Zeitverkäuferin Ruth Belville Die Frau mit dem Uhr-Instinkt

Zeitverkäuferin Ruth Belville: Die Frau mit dem Uhr-Instinkt Fotos
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Diese Zeitansage kam persönlich vorbei: Ende des 19. Jahrhunderts ging die Engländerin Ruth Belville täglich durch London und versorgte die Bewohner mit der korrekten Uhrzeit. Hunderte nahmen ihre Dienste in Anspruch. Dann attackierte sie ein konkurrierender Zeithändler - mit schlüpfrigen Anschuldigungen. Von Danny Kringiel

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Arnold war eine Uhr wie keine andere. Nicht weil sie ein wertvolles Silbergehäuse und eines der präzisesten Uhrwerke Englands hatte. Und auch nicht wegen Arnolds erstem Besitzer August Friedrich, dem Herzog von Sussex. Er hatte die klobige Taschenuhr enttäuscht an den Uhrmacher zurückgeschickt mit der Bemerkung, sie sei so "groß wie eine Bettpfanne". Nein, was das silberne Präzisionschronometer mit der Seriennummer 485/786 so einzigartig gemacht hatte, war Ruth Belville - die Frau, die ihm den Namen "Arnold" gegeben hatte und mit ihm ihren Lebensunterhalt bestritt - in dem wohl sonderbarsten Beruf des ganzen Königreichs: als Zeithändlerin.

Von 1892 an konnte man Belville Tag für Tag in den Straßen Londons bei der Arbeit sehen: Jeden Montagmorgen fuhr sie zum Observatorium in Greenwich, um dort ihre Uhr korrekt zu stellen. Anschließend ging sie durch die Straßen der Londoner Innenstadt und des West Ends, klopfte hier und dort an Türen und nahm einen kleinen Geldbetrag entgegen. Dann ließ sie ihre Kunden einen Blick auf Arnold werfen und setzte ihren Weg fort. Ruth hatte das sonderbare Geschäftsmodell von ihren Eltern übernommen, die bereits seit 1836 im Zeitgeschäft gewesen waren. Und das mit großem Erfolg: Um die 200 Abonnenten befanden sich zu Spitzenzeiten auf der Kundenliste.

Fast ein halbes Jahrhundert lang versorgte die "Greenwich Time Lady", wie die Londoner Ruth Belville nannten, die Hauptstadt mit der genauen Uhrzeit. Selbst telegrafische Uhrzeitdienste, ein heimtückischer Konkurrent und ein gezielt inszenierter Presseskandal sollten ihr nichts anhaben können. Erst kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden ihre Kunden abspenstig - wegen einer Stimme namens "Tim".

Nervensägen im Observatorium

Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Möglichkeiten, die eigene Uhr korrekt zu stellen, noch begrenzt: Zwar gab es öffentliche Zeitanzeiger, doch die liefen oft ungenau. Die präziseste Zeitmessung des Vereinigten Königreiches konnte man jedoch nur wenig südlich Londons erhalten, am Arbeitsplatz des Königlichen Hofastronomen Großbritanniens: dem Royal Greenwich Observatory.

Daher klopften täglich viele Menschen an die Tür des Observatoriums, um nach der Uhrzeit zu fragen. So viele, dass der königliche Astronom John Pond im Jahr 1836 schließlich die Nerven verlor. Um nicht ständig abgelenkt zu werden, wies er seinen Assistenten an, einen Zeitinformationsservice einzurichten. Der Assistent war John Henry Belville - Ruth Belvilles Vater. Pond gab Belville eine teure Präzisionstaschenuhr des Londoner Uhrmachers John Arnold & Son und schickte ihn jeden Tag in die Stadt, um die Londoner gegen eine kleine Gebühr mit der korrekten Uhrzeit zu versorgen - während er selbst endlich wieder Ruhe hatte.

Der Zeithandel entpuppte sich als einträgliches Geschäft. Denn die genaue Uhrzeit zu wissen, gewann in jenen Jahren in England immer mehr an Bedeutung - ganz besonders die Uhrzeit von Greenwich. Schuld daran war vor allem eine Institution, die bereits damals mit chronischen Zeitproblemen für Verärgerung sorgte: die Eisenbahn.

Pünktlich wie die Eisenbahn

Bis ins 18. Jahrhundert war die Messung der Uhrzeit in England recht simpel gewesen: Jeder Ort hatte seine eigene. Das führte aber zu dem Problem, dass schon zwei Nachbardörfer eine um mehrere Minuten abweichende Uhrzeit haben konnten. Innerhalb Großbritanniens gab es Unterschiede von bis zu 20 Minuten. Da die Menschen sich allerdings noch recht gemächlich auf Pferdefuhrwerken von Ort zu Ort bewegten, fielen diese Unterschiede im Alltag kaum auf.

Knifflig wurde es erst, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Zugverkehr aufkam. Bereits um 1821 gab es ganze 120 Eisenbahngesellschaften im Königreich, die ein Tausende Kilometer langes Wirrwarr von Trassen so aufteilen mussten, dass möglichst viele Reisende an Bahnhöfen pünktlich umsteigen konnten und möglichst wenige Zugunglücke passierten. Ein außerordentlich ambitioniertes Vorhaben - da an fast jeder Haltestelle eine andere Uhrzeit galt. Jahrelang gehörten verpasste Züge und Unfälle zum Alltag auf britischen Schienen.

Bis 1840 die britische Eisenbahngesellschaft Great Western Railway ein Machtwort sprach: Sie führte mit der "Railway Time" auf ihren Haltestellen eine einheitliche Uhrzeit ein - die erste ortsübergreifende Standardzeit der Welt. Und für größtmögliche Genauigkeit stellte sie ihre Uhren nach denen jener Einrichtung, die präziser als jede andere in England Zeit berechnete: das Royal Greenwich Observatory.

Die Uhrzeit des Observatoriums erfreute sich bald immer größerer Beliebtheit: Auch andere Eisenbahnlinien stellten ihre Uhren auf die sogenannte Greenwich Mean Time um. Genau wie Banken, die möglichst präzise die Zeitpunkte ihrer Transaktionen festhalten wollten. Unter Londoner Uhrmachern wurde es eine Frage der Ehre, die Chronometer in ihrem Geschäft exakt nach Greenwich zu stellen. Und für reiche Bürger waren korrekt nach Observatoriumszeit gestellte Uhren ein Statussymbol. John Henry Belvilles Zeitgeschäft blühte - bis seine eigene Zeit ablief: Im Jahr 1856 starb er.

Kampf um die Zeit

Bis 1892 führte seine Witwe Maria, eigentlich eine Lehrerin, den Zeithandel fort, um ihn schließlich an ihre Tochter Ruth weiterzugeben. Unter ihr erreichte der Zeit-Dienst den Gipfel seiner Popularität, und die "Greenwich Time Lady" wurde stadtbekannt. Vielleicht zu bekannt: Denn bald traten Neider auf den Plan.

Am 4. März 1908 hielt ein Mann namens St. John Wynne vor Mitgliedern des Londoner Stadtrats eine flammende Rede mit dem Titel "Ein Appell für Einheitlichkeit". Mit Feuereifer argumentierte er für die Notwendigkeit, alle Uhren nach der Greenwich-Zeit zu synchronisieren - am besten durch ein telegrafisches Zeitsignal. Für die altmodische Methode Belvilles hatte der Redner indes wenig übrig: Laut eines Artikels des "New Scientist" von 2006 fand er es "amüsant, wie die Greenwich Mean Time bislang an Uhrmacher überbracht wurde". Wynne führte weiter aus, eine Frau gebe ihre Uhrzeit in London weiter, nachdem sie vom königlichen Hofastronomen die Erlaubnis erhalten habe, ihre Uhr in Greenwich korrigieren zu lassen, so oft ihr beliebe. Zu der Art, wie sie an die Sondergenehmigung gelangt sei, fügte Wynne nur vielsagend hinzu: "Vermutlich hätte kein Mann hier Erfolg haben können."

Drei Tage später veröffentlichte die Londoner "Times" Wynnes Vortrag, inklusive der skandalträchtigen Andeutung, Belville sei nur durch Einsatz ihrer weiblichen Reize an ihr Geschäft gelangt. Was die "Times" jedoch nicht erwähnte, war, dass der Redner ein Eigeninteresse daran hatte, Belvilles manuellen Zeitvertrieb in Misskredit zu bringen - denn er war Firmenleiter der Standard Time Company, des größten britischen Privatanbieters telegrafischer Zeitsignale.

Unschlagbare Konkurrenz

Reporter, die durch den Artikel auf sie aufmerksam geworden waren, lauerten Belville plötzlich überall auf. Panisch, ihre Lebensgrundlage zu verlieren, schrieb sie eine Entschuldigung an den Hofastronomen - doch dem war die Kontroverse offenbar reichlich egal. Der Angriff, mit dem Wynne Belville ruinieren wollte, entpuppte sich sogar als PR-Maßnahme, die ihrem Geschäft neue Aufmerksamkeit brachte. Einige Jahre später hielt sie in ihren Notizen fest: "Ich glaube nicht, dass die Standard Time Company mich noch einmal öffentlich angreifen wird."

Sie sollte recht behalten: Auch nach zunehmender Verbreitung der Telegrafie lief ihr Service noch blendend, schließlich war er günstiger und zudem weniger störanfällig als die Telegrafenverbindungen. Als auch Telefone gebräuchlich wurden, erweiterte Belville ihr Angebot und rief sogar bei Kunden an, um die Zeit zu übermitteln. Am Ende sollte es diese Technologie sein, die sie zwingen würde, ihre Taschenuhr Arnold in den Ruhestand zu schicken und den Dienst einzustellen, mit dem ihre Familie ein Jahrhundert lang London am Puls der Zeit gehalten hatte.

Am 24. Juli 1936 wurde ein neuer Telefondienst eingeführt: Eine freundliche Frauenstimme vom Band verriet bereitwillig jedem auf die Sekunde genau die korrekte Greenwich-Zeit. Alles, was man tun musste, war, die Nummern 8,4 und 6 zu wählen - beziehungsweise die Buchstaben T, I und M.

Bereits im ersten Jahr bekam "Tim", wie der Telefonservice bald genannt wurde, 20 Millionen Anrufe - allein von Londoner Anrufern. Ruth Belville legte wenig später im Jahr 1939 ihr Amt als "Greenwich Time Lady" nieder. Zuletzt hatte sie noch 50 zahlende Kunden.

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