sie galt als heimliche "First Lady". Hitler besuchte das Paar häufig, ließ sich von ihr bekochen - und bewundern. Dieser enge private Kontakt, diese "Dreieckskonstellation" (Longerich), stärkte die Position von Goebbels, der sich des Öfteren die Kritik der NS-Führungsriege zuzog. Auch als er sich gegen einen Gesetzentwurf aussprach, wonach Ehebruch verboten und mit einer Gefängnisstrafe von zehn Jahren geahndet werden sollte. Dies sei "weltfremder Quatsch".

Stattdessen empfahl Goebbels etwa bei anstehenden Ehescheidungen ein Jahr Probezeit, "dann neuer Antrag. Viele Ehen würden dann nicht geschieden". Parteigenossen aus der Chefetage hielt er für unfähig, sich auf eine solche Ehestrategie einzulassen: "nichts zu machen: Da sind die Frauen zu dumm und zu plump, um ihre Männer zu halten". Goebbels forderte außerdem, dass Bordelle geöffnet bleiben sollten. Und "etwas erotische Literatur" sei auch vonnöten - "sonst haben wir am Ende nur 175er". Paragraf 175 des Strafgesetzbuches verbot alle homosexuellen Handlungen.

Der schmale Trommler und das weibliche Geschlecht, ein unerschöpfliches Thema. Ständig habe sich Goebbels "in die unterschiedlichsten Frauen" verliebt, schreibt Longerich, häufig hätte er zwei oder drei Affären gleichzeitig gehabt. Einmal beschloss Goebbels eine "Radikalkur": "Schluss ... ich verwaschlappe sonst." Oder er nahm sich vor: "Ich muss von den Frauen weg zu einer Frau."

"Führer" griff ein

Magda war die eine - die andere hieß Lida Baarova. Es sollte eine ganz ernste Sache werden, so ernst, dass Goebbels mit dem Gedanken spielte, wegen der jungen Ufa-Schauspielerin, die im Film "Die Stunde der Versuchung" als Vamp auftrat, seine politische Karriere zu beenden.

Die Tschechin Baarova, die er liebevoll "Liduschka" nannte, war liiert mit dem Kollegen Gustav Fröhlich - was sie nicht hinderte, sich mit Goebbels einzulassen. Beide trafen sich, so oft es ging, in ihrer Wohnung am Kurfürstendamm, aber auch in aller Öffentlichkeit.

Er habe es nicht nötig, meinte Goebbels, "vor der verlogenen Moral der Spießer zu kuschen"; "Bettschnüffeleien" und prüde Parteigenossen, die am "liebsten Keuschheitskommissionen" eingesetzt hätten, waren ihm zuwider. "Weiberskandale sind die am wenigsten gefährlichen, weil sie die natürlichsten sind", sagte er - der Versuch aber, sich auf diese Weise von einer Schuld freizusprechen, hatte nur eine kurze Halbwertszeit.

Magda Goebbels, die sich zum Ausgleich einen Geliebten aus Goebbels' unmittelbarer dienstlicher Umgebung genommen hatte, informierte Hitler - eine Ehe zu dritt, wie sie die Baarova angeblich vorgeschlagen hatte, lehnte sie grundweg ab. Und der "Führer" griff ein. Er ordnete an, dass der technische Nachrichtendienst "Forschungsamt", er unterstand dem Reichsluftfahrtminister Hermann Göring, keinem wirklichen Goebbels-Freund, das Telefon der jungen Diva abzuhören habe. Die Gespräche wurden aufgezeichnet, ein einziges ist überliefert. Goebbels musste ein Schäferstündchen absagen - und säuselte ins Telefon: "Ich wäre jetzt lieber bei dir im Bett als auf dieser langweiligen Parteikundgebung."

Ende einer Karriere

Hitler befahl schließlich das Ende dieser Liaison, Goebbels gehorchte - Staatsräson. Lida Baarova wurde weggeekelt. Als ein neuer Film mit ihr Premiere hatte, kam es zu Tumulten im vollbesetzten Kinosaal, bestellte Krawallmacher riefen: "Raus, Ministerhure, raus!"

Die Schauspielerin erlitt einen Nervenzusammenbruch, der Streifen wurde sofort abgesetzt, es war ihr Ende als Künstlerin im Nazi-Deutschland. Bevor sie nach Prag flüchten konnte, hatte ein Vertragsarzt der Ufa ihr attestiert, sie leide an einem "Herzklappenfehler". Eine bestellte Diagnose.

Goebbels' Erotomanie legte sich, als im September 1939 der Zweite Weltkrieg begann. Und als der endete, im Mai 1945, verübten er und seine Frau wenige Stunden nach Hitler Selbstmord. Zuvor hatte Magda Goebbels mit Hilfe zweier SS-Ärzte ihre sechs Kinder getötet - all ihre Vornamen begannen mit H, H wie Hitler.

Zum Weiterlesen:

Peter Longerich: "Joseph Goebbels - Biographie". Siedler Verlag, 2010, 910 Seiten.

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Gerda Fritzsche, 25.11.2010
Goebbels, Himmler, Hitler, und besonders Göring - welchen Wahn hat diese Gestalten getrieben, sich einer auserwählten Herrenrasse zugehörig zu fühlen? Beim Schönheitswettbewerb hätte doch die ganmze Sippschaft - auch die Damen samt First Lady Magda Goebbels - nur hinter der Kulisse auftreten dürfen!
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