Gorbatschow-Besuch vor 20 Jahren Einheit am Horizont

Gorbatschow-Besuch vor 20 Jahren: Einheit am Horizont Fotos
AP

"Gorbi, Gorbi!" Hunderttausende feierten im Juni 1989 in Bonn Staatsgast Michael Gorbatschow, auch die Politiker waren hin und weg. Dass dort zum ersten Mal die Wiedervereinigung in den Bereich des Möglichen rückte, merkten weder Journalisten noch Politiker - auch nicht Kanzler Helmut Kohl. Von Hartmut Palmer

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    3.1 (19 Bewertungen)

Ich war dabei, aber ich habe nichts gemerkt. Keiner hat irgend etwas von "Wiedervereinigung" gemerkt bei diesem Staatsbesuch vor 20 Jahren in Bonn. Rudelweise rannten wir Journalisten an diesen drei Tagen mit unseren Sonderausweisen von einer Pressekonferenz zur anderen, von einem Fototermin, einem Briefing, einem Statement zum nächsten. Abkommen wurden unterzeichnet, Urkunden ausgetauscht, Reden gehalten, Toasts auf den Frieden und die Völkerverständigung ausgebracht.

Aber das historische Ereignis, das während dieses Besuches stattfand - das hat keiner bemerkt. Weder wir Journalisten, noch die Politiker. Auch Helmut Kohl und Michail Gorbatschow wussten nicht, dass die Unterhaltung, die sie am Abend des 14. Juni 1989 im Park des Palais Schaumburg führten, in die Geschichtsbücher eingehen würde.

Wie denn auch? Es gab so vieles, was es bis dahin nicht gegeben hatte und uns deshalb "historisch" vorkam. Zum Beispiel die Begeisterungsstürme, die der sowjetische Präsident und seine Frau bei der westdeutschen Bevölkerung auslösten. Eine wahre Gorbimanie brach da los. Wo immer sich die beiden Staatsgäste zeigten, gab es Beifall, Gorbi-Rufe und ausgestreckte Hände. Die Menschen standen dicht gedrängt auf dem Bonner Marktplatz, als der Gast sich dort ins Goldene Buch der Stadt eintrug. Tags drauf erschien in allen Zeitungen das Bild, das Hunderttausenden Deutschen das Wasser in die Augen trieb: Der mächtige Kremlherr vor dem Bonner Rathaus mit dem kleinen Heinrich Sebastian Schilling auf dem Arm, einem Bonner Jungen, den Raissa Gorbatschowa aus der Menge gefischt hatte, weil sie einen "besonders scharfen Blick für attraktive Fernsehauftritte" hatte, wie damals mein Kollegen Jürgen Leinemann im SPIEGEL schrieb. Seit John F. Kennedy und Charles de Gaulle war in der Bundesrepublik kein anderer ausländischer Besucher so gefeiert worden.

Spin-Doktoren am Ende ihrer Kunst

Kohl und Gorbatschow machten das, was man bei Staatsbesuchen normalerweise macht: Sie setzten sich nach mehreren Vier-Augen-Gesprächen mit ihren Delegationen an lange Tische und beredeten dies und jenes. Es ging unter anderem um die Frage, ob auch West-Berliner Schiffe in das Abkommen deutsch-sowjetische Schifffahrtsabkommen einbezogen werden dürfen - oder nicht. Man kann sich heute kaum vorstellen, dass dies überhaupt jemals ein Problem war.

Am Ende der Beratungen wurde eine ellenlange "Gemeinsame Erklärung" unterzeichnet und Regierungssprecher Hans "Johnny" Klein erzählte uns Journalisten, der Bundeskanzler betrachte diese Erklärung als eine "Sensation". Wir suchten und suchten und fanden keine Sensation. Es war nämlich eines dieser Schriftstücke, die schon Wochen vor einem Staatsbesuch vollständig ausformuliert werden. Neues gibt es darin eigentlich nie. Selbst Johnny Klein, der darin geübt war, mit schönen Worten und oft pointiert witzigen Kommentaren die Öde eines fünfseitigen Kommuniques zu überdecken, war am Ende seiner Kunst.

Und die vielen russischen und deutschen Spin-Doktoren, die - wie immer bei solchen Staatsbesuchen - unterwegs waren, um den Journalisten zu sagen, was sie wichtig finden müssen? Auch sie haben vor 20 Jahren beim Bonn-Besuch des Michail Serge-jewitsch Gorbatschow kein Wort über eine womöglich bevorstehende Wiedervereinigung geredet. Für die Russen war das tabu, für die Westdeutschen unvorstellbar. Fünf Monate später, als die Mauer in Berlin aufging, hätte man das Kommunique noch einmal herausholen und im Lichte der neuen Entwicklung lesen können. Dann wäre man vielleicht auf den einen Satz gestoßen, den man im Juni 1989 noch als eine der damals üblichen Polit-Phrasen zu überlesen pflegte. Er lautete: "Die Bundesrepublik Deutschland und die Sowjetunion betrachten es als vorrangige Aufgabe ihrer Politik, an die geschichtlich gewachsenen europäischen Traditionen anzuknüpfen und so zur Überwindung der Trennung Europas beizutragen."

Signal oder Floskel?

Rückblickend kann man das heute, wenn man will, als ein Signal werten. Aber so war es nicht gemeint. Es war wirklich eine dieser diplomatischen Floskeln, mit denen man sich wechselseitig versicherte, dass man nichts als Frieden, Entspannung und gute Nachbarschaft wünscht. Sensationell wäre es gewesen wenn Kohl und Gorbatschow von der Überwindung der Trennung "Deutschlands" gesprochen hätten. Aber da war kein Denken dran. Im Gegenteil: Gleich zu Beginn seiner Gespräche hatte der Kremlherr Kohl erklärt (und hinterher sofort von seinen Büchsenspannern unter uns Journalisten verbreiten lassen) dass die Teilung Deutschlands Ergebnis einer historischen Entwicklung sei. Von wegen Wiedervereinigung.

Nun gibt es ja im Leben immer mal Augenblicke, deren wahre Bedeutung man erst in der Rückschau erkennt. So ein Augenblick hat sich wohl sich am 14. Juni 1989, am Abend des dritten Besuchstags ereignet. Da schlenderten Kohl und Gorbatschow, es war ein lauer Abend, vor dem Essen im Kanzlerbungalow, durch den Park bis an den Rhein. Der Park des Kanzleramts liegt etwa zehn bis 15 Meter über der Rhein-uferpromenade. Als Kohl und Gorbatschow hinter der steinernen Brüstung auftauchten, gab es unten sofort einen Volksauflauf mit Winkerei und Gorbi-Rufen. Was dann kam, wissen außer Gorbatschow und Kohl nur die Dolmetscher, die dabei waren.

In Kohls Memoiren liest man es so: "Ich zeigte auf den Rhein und meinte: 'Schauen Sie sich den Fluss an, der an uns vorbeiströmt. Er symbolisiert die Geschichte; sie ist nichts Statisches. Sie können diesen Fluss stauen, technisch ist das möglich. Doch dann wird er über die Ufer treten und sich auf andere Weise den Weg zum Meer bahnen. So ist es auch mit der deutschen Einheit. Sie können ihr Zustandekommen zu verhindern suchen. Dann erleben wir beide sie vielleicht nicht mehr. Aber so sicher, wie der Rhein zum Meer fließt, so sicher wird die deutsche Einheit kommen - und auch die europäische Einheit.'"

Heikles Thema deutsche Einheit

Das ist insofern ein erstaunlicher Text, als Kohl sich vor dem Mauerfall mit Äußerungen über eine mögliche Widervereinigung stets zurückgehalten hatte. Er wollte die DDR nicht öffentlich brüskieren. Er war gegen die Mauer und setzte die von den SPD-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt betriebene Deutschlandpolitik fort. Und zu dieser Politik gehörte es, der jeweils anderen Seite nicht das Existenzrecht abzusprechen. Kein Politiker in Bonn im Juni 1989 konnte sich vorstellen, dass fünf Monate später die Mauer fallen würde - auch Kohl nicht.

Mag sein, dass der deutsche Strom, auf den er blickte und die Begeisterung der unten klatschenden Passanten, Kohl beflügelt hat, das heikle Thema der deutschen Einheit anzusprechen. Aber dass seine Rede wirklich so ausgefeilt formuliert war, wie er es in seinen Memoiren später schilderte, möchte man kaum glauben. Kohl - ein Prophet? Ein Hellseher, der in diesem lichten Moment die Ereignisse vorhersah, von denen er fünf Monate später überrascht werden sollte? Das riecht eher ein bisschen nach Eigenlob. Aber denkbar ist es schon, dass Kohl die Gelegenheit beim Schopf nahm, das Tabuthema anzusprechen.

Was Gorbatschow an jenem Abend über die Wiedervereinigung dachte ist nicht überliefert. Am Morgen hatte er deutsche Teilung noch als das Ergebnis einer historischen Entwicklung dargestellt. Nun hörte er sich schweigend an, was Kohl sagte - aber er widersprach nicht mehr. "Von diesem Zeitpunkt an", so Kohl in seinen Memoiren, "setzte bei Gorbatschow ein Prozess des Umdenken ein - nicht zuletzt deshalb, weil wir uns menschlich näher kamen und Vertrauen zueinander fassten."

Eine zutreffende Übersetzung

Aber auch Gorbatschow hat es ja geschafft, sich mit einem Satz zu verewigen, den er nur sinngemäß, aber nie genauso pointiert und zugespitzt formuliert hat, wie er jetzt in den Geschichtsbüchern steht: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Ich war dabei, als Gorbatschow Anfang Oktober 1989 zum 40. Jubiläum der DDR nach Ost-Berlin gekommen war und ich sah, wie er vor der Neuen Wache Unter den Linden auf ein westdeutsches Fernsehteam zuging und ein längeres Statement abgab. Allein das war schon eine Sensation.


Die Geschichten des Mauerfalls: Klicken Sie sich durch die friedliche Revolution!


Was er sagte, konnte ich nicht hören. Helmut Ettinger, Stardolmetscher der DDR, der neben Gorbatschow stand, übersetzte es für die TV-Zuschauer so: "Ich halte es für sehr wichtig, den Zeitpunkt nicht zu verpassen und keine Chance zu vertun... Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort." Ein paar Stunden später kam dann Gorbatschows Sprecher Gennadi Gerassimow zur Pressekonferenz in das Ostberliner Pressezentrum in der Mohrenstraße. Und dort fiel dann auf englisch und wahrscheinlich auch auf russisch der Satz: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Gorbatschow fand später, das sei eine zutreffende Übersetzung dessen, was er habe sagen wollen.

So geht das gelegentlich mit historischen Ereignissen, die man live erlebt: Man bemerkt sie manchmal erst, wenn sie schon wieder vorbei sind.

Artikel bewerten
3.1 (19 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH