Graciano Rocchigianis Boxkarriere ...aber Rocky verliert

Skandale, Dramen, Beschiss. Graciano "Rocky" Rocchigiani war einer der größten Antihelden des deutschen Sports, den manche Reporter "am liebsten aus der Ferne" betrachteten, voller Schaudern. Wie kam es nur dazu?

Mark Sandten/ Bongarts/ Getty Images

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"Warum ich Boxer bin? Weil ich kein Dichter bin. Ich kann keine Geschichten erzählen." (Barry McGuigan, irischer Federgewichtschampion von 1985)
"Für mich ist das ein totaler Quatsch, das ganze Gerede über Boxen als Kunstform. Was soll das?" (Graciano Rocchigiani)

Kluge Menschen, die selbst keine Boxer sind, es aber faszinierend finden, dass es eine Sportart gibt, bei der sich zwei Menschen die Fresse polieren wollen, neigen dazu, Boxer und ihrem Tun eine besondere Bedeutung zu geben. Eine Art Stellvertreterkrieg im Ring für all die Schlachten, die man im Leben so zu schlagen hat. Die Schriftstellerin Joyce Carol Oates hat 1987 mit ihrem Essay "Über Boxen" vielleicht den schönsten Versuch unternommen.

"Das Boxen", schrieb Oates, "darf nicht als Metapher für das Leben verstanden werden, aber seine raschen, manchmal nicht mehr gutzumachenden Schicksalswenden gleichen absolut denen des Lebens, und gerade der Schlag, den wir nicht kommen sehen - im Ring immer der K.-o.-Schlag - entscheidet über unsere Zukunft. Die dunkle Faszination für das Boxen rührt nicht nur daher, dass wir es mit triumphalen Siegen verbinden, sondern auch mit Niederlagen und dem tapferen Ertragen der Niederlage. Zwei Männer steigen in den Ring, und symbolisch gesprochen kommt nur einer raus."

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Graciano Rocchigiani: "Mich haben sie ständig beschissen"

Ein Jahr nach Erscheinen dieses Essays stieg Graciano Rocchigiani in den Ring der Düsseldorfer Philippshalle, um gegen den amtierenden IBF-Weltmeister im Supermittelgewicht anzutreten. Als er nach acht Runden wieder durch die Seile kletterte, hatte er Geschichte geschrieben. Der Sieg über den Amerikaner Vincent Boulware machte aus dem früheren Neuköllner Fensterputzer Rocchigiani "unseren Boxweltmeister Rocky" ("Bild"). Erst der dritte Deutsche überhaupt, jünger war noch keiner gewesen.

Der Antiheld mit zerhauener Nase

Am Montag ist Graciano Rocchigiani bei einem Verkehrsunfall in Italien im Alter von 54 Jahren gestorben. Man wird sich nicht an seinen Sieg gegen Boulware erinnern, auch nicht an die drei erfolgreichen Titelverteidigungen. Nicht an die wenigen Momente im Leben dieses Boxers, als er mit zerhauener Nase, aber einem goldenen Kranz um den Körper aus dem Saal getragen wurde. Der Boxer Rocky war kein strahlender Siegertyp, kein charismatischer Champion, keine unverwüstliche Erfolgsmaschine, kein Held. Rocky war der Antiheld. "Rocchigiani ist der Lottospieler, der jede Woche die gleichen Zahlen tippt, und als er mal sechs Richtige hatte, vergaß er, den Schein abzugeben", dichtete die "Süddeutsche Zeitung" 2003.

Macht das seine Geschichte weniger interessant? Ganz im Gegenteil. Graciano Rocchigiani war der spektakulärste Boxer, den dieses Land je hatte. Wenn Barry McGuigan nicht Boxer, sondern Dichter geworden wäre, hätte er sehr wahrscheinlich über Rocky geschrieben.

So eine Biografie wie seine kann sich keiner ausdenken. Der Vater italienischer Gastarbeiter und Amateurboxer aus Sardinien, der Anfang der Sechziger ins Ruhrgebiet kommt und als Eisenbieger arbeitet. Als im Dezember 1963 seine Gattin Renate zehn Monate nach der Geburt ihres ältesten Sohns Ralf auch Graciano zur Welt bringt, steigt er das letzte Mal in den Ring.

Berliner Asphaltcowboys

1965 zieht die Familie nach West-Berlin. Neukölln, Arbeiterkinder-Kindheit zwischen Bolzplatz, Schlägereien mit türkischen Gangs und einer Schöneberger Boxhalle, in der aus den Rocchigiani-Asphaltcowboys die "Rockys" werden: zwei hochtalentierte Boxer, die irgendwann feststellen, dass sie gut genug kämpfen können, um sich nicht wie der Vater für ein paar Mark bei der Maloche den Rücken ruinieren lassen zu müssen.

Früh lernen die Rockys Wolfgang Wilke kennen, Kneipier und Boxtrainer. Er wird vor allem für Graciano Vertrauensperson, Schleifer und Wegbegleiter zu all den Schlachten, die ihren vorläufigen Höhepunkt mit dem WM-Sieg 1988 finden. "Hätte ich verloren", sagt Rocky damals nach dem Kampf, "wäre ich immer ein arbeitsloser Nobody geblieben."

Jetzt ist er wer, auch wenn Boxen Ende der Achtziger hierzulande noch einen ähnlich seriösen Ruf hat wie illegale Hundekämpfe. "Am Ring sitzt die Zuhälterelite Deutschlands", beobachtet die "Zeit" fasziniert. Wenn sich schon keiner für den Boxsport interessiert, dann eben für die Boxer. Und dieser hier, der den "Zeit"-Reporter an "zornige junge Männer in alten Filmen" erinnert, fügt sich wunderbar in diese verrucht-verrückte Szene aus Halb- und Unterwelt, Luden und Lackaffen. Die Zeitungen wissen gar nicht, mit welcher Geschichte sie beginnen sollen, um diesen Mann zu beschreiben.

Rocky ist zwar Weltmeister, aber er benimmt sich nicht wie ein Champion. Er haut seinen Fahrlehrer, als er fälschlicherweise annimmt, der Mann habe ihn durch die Prüfung fallen lassen. Er liefert sich auf dem Ku'damm eine Schlägerei mit der Polizei, wird von einer 30-Jährigen beschuldigt, sie in einer Disco geschlagen zu haben und von einer 20-Jährigen angezeigt, weil er sie zur Prostitution gezwungen haben soll. Und dann gibt er auch noch freiwillig seinen WM-Gürtel ab. Offizielle Begründung: Für den Fight gegen Herausforderer Frank Tate 1989 habe er nicht rechtzeitig das nötige Kampfgewicht erreichen können.

"Essen, kiffen, poppen"

Dann fällt die Mauer. Und Rocchigiani, der Wessi, wird zum Wendeverlierer. Während der gleichaltrige Henry Maske aus Frankfurt an der Oder das Amateurlager verlässt, um als Profi im wiedervereinigten Deutschland Karriere zu machen und der 1988 nach Deutschland geflohene Dariusz Michalczewski Erfolgstrainer Fritz Sdunek kennenlernt, muss Ex-Weltmeister Rocky in den Knast.

Sechs Wochen und einen Tag wird er wie ein gewalttätiger Zuhälter behandelt, dann darf er auf Kaution raus, wird in der Revision für nicht schuldig befunden. Sein Ruf ist trotzdem längst ramponiert. Er gilt als jemand, den man, wie die "Welt" befindet, "am liebsten aus der Ferne betrachtet - in hochachtungsvollem Grusel". Dabei sind seine Interviews auch von fast schon sympathischer Muffeligkeit. Dem "Stern" etwa antwortete er 1988 auf die Frage, ob er schon mal in Amerika gewesen sei: "Ja. War scheiße." Beim anschließenden Fotoshooting sagt Bruder Ralf: "Wenn der nicht mein Bruder wäre, hätte ich ihm schon längst die Fresse poliert."

1993 werden Michalczewski und Maske Weltmeister - Rocky hat da zum zweiten Mal Titel und Karriere hingeworfen, diesmal als amtierender Europameister. In seiner Biografie schreibt er über diese Zeit: "Joint rauchen, abhängen, von der Glotze berieseln lassen, kiffen, mit Videospielen die Zeit totschlagen, essen, kiffen, poppen, noch mal Glotze, kiffen, schlafen. Aufstehen und wieder von vorn das Ganze. Ich hänge in einer Endlosschleife."

Unerwartetes Comeback

Als Student hält man den Lebensstil locker ein paar Jahre aus. Als Boxer fühlt man sich wertlos. Ein letzter und entscheidender Anschiss seiner Lebensgefährtin gibt den Ausschlag in die richtige Richtung. Aus dem Kiffer wird ein Konditionsbolzer, Rocky schlägt nicht mehr die Zeit tot, sondern verprügelt seine Sparringspartner. Und schafft am 5. Februar 1994, was ihm niemand mehr zugetraut hätte: einen wahnsinnig guten Kampf gegen den WBO-Titelträger Chris Eubank.

Wie wäre seine Geschichte wohl weitergegangen, wenn ihn die Punktrichter am Ende dieses Kampfes zum Sieger erklärt hätten? Wenn er, wie die "Bild"-Zeitung einen Tag später jaulte, den Champion "einfach umgehauen" hätte? Aber Rocky verliert. Und nach dem Kampf lassen sich die beiden Boxer kurz ganz tief in ihr Seelenleben gucken. "Kein Schwanz kann so einen Job lieben", sagt Eubank mit verbeultem Gesicht. "Fragen Sie doch Rocky, ob der mag, was er tut."

"Ja", antwortet Rocky. Und sagt dann: "Det war'n Scherz."

Gut gegen Böse

Nein, es wird kein Spaß gewesen sein, sich in den Monaten vor dem Kampf am 27. Mai 1995 gegen den von RTL und Privatfernsehen-Zuschauern geliebten Wiedervereinigungswunderjungen Henry Maske zum hässlichen Vollproleten abstempeln zu lassen. Gut gegen Böse hat in diesem Sport nun mal schon immer funktioniert.

Der Kampf selbst wird dann ein schlechter Scherz für den Berliner. Er erfäustelt sich zwar den Respekt der 15 Millionen TV-Zuschauer, wird aber Ende doch zum Verlierer. Medien- und Werbemenschen atmen erleichtert auf. Mit Gentleman Henry ist so viel besser Kohle zu verdienen. Dass Maske im Rückkampf Rocchigiani dominiert, beweist, dass er zudem ein glänzender Boxer ist.

Rocky versucht es erneut, diesmal, 10. August 1996, gegen Michalczewski. Wieder so ein Wahnsinn: Am Ende der siebten Runde trifft der dominante Herausforderer den "Tiger" mit einem schweren Haken, als der Ringrichter gerade dabei ist, die Kontrahenten zu trennen. Entweder stirbt Michalczewski danach einen lausigen Seifenoper-Tod oder er geht tatsächlich K.o. - jedenfalls ist der Kampf vorbei. Rocky reißt die Arme hoch, und der Ringrichter ihm kurz darauf das Herz aus dem Leib, als er auf Nachschlagen entscheidet, den Kampf unentschieden wertet und Rocky den verdienten Titel verweigert.

Berührender Abschied

Nie wieder wird er so kämpfen, auch wenn er noch mal Weltmeister wird, zwei Jahre später gegen Michael Nunn. Aber der vakante WBO-Titel wird ihm aberkannt. Rocky klagt dagegen erfolgreich an und einigt sich am Ende auf einen Vergleich über 4,5 Millionen Euro.


Video: Comeback als Promoter? Rocchi sucht den Super-Boxer (SPIEGEL TV 2016)

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Es ist sein höchster Gewinn und Grundstock für die Existenz außerhalb des Boxrings, wo er selbstverständlich nicht aufhört, regelmäßig in Fettnäpfchen zu treten. Von seinen 48 Profikämpfen macht er nur fünf in den letzten sechs Jahren seiner Karriere. Am 10. Mai 2003 verliert er klar im Halbschwer gegen Thomas Ulrich. Es ist sein letzter Kampf.

Als die Karriere des Antihelden Graciano Rocchigiani vorbei war, griff er sich das Mikrofon, lächelte scheu ins Publikum der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle und verabschiedete sich mit den Worten: "Ich habe gern für Sie geboxt."



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Sven Thiergen, 04.10.2018
1. Hatte mit den härtesten Punch seiner Zeit
Rockys Stärke waren das gute Auge, gute Konter und ein extrem harter Punch. Wenn die Gegner das nicht gut verteidigt haben, hatten sie spätestens in der 2. Kampfhälfte große Sorgen. Das haben nur die Besten "überlebt" - eben Maske, auch Eubank. Die Kondi war auch ganz gut, aber nicht ganz auf dem Level von Maske und Michaelczewski. Wie Maske den ersten Kampf überstanden hat - nach all den Treffern, die er fressen musste - ist ihm vielleicht selbst ein Rätsel. Der zweite Kampf war einseitig - Maske hat viel defensiver agiert und es über die Kondi geregelt. Das war schlau und das muss man gegen Rocky auch erstmal so hinbekommen. Der 1. Kampf gegen Michaelczewski war unglaublich. Rocky hat ihn 6 Runden lang verdroschen und dann - *deutlich* nach dem Stoppzeichen des Ringrichters - noch einen Schlag gesetzt. Michaelczewski hatte schon die Arme unten. Wahrscheinlich keine Absicht von Rocky - ein Blackout, eine Dummheit. Michaelczewski hat das gern zum Anlass genommen, den äußerst schwierigen Kampf zu beenden. Wäre sehr interessant gewesen, wäre der Kampf normal weitergegangen. Michaelczewski hatte eine Mordskondi. Was der in den ersten Runden teilweise gefressen hat und dann am Ende noch zurückgekommen ist. Würde das selbst in Kampf nicht ausgeschlossen haben, aber vielleicht wäre er einfach 1-2 Runden später K.O. gegangen. Der 2. Kampf war dann unfair. Da haben sie 4 Jahre gewartet, als Rocky schon 36 war und 2 Jahre keinen Kampf mehr gemacht hat, haben ihn mit der Börse gelockt und Michaelczewski hat ihn locker besiegt. Maske war der ein echter Sportsmann: Gutes halbes Jahr nach dem ersten Kampf das Rematch. Naja, egal. Schade, dass es so zu Ende gegangen ist. Aber Rocky hatte mit so 50 oft gesagt, dass alles gut ist - es war wie es war - und er ist zufrieden mit seinem Leben.
Reinhard Hennig , 04.10.2018
2.
Schön, dass der Artikel es auf den Punkt bringt: mit Maske ließ sich einfach besser Geld verdienen.
Reinhard Kupke, 04.10.2018
3. Den ersten Kampf gegen Maske
den habe ich gesehen. Rocky war glatter Sieger und ist betrogen worden. Und dieser sogenannte Gentleman HM hatte auch noch die Chuzpe, in die Mikrofone zu erklären, warum er der Sieger sein musste.
Nico Popp, 04.10.2018
4. Abschiedskampf gegen Ulrich
Graciano hatte 12 Runden lang die Fäuste oben, war konditionell topfit. Er verlor klar nach Punkten, war aber deutlich älter als sein Gegner. Auch in diese Kampf hat er eine sehr gute Figur abgegeben. Er hat zwar auch das Geld mitgenommen, aber mit Würde geboxt. Das sollte man festhalten!
Philip Schwedhelm, 04.10.2018
5. Was haben wir ihn geliebt!
Für mich war er der Größte, gleich nach Ali. Das hört sich für den Boxsport-Fachmann blöde an, aber er war ein Kämpfer, guter Boxer und vor allem sehr authentisch. Er hat sich nie verbiegen lassen. Hatte Maske damals schon in die Mikros gesprochen, wie heutzutage jeder gleichgespülte Fzußballspieler, hatte Rocky eben Schnauze! Er war ehrlich und hat nichts zurückbekommen. Manchmal glaub ich, dass er nie gewinnen konnte, da der Rubel es nicht wollte. Im Grunde was er so etwas wie der Donald Duck des Boxens und vielleicht auch deshalb so beliebt. Klar, abseits des Ringes war er sicherlich nicht immer frei von Fehlern, aber hallo, er kam halt ausm Kiez! Ich kann nur meinen Hut vor ihm ziehen und bin tatsächlich traurig. Graaaaaatze, du warst der Beste (!)
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