Pariser Gruselbühne Haus der tausend Schreie

Pariser Gruselbühne: Haus der tausend Schreie Fotos

Es sollte Kasperletheater für Erwachsene sein - und wurde zum allabendlichen Blutbad: 1897 eröffnete die schockierendste Bühnenshow der Welt. Die Stücke des Grand Guignol ließen Paris erschauern und etliche Zuschauer in Ohnmacht fallen. Dann holte die Realität die Horrorshow ein. Von Danny Kringiel

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Bei der Sache mit dem Augapfel konnten die ersten Zuschauer nicht mehr. "Sechs Leute", so berichtet der Autor Mel Gordon, "verließen den Raum, als eine Schauspielerin, die gerade ihr Auge verloren hatte, wieder auf der Bühne erschien - mit einem scheußlichen, roten Loch im Schädel". Hinter der Bühne hätten die Schauspieler derweil ihren Erfolg nach der Zahl der Ohnmachtsanfälle des Abends errechnet. Eine Szene mit einer besonders realitätsgetreuen Bluttransfusion habe dabei den Rekord aufgestellt - 15 bewusstlose Besucher. Und zwischen den Sketchen sei die ganze Gasse vor dem Theater voll gewesen von hyperventilierenden Zuschauern.

So schildert Mel Gordon in seinem Buch "The Grand Guignol" einen typischen Abend in dem gleichnamigen Pariser Theater. Mit seinem gewagten Repertoire voll Blut, Sex und schwarzem Humor war das Théâtre du Grand Guignol Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Herzstück des Vergnügungsviertels Pigalle geworden - und zum Mittelpunkt etlicher Skandale. Das weltweit einzigartige Schauspielhaus lockte Touristen aus aller Welt an. Dabei hatte sein Gründer eigentlich nur ein Kasperletheater für Erwachsene erfinden wollen.

Kathedrale der Angst

Den Namen "Guignol" kannte in Frankreich jedes Kind: So hieß eine kleine Handpuppe mit Mütze und Fliege, das französische Pendant zum deutschen Kasper. Seine Abenteuer brachten im ganzen Land Kinder zum hemmungslosen Lachen, Weinen und Schreien. Und genau solche heftigen Reaktionen wollte Bühnenautor Oscar Méténier auch bei Erwachsenen hervorrufen - egal, mit welchen Mitteln. Méténier war kein Mann, der kontroverse Themen fürchtete: Als Mitgründer des "Théâtre Libre" hatte er harte, sozialkritische Stücke unter Umgehung der staatlichen Zensoren inszeniert. In seinem Zweitjob betreute er zum Tode Verurteilte in den letzten Momenten ihres Lebens - und sammelte dabei Stoff für seine düsteren Stücke.

Düster war auch der Ort, an dem er 1897 sein eigenes Theater gründete: Am Ende einer dunklen kopfsteingepflasterten Sackgasse, der Rue Chaptal im verruchten Vergnügungsviertel Pigalle, fand Méténier eine verlassene Kapelle. Die morbide Stimmung ihres kleinen Saals mit seinen neogotischen Bögen und zwei riesigen geschnitzten Engeln, die milde von der Decke herablächelten, überzeugten ihn. Und so wurde das "Théâtre du Grand Guignol" geboren - mit rund 290 Plätzen das kleinste Theater von Paris. Aber auch die Bühne, die den größten Schrecken verbreitete.


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Schon am Abend der Eröffnung gab es den ersten Skandal: Eines der kurzen Stücke, die gezeigt wurden, "Mademoiselle Fifi", handelte von einer französischen Prostituierten, die einen preußischen Offizier ersticht. Pikanterweise hatte Méténier die Rolle mit einer echten Professionellen besetzt. Zum ersten Mal stand damit eine Prostituierte auf einer französischen Theaterbühne, wenn auch nicht lange: Die weitere Aufführung des Stückes wurde polizeilich verboten. Doch der streitbare Theaterdirektor ließ sich nicht einschüchtern. Gleich in seinem nächsten Stück, "Lui!", zeigte er wieder eine Prostituierte und ließ sie sogar eine Sexszene mit einem Verbrecher spielen. Innerhalb eines Jahres machte sich Méténier mit seinen expliziten Geschichten aus dem Straßenmilieu einen Namen in der Showbranche.

Blut in neun Farbschattierungen

Dennoch: Die Zeit der größten Skandale stand dem Theater noch bevor. Nach nur einem Jahr übernahm Max Mauray die Direktion. Er vermarktete das Grand Guignol gezielt als "Theater des Schreckens" und setzte auf besonders drastische Horroreffekte: Im Stück "Laboratorium der Halluzinationen" etwa führte ein Chirurg auf der Bühne eine grässliche Operation am offenen Gehirn des Liebhabers seiner Frau durch, um diesen in den Wahnsinn zu treiben. Am Ende rächte sich der Gepeinigte - und drosch einen Meißel durch die Stirn des Arztes. Ein anderes beliebtes Stück, "Ein Verbrechen im Irrenhaus", handelte von zwei alten Damen in einer Nervenheilanstalt, die einer jüngeren Patientin aus Neid um ihre Schönheit mit einer Schere die Augen ausstachen.

Das Showprogramm des Grand Guignol wurde zu einem Potpourri der Mörder und Geisteskranken - was nicht zuletzt André de Lorde zu verdanken war, den Mauray als Bühnenautor gewonnen hatte. Über viele Jahre sollte er das Theater als Hauptautor mit grausamen Ideen versorgen. Viele seiner Stücke schrieb de Lorde, der bald den Spitznamen "Prinz des Schreckens" trug, in Zusammenarbeit mit dem Psychotherapeuten Alfred Binet, und entsprechend oft drehten sie sich um psychische Störungen - nicht selten mit ganz realem Vorbild: Das Stück "Der Mann der Nacht" über die Gräueltaten eines Nekrophilen etwa ähnelte wohl nicht zufällig dem Fall von Sergeant Bertrand, der 1849 dafür verurteilt worden war, etliche Gräber geschändet und Leichen zerstückelt zu haben.

Die Beschäftigung mit Geisteskrankheiten sollte über Jahrzehnte hinweg eines der bestimmenden Themen des Grand Guignol bleiben - und machte das kleine Theater während der zwanziger Jahre für den Künstlerkreis der Surrealisten interessant, die sich in ihren Werken mit den Grenzbereichen des bewussten Denkens befassten. Maria Benz alias "Nusch" etwa, eine Darstellerin des Theaters, war Teil der eingeschworenen Gemeinschaft der Pariser Surrealisten. Neben ihrer Arbeit am Theater stand sie Modell für Man Ray, 1934 heiratete sie den surrealistischen Dichter Paul Éluard.

Weit erschütternder als die psychologischen Abgründe der Stücke jedoch wirkten ihre physischen Grausamkeiten auf das Publikum. Die Mitarbeiter des Theaters rührten literweise Kunstblut in neun Farbtönen an. Die Augen, die regelmäßig über die Bühne rollten, stammten von toten Tieren und wurden zusätzlich mit einer Schicht aus glibberigem Aspik überzogen, mit dem man sonst Sülzen zubereitete. Und aus roten Schläuchen und blutgetränkten Schwämmen fertigte man die Organe der Unglücklichen, die hier jeden Abend ausgeweidet wurden. Nie war Gewalt im Theater so detailgetreu inszeniert worden. Das Grand Guignol legte damit den Grundstein für etliche spätere Spielformen des Horrors: In den sechziger Jahren sollten sich Thriller wie Hitchcocks "Psycho", die blutigen Gruselfilme der britischen Hammer Studios oder auch der US-Splatterfilm großzügig an den drastischen Darstellungsformen von Gewalt bedienen, die das Grand Guignol bereits Jahrzehnte zuvor geschaffen hatte.

So weit die Tricktechnik des Theaters ihrer Zeit voraus war, so sehr überforderte das Grand Guignol mit seinen inszenierten Blutbädern zeitgenössische Theaterbesucher: Die fielen mit solcher Regelmäßigkeit in Ohnmacht, dass Mauray schließlich einen Arzt einstellte, der sich während der Vorstellungen um die Zuschauer kümmerte. Nicht immer half das: Wie die "Time" im Januar 1950 berichtete, wurde bei einer Aufführung von "Ein Verbrechen im Irrenhaus" der Arzt zu Hilfe gerufen, als einer Dame die Sinne schwanden - doch als er gebraucht wurde, sei der Arzt bereits selbst bewusstlos gewesen.

Ende mit Schrecken

Erstaunlicherweise liebte das Publikum die Qualen, denen es im Grand Guignol ausgesetzt wurde. Météniers Ziel, ein Kasperle für Große zu schaffen, schien erreicht: Das Publikum nahm lautstark am Schauspiel teil, Stammgäste riefen "Mörder!" beim Auftritt des Bösewichts oder zählten laut mit, wie oft der Arzt Besuchern zur Hilfe eilte. Über die Jahre mauserte sich das kleine Theater vom Geheimtipp zu einem der größten Touristenmagneten von Paris. Die "Time" lobte das Haus gar als "großartigste Horrorshow auf Erden".

Einige der Darsteller wurden zu regelrechten Stars. Die Bekannteste von ihnen war Paula Maxa: Von 1917 bis in die dreißiger Jahre verkörperte die "meistermordete Frau der Welt", wie sie bald genannt wurde, unzählige Opfer. Mehr als 10.000-mal wurde sie auf der Bühne ermordet - auf 60 verschiedene Arten. Sie wurde erschossen, skalpiert, geköpft, gevierteilt, vergiftet, mit Perlenketten erwürgt, von Leprakranken zu Tode geküsst oder auch mal von einem Puma verspeist. Das Publikum feierte sie als "Sarah Bernhardt der Rue Chaptal" - und stellte sie damit immerhin auf eine Stufe mit der wohl berühmtesten französischen Schauspielerin der Jahrhundertwende.

Über Jahrzehnte zog das ungewöhnliche Programm des Theaters Besucherscharen an - Direktoren wechselten, Schauspieler wurden ausgetauscht, doch das Grand Guignol hielt seinen Sonderstatus unter den Pariser Attraktionen. Und doch sollte sein Erfolg nicht ewig anhalten. Um 1942 zeichnete sich eine Veränderung ab: Weniger und weniger Leute kamen in das Theater. Und die wenigen, die kamen, wurden immer öfter von den drastischen Bluttaten auf der Bühne nicht zum Schreien, sondern zum Lachen gebracht. Eine ungewöhnliche Reaktion angesichts der schweren Zeiten, die die Stadt durchmachte: Seit Juni 1940 stand Paris unter Besatzung durch Hitlers Truppen, die Stadt erlebte eines der düstersten Kapitel in seiner Geschichte.

Aber auch nach dem Krieg wollte das Theater sich nicht mehr recht erholen: Direktor Charles Nonon mühte sich ab, die Zuschauer zurückzugewinnen - mit noch drastischeren Stücken, noch mehr nackter Haut. Doch das Grand Guignol war von der Realität eingeholt worden. Nonon erklärte: "Mit Buchenwald konnten wir nie gleichziehen. Vor dem Krieg glaubte jeder, dass die Geschehnisse auf der Bühne rein imaginär seien. Heute wissen wir, dass solche Dinge - und noch schlimmere - wahr sein können." Im November 1962 musste die kleine Kapelle des Schreckens am Ende der Rue Chaptal für immer ihre Tore schließen.

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1.
Christian Römmer 03.12.2012
Ich glaube, es geht am Thema vorbei, wenn im Artikel behauptet wird, die Stücke im Grand Guignol seien Wegbereiter für Horrorfilme der 1950er gelegt. Schließlich waren auch die 1930er in den USA - vor der Durchsetzung des Hays Code - eine Hochzeit des Grusel- und Horrorfilms. In Paris konnte man sich vielleicht noch den einen oder anderen blutigen Effekt mehr erlauben, aber ansonsten war das doch voll am Puls der Zeit und nicht sonderlich innovativ.
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