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Graffiti in New York Alles im Lack

Graffiti in New York: Alles im Lack Fotos
Kristian Kutschera

New York war in den Achtzigern der Traum aller Sprüher, bemalte U-Bahn-Waggons die Königsdisziplin der Szene. In einer Stadt, die noch von Drogen, Sex und Gewalt beherrscht wurde, lernte Kristian Kutschera die Magie von Graffiti kennen - und besprühte seinen ersten Zug.

Es war 1986, ich war 16 und HipHop war eigentlich schon wieder out, da fiel mir ein Buch in die Hände. Darin waren Jungs zu sehen, die riesige bunte Buchstaben und Figuren auf New Yorks U-Bahnen malten. Das Buch hieß "Subway Art", die beiden Autoren waren Henry Chalfant und Martha Cooper - ein Bildhauer und eine Fotografin für die "New York Post". Beide hatten seit Anfang der Achtziger das Phänomen Graffiti auf New Yorks U-Bahnen dokumentiert. Natürlich hatte ich schon von Graffiti gehört, aber eigentlich keine Ahnung, um was es sich drehte.

In dem Buch waren nicht nur gesprühte Bilder zu sehen, sondern auch die Sprüher, die nachts in die U-Bahn-Depots schlichen und in ihre Skizzenbücher die Entwürfe für ihr nächstes Graffiti zeichneten. Ich war wie elektrisiert. Jedes Foto, jede Bildunterschrift und jedes noch so kleine Detail sah ich mir immer und immer wieder an. Ich wollte auch Züge bemalen - und ich wollte nach New York.

Von München nach Manhattan

Ich fing also an zu sprühen. Natürlich erstmal auf eine Wand in München. Doch der Zufall wollte es, dass ich schon einige Monate später nach New York kam. Ich hatte mich für ein Austauschjahr in den USA beworben und landete bei einer Familie in einem Vorort von Philadelphia - nur zwei Stunden Busfahrt von New York entfernt! Bei der ersten Gelegenheit setzte ich mich in einen Greyhound-Bus und fuhr in den Big Apple. Raus aus dem Bus, rein in die nächste U-Bahn-Station. Aber was war das? Zu meiner großen Enttäuschung war keiner der Züge bemalt.

Die U-Bahn-Behörde Metropolitan Transit Authority (MTA) hatte auf mehreren Linien neue Züge eingesetzt, die schwer bewacht und damit frei von Graffiti waren. Ich fuhr weiter und wechselte mehrmals die Linien, bis plötzlich ein völlig besprühter Zug in die Station einfuhr. Ich sprang hinein, total aufgeregt. Bei jedem Halt lief ich einen Wagen weiter, um einen kurzen Blick auf die Bilder zu erhaschen. Bei der Station Jackson Avenue fuhr der Zug aus dem Tunnel an die Oberfläche. Links und rechts ausgebrannte Häuser, Sozialwohnungsblocks und leere Grundstücke voller Müll - die South Bronx 1987. Die nächste Station Prospect Avenue war ausgebrannt und der Zug fuhr einfach durch. Wie ich später erfuhr hatte jemand versucht, den Fahrkartenverkäufer auszurauben und kurzerhand die ganze Station in Brand gesetzt.

Pornokinos auf dem Times Square

New York war damals in einem erbärmlichen Zustand. Wenn man genau hinsah, lagen in jeder Ecke diese kleinen Plastikröhrchen herum, in denen Crack verkauft wurde. Außerdem roch es überall nach Urin. Die Williamsburg-Bridge über den East-River wurde irgendwann gesperrt, weil sie einzustürzen drohte. Times Square und 42nd St. bestanden nur aus Pornokinos und Leute aus Manhattan mieden die anderen Stadtteile unter allen Umständen.

Aber ich war endlich dort! Und alles sah noch fast so aus wie in "Subway Art". Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang hing ich auf den Stationen in der Bronx herum, meine kleine Agfa-9-Kamera immer griffbereit unter der Jacke versteckt. Sobald ein Zug in die Station einfuhr, rannte ich von einem Ende zum anderen, um die gesprühten Bilder zu fotografieren. Dabei versuchte ich jedes Mal, so unauffällig wie möglich auszusehen. Ich hatte nämlich ständig Angst, dass mir entweder jemand die Kamera wegnehmen oder ein Bahnpolizist auftauchen könne. Es war verboten, Fotos von den Graffiti zu machen.

Am dritten Tag traf ich auf andere Sprüher, die mich beim Fotografieren gesehen hatten. Sie sprachen mich mit der typischen Frage an: der Frage nach dem Sprühernamen. Umso erstaunter waren sie, als ich erzählte, dass ich aus Deutschland käme und es dort auch Graffiti auf Zügen gäbe. Ich hatte ein paar Fotos aus München dabei, die herumgereicht und bestaunt wurden. Aber die Vorstellung, dass es Graffiti auch jenseits der Bronx, Brooklyn, Queens oder Manhattan gab, war für einige schwer zu begreifen.

Sprühen als schwere Straftat

Meine Helden aus "Subway Art" waren aber kaum noch aktiv. Ich traf hier auf die nächste Generation, die mit aller Macht gegen die Transit Authority ansprühte. New York hatte die Gesetze verschärft und das Besprühen von Zügen von einem Vergehen zu einer schweren Straftat hochgestuft.

Immer wenn ich konnte, schwänzte ich freitags die Schule und fuhr nach New York. Ich kannte mittlerweile ein paar Sprüher, mit denen ich mich verabredete. Eines Abends wollten sie mich mitnehmen, um einen Zug zu besprühen.

Wir trafen uns an der Station Allerton Avenue und nahmen dann die Linie 5 in Richtung Dyre Avenue im Nordosten der Bronx. Wir wollten zu der Station Baychester, bei der auf zwei Gleisen U-Bahnen für die Nacht abgestellt waren. Eines der legendärsten, aber leider auch berüchtigtsten Depots, viele Sprüher waren hier erwischt worden. Man musste durch ein kleines Waldstück, bevor man an den Zaun vom Depot kam, der so viele Löcher wie ein Schweizer Käse hatte. Wir warteten den nächsten vorbeifahrenden Zug ab und schlichen dann den Bahndamm hoch.

Mein Name in New York

Doch in beiden Zügen brannten die Lichter, das war kein gutes Zeichen. Die beiden andern sagten, ich solle mich unter einen der Züge setzen und darauf achten, dass keine Arbeiter oder Polizisten auftauchten, während sie nachsähen, ob die Luft rein war.

Auf den Zug vor mir waren zwei wahnsinnig gute Bilder gesprüht. Der Boden war übersät mit leeren Dosen. Neben mir summte die Stromschiene. Die Wagons, die noch aus den sechziger Jahren stammten, machten ständig Geräusche. Es klickte, knackte und das plötzlich einsetzende Tuckern und Zischen, wenn sich die Druckluft für die Bremsen auflud, ließ mich jedes Mal zusammenzucken.

Natürlich hatte ich eine Heidenangst, erwischt zu werden und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Aber da war noch etwas anderes. Dieses Gefühl, dass ich trotz aller Zäune und Verbotsschilder, trotz aller Ermahnungen der Erwachsenen hier war, um meinen Graffiti-Namen auf diesen Zug zu sprühen. Ich, ein weißer, blasser, schmächtiger Junge aus München. Diese Mischung aus Abenteuer, Freiheit, ein bisschen Verschwörung, ein bisschen Katz-und-Maus-Spiel jenseits der Welt und der Wertvorstellungen der Erwachsenen. All diese jugendliche Energie, die sich dann in dem gesprühten Werk entlädt.

Plötzlich blitzten Taschenlampen auf

Leider kam alles ganz anders an diesem Abend. Wir hatten gerade unsere Dosen ausgepackt und sprühten die ersten Linien auf den Zug, da blitzen die Lichter von Taschenlampen zwischen den Waggonreihen auf. Wir rannten zum anderen Ende des Depots, immer darauf gefasst, dass auch aus dieser Richtung jemand kommen würde. Wir sprangen von einer hohen Mauer und rannten ein paar Straßen weiter, bis wir uns in einen Kentucky-Fried-Chicken-Laden retten konnten. Wir waren davongekommen. Leider hatte ich keinen Zug bemalt. Etwas aber blieb von diesem Abend, das mich die nächsten zehn Jahre antreiben sollte.

Im August 1988 kam ich zurück nach München, aber auch hier war etwas passiert. Sprüher aus verschiedensten Städten hatten Kontakte geknüpft. Es gab die ersten Magazine, "Freestyle" und "Bomber" aus Holland und "14k" aus der Schweiz. Dünne Heftchen mit schwarz-weißen Seiten, auf denen oft nicht mehr als der Umriss eines gemalten Bildes zu erkennen war. Man reiste zu den ersten HipHop-Jams in andere Städte und malte bei der Gelegenheit gleich ein paar Bilder.

Was sich erst auf Deutschland beschränkte, zog bald weitere Kreise. Man begann zu reisen, um auch im Ausland zu malen. Aus ein paar einzelnen Kontakten entwickelte sich eine europaweite Szene. Die meisten sprühten jetzt schon ein paar Jahre, und langsam begann sich die Szene auch stilistisch von den New Yorker Vorbildern zu emanzipieren. Graffiti breitete sich über ganz Europa aus. Erst nach Süden, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch immer weiter nach Osten. Heute kann es sein, dass ein Engländer, ein Deutscher und ein Holländer gemeinsam in Bukarest einen Zug bemalen.

Und zu meiner ersten bemalten U-Bahn in New York kam ich schließlich auch noch. Ein Jahr später, in einem Tunnel genau unter City Hall, dem Sitz des New Yorker Bürgermeisters.

Kristian Kutschera ist 39 Jahre alt und lebt in Hamburg. Er ist Autor des 2009 erschienenen Buchs "Action Painting - bringing art to the trains", das die Entwicklung des Phänomens Graffiti auf Europas Zügen von den späten achtziger Jahren bis heute dokumentiert.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Jürgen Schulze, 05.05.2009
Graffiti ist nichts anderes als Wandschmiererei. Wer das als Kunst bezeichnet, hat den Knall nicht gehört. Ich habe lieber eine graue Wand, als eine mit bunten Bubble-Fonts, Tags oder Figuren in Baggy pants voll geschmierte. Ich finde Graffiti zum Kotzen
2.
Oliver Reichardt, 06.05.2009
"Vor 30 Jahren machten sie Graffitis zur größten Kunstbewegung der Welt. In "Spraymasters", Manfred Kirchheimers neuem Film, denken 4 ehemalige Graffiti-Sprayer über ihre frühen Jahre als abtrünnige Künstler nach, die sich in New Yorker U-Bahnhöfe schlichen und dort mit gestohlenen Farben Züge dekorierten, immer in Angst vor Verhaftung." (mop-distribution.de) Den Film zur (Untergrund-)Kulturbewegung gibt es in diesem Jahr im Freiluftkino-Insel im Cassiopeia, Berlin. Sonntag, den 14.06.2009 um 22:00 Uhr. www.freiluftkino-insel.de
3.
karl anton, 06.05.2009
zitat: Graffiti ist nichts anderes als Wandschmiererei. Wer das als Kunst bezeichnet, hat den Knall nicht gehört. ich bitte um Deine Definition des Begriffes Kunst.. . und du wirst sehen, das Du Deine Aussage nicht halten kannst. Die Tatsache das einem etwas nicht gefällt reicht ja nun nicht aus um der Sache seinen Status zu entziehen. Danke aber für das Statement zu Deinem Geschmack.
4.
Peter Gunn, 06.05.2009
Es mag den einen oder anderen Künstler unter diesen Typen geben und wenn eine verfallene Hinterhofwand auf diese Art "verschönert" wird, könnte man das vielleicht noch tolerieren. Was mich aber, genau wie meinen Vorredner, ankotzt, ist das undifferenzierte Beschmieren jeglicher Flächen. Ich habe das hier in Berlin täglich vor Augen und habe schon mehrfach mit ansehen müssen, wie eine gerade erst mühsam gesäuberte und frisch gestrichene Wand am nächsten Morgen prompt wieder vollgekrakelt ist. Das hat mit Kunst soviel zu tun wie Bremsspuren mit einem Picasso. Und daß sich hier einer dieser Schmierfinken noch großartig darüber ausläßt, was für ein toller und cooler Kerl er doch ist, finde ich, gelinde gesagt, schon eine Zumutung. Was diesen Typen nämlich vollkommen fehlt, ist jeglicher Repekt vor dem Eigentum anderer Leute. Die meisten Hausbesitzer haben ihr Haus nicht im Lotto gewonnen, sondern hart dafür gearbeitet. Und bei öffentlichen Gebäuden müssen wir alle zahlen. Ganz zu schweigen von den bekrakelten U- und S-Bahnen. Sollte mir einer dieser selbsternannten Künstler mal unter die Finger kommen, werde ich ihm mit dem größten Vergnügen seine eigenen Klamotten "verschönern" und, sofern er ein Fahrrad dabei hat, das gleich noch dazu. Mit seiner eigenen Spraydose. Mal sehen, was er davon hält. Ich wünsche mir, das dagegen viel härter durchgegriffen wird. Als erstes müsste jeder gezwungen werden, sein Geschmiere selbst wieder von der Wand zu entfernen. Das dürfte dann für's erste schon mal reichen.
5.
Ernesto Vater, 06.05.2009
Herr Schulze, Ihre Meinung in Ehren und auch ich finde hastige Tags auf privaten Häuserwänden ärgerlich. Dennoch ist Ihre Aussage viel zu pauschal und ignoriert, dass Graffiti ein fester Teil der Kultur geworden ist. Schaut man sich einige Bilder an, muss man schon dankbar sein, dass derjenige/diejenige solche Kunstwerke umsonst der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.
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