Verteidiger von DDR-Regimekritiker Bahro Die geheimen Tonbänder mit Gregor Gysi

Gern erzählt Gregor Gysi, wie er Oppositionelle in der DDR verteidigt hat. Das klingt nach einem unerschrockenen Anwalt. Doch wie war der Linksfraktionschef damals wirklich? Ein Tonbandmitschnitt aus den Stasi-Archiven macht ihn erstmals im O-Ton hörbar.

  Verhandlung vor dem Berliner Stadtgericht im Juni 1978: Der Angeklagte Rudolf Bahro rechts im Bild, vor ihm sein Verteidiger Gregor Gysi

Verhandlung vor dem Berliner Stadtgericht im Juni 1978: Der Angeklagte Rudolf Bahro rechts im Bild, vor ihm sein Verteidiger Gregor Gysi

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Das Tonband hat 35 Jahre in den Archiven gelegen, doch die Stimme ist klar und deutlich zu vernehmen: unverkennbar Gregor Gysi, als junger Ost-Berliner Rechtsanwalt. Der damals 30 Jahre alte Strafverteidiger hält auf dem Orwo-Magnetband sein Plädoyer im Prozess gegen den oppositionellen Parteigenossen Rudolf Bahro. Nur einen Tag nach dem Vorabdruck von Bahros DDR-kritischem Buch "Die Alternative" im SPIEGEL, am 22. August 1977, hatte die Staatsmacht durchgegriffen und ihn wegen "nachrichtendienstlicher Tätigkeit" (§98) in Tateinheit mit "Geheimnisverrat" (§245) festgenommen.

Diese Vorwürfe waren politisch konstruiert, solche Paragrafen dienten der politischen Unterdrückung Andersdenkender. Der DDR-Justizapparat war nicht unabhängig und frei in seinen Entscheidungen, er sollte insbesondere bei politischen Prozessen eine demonstrative Rolle nach außen spielen, die andere deutsche Republik führte schließlich das Wort "demokratisch" in ihrem Namen und wollte gerade international anerkannt werden. Im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" stand, dass der Kritiker ein Verbrecher sei: "Rudolph Bahro (wurde) von Sicherheitsorganen der DDR wegen Verdachts nachrichtendienstlicher Tätigkeit festgenommen." Der damals 41-jährige Bahro hatte in der DDR Philosophie studiert und wegen einer nicht genehmigten Veröffentlichung seinen Posten als stellvertretender Chefredakteur der FDJ-Zeitschrift "Forum" verloren. Er hatte danach in verschiedenen Industriebetrieben gearbeitet - seine dortigen Erfahrungen fanden Eingang in "Die Alternative".

Der folgende Strafprozess gegen den SED-Kritiker im Juni 1978 dauerte drei Tage und erregte europaweit Protest und Solidaritätsaktionen. Bahro hatte keine Chance. Zwei Stunden nach dem Plädoyer seines Verteidigers Gregor Gysi verkündete das Gericht sein Urteil: acht Jahre Gefängnis, neun hatte der Staatsanwalt gefordert.

Die Vergangenheit hat den heutigen Linken-Politiker Gregor Gysi nach dem Fall der Mauer immer wieder eingeholt: Ehemalige Regimekritiker fanden in ihren Stasi-Akten zahlreiche Unterlagen, die den Verdacht begründeten, ihr Anwalt könne nicht nur mit ihnen, sondern zugleich mit der Stasi kooperiert haben. Gegen den Vorwurf IM "Gregor" oder "Notar" gewesen zu sein, ist Gysi juristisch vorgegangen. Aber in einer eidesstattlichen Versicherung in einen Rechtsstreit mit dem NDR hat er nun pauschal erklärt: "Ich habe zu keinem Zeitpunkt über Mandanten oder sonst jemanden wissentlich und willentlich an die Staatssicherheit berichtet." Damit hat sich der Oppositionsführer im Deutschen Bundestag in eine brisante Situation gebracht. Denn die Ermittlungen der Hamburger Staatsanwaltschaft gegen Gysi stehen unmittelbar vor dem Abschluss.

Wenn das Verfahren nicht eingestellt wird, worauf Gysi hofft, könnte es zu einer Verhandlung vor Gericht oder einem Strafbefehl kommen, was für ihn politisch erheblich belastend wäre.

Das hier zu hörende Tonband ist der Mitschnitt des Berliner Stadtgerichts. Auf den Fotos von der Verhandlung sind die dafür notwendigen Mikrofone auf Stativen gut zu erkennen. Nicht nur Gysis Plädoyer wurde so festgehalten, auch die Äußerungen Bahros, seines Richters und des Staatsanwalts. Die komplett erhalten gebliebene Aufzeichnung der dreitägigen Verhandlung ist selbst für Historiker, die schon die Prozessakten kennen, eine kleine Sensation. Für Schulen, Universitäten und jeden, der einen authentischen Einblick in den wohl bedeutendsten politischen Prozess der jüngeren DDR-Geschichte nehmen möchte, bieten die Bahro-Bänder, 25 Jahre nach dem Mauerfall, die Möglichkeit zu einer besonderen Zeitreise: Sie bringen einen lebendigen und nahen, aber auch gespenstischen Einblick in eine Gerichtsverhandlung, an der auch der Anwalt Gregor Gysi mitwirkte.

Gysi lobt das DDR-Justizsystem

Bahro hatte keinerlei "Geheimnisse" verraten, sein Text war einfach eine schonungslose Abrechnung mit dem System: "In ihrer jetzigen politischen Verfassung hat diese Ordnung keinerlei Aussicht, die Menschen für sich zu gewinnen", hatte Bahro geschrieben. Der "real existierende Sozialismus" der DDR habe die "in der bürgerlichen Ära von den Massen eroberten Freiheiten" liquidiert, statt sie zu bewahren, soziale Ungleichheit zementiert statt beseitigt; er bevormunde die Bevölkerung, übe "lückenlose Zensur" und habe, entgegen der Lehre von Karl Marx, den Staat nicht abgebaut, sondern die "unförmige Staatsmaschine in einen Staats- und Parteiapparat verdoppelt". Sein ganzes, dickes Buch war eine einzige Ohrfeige für die DDR und besonders gefürchtet, weil Bahro aus den Reihen der Partei stammte.

Endlos lang hört man Gysi im Schauprozess gegen Bahro das DDR-Justizsystem loben. In der kapitalistischen BRD wurde "seit ihrer Gründung das Recht auf Verteidigung stets weiter eingeschränkt", prangert er umgekehrt den Westen an. "In der sozialistischen DDR dagegen wurde das Recht auf Verteidigung stets ausgebaut" und von "allen Beteiligten mit wachsender Sorgfalt und Aufmerksamkeit beachtet". Gysi: "Die Entwicklung im Kapitalismus und Sozialismus verläuft also entgegengesetzt."

Wenn der Linken-Politiker in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit seiner Vergangenheit konfrontiert wurde, stand oft Aussage gegen Aussage - vor allem, weil Gysi die Echtheit von Akten wortreich anzweifelte. Zur Aufklärung über seine Rolle als Anwalt in einer Diktatur hat er bisher wenig beigetragen. Dies ist das erste Mal, dass ein Tonbandmitschnitt als Dokument dafür zur Verfügung steht, dessen Authentizität unbestreitbar ist.

Erst Biermann, dann Bahro

"Selbstverständlich", hört man Gysi im O-Ton auf dem Magnetband sagen, erkenne er als Bahros Verteidiger "vollständig an, dass sich die Handlungen des Angeklagten gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR richten". Dies wirkt wie eine deutliche Distanzierung vom Angeklagten Bahro und wie eine Einreihung in die Auffassungen der DDR-Justizorgane. Unaufgefordert wertet Gysi den staatlich inszenierten Schauprozess von sich aus sogar noch auf: "Ich möchte auch die Gelegenheit nutzen, festzustellen, dass das Gericht unvoreingenommen, allseitig und gründlich die Beweisaufnahme vorgenommen hat, bei der stets der Angeklagte seine Rechte wahrnehmen konnte."

Der Prozess gegen Bahro war für Erich Honecker der bedeutsamste politische Prozess nach der Zwangsausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1977. Er sollte abschreckende Wirkung haben, er war ein abgekartetes Spiel, seine Verurteilung stand von Staats wegen fest. Wenn Gysi dem Gericht damals "Unvoreingenommenheit" bescheinigte, dann war das nützlich für die Propaganda der DDR, die sich in diesen Jahren international als souveräner Staat etablieren wollte, der Menschenrechte achte.

In der Rückschau auf seine Zeit als DDR-Anwalt malt der heutige Oppositionsführer im Bundestag von sich zu gern das Bild eines frechen und mutigen Verteidigers, der Oppositionellen immer wieder beistand. Zu den Mandanten Gysis, SED-Mitglied seit 1967, gehörten neben Rudolf Bahro viele Oppositionelle, ob Robert Havemann, Bärbel Bohley, Werner Fischer oder Vera Lengsfeld.

War Gysi ein Beschützer der Rebellen? Auf Band hört sich die Realität so an: Bahros "Kampf war ja ausdrücklich dem real existierenden Sozialismus gewidmet. Anstatt wie viele Tausende Bürger unseres Landes an der weiteren sozialistischen Gesellschaft zum Kommunismus in der Überwindung von Problemen, Schwierigkeiten, Widersprüchen mitzuwirken", habe sein Mandant "den konkret existierenden, realen Verhältnissen der DDR zumindest in wesentlichen Teilen den Kampf angesagt und Einrichtungen in der BRD eine Hetzkampagne gegen die DDR objektiv ermöglicht". Und an anderer Stelle Gysis O-Ton: "Dass die einzelnen in der Beweisaufnahme erörterten Nachrichten objektiv geeignet sind, die Tätigkeit bestimmter Personen oder Einrichtungen gegen die DDR zu unterstützen, ist zweifellos gegeben und durch das Gutachten bewiesen."

  Bericht eines Stasi-Informanten über Bahro als PDF.
BStU

Bericht eines Stasi-Informanten über Bahro als PDF.

In seinem biografischen Buch "Sturm aufs große Haus" fällt Gysis Erinnerung für die heutige Öffentlichkeit so aus: "Ich habe den Freispruch gefordert, weil ich der Meinung war, Bahro musste wenigstens das Recht auf eine Stimme in diesem Verfahren haben, die klar erklärte: Ich halte das Problem … nicht für etwas, das eine strafrechtliche Verantwortung rechtfertigt."

Historiker: "Verteidigungsmythos"

Der Historiker Christian Booß sagt: "Der Prozess gegen Bahro war eine Machtdemonstration der SED gegenüber einem ihrer Mitglieder und damit eine Ansage für alle, die drohten, aus den eigenen Reihen zu tanzen. KSZE-Prozess und das Erstarken des Euro-Kommunismus gepaart mit innenpolitischen Turbulenzen nach der Biermann-Ausbürgerung verleiteten die SED zu einer eher hysterischen justizpolitischen Reaktion." Booß, der über die Geschichte von DDR-Rechtsanwälten forscht, spricht von einem "Verteidigungsmythos", nach dem einzelne Plädoyers herausgestellt werden, um zu zeigen, dass auch DDR-Anwälte durchaus engagiert waren. "Gysi plädierte aber selbst in der Berufungsschrift nur für einen Teilfreispruch. Er bestritt, dass wesentliche Tatbestandsmerkmale des Paragrafen 98 der DDR überhaupt erfüllt waren. In der Literatur wird bisher übersehen, dass der Anwalt vor Gericht eine Art Gegenleistung erbrachte, die den übrigen Beteiligten und Beobachtern möglicherweise wichtiger war, als die Argumente im Plädoyer des Anwaltes."

In diesem Sinne nahm Gysis Rolle jedenfalls Joachim Groth wahr, der Prozessbeobachter des MfS von der Hauptabteilung IX. Groth hielt zufrieden für die Akten fest, Gysi habe nach außen dargestellt, dass Bahro die Möglichkeit hatte, ihn als Wahlverteidiger zu beauftragen. Gysi habe zudem die ausreichend vorhandenen Kontakt- und Gesprächsmöglichkeiten mit seinem Mandanten "im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen" bestätigt und die Beweisaufnahme vor Gericht als eine objektive und sachliche dargestellt. Der Stasi-Mann sah also durch den Anwalt Gysi die strafprozessuale Korrektheit des Verfahrens bestätigt, genau so wie es die DDR aller Welt zeigen wollte. Vorsichtshalber lief der Prozess in einem winzigen Gerichtssaal in der Berliner Littenstraße als politischer Geheimprozess ab. Außer den unmittelbar Verfahrensbeteiligten, waren nur der Untersuchungsführer des MfS und ein Reporter von der staatlichen Nachrichtenagentur ADN im Saal. Jeder spielte seine Rolle.

Der ADN-Journalist war Klaus Taubert. Er erinnert sich, wie Bahro nach fast einem Jahr Untersuchungshaft mit einer Knebelkette hereingeführt wurde. "Ich war der nützliche Idiot", sagt Taubert über seine damalige Rolle, "das journalistische Alibi für all die Meldungen, die schon längst geschrieben waren. Ich war nur dazu da, den Schein des vermeintlich öffentlichen Verfahrens zu wahren."

Wollte sich Gysi persönlich absichern?

So selbstkritisch wie Taubert hat sich Gysi nicht dazu geäußert. "Ich als Bürger der DDR, als Mitglied der SED und als Rechtsanwalt", wandte sich Gysi zu Beginn seines Plädoyers damals an den "hohen Senat", lehne die politischen Ziele des Angeklagten genauso ab "wie jeder andere Prozessbeteiligte auch - den Angeklagten selbstverständlich ausgenommen".

Keine Frage, die Befugnisse und Arbeitsmöglichkeiten eines Anwalts in der DDR lassen sich nicht mit denen in einem demokratischen Rechtsstaat gleichsetzen. Wer in einer Diktatur Bürger in ihren Ansprüchen gegen den Staat vertritt, muss sich genau überlegen, wie weit er gehen kann. Weil schon die Inanspruchnahme verbriefter Rechte schnell als Aufbegehren gegen die herrschende Ordnung gedeutet wird, steht jeder Anwalt unter besonderer Beobachtung des Staats.

Doch Gysis Plädoyer rechtfertigt sowohl die Korrektheit des Verfahrens als auch den grundsätzlichen Strafanspruch des Staates in einem eindeutig politisch motivierten Fall. Man kann darüber diskutieren, ob sich Gysi persönlich absichern wollte, um nicht in den Sog der Verfolgung Bahros zu geraten. Nach Analyse aller Dokumente rund um den Prozess zieht Historiker Booß sein Fazit: "Faktisch entsprach er damit den staatlichen Erwartungen jener Zeit. Anwälte wie Gysi sollten gegenüber den Mandanten und der Öffentlichkeit zur Anerkennung der Legitimität des sozialistischen Strafverfahrens, auch der politischen Prozesse, beitragen." So gesehen weisen die Bahro-Bänder Gysi als jemanden aus, dessen Biografie anders ist, als er sie, selbst 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, gerne darstellt.

Gregor Gysi auf einem Bild von 1982. Seit 1967 SED-Mitglied, seit 1971 Anwalt in der DDR. 1978 übernahm er die Verteidigung des Regimekritikers Rudolf Bahro, später auch die von vielen anderen Oppositionellen. 1988 wurde er Vorsitzender des Kollegiums der Rechtsanwälte in Ost-Berlin und aller 15 Kollegien in der DDR. Welche Rolle hatte Gregor Gysi als Rechtsanwalt in der DDR?

U. Schwarz/DER SPIEGEL

Ende August 1977 wurde der SED-Kritiker Rudolf Bahro in Ost-Berlin festgenommen, einen Tag nachdem der SPIEGEL Auszüge aus seinem Buch "Die Alternative" veröffentlicht hatte. Diese bis dahin schärfste theoretische Abrechnung eines Kommunisten mit dem DDR-Sozialismus trug dem Autor eine Freiheitsstrafe von acht Jahren ein.

DER SPIEGEL

Im August 1976 druckte der SPIEGEL Auszüge aus dem Buch "Die Alternative" des Wirtschaftsfunktionärs Rudolf Bahro, das wenig später im Kölner Bund-Verlag erschien. Bahros "Alternative" war eine schonungslose Abrechnung mit der realsozialistischen Ordnung der DDR. Bahros vernichtendes Fazit: "In ihrer jetzigen politischen Verfassung hat diese Ordnung keinerlei Aussicht, die Menschen für sich zu gewinnen."

DPA

Haft in Bautzen: Rudolf Bahro, das ehemalige Wunderkind der Partei, Ex-SED-Agitator, ehemaliher stellvertretender Chefredakteur beim FDJ-Organ "Forum", Ex-Industriemanager. Der überzeugte Kommunist und Wissenschaftler Bahro gilt hier nur noch als "antikommunistischer Verleumder" - objektiv ein Feind der Arbeiterklasse.

Der Angeklagte Rudolf Bahro (l.) und sein Verteidiger Gregor Gysi (r.) "Selbstverständlich", hört man Gysi im O-Ton auf dem Magnetband sagen, erkenne er als Bahros Verteidiger "vollständig an, dass sich die Handlungen des Angeklagten gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR richten."

Rechtsanwalt Gysi vor dem Ost-Berliner Stadtgericht: "Ich möchte auch die Gelegenheit nutzen, festzustellen, dass das Gericht unvoreingenommen, allseitig und gründlich die Beweisaufnahme vorgenommen hat, bei der stets der Angeklagte seine Rechte wahrnehmen konnte."

Wie hier auf dem Landesparteitag der Berliner Linken benutzt Gregor Gysi gerne sein Image als mutiger Anwalt zu DDR-Zeiten, der Oppositionelle verteidigt und den mächtigen Anklägern die Stirn geboten hat.

Internationaler Solidaritätskongress zu Rudolf Bahro in der Technischen Universität Berlin im November 1978. Insgesamt 8000 Besucher beteiligen sich. Zu den Rednern gehören Vertreter kritischer Gruppen wie Rossana Rossanda (Rom, Il Manifesto), Jirí Pelikán, Zdenìk Hejzlar (Charta 77), Alexander Adler (Kommunistische Partei Frankreichs, Paris) oder Angelo Bolaffi (Mailand).

Gysi selbst hat über seine juristische Arbeit kaum öffentlich Auskunft gegeben. Wer seine Autobiografie liest, erfährt vor allem Belangloses über sein Studium an der Humboldt-Universität und seine Liebe zur Juristerei ("Für mich war klar, dass ich Rechtsanwalt werden wollte, sonst nichts"). Auch sein Biograf Jens König weiß nicht viel mehr zu berichten, als dass Gysi zeitweise nicht nur der jüngste Anwalt der DDR war, sondern auch einer der ehrgeizigsten. Übrig bleibt stets der Eindruck eines furchtlosen Kämpfers für das Recht, der listig gegen die Parteibonzen stritt.

Andere sind da längst ehrlicher.

"Wir waren alle Opportunisten"

"Offiziell konnten wir alles, in Wahrheit nichts", sagt dagegen der frühere Magdeburger Kollegiumsvorsitzende Klaus Lilie, ein selbstkritischer Altsozialist und Anwalt von 89 Jahren. Schon die Vertretung eines normalen Straffälligen war kompliziert, in politischen Fällen geriet sie zur Farce. "Oft gab es erst wenige Tage vor dem Gerichtstermin die Möglichkeit, mit Beschuldigten zu sprechen", erinnert sich Lilie. "Meist bekamen wir nicht einmal die Anklageschriften in die Hand, höchstens während der Gerichtsverhandlung, aber in der Pause wurde sie uns weggenommen." Das Fazit des Anwalts: "Wir waren alle Opportunisten."

Bahros Verbrechen, das sei nochmals betont, bestand darin, dass er seine kritischen Texte über das DDR-System einem gewerkschaftsnahen Kölner Verlag zur Veröffentlichung angeboten und dem Ost-Berliner Korrespondenten des SPIEGEL, Ulrich Schwarz, zur Verfügung gestellt hatte. Auf Nachfrage ließ Gysi mitteilen: "In besagtem Prozess hat Herr Gysi in Bezug auf das Bahro vorgeworfene Staatsverbrechen der nachrichtendienstlichen Übermittlung Freispruch beantragt, beim vorgeworfenen Vergehen des Geheimnisverrats nicht, mithin für eine deutlich mildere Strafe plädiert."

Wie hört sich das auf dem Band an? In der Verhandlung verteidigte Gysi seinen Mandanten mit dem Argument, Bahro habe den feindlichen Charakter des SPIEGEL im Sinne des Paragrafen 98 vor seiner Verhaftung nicht erkennen können. "Die wirkliche Entlarvung von Schwarz und später des SPIEGEL-Büros in der DDR und anderer Mitarbeiter erfolgte in der Presse (gemeint ist das "Neue Deutschland") erst nach der Inhaftierung des Angeklagten." Weil Bahro den Charakter dieses Korrespondenten bei der Aushändigung seiner Schrift nicht "bewusst eingeschätzt" habe, müsse hilfsweise seine Bestrafung geringer als die vom Staatsanwalt geforderten neun Jahre Haft ausfallen.

"Hetzen tun die Massenmedien der BRD"

Wesentlich für die Strafzumessung, so argumentierte Gysi, seien auch die geringen Auswirkungen der Tat: "Hetzen tun die Massenmedien der BRD permanent." Es gebe keine Solidaritätsbekundungen, die Arbeiterklasse der DDR habe gelernt, die Hetze in Massenmedien der BRD richtig einzuordnen. Die Werktätigen der DDR hätten wegen der Ansichten Bahros ihre Tagesordnung "nie unterbrochen".

Im Westen sah das anders aus. Die Urteilsverkündung - acht Jahre Haft - löste heftige und breite Proteste in vielen Ländern aus. Linke Solidaritätskomitees veranstalteten Kongresse und forderten Bahros Freilassung. Anlässlich ihres 30. Jahrestags amnestierte die DDR den unbotmäßigen Schriftsteller. Bahro musste in den Westen. Sein Buch "Die Alternative", das er für die Bürger in der DDR geschrieben hatte, ist dort niemals erschienen, wurde aber zum Bestseller der hereingeschmuggelten Bücher.

Ich besuchte Rudolf Bahro bald nach seiner Ausweisung am 17. Oktober 1979 in den Westen und wir diskutierten über die Friedens- und Ökologiebewegung in der DDR. Und auch später traf ich ihn immer wieder, kurz vor seinem Tod ein letztes Mal im Jahre 1995 - gemeinsam mit Ulrich Schwarz, dessen Artikel Anlass für den Prozess und die Verurteilung 1978 war.

Bahros Blick auf die DDR und auf Gysis Politik nach dem Fall der Mauer wurde immer kritischer. Er sprach auch freimütig über seine eigenen Kontakte zur Stasi, mit der er sich auf IM-Gespräche eingelassen hatte: "Aber als ich meinen eigenen Parteisekretär denunzieren sollte, da war ich schockiert. Da ist mir plötzlich aufgegangen, was mir bis dahin so nicht bewusst war: dass die Stasi innerhalb der Partei spitzelt, dass es um Verrat an Leuten ging, nicht um analytische Berichte über die Situation der DDR. Dazu war ich einfach nicht fähig. In dem Augenblick wusste ich, die wollen nicht weiter, die wollen nur Macht und die Rolle der Partei stärken, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag." Anders als er, sagte ich zu Bahro, weigere sich die DDR-Elite hartnäckig, ihre eigene Rolle beim Scheitern des Sozialismus aufzuarbeiten, die meisten flüchten sich in Schweigen. Bahro antwortete: "Da gibt es in der Tat eine Verweigerung. Ich glaube, aus zu viel Schuldgefühl. Das ist falsch."

Und er fügte hinzu, der Schlüssel für den Mangel an Auseinandersetzung über die Vergangenheit sei die Partei, an deren Spitze Gysi steht. Die verwalte das DDR-Gefühl und betreibe eine kleinkarierte Klientelpolitik. "Ich sage denen: Ihr habt mal die Partei der allgemeinen Emanzipation des Menschen sein wollen. Aber wenn ihr euch darauf reduziert, dann könnt ihr behaupten, ihr seid Opposition, soviel ihr wollt, ihr seid gar keine."

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Bye-bye DDR

Geschichten zum Mauerfall

Verwegene Proteste, riskante Untergrundaktionen, illegale Treffen: Von 1979 bis zum Ende der Republik berichtete Peter Wensierski über Widerstand und Rebellion in der DDR. Er brachte Filme, Fotos und Dokumente über die Grenze, schrieb Reportagen oder Bücher wie "Null Bock auf DDR" und drehte Dokumentarfilme. In der einestages-Serie "Bye-bye DDR" erzählt er zum 25. Jubiläum des Mauerfalls die spannendsten, bewegendsten und kuriosesten Geschichten aus dieser Zeit - und trifft die Akteure von damals wieder.



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insgesamt 106 Beiträge
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Christian Kohnert, 12.05.2014
1. tl;dr
Ich bin immer wieder verblüfft, was für angebliche Beweise nach 30, 35 Jahren "plötzlich neu auftauchen", vor allem in kritischen Momenten, wie z.B. vor der Europawahl. Was ich von solcherlei "Beweisen" halte, erörtere ich hier nicht weiter sonder verweise nur auf die Führungsspitze beim Spiegel...1&1 darf sich jeder selbst zusammendichten. Ob wir uns demnächst auch über Geheimdokumente über Frau Merkels Tätigkeiten freuen dürfen?
Juri Gilbo, 12.05.2014
2. Wurde die Geschichte jetzt ausgegraben nur
weil Gregor Gysi sich für die Vernunft in der deutschen Politik einsetzt und Merkel & Co. zur Reson ruft?
Jörg Scheffler, 12.05.2014
3. Umgang mit Gerichten
Die DDR Rechtsprechung kann ich nicht aus eigener Erfahrung beurteilen. Aber auch in einem Rechtsstaat macht es keinen Sinn einen Angeklagten "gegen" das Gericht zu verteidigen. Ein kerniges Auftreten des Anwalts beeindruckt ggf. den Mandanten, die Presse oder andere Personen aber nicht das Gericht. Ein solches Auftreten kann im Gegenteil zu einer Verschlechterung zu Ungunsten des Mandanten führen, da selbst der neutralste Richter von einer aggressiven Strategie mindestens unterschwellig im negativen Sinne beeinflusst wird. In einem Pseudorechtsstaat ist die Situation sicher noch schwieriger. Die DDR kritisieren hätte dem Mandanten nicht geholfen und stattdessen dem Verteidiger persönliche Probleme eingebracht. Meiner Meinung nach bleibt einem Rechtsanwalt in einer solchen Situation nichts anderes üblich als das Gericht und das dazugehörige politische System zu akzeptieren und zu umschmeicheln wenn er seinem Mandanten helfen will.
Klaus Daroci, 12.05.2014
4. Gyisi
Ich weiß nich warum so mansche Medien sich an Gysi abarbeiten wollen mann versucht den Mann mit allen mittel zu verunglimpfen und wenn der Mann was gemacht haben sollte hätte man schon was gefunden und andersrum sollten glaube ich auch mal stasi untersuchungen gemacht werden bei diesen Leuten die damals auch im Bundestag gesesen haben ich glaube so mansche überraschung würde auf uns zu kommen und was Gysi angeht wenn er was gemacht hat dann hätte man schon was gefunden ich selber bin auch in der DDR aufgewachsen ich habe ein normales Leben geführt ich habe nicht viel gehabt aber ich muß sagen viel haben ist ein problem und wenig haben auch ich lag dazwischen also kleine probleme die man immer lösen konnte Und das heutige System sollte man auch in frage stellen NSA wir werden auch heute ausspioniert Leute die kein Strom bezahlen können weil sie sich das nicht leisten können mansche Familien haben kaum was zu essen prekähre Löhne und Gewalt an den Schulenes ist nicht alles Gold was glänzt wie man uns weiß machen will und was hat sich geändert wer geld hat kann sich heute mehr leisten also liegt es immer daran aus welchen Elternhaus du kommst
Frank Widi, 12.05.2014
5. optional
Meine Güte, was sollen denn diese ollen Gysi Geschichten? Das er sich als 30 jähriger nicht als Systemkritiker geoutet hat finde ich nicht sonderlich verwerflich... Durch einen ausgeprägten Mut, fallen auch unsere West-Politiker nicht auf! Lasst den Mann doch endlich in Ruhe und das sage ich als Wessi!
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