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Australiens "Great Emu War" Piep, piep, piep, wir sind im Krieg

Krieg gegen Emus: Wie ein Vogel Australiens Armee das Fürchten lehrte Fotos

Mit Kanonen auf Spatzen schießen? Pah! 1932 zog eine Sondereinheit des australischen Militärs mit Maschinengewehren in den Kampf gegen Horden wuscheliger Emus. Und verlor. Von

Schnäbel, nichts als Schnäbel. An langen, dünnen Hälsen. Wippende Schnäbel, die kurz aus dem Gestrüpp auftauchten - und sofort wieder weg waren. Seit dem Morgengrauen des 4. November 1932 hatten Major C.W.P. Meredith und seine Männer auf der Lauer gelegen, an einer Wasserstelle im Hinterland von Western Australia, die Mittagsglut hindurch, ihre gasdruckbeladenen Lewis-Maschinengewehre schussbereit. Und noch immer hatten sie nichts von den verdammten Emus gesehen als ein paar zottelige Köpfe, die ab und zu neugierig aus einer 300 Meter entfernten Senke herüberlugten. Bald würde es wieder dunkel werden und sie müssten abbrechen.

Doch dann: Bewegung im Gras. Der Durst der Tiere schien über die Vorsicht zu siegen. Langsam kamen sie näher, während die Soldaten still dalagen. Noch 200 Meter. 150. Bei 100 Metern gab Meredith das Feuer frei - und ein Inferno brach los. Mit zehn Kugeln pro Sekunde brandete das Mündungsfeuer der Maschinengewehre auf. Federn wirbelten hoch, in Panik rannten die Tiere durcheinander, während die Schützen sie Salve über Salve ins Kreuzfeuer nahmen.

Nur einen Augenblick später war alles vorbei. Die Herde hatte sich in alle Winde zerstreut - und die Soldaten ratlos zurückgelassen: Nach einem Tag, so würde der "Sunday Herald" später berichten, hatten sie aus dem Hinterhalt nur ein Dutzend Emus erwischt. Und allein die Herde, der sie heute aufgelauert hatten, umfasste rund 1000 Tiere.

Das erfolglose Scharmützel war nur eines von vielen im wohl sonderbarsten Kapitel der australischen Militärgeschichte - dem "Great Emu War" von 1932. Einem ungleichen "Krieg" im Westen Australiens, der die dortigen Farmer retten sollte - und am Ende einen Verteidigungsminister seinen Ruf kostete.

Gefiederte Bedrohung

Begonnen hatte die Geschichte des absurden Kampfes mit dem Ende des Ersten Weltkriegs: Die australische Regierung erwarb damals Zehntausende Hektar Land, auf dem ehemalige Soldaten sich als Farmer eine neue Existenz aufbauen sollten. Tausende folgten dem Aufruf ins verlassene Western Australia, bauten Weizen an und kämpften bald mit der Existenznot. Subventionen blieben aus, eine Invasion von Kaninchen konnte nur mühsam im Zaum gehalten werden, und die Weltwirtschaftskrise setzte den Farmern weiter zu. Es fehlte an allem, selbst an Material für die Schutzzäune, mit denen sie Wildtiere von den Feldern fernhielten - etwa Emus.

Die Lage verschärfte sich mit einer Dürre Anfang der Dreißigerjahre. Durch die Trockenheit im Landesinneren drängten die Emus weiter als üblich in Küstennähe vor. Besonders in der Region um Campion wurden sie zur Plage. Mühelos durchstießen sie Kaninchenzäune, fraßen sich auf den Feldern satt und trampelten das Getreide nieder. Die Farmer versuchten, sich zu wehren, mit Fallen, Gift, Flinten. Vergeblich: 1932 hatten sich hier bereits um die 20.000 Emus zusammengerottet.

Die Bauern sandten eine Delegation nach Perth, um die Regierung um Hilfsmittel zu bitten - Maschinengewehre. Andernfalls, so drohten sie, würden sie ihr Ackerland aufgeben. Der Druck auf Verteidigungsminister George Pearce war enorm: Ein Ausfall der Farmen hätte das ganze Land wirtschaftlich getroffen, außerdem konnte er nicht einfach Tausende Weltkriegsveteranen im Stich lassen. Bauern mit Maschinengewehren umherziehen zu lassen, schien jedoch nicht besonders ratsam - also beschloss er, eine Sondereinheit zu entsenden.

"Nicht so dumm wie vermutet"

Major C.W.P. Meredith brach am 1. November 1932 von Perth aus mit einer kleinen Einheit der Siebten Schweren Batterie der Königlich Australischen Artillerie auf in die Krisenzone. Eine Mission, die der australische "Sunday Herald" spöttisch als wohl "einzigartig in der Geschichte der Schädlingsbekämpfung" bezeichnete. Die von einem Kameramann begleitete Einheit war ausgestattet mit Maschinengewehren, geschulten Schützen und 10.000 Schuss Munition. Mehr als genug, um ein paar Laufvögel in die Flucht zu schlagen. Hätte man meinen können.

Auch das Militär schien die Intervention eher für eine amüsante Großwildjagd zu halten. Jedenfalls kam von der Leitung der Ersten Kavalleriedivision aus Sydney die Bitte, die Häute von 100 Emus mitzubringen, damit man mit den Federn die Hüte des Australian Light Horse Regiment schmücken könne.

Das Spaßen sollte den Militärs bald vergehen: Am 2. November startete Merediths Einheit in Campion einen ersten Frontalangriff auf eine Gruppe Emus - und versagte jämmerlich. Zum einen waren die Schützen überfordert von der Wendigkeit der bis zu 50 Stundenkilometer schnellen Vögel. Zudem mussten sie verdutzt feststellen, dass die Tiere nach Treffern oft unbeeindruckt weiterliefen. Ein Soldat murrte, es gebe wohl nur einen Weg, einen Emu zu töten: "ihm durch den Hinterkopf schießen, wenn sein Schnabel zu ist oder durch die Vorderseite seines Kopfes, wenn er auf ist". Selbst Meredith konnte seine Bewunderung kaum verbergen: "Hätten wir eine Militärdivision von der gleichen Widerstandsfähigkeit gegen Schüsse wie diese Vögel, dann würde sie gegen jede Armee der Welt bestehen."

Der Einsatz entwickelte sich zum Desaster: Versuchten die Soldaten, Emus ins freie Gelände zu treiben, flohen die in den Schutz von Baumgruppen. Probierten sie, die Emus mit einem auf einen Pick-up-Truck montierten Geschütz einzuholen, rannten die so schnell davon, dass der Schütze sich bei der Verfolgungsjagd nur mit Mühe festklammern konnte und keinen einzigen Schuss abgab. Einmal legten sie den Tieren einen Hinterhalt - aber just im entscheidenden Moment hatte das Maschinengewehr Ladehemmung. Ein anderes Mal versuchten sie, einen Emu einfach zu überfahren, doch das Tier verhakte sich im Lenkgetriebe des Wagens, der daraufhin in einen Zaun raste.

Das Lokalblatt "Kalgoorlie Miner" kommentierte am 5. November lakonisch, die Operation werde wohl noch etwas "länger dauern als angenommen. Die Emus haben bewiesen, dass sie nicht so dumm sind wie vermutet".

Schmachvolle Niederlage

Die Stimmung begann zu kippen - zugunsten der Emus. Die Lokalpresse sprach von einem "Guerillakrieg", den die Vögel gegen das Militär führten und bei dem sie klar die Oberhand behielten. In Sydney musste sich Pearce vor dem Senat verteidigen. Vielen schien unverständlich, weshalb mit Steuergeldern Jagd auf das australische Wappentier gemacht werde. Der Abgeordnete Harold Thornby, so das "Journal of Australian Studies" 2005, schäumte über die "Farce". Senator Guthrie kritisierte die effektheischende Inszenierung des "Emu-Kriegs" und fragte, ob man die Vögel nicht humaner töten könne als mit dem Maschinengewehr. Doch nicht nur die Stimmung, auch die Zahlen sprachen gegen Pearce. Der verheerende Zwischenstand am 8. November: 2500 Schüsse, nur 200 Emus tot.

Meredith beschwichtigte, es seien gewiss noch mehr Emus getötet worden, da viele wahrscheinlich verwundet in der Wildnis verendet seien, ohne gefunden zu werden. Er rechnete die dramatischen Schäden an den Weizenfeldern auf. Dummerweise ging aus seinen Berichten hervor, dass die größten Schäden an den Feldern entstanden waren, auf denen er mit seinem Tross manövriert hatte.

Einige Wochen kämpfte die Sondereinheit noch darum, das Blatt zu wenden, ohne großen Erfolg. Zwar tauchten die Tiere seltener auf den Farmen auf, doch schien dies daran zu liegen, dass die Weizenernte voranschritt und sie das Interesse an den abgeernteten Feldern verloren. Am 10. Dezember wurden Meredith und seine Leute endgültig zurückbeordert. Der Emu-Krieg war verloren. In seinem Abschlussbericht blieb dem Major kaum Positives zu berichten - außer, dass die Verluste unter seinen Männern gleich "Null" gewesen seien.

George Pearce war es gelungen, sich mit der Operation einen Namen zu machen - jedoch anders als erhofft. Als "Minister of the Emu War" ging er in die australische Geschichte ein. Der Wappenvogel indes hatte an Ansehen gewonnen: Als ein Politiker aus New South Wales vorschlug, allen Teilnehmern des Emu-Kriegs Orden zu verleihen, entgegnete ein Abgeordneter aus Western Australia nur, diese müssten dann wohl an die Emus gehen - schließlich hätten die "jede Runde gewonnen".

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Anni get your gun
Daisy Neff, 03.07.2015
Das wäre eine hervorragende Übung für Scharfschützen gewesen. Immer durch die Augen, um das Gefieder nicht zu beschädigen. Dafür hätte sich die Lee Enfield Rifle Mark 3 empfohlen, die erst bei Schüssen ab 800 m etwas ungenau wurde und die Standardwaffe im englischen Empire war.
2. was sind
Günter Vrauer, 03.07.2015
"gasdruckbeladene" Maschienengewehre? Vom Paintball kenne ich Werfer die mit Druckluft oder CO2 betrieben werden. Sie meinen wahrscheinlich einen Gasdrucklader, welcher einen Teil des durch den Treibsatz der Patrone erzeugen Gasdruck benutzt um den Verschluss zu öffnen, weitere Funktionen ausführt (je nach Bauart) und dann wird der Verschluss meist durch Federkraft wieder nach vorn geführt, eine Patrone ins Patronenlager eingeführt.... usw. und nach Lösen des Schusses beginnt der Zyklus von vorn. Bitte wenn schon geschichtlich korrekt dann auch technisch. Sonst zweifelt der etwas beschlagenere Leser auch am Rest des Stoffes.
3. toller Vorschlag, Hütchen ab
Frank Hoffmann, 03.07.2015
mir scheint, unabhängig von dem Artikel, dass einigen Leuten nicht ganz klar ist, dass es sich bei den Emu um Lebewesen handelt. Kann man aber beim Biolehrer oder Google recherchieren. Das Abknallen von Lebewesen als Möglichkeit der Übung zu bezeichnen sagt mir aber einiges über Madame Daisy und etwaigen Befürwortern aus. War ja wahrscheinlich nur Satire, obwohl glaube ich eigentlich nicht.
4.
Richard Cubek, 03.07.2015
"Der verheerende Zwischenstand am 8. November: 2500 Schüsse, nur 200 Emus tot." Für Maschinengewehre ist eine Quote von etwa 10:1 Schüsse/Tote hervorragend. Da muss man aber schon ziemlich effektiv/geschult in eine sehr dicht stehende Menge feuern. Oder glaubt hier wirklich jemand, wenn man in eine Menge grasender Tiere reinhält, dass die Anzahl der toten Tiere an die Anzahl abgegebener Schüsse herankommen könne?
5. Nicht nur in Australien
wolfgang Bergmann, 03.07.2015
Vor einigen Jahren sind in der Nähe Lübecks einige Emu "ausgebüxt". Nun hörte, oder sah, ich einen Bericht über diese Vögel. Sie hatten sich den Raps? als Leibspeise ausgesucht. Da frassen sie jeweis den Haupttrieb, speziell die Blüte, aus der Pflanze. Die Tiere sind geschützt, dürfen nicht gejagd und nicht vertrieben werden. Mir ist es rätselhaft warum man nicht versucht diese Tiere gleich auszurotten. Sie richten Schaden in der Landwirtschaft an und sind sicher keine Bereicherung unserere Tierwelt. Natürliche Feinde haben sie auch nicht.
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