Schriftsteller Gorch Fock Meeresfreund mit Seekrankheit

Er wollte unbedingt aufs Meer hinaus, aber stets wurde ihm speiübel. Darum schrieb Gorch Fock nur über heldenhafte Seefahrer. Kaum war er doch noch Matrose, starb er in der Skagerrak-Schlacht.

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Im Juni 1916 machten schwedische Fischer vor der Küste der Hafenstadt Fjällbacka nahe Göteborg einen grausigen Fund: Nur Stunden vor dem Mittsommertag waren die Leichen von deutschen und englischen Matrosen an den Strand der schwedischen Ostküste gespült worden.

Schnell war klar, dass es sich um Opfer der Skagerrak-Schlacht handelte. Vor der Küste Dänemarks waren am 31. Mai 1916 in der Nordsee die Flotten des Deutschen Reiches und Großbritanniens aufeinander getroffen. Fast 9000 Menschen starben.

Einer der Toten ließ sich anhand seiner Erkennungsmarke identifizieren: Johann Wilhelm Kinau, in Deutschland besser bekannt unter dem Namen Gorch Fock. Der damals populärste Schriftsteller niederdeutscher Sprache starb als Matrose den kalten Tod in der Nordsee - obwohl er Zeit seines Lebens unter Seekrankheit gelitten hatte.

Die Krankheit hatte schon früh Focks großen Traum zerstört: Fischer zu werden wie sein Vater und sein Großvater. Stundenlang hatte er als kleiner Junge auf der Hamburger Elbinsel Finkenwerder ein- und auslaufende Schiffe beobachtet. Die erste Ausfahrt des 12-Jährigen mit dem Vater auf die Nordsee endete jedoch in einer Enttäuschung. Das Kind wurde seekrank.

Schreiben statt segeln

Ein jüngerer Bruder trat in Vaters Fußstapfen, Johann dagegen besuchte eine Handelsschule und arbeitete später als Buchhalter in Thüringen. Mehr als für Zahlen interessierte er sich allerdings für die Welt der Bücher und des Theaters. "Von den männlichen Tugenden: Trinken, Rauchen und Spielen besitze ich keine, dagegen bin ich ein leidenschaftlicher Theaterfreund", zitiert der Autor Rüdiger Schütt Gorch Fock in seiner neuen Biographie.

Aus Heimweh begann Kinau bald erste Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben. Wenn er schon nicht selbst zur See fahren konnte, wollte er sich zumindest in der Fantasie aufs geliebte Meer begeben. Er schrieb unter den Künstlernamen Jakob Holst, Giorgio Focco und dann als Gorch Fock, wegen der maritimen Verbindung: Gorch ist die plattdeutsche Variante des Namens Georg, Fock war der Mädchenname seiner Großmutter - und bezeichnet vor allem wichtige Teile eines Segelbootes wie Fock-, -segel oder -rahe.

1904 kehrte Fock nach Hamburg zurück. Endlich. "All meine Wurzeln liegen im niederdeutschen Land, auf Finkenwärder, am Elbdeich", notierte er glücklich im Tagebuch. Von morgens bis abends war er in seinem Brotberuf Buchhalter und schrieb nachts Erzählungen und Gedichte. Mit dem Lohn unterstützte er auch seine Eltern, die immer schlechter vom Fischerberuf leben konnten.

Der Rat eines Feuilletonisten sollte Fock zum künstlerischen Durchbruch verhelfen: "Lassen Sie die Leute ruhig Dialekt sprechen", beschied ihm Alexander Zinn von der "Neuen Hamburger Zeitung". Das damals sehr beliebte Niederdeutsche machte die Figuren in seinen Erzählungen interessanter und stand für das einfache, ursprüngliche Leben.

Eine Kreuzfahrt - eher Strafe als Geschenk

Bald wurden Focks Geschichten in Hamburger Zeitungen veröffentlicht, seine Stücke inszenierte der Theaterleiter Richard Ohnsorg. Im Frühjahr 1912 schrieb Fock den ersten - und einzigen - Roman. Literaturkritiker lobten "Seefahrt ist not!" als Meisterwerk, die Hamburger Schulbehörde orderte Tausende Exemplare.

Das Buch mit plattdeutschen Dialogen kreist um den Fischer Klaus Mewes aus Finkenwerder. Um das harte Leben einfacher Menschen, die vom und mit dem Meer leben. Von einer Welt, die um 1910 fast schon untergegangen war. Auch Focks Vater konnte vom Fischfang nicht mehr leben. "Es ist schwer, die neue Zeit zu lieben", trauerte der Sohn.

Mit "Seefahrt ist not!" bediente der Schriftsteller Leser, die sich durch die Flottenrüstung im Deutschen Kaiserreich für die See begeisterten, wie auch Kritiker an der raschen Modernisierung des Landes.

Fock war nun ein gefragter Mann für Vorträge und Lesungen. Sein Arbeitgeber spendierte ihm eine Kreuzfahrt Richtung Norwegen - für den Fischersohn eher eine Bestrafung. "Herren im Smoking, die Damen in großer Toilette. Ich im Smoking dazwischen: Betrug ist es doch!", stand im Tagebuch.

Spitzname "U-Boot vom Dienst"

Statt zur Abendgarderobe griff Fock 1915 zur Uniform und zog als Soldat in den Ersten Weltkrieg. Als national gesinnter Dichter hatte er die Kriegsbegeisterung unterstützt und gleich im August 1914 einen Band mit plattdeutschen Kriegsgedichten veröffentlicht, die sich vor allem gegen England richteten: "Op em, Jungs, mit alle Mann, dat Gott - England strofen kann!"

Als Infanterist diente der Seebegeisterte zunächst in Russland und Serbien, später an der Westfront - auch in Verdun. Erst im Frühjahr 1916 konnte er zur Kriegsmarine wechseln und wurde Matrose auf dem Kleinen Kreuzer "Wiesbaden", wo ihn die Seekrankheit wieder einholte. Seine Kameraden verpassten Fock den Spitznamen "U-Boot vom Dienst" - weil er so viel Zeit unter Deck verbrachte.


Skagerrak-Schlacht: Gekürzte Animation des Verlaufs

Nicholas Jellicoe/Stiftung Deutsches Marinemuseum

Die Vollversion ist seit dem 29. Mai 2016 im Deutschen Marinemuseum Wilhelmshaven zu sehen.


Nur 43 Tage lang schob der Matrose Dienst auf der "Wiesbaden". Am 31. Mai 1916 erhielt das Schiff in der Skagerrak-Schlacht einen Torpedotreffer und sank am folgenden Morgen. Fock fand wie fast 600 Kameraden den Tod.

Sein Werk und sein "Heldentod" fürs Vaterland sollten ihn zur idealen Figur der NS-Propaganda machen. 1933 wurde das Segelschulschiff der Deutschen Kriegsmarine auf den Namen "Gorch Fock" getauft und der Verstorbene Schülern als Autor präsentiert, bei dem "urgermanisches Denken in schönster Gestalt offenbar geworden" sei. Im Zweiten Weltkrieg steckte die Wehrmacht ihren Soldaten "Seefahrt ist not!" als Lektüre in den Tornister.

Skagerrak als Schicksal

Auch Focks Bruder Jakob strickte an der Legende mit und erhob ihn zu einem Vorläufer des Nationalsozialismus. Als Beleg für seinen Judenhass galt vor allem eine antisemitische Äußerung, in der Fock die Juden als "Weltgift" bezeichnete. Der vollständige Originalsatz: "Die Juden sind Weltgift, darum teilte der Herr sie und gab jedem Volke ein Teilchen, damit es so als Arznei und heilsam wirke."´

Ob Fock tatsächlich überzeugter Antisemit gewesen ist, bleibt unklar. Fest steht, dass er einem Juden namens Léon Goldschmidt viel zu verdanken hatte: Der Verleger hatte ihn und seine Leidenschaft fürs Meer bekannt gemacht.

Die Nordsee wurde für die Familie zum Friedhof. Darin ertrunken waren vor Gorch Fock bereits sein Großvater und sein Onkel; dort ließ der Schriftsteller ebenso seinen Helden Klaus Mewes in "Seefahrt ist not!" sterben. Die Todesszene wirkte wie eine Prophezeiung für Focks eigenes Ende: "Mit einem Lachen auf den Lippen versank er, …grüßend winkte er mit der Hand…fahr glücklich, Junge! Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg."

Fock selbst wurde sehr wahrscheinlich mit dem niederbrechenden Schiffsmast der "Wiesbaden" ins Meer geschleudert und ertrank nach stundenlangem Überlebenskampf vor Kälte und Erschöpfung. Nachdem sein Leichnam in Schweden an Land gespült worden war, wurde er 1916 auf der unbewohnten Schäreninsel Stensholmen bestattet. Auf dem schlichten Grab steht die Inschrift "Seefahrt ist not!"

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Joseph Klas, 31.05.2016
1.
Man hätte ja vielleicht noch schreiben können, dass die jetzige Deutsche Marine ihr Segelschulschiff auch nach ihm benannt hat.
Bernd Meyer, 01.06.2016
2. Bitte korrigieren
Göteborg = Westküste
Felix Ahrens, 01.06.2016
3. @ 1.
Wobei die Vermutung ja dann doch recht nahe liegt...
Nils Holstein, 01.06.2016
4. Gorch Foch Niobe
Bezüglich des (ersten) Segelschulschiffs dieses Namens sollte man erwähne3n, daß die "Goch Fock" an sich originär kein Schiff der Nazi-Kriegsmarine gewesen ist. Die Gorch Fock war der Ersatz des Segelschulschiffs "Niobe" der Reichsmarine, also der Weimarer Republik, welches 1932 im Gewitter mit 69 Mann versank. Das die Fertigstellung der Gorch Fock dann in die Zeit der Nazis fiel, war insofern Pech, das das demokratische Reich die Gorch Fock bezahlt hatte, aber fertig einer Diktatur in die Hände fiel. Anders sah es durchaus mit den zwei folgenden deutschen Schwesterschiffen aus, deren erste Namen klar und eindeutig Nazi-Bezug hatten (Märtyrer der Bewegung) Weil es also ein "demokratisches" Schiff war, konnte daher problemlos 1958 eine Goch Fock (II) also der Bundeswehr, mit demokratischem Selbstverständnis nachgebaut werden. Die Goch Fock I war seinerzeit auch das Typschiff für letztlich insgesamt 5 baugleiche Schiffe, von denen derzeit 3 in den USA, Portugal und Rumänien fahren.
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