Grenzerfahrung Nackt an der Berliner Mauer

Was für ein Akt! Mit einer spontanen Aktion verewigte sich die Westberliner Künstlerin Barbara Quandt 1980 an der Berliner Mauer. Viel bedeutet hat ihr die Grenze quer durch Berlin damals trotzdem nicht - dafür musste sie erst um die halbe Welt reisen.

Barbara Quandt

Ich bin in Berlin geboren. Die Mauer wurde gezogen, als ich ein Teenager war. Insofern war für mich das Leben mit der Mauer in einem gewissen Sinne Normalität. Ich kannte es ja kaum anders. Für meine Eltern und deren Freunde, Verwandte oder Bekannte war das etwas anderes - da waren Familien auseinandergerissen worden. Das habe ich natürlich auch irgendwie mitbekommen.

Für meine Oma war es besonders schwer: Ihr Sohn wohnte im Ostteil der Stadt. Sie ist oft die Bernauer Straße zur Aussichtsplattform raufmarschiert und hat ihm über die Mauer zugewinkt. Ich musste mich vor allem von meinen Cousins und Cousinen trennen, die drüben lebten. Aber ich war Teenager, und als klar war, dass wir so schnell nicht mehr zusammenkommen würden, habe ich mir neue Freunde gesucht.

Wir haben in Wittenau gewohnt, einem Stadtteil im Grünen. Dort verbrachte ich eine tolle Kindheit und die Teilung war für mich lange Zeit gar nicht so präsent. So richtig ging das erst während des Kunststudiums los. Ich bin viel nach Italien gefahren, um mir dort die alten Meister anzuschauen. Erst da wurde mir bewusst, dass ich hier eigentlich auf einer Insel der Freiheit lebe.

Die Mauer direkt vor der Nase

Diese stundenlange Warterei an der Grenze, bei der man der Willkür der Beamten ausgesetzt war und nie einschätzen konnte, wie lange es nun dauert, ob man einfach durchgewinkt oder rausgewinkt wird und das komplette Auto auspacken muss. Bei Fahrten auf der Transitstrecke hatte man immer das Gefühl, etwas falsch zu machen - schließlich konnte man jederzeit kontrolliert werden und uns als junge Leute mit einem VW-Bus hatten sie natürlich besonders auf dem Kieker.

Das alles nervte mich irgendwann furchtbar, deswegen reiste ich eher mit dem Flieger und dann gleich ins Ausland. Ich ging 1979 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach London und verbrachte ein weiteres Jahr mit einem Kunststipendium in New York. Dort ist mir überhaupt erst aufgegangen, wie ich hier in Berlin gelebt habe. Und als ich von da 1980 wieder zurückkehrte und ein Atelier im Künstlerhaus Bethanien bezog, rückte das ganze Thema DDR und Mauer schnell in den Fokus - ganz einfach, weil die Mauer nun in unmittelbarer Nähe war.

So saß ich also wieder in Berlin, die Mauer quasi vor meiner Nase, und es erschlossen sich für mich wieder neue Themen. Aus purer Lebensfreude, inspiriert durch London, wo ich vor allem Punks gemalt hatte, machte ich jetzt Punk-Musik und widmete mich hier voll der Malerei, den Menschen, Kreuzberg, der Szene und der Mauer.

Nackt an der Mauer

Zudem habe ich dann in Berlin eine Bilderserie über meinen eigenen Körper angefangen - aus der ist die Idee für meine Kunstaktion an der Mauer entstanden. Ich wollte einen Akt an die Mauer malen. Keine Malerei, wie auf der Leinwand, sondern als große Zeichnung in Schwarzweiß. Nackt an der Mauer, das war in meinen Augen schon eine heftige Aussage. Wobei ich das Kunstwerk nie als Protest gegen das System DDR gesehen habe. Mir ging es eher darum, mich und meine Kunstaktion prominent zu präsentieren.

Ich habe mir deswegen bewusst auch eine Stelle ausgesucht, an der viel los war. Am Potsdamer Platz gab es eine tolle Ecke, weil da viele Reisebusse mit Touristen ankamen. Ich wollte natürlich, dass meine Kunstaktion gesehen wird und nicht nur von der Kreuzberger Künstlerszene.

Außerdem gab es dort einen freien Fleck, der noch nicht bemalt war mit einem "Happy Birthday"-Schriftzug unterhalb der Mauerkrone. Das passte in meinen Augen auch, schließlich war ich gerade nach Berlin zurückgekehrt und fühlte mich wie neugeboren.

Kunst vor einem Massenpublikum

Also zog ich eines Tages zusammen mit meiner damaligen besten Freundin Ute Schwagmeyer und einem Eimer schwarzer Farbe los - und sie malte meine Umrisse an die Mauer. Das war mein Akt an der Mauer. Leider wurden wir schon sehr bald von der Polizei gestört und konnten unser Werk nicht vollenden. Ich weiß leider nicht mehr, ob es Ost- oder Westbeamte waren, ich weiß nur noch, dass sie uns aufgefordert haben, sofort zu verschwinden. Das haben wir dann auch gemacht, wir wussten schließlich, dass die Mauer DDR-Staatseigentum war und nicht beschädigt werden durfte. Wir hatten es gerade noch geschafft, unsere Namen neben den Akt zu malen, dann war es vorbei.

Ich bin danach natürlich noch ein paarmal an der Stelle vorbeigegangen. Es war schon interessant zu sehen, wie sich dieses Stück der Mauer nach und nach veränderte. Irgendwann hatte jemand neben mein Werk zwei rosafarbene Leitern gemalt, über die man bildlich gesehen in den Osten klettern konnte. Ich habe dann aber bald das Interesse daran verloren.

Für mich war das eine einmalige Aktion. Ich wollte vor allem auf Leinwand arbeiten und meine Bilder ausstellen. Sicherlich hatte das volkstümliche dieser Kunstaktion mal seinen Reiz - dass so viele unterschiedliche Leute das sehen konnten, vor allem auch Betrachter, die normalerweise keine Galerie betreten. Aber eigentlich wollte ich ein anderes Publikum. Und mit politischem Protest hatte die Aktion schon mal gar nichts zu tun. Die Zeiten, in denen ich mich ernsthaft mit der DDR auseinandergesetzt hatte, waren lange vorbei. Für mich war der Osten total weit weg - obwohl er direkt hinter der Mauer lag.

Plötzlich war die Mauer weg

Doch die Mauer war immer noch sehr präsent. So holte ich sie mir für die 750-Jahr-Feier Berlins im Auftrag der Berliner Festspiele wieder ins Bild. Unter dem Titel, "Nachts - der Bär kommt raus", vereinigte ich das Wappenzeichen der Berliner, seinen Bären, mit der Mauer. Ich ließ ihn in Kreuzberg etwas torkelnd, aber aufrecht an der Mauer spazieren gehen. Heute hängt der Bär im Berliner Stadtmuseum - gemalte Geschichte.

Den Mauerfall habe ich eher zufällig erlebt, denn das Jahr davor lebte ich in Chicago, spielte sogar mit dem Gedanken, ein Zweitatelier dort einzurichten. Ich bin dann aber doch nach Berlin zurückgekommen und hatte hier ein neues Atelier in dem Bezirk Schöneberg bezogen, weit weg von der Mauer. Ich hatte mich eingerichtet, meine Freunde, meine Arbeit, meine Träume. Ein Thema war die Mauer oder die Teilung nicht mehr, ich hatte sie schlichtweg vergessen. Und plötzlich war sie weg. Ich bin zusammen mit zwei Freunden zur Mauer gefahren und hab mir die Massen angeschaut, die da in den Westen strömten.

Nachdem der ganze Rummel vorbei war, habe ich mich abgesondert und bin allein mit der S-Bahn in den Osten gefahren. Und da hat's mich knallhart erwischt. Ich saß alleine im Waggon und auf einmal kamen die ganzen Kindheitserinnerungen hoch. Die Sache mit meiner Oma, die Trennung von meinen Cousins. Die Weihnachtsfeiern, die wir noch gemeinsam verbracht haben, bevor die Mauer gebaut wurde. Die Frau meines Cousins, die ich nie kennengelernt habe.

Chaos, Umwälzung, neue Sichtweisen

Gerade eine Woche vor dem Mauerfall war zudem einer meiner Cousins verstorben, zu seiner Beerdigung war ich sogar noch in den Ostteil der Stadt gefahren. Der wäre so gerne rüber in den Westen gekommen. Und eine Woche nach seinem Tod fiel die Mauer. Das alles kam in mir hoch. Ich saß in der S-Bahn, bin gefahren und gefahren, und hab geheult wie ein Schlosshund.

Wie sehr mich der Mauerfall in den Bann hielt, merkte ich, nachdem die Emotionen etwas hinuntergefahren wurden und der normale Alltag wieder zurückkehrte. Im Supermarkt füllten sich wieder die Regale und auch Bananen, eine Mangelware der DDR-Bürger, waren wieder greifbar. Chaos, Umwälzung, neue Sichtweisen, neue Möglichkeiten - alles schwebte in der Luft. Es machte mich aufmerksam und das Leben spannend. Jetzt konnte ich nicht mehr so einfach zum Tagesprogramm mit meinen Bildern zurückkehren. Ich wollte das neue Leben mit seinen Gefühlen, dem Hin und Her, den Zerreißproben, einfangen und in meiner Malerei festhalten.

So begann ich erst einmal mit einer kleineren Zeichenserie, um mich in dieses Thema einzuarbeiten. Es folgte eine riesige Arbeit Öl auf Papier, von drei mal drei Metern mit dem Titel "Mauerglotzer-Mauertänzer", sie wurde ziemlich bald nach der Entstehung in der Elefanten-Press-Galerie gezeigt.

Ich habe noch ein ganzes Jahr an diesem gewaltigen Thema "Mauerfall und Deutschland" gearbeitet. Es entstanden meine Bilder: "Bananen hoch gehängt", "Turbulenzen am Brandenburger Tor", "Quadriga nach dem 9. November" und "Deutschgeld". Was für eine aufregende, turbulente Zeit.

Aufgezeichnet von Michail Hengstenberg

Zum Weiterlesen:

Ralf Gründer: "Verboten: Berliner Mauerkunst". Böhlau-Verlag, Köln 2007, 352 Seiten.



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Andreas Quappe, 14.03.2009
1.
1980 war ich 18 Jahre alt und lebte in Frankfurt an der Oder. Auch dort war Grenze: auf der anderen Seite der Oder lag Polen, mit einer (erst) seit 1976 offenen Grenze. (Wobei "visafreier" Grenzverkehr eigentlich nicht "einreisepapierfrei", sondern "ausreisepapierfrei" bedeutete.) Ich interessierte mich für Polen und war oft "drüben", so daß ich sehr betroffen war, als 1980 die Grenze schon wieder geschlossen wurde. Begründet wurde dies mit der schwierigen Versorgungssituation. Ich war so empört, daß viele Mitbürger das Ausbleiben der polnischen Einkaufstouristen begrüßten! Tatsächlich ging es natürlich darum, den Solidarnosc-Bazillus draußen zu halten. Das fühlte sich ziemlich klaustrophobisch an: alle 90 Kilometer eine geschlossene Grenze! In Berlin waren wir jungen Leute oft, um Freunde zu treffen und Konzerte zu besuchen. Die Mauer mittendrin war natürlich nicht zu übersehen, aber man blendete sie so gut wie möglich aus. An der Mal-Aktion von Barbara Quandt imponiert mir ihre ganz andere, offensive Art, mit der Mauer umzugehen: frech und locker fordert sie das Sperrwerk heraus und funktioniert es zur Spielwiese für ihre Malerei um. Schade, daß ich nicht 1980 von dieser Aktion erfahren konnte - es hätte Spaß und Mut gemacht.
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