Nuklearkatastrophe in Brasilien Verführt vom Schimmer des Todes

Nuklearkatastrophe in Brasilien: Verführt vom Schimmer des Todes Fotos
Corbis

September 1987 im brasilianischen Goiânia: Nicht entsorgtes Cäsium-137 aus einer Strahlenklinik gelangt in die Hände einfacher Leute. Die halten das hochradioaktive Material für hübschen Deko-Stoff. Sie reiben es sich auf die Brust, tragen kleine Brocken als Talisman - und verseuchen unbemerkt einen ganzen Landstrich. Von

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Schon als sich der Leichenwagen dem Friedhof näherte, begann die Menge mit Steinen zu werfen. Sie riefen etwas, immer wieder. Es war der 25. Oktober 1987, und der gepanzerte Wagen transportierte den Körper der sechsjährigen Leide das Neves Ferreira zu ihrer letzten Ruhestätte - dem Parkfriedhof von Goiânia. Die Demonstranten rissen Kreuze von Gräbern ab und schleuderten sie in Richtung der Toten, doch Polizisten schirmten die Zeremonie ab. Noch immer klangen die Sprechchöre des Mobs über den Friedhof, während Leide in die Erde hinabgesenkt wurde.

Sie war umgeben von einem 700 Kilogramm schweren Block aus Blei und Beton. Nicht, um sie vor den Angriffen der Menschen zu schützen - sondern um die Menschen vor ihr zu schützen.

Leide war das erste Todesopfer einer Strahlenkatastrophe in der brasilianischen Millionenstadt, die als "Goiânia-Unfall" in die Geschichte einging - und sie sollte nicht das letzte Opfer bleiben. Nur ein Jahr nach Tschernobyl ereignete sich hier eine Tragödie: Ganze Stadtteile wurden verseucht, eine Nation gespalten, etliche Menschen kostete es ihre Gesundheit oder ihr Leben. Dabei hatte alles ganz unscheinbar begonnen - mit zwei Müllsammlern und ihrer Schubkarre.

25 Dollar Lohn für eine Nuklearkatastrophe

Am Abend des 13. September 1987 drangen der 19-jährige Altpapiersammler Wagner Pereira und sein Freund Roberto Alves in die Ruine des Instituto Goiâno de Radioterapia ein. Seit ein paar Jahren stand das Zentrum für Strahlentherapie leer, der Bundesstaat Goiás hatte das Gelände gekauft, das Gebäude aber noch nicht abgerissen. Anfangs hatten noch Sicherheitsleute den Bau bewacht - doch im Januar 1987 waren sie verschwunden. Niemand schien sich mehr für die Klinik zu interessieren außer ein paar Obdachlosen und Plünderern auf der Suche nach etwas Altmetall, das sie zu Geld machten konnten. So wie Wagner und Roberto.

An diesem Abend schien das Glück auf ihrer Seite: Hinter einer schweren Panzertür entdeckten sie eine tonnenschwere Apparatur - viel zu groß, um sie auf der Schubkarre fortzuschaffen. Also brachen sie das Gerät auf, in der Hoffnung, darin kostbare Bauteile zu finden. Und tatsächlich: Sie brachten einen glänzenden Stahlzylinder zum Vorschein, einen halben Meter im Durchmesser und über 130 Kilogramm schwer. Begeistert brachten sie ihren Fund zu Robertos Haus. Keinem von beiden schien bewusst zu sein, dass sie gerade ein Strahlentherapiegerät geöffnet hatten - und dass die glänzende Kapsel, die sie nach Hause rollten, hoch radioaktiv war.

Immerhin ahnten sie, dass sich im Inneren des Zylinders etwas Wertvolles befinden musste. Tagelang hämmerten sie auf dem Metallstück herum, versuchten, es aufzubrechen. Inzwischen ging es den Männern immer schlechter: Beide mussten sich übergeben, litten an Durchfall. Wagners Hand schwoll an, doch sein Arzt diagnostizierte nur eine Allergie. Der Zylinder hingegen stellte sie vor ein unlösbares Problem. Am 18. September gaben sie auf und karrten den Zylinder, in einen alten Teppich gewickelt, zu dem Schrotthändler Devair Alves Ferreira. Er bot ihnen 1600 cruzados - damals etwa 25 Dollar - für das Altmetall, und sie nahmen dankend an.

"Dieses Zeug tötet meine Familie"

Tief in der Nacht wachte der Schrotthändler Ferreira auf. Er stand auf, ging hinaus - und sah, so der SPIEGEL vom 12. Oktober 1987, ein "hübsches blaues Licht", das aus seiner Garage schien. Es kam aus einem Loch, das Wagner und Roberto in den Zylinder gebohrt hatten. Ferreira war sicher: Was auch immer im Inneren war, musste wertvoll, vielleicht sogar übernatürlichen Ursprungs sein. Aufgeregt ließ er den Zylinder aufbrechen - und legte einen Stein frei, der bei Berührung zu fluoreszierendem Puder zerfiel. Ferreira beschloss, aus Teilen des Leuchtsteins einen Ring für seine Frau machen zu lassen. Er ahnte nicht, dass er einen Block Cäsium-137 freigelegt hatte - das gleiche radioaktive Isotop, dass ein Jahr zuvor aus dem Kraftwerk Tschernobyl in die Umwelt gelangt war und verheerende Schäden angerichtet hatte.

Stolz lud Ferreira Nachbarn, Freunde und Verwandte ein, um ihnen den Wunderstein vorzuführen. Alle staunten über das Pulver, das im Hellen glitzerte und bei Dunkelheit leuchtete. Sie schminkten sich damit wie mit dem Glitter, den sie sonst zum Karneval auftrugen. Ein Bruder Ferreiras malte sich mit dem Staub ein leuchtendes Christuskreuz auf den Körper. Großzügig verschenkte Ferreira Splitter seines Steins an Besucher, die sie zu Hause als Schmucksteine aufstellten. Einer von ihnen war Ivo, ein weiterer Bruder des Schrotthändlers. Er dekorierte mit dem Cäsium-137 seinen Esstisch, ließ seine kleine Tochter Leide damit spielen.

Da das Cäsium Feuchtigkeit anzieht, klebte es an den Körpern von Ferreiras Besuchern fest - und verbreitete sich so unbemerkt weit über die Stadt hinaus. Ferreiras Bruder Odesson, ein Busfahrer, trug die Partikel in öffentliche Busse. Ein Schrottplatzmitarbeiter verschleppte das Cäsium in seine Heimatstadt Anápolis. Teile der verstrahlten Metallkapsel wurden verkauft und tauchten auf einem 130 Kilometer entfernten Bauernhof und in einer Druckerei wieder auf. Sogar in einer Papierfabrik im rund 800 Kilometer entfernten Sao Paulo wurden später Spuren von Cäsium-137 gefunden.

Maria Ferreira, die Frau des Schrottplatzbesitzers, schöpfte als erste Verdacht: Sie und viele ihrer Freunde wurden krank, litten an Durchfall und Übelkeit. Am 21. September ließ sie sich im São Lucas Hospital untersuchen, doch wie bei Pereira und Alves wurde nur eine Allergie diagnostiziert. Sie glaubte, ein Softdrink habe sie und ihre Besucher krank gemacht und ließ eine Probe untersuchen - ohne Ergebnis.

Am 28. September schließlich ahnte sie, dass die Krankheit von dem leuchtenden Stein herrührte. Mit dem Cäsium-137 in einer Tüte, so der Abschlussbericht der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) von 1988, fuhr sie im Bus zum Krankenhaus, wo sie erklärte: "Dieses Zeug tötet meine Familie!"

"Schlimmer als Tschernobyl"

Da das Krankenhaus über keine Strahlungsmessgeräte verfügte, wurde am nächsten Tag der Physiker Walter Mendes Ferreira zur Hilfe gerufen. Er hielt seinen Szintillationszähler zunächst für defekt, denn schon, bevor er überhaupt das Krankenhaus erreicht hatte, schlug das Gerät voll aus. Er erreichte die Klinik gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, dass die von den besorgten Ärzten alarmierte Feuerwehr das Cäsium-137 mitnahm, um es in einem Fluss zu entsorgen. Sofort veranlasste er die Evakuierung des Krankenhauses.

Nun erst wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe erkennbar: Komplette Viertel wurden abgesperrt, Hunderte Menschen evakuiert. Notdürftige Messtrupps in Overalls und Turnschuhen versuchten, Strahlungsherde zu finden - und verschleppten dabei selbst die Kontamination. Die Mutter eines Erkrankten hatte kurzerhand einen Cäsium-137-Brocken in der Toilette runtergespült und damit die Kanalisation verseucht. Hubschrauber mit Messgeräten überflogen Goiânia. Auf Ferreiras Schrottplatz wurde eine Strahlendosis von 1000 Rem pro Stunde gemessen. Zulässig waren 5 Rem - pro Jahr. Mehr als 112.000 Bewohner ließen im Olympiastadion ihre Strahlenbelastung testen, Häuser wurden abgerissen, Tonnen von Erdreich aus Gärten und Parks abgetragen. Rex Navare Alves, Leiter der Atomenergiebehörde CNEN, bezeichnete den Unfall "schlimmer als Tschernobyl".

Am schlimmsten jedoch war das menschliche Leid: 249 Menschen waren so schwer verstrahlt, dass sie unter Quarantäne gestellt werden mussten. Schwerverletzte mussten in ein Marinekrankenhaus nach Rio de Janeiro transportiert werden. Die erste Tote war die sechsjährige Leide, die am 23. Oktober starb. Ihr Körper hatte eine Strahlendosis von 3000 Rem aufgenommen - schon ein Sechstel der Menge ist für einen Menschen tödlich. Die Frau des Schrotthändlers Devair Ferreira starb nur wenige Stunden nach ihr, am 26. Oktober erlagen zwei Schrottplatzmitarbeiter Ferreiras den Strahlungsschäden. Etlichen Betroffenen mussten Glieder amputiert werden - etwa dem Schrottsammler Roberto Alves, der einen Arm verlor. Offiziell wurde von vier Toten gesprochen, doch bis heute gibt es in der Bevölkerung von Goiânia Missbildungen und Erbschäden. Rund 500 Menschen leiden noch immer an den Folgeschäden des Unfalls.

Als die Todesfälle bekannt wurden, erfasste endgültig eine Welle der Panik Brasilien: Die anderen Bundesstaaten weigerten sich, die 3500 Kubikmeter radioaktive Trümmer, Möbel, Erde, Autos, Kleidungsstücke aus Goiânia auf ihren Deponien einzulagern. Reisende aus Goiânia wurden außerhalb ihrer Heimatstadt aus Angst vor Strahlung aus Hotels geworfen. Niemand in Brasilien wollte mehr Nahrungsmittel oder Kleidung aus Goiânia kaufen - die Umsätze der örtlichen Industrie gingen um 40 Prozent zurück. Alves beschwichtigte, die Lage sei "unter Kontrolle". Doch die Angst blieb.

Nirgendwo war dies mehr zu spüren als am 25. Oktober, bei der Beerdigung von Leide das Neves Ferreira. Denn die Demonstranten, die an jenem Tag die Zeremonie übertönten, beklagten nicht die Verantwortungslosigkeit der Regierung, die die radioaktiven Gefahrenstoffe auf dem Klinikgelände nicht entsorgt hatte. Sie griffen auch nicht die ehemaligen Betreiber des Therapiezentrums an, die ihr Gerät dort zurückgelassen hatten. Was die Demonstranten immer wieder riefen, war: "Wir wollen nicht verseucht werden!" Sie wollten verhindern, dass der verstrahlte Körper der kleinen Leide in ihrer Stadt endgelagert wurde.

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insgesamt 21 Beiträge
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1.
Britta Beatrix Hansen, 29.09.2012
Null Beiträge? Ich bin entsetzt! Natürlich: welch eine Unverantwortlichkeit seitens der Behörden und Institutionen, die ja wohl über die mit den in dem Zylinder verborgenen Gefahren bekannt waren. Den Menschen, die das Glitzer-Zeug verwendet haben, ist kein Vorwurf zu machen. Es ist eine furchterregende Geschichte über die zerstörerische Kraft von nuklearem Material, wenn es in die falschen Hände gerät. Schon aus diesem Grund: Atomkraft, nein danke!
2.
Fritz Steiner, 01.10.2012
Es handelt sich wohl um den Isotop 137 des Elements Cäsium. Die Halbwertszerfallzeit, also die Zeit, nach der die Radioaktivität halbiert wird, beträgt etwa 30 Jahre. Die kurze Zerfallszeit ist auch die Ursache starker Strahlung-es werden viele Betateilchen abgegeben. Es sind überwiegend freie Elektronen, die mit hoher Geschwindigkeit alles ionisieren und das ist dann auch die Ursache der Gesundheitsschaden. In 30 Jahren halbiert sich die Menge des Isotops, aber das ist mit der Lebenszeit der Menschen durchaus vergleichbar- bleibt also sehr lange gefährlich. Ich kann mir eine solche Menge von dem Isotop ohne Aufsicht garnicht vorstellen. Wir haben selbst Milligramms solcher Stoffe penibel in Büchern geführt und streng überwacht.
3.
Mechthild Müller, 30.09.2012
>Null Beiträge? Ich bin entsetzt! ....... Ich werde den Artikel kopieren und ihn bei Gelegenheit unverbesserlichen Atomenergie-Befürwortern mal unter die Nase halten... Unglaublich ist, dass bereits nach so kurzer Zeit kein Mensch mehr auf die Hinterlassenschaften dieser Branche aufgepasst hat - was ist dann in Hundert bzw. Tausenden von Jahren erst damit wohl los????
4.
Jens-Thomas Rueckert, 30.09.2012
Liebe Frau Hansen, Furchterregend ist eher die Konsequenz von Gutmenschen ohne Fachwissen wie ihnen, die letzten Endes leben kostet. Natürlich ist der Unfall von Goiana auf Inkompetenz und Schluderei zurückzuführen. Natürlich ist jeder Tote und Verletzte einer zuviel. Sie sollten allerdings wissen, dass ein Verzicht auf Nukleartechnologie als solches auch einen Verzicht auf Radiopharmazeutika bedeutet. Dies wúrde nur in Europa vermutlich bis zu 7500 Todesopfer jährlich fordern - die durch Einsatz von Radiophrmazeutika (noch) gerettet werden. Ich gehe einmal davon aus, dass weder Sie noch einer Ihrer Freunde und Angehörigen Krebs hat... im aderen Falle wáre Ihr Kommentar mit Sicherheit ein anderer.
5.
Eberhard Doerr, 30.09.2012
>Es ist eine furchterregende Geschichte über die zerstörerische Kraft von nuklearem Material, wenn es in die falschen Hände gerät. Schon aus diesem Grund: Atomkraft, nein danke! Dann müssen Sie aber auch gleich die Chemieindustrie abschaffen. Das kann kaum der richtige Weg - vielmehr muss hier wie dort eine klare Verantwortlichkeit für den Umgang mit hochgiftigen/-schädlichen Stoffen geregelt werden. Da sind die Regierungen in der Pflicht, auch jene in Brasilien.
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