Grace Kellys und Alfred Hitchcocks Freundschaft Zwischen den Zeilen

Grace Kellys und Alfred Hitchcocks Freundschaft: Zwischen den Zeilen Fotos
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Das Leben von Grace Kelly ist 30 Jahre nach ihrem Tod bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Über Hitchcock gibt es zahlreiche Biografien. Der intime Austausch der beiden aber blieb bislang unbekannt. Jetzt offenbart eine neue Kelly-Biografie tiefe Einblicke in die innige Freundschaft. Von Sarah Levy

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"Es ist ein Jammer, dass es so kommen musste, und es tut mir zutiefst leid. Ich danke dir, lieber Hitch, dass du so verständnisvoll und hilfsbereit bist; ich finde es furchtbar, dich enttäuschen zu müssen."

Diese aufgewühlten Worte richtete Grace Kelly am 18. Juli 1962 in einem handgeschriebenen Brief an Alfred Hitchcock. Die schöne Amerikanerin war zu diesem Zeitpunkt schon sechs Jahre lang Fürstin von Monaco und zweifache Mutter - die Zeiten, in denen sie zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen Amerikas gehörte, waren längst vorüber. Was brachte die damals 33-Jährige dazu, sich so bedauernd an einen der größten Filmregisseure des 20. Jahrhunderts zu wenden?

Das Leben der Hollywood-Schönheit und späteren Fürstin von Monaco ist 30 Jahre nach ihrem Tod bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Über Hitchcock, den Meister der Spannung, gibt es zahlreiche Biografien. Auch, dass die beiden ein Verhältnis hatten, das die Grenzen der Kollegialität überschritt, ist kein Geheimnis. Wie innig aber diese Freundschaft und wie intim der Austausch der beiden war, blieb bislang unbekannt. Jetzt aber erscheint eine Kelly-Biografie, die erstmals den Briefwechsel der beiden veröffentlicht - und dadurch tiefe Einblicke in deren Beziehung offenbart.

Stilvoll-schön statt üppig

Alfred Hitchcock und Grace Kelly begegneten sich erstmals im Juni 1953 in Burbank, Los Angeles. Hitchcock, schon damals ein renommierter, wenn auch eigenwilliger Regisseur, hatte schwarzweiße Probeaufnahmen der gerade mal 23 Jahre alten Nachwuchsschauspielerin gesehen - und war begeistert. Grace hatte zu jenem Zeitpunkt zwar in einigen mehr oder weniger erfolgreichen Kinofilmen mitgespielt, war als Darstellerin aber unsicher und unerfahren.

In starkem Kontrast zu der üppigen Marilyn Monroe verkörperte die zurückhaltende Schönheit Grace stilvolle Eleganz. Sie besaß eine Vielschichtigkeit, die den damals 55 Jahre alten Filmemeister faszinierte. "Grace Kelly ist ein schneebedeckter Berg, und wenn der Schnee schmilzt, entdeckt man darunter einen glühenden Vulkan", schwärmte er einst über seine Entdeckung. Er machte sie zu seiner kühlen, blonden Lieblingsheldin.

Zwischen 1953 und 1955 drehten sie gemeinsam drei Kinofilme: "Bei Anruf Mord", "Das Fenster zum Hof" und "Über den Dächern von Nizza" - eine kreative, inspirierende und erfolgreiche Zeit für den Regisseur und die junge Schauspielerin. In "Hitch", wie sie ihren Meister liebevoll nannte, hatte Grace einen Mentor gefunden, den sie zutiefst bewunderte und dem sie vertraute: "Die Zusammenarbeit mit Hitchcock war eine fantastische Erfahrung und auch eine große Bereicherung für mich. (…) Hitchcock gab mir eine ganze Menge Selbstvertrauen."

Anzügliche Witze am Set

In der Zusammenarbeit mit "Hitch" wuchs Grace Kelly über sich hinaus. Als der Regisseur sie für die Mordszene in "Bei Anruf Mord" in einen schweren Morgenrock hüllen wollte, widersprach die junge, modebewusste Darstellerin. Eine Dreistigkeit am Set des Meisters - der überraschenderweise zustimmte. Grace erschien in glänzendem Seidennachthemd und bestimmte von nun an ihre Garderobe mit.

Sogar auf Hitchcocks eigensinnigen Humor reagierte die wohlerzogene Schauspielerin mit überraschender Schlagfertigkeit. Auf seine anzüglichen Scherze soll sie stets entgegnet haben, diese bereits von der Klosterschule zu kennen. "Mit Hitch war alles anders", erzählte Grace über die Dreharbeiten mit Alfred Hitchcock. "Er hatte endlose Geduld mit mir."

Am Set kümmerte sich Hitch um Grace, erklärte ihr Abläufe und Szenen ausführlich, manchmal eine Dreiviertelstunde lang. Er inszenierte sie mal puppenhaft schön und zerbrechlich, dann wieder verführerisch und selbstbewusst, immer elegant und anmutig. Unter seiner Hand verwandelte sich die sittsame Schöne auf der Leinwand in ein verführerisches Raubtier.

Tragisches Ende einer einzigartigen Beziehung

Das vertraute Zusammenspiel von "Hitch" und Grace endete abrupt, nachdem sie am 6. Mai 1955 auf den Filmfestspielen von Cannes Fürst Rainier III. von Monaco begegnete, ihrem zukünftigen Ehemann. Die Hochzeit der beiden sorgte für medialen Aufruhr, Grace setzte ihre Filmprojekte vorerst aus.

1962, sechs Jahre nach Kellys pompöser Traumhochzeit, fragte Hitchcock seine Lieblingsblondine für den Film "Marnie" an. Die Hauptrolle der frigiden Kleptomanin Marnie ließ Hitchcock mit Grace Kelly im Kopf entwickeln, er konnte es kaum erwarten, wieder mit ihr zusammen zu arbeiten. "Hitchcock hätte Grace am liebsten in seinen zehn nächsten Filmen eingesetzt", berichtete John Michael Hayes, Drehbuchautor von "Über den Dächern von Nizza".

Auch Grace war außer sich vor Freude und sagte sofort zu. Fürst Rainier, der anfangs seine Zustimmung gab, schlug sogar vor, die Dreharbeiten mit einem Familienurlaub zu verbinden. Als im März 1962 die Öffentlichkeit von Grace Kellys Rückkehr auf die Leinwand erfuhr, ging ein Aufschrei durch Monaco. Die Fürstin als Kleptomanin? Eine Schande. Eine Kussszene mit einem anderen Mann? Welch eine Beleidigung für das katholische Fürstentum.

Druck aus dem Fürstentum

Als der öffentliche Druck zu groß wurde, zog Grace ihre Zusage zurück. Die Staatsräson siegte, die Fürstin fügte sich ihrem Schicksal. "Es heißt, sie habe sich eine Woche lang eingeschlossen und geweint", schreibt Biograph Wydra.

Im Juli 1962 erhielt Hitchcock zerknirschte Zeilen einer zutiefst enttäuschten Grace:

"Lieber Hitch, es hat mir schier das Herz gebrochen, den Film absagen zu müssen. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, ihn zu machen, und vor allem wieder mit Dir zusammen zu arbeiten (…) Und ich finde es auch furchtbar, dass wahrscheinlich schon eine Menge anderes 'Vieh' bereitsteht, das die Rolle ebenso gut spielen wird. Trotzdem kann ich nur hoffen, weiterhin eine Deiner 'heiligen Kühe' zu bleiben. In tiefer Zuneigung, Grace."

Grace Kelly hatte sich für eine lebenslange Hauptrolle entschieden: der Fürstin von Monaco. Auch wenn das den schmerzhaften Abschied von Hollywood bedeutete. Nur einmal noch trat sie vor eine Kamera: Gemeinsam mit dem befreundeten Filmemacher Robert Dornhelm drehte sie im Mai 1979 die 33-minütige Komödie "Rearranged".

Keine Rückkehr auf die Leinwand

Grace hatte Dornhelm in den Jahren zuvor bei seinen Filmprojekten unterstützt - mal als Casting-Direktor, mal als Erzählstimme in seinem Dokumentarfilm. "Wir haben nach Sachen gesucht, die sie machen konnte, die ihr irgendwie Freude bereiten, die mit Film zu tun haben", erklärte Robert Dornhelm später.

"Rearranged" wurde deshalb vor monegassischer Kulisse gedreht, der Stoff war leicht und Grace spielte - sich selbst. Im September 1982, noch bevor der Film veröffentlicht werden konnte, verunglückte die Fürstin tödlich. Der sehnliche Wunsch, zurück auf die Leinwand zu kehren, sollte sich für Grace Kelly jedoch nicht mehr erfüllen.

Mit Graces Abschied von Hollywood verlor auch Hitchcock seine Lieblingsheldin. "Ich würde sagen, dass er bei allen Schauspielerinnen, denen er nach Grace eine Hauptrolle gab, immer versucht hat, das Bild und das so ehrerbietige Gefühl zu übertragen, das er von Grace hatte", erinnerte sich Drehbuchautor John Michael Hayes später.

Gezeigt hat er ihr das jedoch nie. Auf ihre Absage von "Marnie" schrieb der Regisseur verständnisvoll: "(…) Du hast zweifellos nicht nur die beste, sondern auch die einzig mögliche Entscheidung getroffen. Und schließlich war es ja auch 'nur ein Film'. Alma [seine Frau, Anm. der Redaktion] schließt sich an, wenn ich Dir sage, dass wir voller Zärtlichkeit und Zuneigung an Dich denken. Hitch."

Zum Weiterlesen:

Thilo Wydra: "Grace - Die Biographie". aufbau-Verlag, Berlin 2012, 400 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Peter Schmidt 17.09.2012
Denk ich an Grace Kelly (in der Nacht), dann habe ich sogleich diese eine Szene aus "Das Fenster zum Hof" vor Augen: James Stewart schläft eingegipst im Rollstuhl, im Hintergrund trällert eine angehende Pamina die Notenleiter hoch wie runter, aber immer höher - und zwar, um diesen einen, ersten Auftritt von Kelly im Film musikalisch anzukündigen. Closeup, Kuss - wie schön könnte das Leben eigentlich sein? Wer das nicht im Kino auf grosser Leinwand gesehen hat, dürfte vor Petrus in Argumentationsschwierigkeiten geraten.
2.
Ingo Howind 19.09.2012
Ausbaden musste den Verlust von Grace Kelly ihre 'Nachfolgerin' 'Tippi' Hedren. Hitchcock entdeckte sie in einem Werbespot und engagierte sie sofort. Wie in seinem Film "Vertigo" (inzwischen zum besten Film aller Zeiten gewählt), versuchte er, aus Hedren eine zweite Grace Kelly zu formen. Nach erfolglosen Annäherungsversuchen des Regisseurs, wollte Hedren die Zusammenarbeit mit ihm beenden. Hitchcock entließ sie jedoch nicht aus ihrem langjährigen Vertrag. Ihre Karriere war damit faktisch beendet. Seine Obsession für kühle, blonde Frauen setzte er dann mit Kim Novak fort.
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