Graffiti in Europa Die bunte Revolution

Graffiti in Europa: Die bunte Revolution Fotos
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Für manche waren sie Verbrecher, für andere Künstler: Als in den Achtzigern die Graffiti-Welle nach Europa schwappte, überzogen Sprayer den Beton ihrer Städte mit bunten Schriftzügen. Eike Galle erinnert sich an die Geburt der Szene - und daran, wie Internet und Tapetenkleister sie veränderten. Von

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Zwölf Stockwerke zählt das Gebäude im Zentrum Dortmunds, in dem noch bis vor einigen Jahren eine große Versicherung residierte. Genau die Art von gesichtslosem Bau, die seit den siebziger Jahren zu Hunderten das Bild deutscher Großstädte bestimmt. Unzeitgemäße Architektur, in grau-braunem Waschbeton gehalten, seit Jahren leerstehend, dafür in bester Innenstadtlage mit Blick auf Theater, Rathaus und Stadtpark. Eine klassische Stadtbrache, ein Schandfleck für die durch Strukturwandel geprägte, sich jung und modern gebende Stadt. Die letzten Tage dieses Hauses sind gezählt, die Spezialisten für Sprengungen innerstädtischer Gebäude und die Abrissbirne warten nur auf ihren Einsatz.

Aber wenige Wochen vor dem angesetzten Sprengtermin im Februar 2008 kehrt doch noch einmal Leben in die Ruine zurück. Die Blicke der Passanten und Autofahrer, die bis vor kurzem das Versicherungsgebäude schlicht ignorierten, wandern die Fassade empor und bleiben teils verständnislos, teils schmunzelnd in den drei oberen Etagen hängen. In sattem Gelb strahlen die gesamten Fensterreihen der obersten Stockwerke, unterbrochen durch rote, schwarze oder blaue Fensterscheiben. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich dem verwunderten Betrachter die Logik hinter diesen bunten, senkrechten und waagerechten Fensterreihen, ein Gesamtbild entsteht, aus den verschiedenfarbigen Blöcken schälen sich drei riesige Buchstaben hervor: IFC.

Die drei Buchstaben stehen weder für den Namen der Versicherung, die zuletzt hier untergebracht war, noch für den Namen des Abrissunternehmens, noch sind sie die Werbebotschaft einer findigen Marketingabteilung. Und während die Passanten noch immer über das Entstehen und den tieferen Sinn der Lettern rätseln, erfreut sich eine kleine eingeschworene Gemeinde an ihrem letzten Coup - der heimlichen Übernahme des Gebäudes zu nur einem Zweck: das Bekanntmachen jener drei einfachen Buchstaben mit größtmöglicher visueller Wirkung - Tagging.

Botenjunge erfindet neue Kunstströmung

Seit 1984 prägen Tags und Graffiti das Stadtbild fast jeder europäischen Metropole. Während sich heute in New York schon die dritte oder vierte Generation von Writern - wie die Graffiti-Künstler sich selbst nennen - hartnäckig bemüht, die Tradition der bemalten U-Bahnen aufrechtzuhalten, entwickelte die Graffiti-Szene in Europa nach und nach ihren eigenen Stil. Den Punk- und Provo-Graffiti der späten siebziger und frühen achtziger Jahre, die mit ihren politischen Slogans auf Häuserwänden zum Nachdenken anregen wollten, folgten Jahre des Ausprobierens und Kopierens der New Yorker Vorbilder.

Auf Zügen der Deutschen Bahn sorgten erste großflächige Pieces, so der Szene-Begriff für Graffiti-Bilder oder -Schriftzüge, für Aufsehen. Schnell bildeten sich Netzwerke zwischen den Writern: Man bereiste die Heimatstädte der anderen mit den sehr erschwinglichen Interrail-Tickets der Bahn, man schickte sich gegenseitig Fotos zu, und man improvisierte erste kleine Graffiti-Magazine. Vorreiter dieses Trends in der Mitte der achtziger Jahre waren nordeuropäische Länder wie die Niederlande und Deutschland. In den frühen siebziger Jahren hatten junge New Yorker wie der inzwischen legendäre griechische Botenjunge Dimitrios, besser bekannt als "Taki 183", den Graffiti-Boom angestoßen, weil sie zum Zeitvertreib ihr Pseudonym und die Nummer ihrer Heimatstraße auf Hauswände schrieben. Doch nun, nur zehn Jahre später, hatte die Szene sich bereits zu einem internationalen Phänomen entwickelt, das seinen eigenen Gesetzen folgte.

Insbesondere Europa spielte bei dieser Entwicklung eine tragende Rolle: Zum Beispiel gewann hier der Crew-Gedanke, also der Zusammenschluss mehrerer Writer mit dem Ziel, den Namen ihrer Gruppe möglichst weit über verschiedene Städte und Länder zu streuen, früh große Bedeutung. Europäische Graffiti-Pioniere aus Amsterdam oder Paris kamen nach New-York-Reisen in den frühen achtziger Jahren in ihre Heimat zurück - und importierten den Habitus der amerikanischen Graffiti-Szene. Sie lösten die erste Generation der Punk-Writer ab und verbreiteten auf ihren regelmäßigen Reisen in die Metropolen der Nachbarländer in rasender Geschwindigkeit diese neue, kreative Art des Vandalismus.

Nächtliche Begegnung auf dem Zugdepot

Von Oslo bis Athen, von Madrid bis Warschau überzogen bald Tags und Pieces die europäischen Großstädte. Bei den einen sorgten sie für Begeisterung, von anderen wurden sie kriminalisiert. Den Writern waren diese Anfeindungen egal: Was für sie zählte, war, gesehen zu werden und nicht vorher darum um Erlaubnis zu bitten. Sie wollten sich den öffentlichen städtischen Raum zurückerobern, der jedem ihrer Ansicht nach zustand: Wand für Wand, Zug für Zug.

Während der späten achtziger und über die neunziger Jahre wurden die Netzwerke ausgebaut: Traditionelle Crews wie CIA (Criminals Inside Artists) oder TFP (The Fantastic Partners), die zu den ältesten Writer-Gemeinschaften der frühen New Yorker Graffiti-Szene gehörten, schlossen sich mit europäischen Gruppen zu weltweiten Netzwerken zusammen. So wollten sie den Namen ihrer Crew über den gesamten Globus bekannt machen. Bemalte Züge bestimmten vor allem Mitte der neunziger Jahre das Bild europäischer Bahnhöfe - doch selbst am anderen Ende der Welt, in Australien oder Brasilien, hatten sich mittlerweile sehr aktive Writer-Szenen etabliert.

Als in New York kaum noch bemalte Züge zu sehen waren, erlebte der Rest der Welt einen wahren Boom der rollenden Bilder und Schriftzüge. So kam es vor, dass sich Writer aus Kopenhagen, Rom oder Düsseldorf, die sich bislang nur über ihr Pseudonym kannten, plötzlich in einem Amsterdamer Yard (Zugdepot) gegenüberstanden und spontane, gemeinsame Whole-Trains (über mehrere Waggons vollständig besprühte Züge) malten. Aus diesen zufälligen Begegnungen entstanden wiederum neue Crews.

Graffiti wird salonfähig

Der gesteigerte Output der nun weltweit operierenden Gruppen steigerte wiederum den Bedarf an Information über die geistesverwandten Szenen, deren Aktionen und Styles. Schnell war der Markt überflutet von Graffiti-Magazinen aus allen Städten und Ländern. Die Qualität dieser Magazine war jedoch meist mäßig: Die wenigsten kamen über eine wilde Auswahl mehr oder weniger guter Bilder hinaus. Die meisten verschwanden ebenso schnell wieder, wie sie aufgetaucht waren.

Den Höhepunkt dieses Austauschs von Bildern, von Stilrichtungen und Neuentwicklungen erreichte Graffiti durch das Internet. Im Netz wurde es möglich, sich weltweit schnell und einfach über das Geschehen in anderen Städten zu informieren, neue Stile zu entdecken, sie mit den eigenen zu vermischen und die kreativen Ergebnisse in aller Welt publik zu machen. Gleichzeitig und beflügelt durch das Internet, wurden Graffiti in Form von Street-Art durch Künstler wie den Briten "Banksy" quasi über Nacht salonfähig. Prominente rühmen sich damit, Bilder und Arbeiten von Graffiti-Künstlern und Street-Artisten zu sammeln. Und Firmen setzen auf Graffiti, um eine gewisse Street-Credibility bei ihrer jungen Kundschaft zu erreichen.

Heute finden sich durch Graffiti inspirierte Schriftzüge selbst auf Produktverpackungen im Supermarkt wieder. Doch nach wie vor folgt eine Generation von Writern der nächsten, um weiterhin neue und frische Tags und Pieces auf Wänden und Zügen zu hinterlassen. Auch, wenn sich die Stile und Arbeitstechniken ständig verändern und die Sprühdose inzwischen oft auch durch Kleister und Farbrolle ersetzt wird, behalten alle diese Generationen von Writern eine Gemeinsamkeit: die Liebe zum Reiz des Unerlaubten.

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1.
Jörg Rüger 03.08.2011
Hallo, ich sammle in Berlin und Umgebung aus meiner Sicht gelungene Streetart-Arbeiten: http://www.sichtbarkeiten.de/berlin-tagged-and-sprayed-neu/ VG
2.
Ralf Bülow 03.08.2011
Der Beitrag verrät nicht gerade historische Kenntnis, da er z.B. den Einfluss von Filmen die "Wild Style" (1983) oder "Beat Street" (1984) oder eine Persönlichkeit wie Harald Nägeli verschweigt, den Sprayer von Zürich. Völlig vergessen wird auch die Münchner Szene, die der Volkskundler Peter Kreuzer in den 1980er Jahren dokumentierte. Auf ihn geht u.a. die 5400 Dias umfassende Graffiti-Sammlung des Stadtarchivs München zurück.
3.
Roland Behringer 03.08.2011
Wann hört das endlich mal auf - diese pauschale Glorifizierung der Sprayer als Künstler? Es gibt eine kleine Minderheit von Könnern und dass sie graue Betonwände besprühen, ist das beste, was man mit diesen Wänden machen kann. Ein gelungenes Graffiti freut auch mich. Dem gegenüber steht eine große Mehrheit von Nichtskönnern mit pubertärem Geltungstrieb, die überall ihre Tags hinrotzen wie Köter, die an jeder Ecke ihr Bein heben. Heraus kommt eine optische Kakophonie, die nur noch nervt. Und dieses Kokettieren mit dem "Verbotenen"! Müll einfach liegen lassen ist auch nicht erlaubt, wobei das "verboten" nicht das wesentliche ist, sondern dass man seine Mitbürger belästigt mit asozialem Verhalten.
4.
Michael Rotter 03.08.2011
Sorry, ich bin gerade im Urlaub in Deutschland und habe über 1500 Km mit dem Auto zurückgelegt. Dabei ist mir wieder einmal übel aufgestoßen, dass einige Menschen meinen über dem Gesetz zu stehen und straflos jedwede Bauten, auch historische Gemäuer, mit Farbe besprühen zu dürfen. Gerade in Berlin, aber nicht nur dort, gibt es dann noch die Idioten die die Fenster von öffentlichen Verkehrsmitteln mit eingeritztem Schwachsinn beschädigen. Wer kommt am Ende für die Schäden auf? Richtig! Der Steuerzahler und Kunde! Also, sie und ich.... Wie schon Herr R. Behringer richtig schrieb: ,, diese pauschalen Glorifizierung der Sprayer als Künstler sollte sofort aufhören! Im Gegenteil sollte jeder ein wachsamer Nachbar sein und diese Taten sofort zur Anzeige bringen.
5.
Matthias Frase 03.08.2011
Da ist Originelles dabei - aber auch viel von dem Trash, der mit dazu beiträgt, uns heutzutage komplett abstumpfen zu lassen und auch noch den letzten Nerv zu rauben. Ich habe mir eine neue Kunstrichtung aufgetan: Stadträume zu entdecken, die noch nicht von den wirren Duftmarken selbsternannter Street-Art-Künstler zugepimpert wurden. Kenner zahlen horrende Preise für solche Raritäten...
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