Google-Wahn Wie ich den Glücksknopf fand

Er konnte den Satz nicht mehr hören: Durch das Internet würde alles anders werden. Und dann passierte es tatsächlich. Stefan Schmitt über sein erstes Rendezvous mit einer Website, die sein Leben veränderte - obwohl auf ihr fast nichts zu sehen war.

John D McHugh/AFP/Getty Images

Draußen überzog der graue schwedische Winter Stockholm mit einer Eisdecke. Drinnen klickte unser Dozent auf den Glücksknopf: Es gebe da etwas Neues im Internet, sagte Mark. Es sei ein bisschen wie Yahoo, aber besser. Google. "A very powerful tool" - ein kraftvolles Werkzeug. Und, ob das nicht knuffig sei, neben dem Such-Button gebe es auch einen mit der Aufschrift "I'm feeling lucky" ("Auf gut Glück!"). Wer den Glücksknopf anklicke, der werde gleich zur Internet-Seite weitergeleitet, die am besten zum eingegebenen Suchwort passe. Google heiße das, sagte Mark, und dass wir am besten gleich ein Lesezeichen setzen sollten.

Das war im Januar 2000. Ich war gerade zu meinem Auslandssemester in Schweden angekommen. Mark war Ire und wenn er "Fuck" sagte, dann mit "u" und nicht mit "a". Mark war damals schon ein alter Internet-Recke, hatte 1994 die erste skandinavische Tageszeitung ins World Wide Web gebracht (aftonbladet.se) und lehrte jetzt an der Uni Stockholm. Im Kurs "Global Electronic Journalism" brachte er uns anderthalb Dutzend Journalistikstudenten aus aller Herren Länder HTML und Online-Recherche bei - und dass das neue Medium unser Studium und unseren Beruf verändern würde. Ob Mark damals ahnte, wie zentral sein Surftipp vom Januar für diese Veränderung sein würde?

Anfang 2000 war man es gewohnt, dass alle fünf Minuten eine neue Internet-Firma mit einem verrückten Namen aus dem Nichts auftauchte. Durch den Hype um das WWW suchte eine enorme Menge Geld nach neuen Aktien. Anlegermagazine schossen wie Pilze aus dem Boden, die Börsenteile in den Tageszeitungen waren grotesk dick. Jeder, der eine Maus richtig herum halten konnte, bekam einen Job. Nur um die Internet-Blase weiter aufzupumpen.

Womit Google sein Geld machte, war Anfang 2000 nicht ersichtlich. Ins Auge sprang nur, wie anders dieses Tool war. Der kindliche Name in blauen, roten, gelben und grünen Buchstaben auf einer sonst leeren Seite. Nur noch ein Textfeld und die beiden Knöpfe. Der letzte Schrei war damals das genaue Gegenteil: "Portale" versuchten, die Surfer an sich zu binden: Mit Einstiegsseiten, brüllend bunt bis zum letzten Pixel, glaubten Yahoo, Lycos und Co., der anschwellenden Nutzerzahl markierte Wege ins Netz weisen zu können - mit Nachrichtenschnipseln, Surftipps und vor allem langen Link-Listen.

Suchen statt Nachschlagen

Kataloge hieß das damals und erschien wie die zeitgemäße Aufbereitung der Vielfalt da draußen. Ich jedenfalls fand das ganz plausibel, war es mir doch von der Uni vertraut. Gewissenhafte Bibliothekare erstellten dort Listen mit Links zu fremden Bibliotheken mit Online-Bestand, zu Archiven, Fachzeitschriften und Portalen für wissenschaftliche Aufsätze. Volltextsuchen waren oft noch auf einen Titel oder Verlag beschränkt und verlangten häufig nach proseminarschwerem Geheimwissen über den Einsatz logischer Verknüpfungen. Den Zettelkästen jedoch waren diese Online-Kataloge enorm überlegen. Die Intranet-Seite unserer Institutsbibliothek glich im Jahr 1999 einem Fach-Yahoo. Warum sollte mit diesem Werkzeug nicht auch dem Internet als Ganzem beizukommen sein?

Zwar hatte auch Yahoo ein Suchfeld, zwar gab es auch vor Google schon Suchmaschinen. Deren Algorithmen krabbelten wie Spinnen durch das Netz und indizierten es. WebCrawler, die erste öffentliche WWW-Suchmaschine, ging immerhin schon 1994 online. Doch die diversen Crawler lieferten höchst unterschiedliche Ergebnisse zweifelhafter Güte. Wer ernsthaft "suchen" wollte, der nutze einen Meta-Crawler, der parallel mehrere Suchanbieter anfragte.

Dozent Mark schärfte uns ein, auch andere Anbieter zu benutzen. Doch bevor der schwedische Frühling anbrach, waren Suche und Google schon synonym. Weil es schnell war, weil es brauchbare Ergebnisse ausspuckte. Nur den "Auf gut Glück!"-Knopf benutzte ich nicht. Der war doch kindisch! Als das Semester zu Ende war, schenkten wir Mark einen überdimensionierten Schraubenschlüssel, auf den wir hatten gravieren lassen: "A very powerful tool".

Nicht alle Teilnehmer von Marks Kurs sind Journalisten geworden. Aber zu behaupten, dass alle noch alltäglich Google benutzen, wäre eine sichere Wette.

Das kann man doch googeln

Zeitsprung: Im Februar, acht Jahre nach Marks tollem Tipp und kurz vor Googles zehntem Geburtstag, habe ich einen Monat lang auf Word und Excel verzichtet, zugunsten der Online-Bürosoftware "Text & Tabellen". Meine Dokumente konnte ich da im Browser bearbeiten, gespeichert wurden sie auf Googles Servern. Gespenstisch? Sicher. Aber praktisch. Das merkte ich einen Monat später, als mein Mac plötzlich den Geist aufgab. Schwarzer Bildschirm, kein Mucks - normalerweise wäre ich von meinen Daten abgeschnitten gewesen. Doch dank des Google-Experiments kam ich an die Notizen und Manuskripte heran, die ich für die laufende Recherche brauchte. Das Arbeiten verändert? Google wird langsam selbst zur Arbeitsumgebung - wenn es das nicht schon längst ist.

Zwar hat die Suchmaschine längst ihre Unschuld verloren, ist milliardenschwer, Weltkonzern und Datenkrake. Doch mit jedem Jahr bescherte sie uns auch neue Werkzeuge: Google Scholar für die gezielte Suche nach wissenschaftlichen Aufsätzen; Google Book Search in digitalisierten Büchern; Google Alerts, mit denen ich mir neue Treffer für alte Suchbegriffe per Email schicken lasse.

Das alles ist praktisch, so praktisch, dass es enorm nachlässig macht. Kontakte ins Adressbuch übertragen? Kann man doch googeln. Bei Kochrezepten, Reiserouten oder Zeitungsartikeln bemerke ich eine ähnliche Faulheit. Kann man doch googeln. Der E-Mail-Dienst und das Online-Office des Giganten machen es gar überflüssig, Nachrichten und Dateien systematisch abzulegen. Dokument verzottelt? Kann man doch googeln. Powerful ist das sicher, aber ob ich mich so lucky fühlen sollte, weiß ich nicht.

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1 half, 13.09.2008
1.
gib mal bei google "suche" ins textfeld ein und drücke "auf gut glück"-suchen!
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