Grenzerfahrungen Rückwärts Richtung Osten

Am 9. November 1957 beschlossen Jörg Kramer und zwei Schulfreunde, eine Geburtstagsfeier im Osten zu besuchen. Die drei Elf- und Zwölfjährigen überwanden den Grenzzaun und erlebten das Abenteuer ihres Lebens - nur etwas anders als sie sich das vorgestellt hatten.

Diese Grenztafeln galten als Hinweis- und Warnschilder und waren auf Westseite entlang der Grenze zur DDR aufgestellt
Jörg Kramer

Diese Grenztafeln galten als Hinweis- und Warnschilder und waren auf Westseite entlang der Grenze zur DDR aufgestellt


Samstag, der 9. November 1957, war ein kalter, vorwinterlicher Tag. In Nordhalben gab es bereits den ersten Schnee. War es Langeweile oder der übliche Drang von uns Buben, nach Schulschluss etwas Besonderes zu unternehmen? Hätten wir uns stattdessen mit Hausaufgaben beschäftigen sollen?

Wir trafen uns ungeplant und zunächst ziellos, um unserem allgegenwärtigen Unternehmungsdrang weitgehend ungehinderten Lauf zu lassen. Wir - das waren an jenem Tag der Achtklässler Bernd Füg und die beiden Siebtklässler Rudi Ströhlein (Ünter-Rudi) und ich, die sich eher zufällig an diesem Nachmittag zusammenfanden, um ihre Zeit möglichst interessant totzuschlagen.

Eigentlich waren wir in unserer Kindheit immer darauf aus, etwas Aufregendes, Abenteuerliches und Spannendes zu erleben. Das musste nicht notwendigerweise verboten sein. Bereits zuschauen oder gar mithelfen bei den unterschiedlichsten Handwerkern des Ortes, ob Schreiner, Schmied, Bäcker oder Metzger, waren ein Erlebnis, das auf Wiederholung ausgerichtet war und uns in unserem späteren Leben prägte. Gelegentlich geriet unsere Freizeitbeschäftigung aus Gedankenlosigkeit, selten aus Mutwillen und nie aus Bösartigkeit, in den Grenzbereich zwischen Gut und Böse. Nach dieser übereinstimmenden Neigung suchte man sich auch seine Freunde aus, mit denen man sich mal mehr, mal weniger beschäftigte - mit denen man sich auch mal stritt und haute.

Tarzan am Grenzbach

An diesem Nachmittag zog es uns wieder einmal Richtung Buckeberg. Wir wussten von einer "Baumschaukel", die dort im Wald unweit des Grenzbachs angebracht war. Da konnte man sich an einem langen Ast wie Tarzan durch die Luft schwingen und hatte einen Riesenspaß dabei. Irgendwie faszinierte uns auch die damals schon intensiv wahrnehmbare Grenzziehung zwischen unserer unmittelbaren Heimat (Nordhalben und Umgebung) und der "Ostzone".

Wir wussten, dass diese Grenze auf beiden Seiten bewacht wurde. Bei uns von der Grenzpolizei, die in Nordhalben im alten Amtsgerichtsgebäude stationiert war, und von den Amerikanern, die häufig in ihren Jeeps an dieser Demarkationslinie patrouillierten. Auf der anderen Seite liefen Vopos mit umgehängten Maschinenwaffen ständig Streife. Von denen hatte man gehört, dass sie schon Menschen erschossen hatten. Es war uns demnach strengstens verboten, auch nur in die Nähe dieser Grenze zu kommen, geschweige denn, sie zu überqueren.

Von der "Tarzanschaukel" aus hatten wir den Grenzbach mit dem schlichten Maschendrahtzaun ständig vor Augen. Es war wohl das Verbotene, das uns veranlasste, uns konspirativ mit offenen Augen und gespitzten Ohren diesem Zaun zu nähern. Außer dem Plätschern des Titschenbachs waren keinerlei Geräusche zu hören. Der Wald war im Vergleich zu heute recht licht und weit durchschaubar. Und es lag Schnee.

Rückwärts in den Osten

Irgendeiner von uns, ich glaube, es war der "Fügsbernd", tauschte sich plötzlich mit Rudi darüber aus, dass doch eine Cousine von beiden heute Geburtstag habe und sie diesen sicherlich zu Hause im unmittelbaren Nachbarort Titschendorf feiern würde. Die Häuser Titschendorfs waren von Nordhalben aus zu sehen.

Es war noch früher Nachmittag, und wir wussten, dass Titschendorf in weniger als 15 Minuten für uns erreichbar war. Keiner von uns sagte "Stopp!". Wir fanden die Idee sicherlich etwas ganz Spektakuläres, etwas ganz Einmaliges, was uns so schnell keiner würde. Und wo lag schon das Risiko? Der Zaun stellte für uns genauso wenig ein Hindernis dar, wie das kleine Bächlein. Mit unserem Mut berauschten wir uns geradezu gegenseitig. Ich weiß nicht, wie wir auch nur im Entferntesten annehmen konnten, dass diese Sache gut ausgehen würde.

Eine Vorsichtsmaßregel ließen wir in die Umsetzung unserer Planung doch einfließen. Vielleicht hatten Rudi oder Bernd Karl May gelesen und sich erinnert, dass in einer der Geschichten jemand rückwärts lief, um Spurensucher zu irritieren und eine andere Laufrichtung vorzutäuschen. Jedenfalls liefen wir, nachdem wir den Sperrzaun problemlos überwunden hatten, vom Titschenbach aus rückwärts durch den Schnee die Anhöhe hoch, bis wir eine schneefreie Fläche erreichten. Den Rest des Weges hatten wir schnell hinter uns gebracht und gingen schnurstracks vom Ortseingang an der Kirche und dem Konsum vorbei zu unserem Ziel, dem Wohnhaus von Bernds und Rudis Verwandten. Genau kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich glaube, so mancher der Bewohner Titschendorfs blickte uns mit ungläubigem Erstaunen, mindestens aber mit Kopfschütteln nach.

Grenzalarm

In dem Haus angekommen, vermischten sich Freude, Bestürzung und große Besorgnis miteinander. Natürlich wurden wir versorgt und auch befragt, wie wir denn auf die Idee gekommen wären, über die Grenze zu gehen, als plötzlich entferntes Sirenengeheul zu hören war. Die Einheimischen erklärten uns, dass die Signale von der Grenze kämen und man offenbar auf der Suche nach Flüchtigen sei. Erst viel später erfuhren wir den wahren Grund: Die Vopos hatten unsere Spuren im Schnee entdeckt, die vermeintlich aus der Ostzone über die Grenze in den Westen führten, und man hatte, wie es üblich war, Grenzalarm ausgelöst.

Eine der anwesenden Frauen war wohl mit einem Angehörigen der "bewaffneten Organe" verheiratet. Sie ging los, um ihren Mann zu benachrichtigen, möglicherweise in der Absicht, Schlimmeres zu verhüten. Vielleicht, so mutmaßte sie, fände er einen unbürokratischen Weg, die "Kinder aus Nordhalben" wieder auf den "rechten Weg", also unbeschadet über die Grenze zurückzuschicken. Denn dass es sich hier nicht um eine "Grenzverletzung", sondern um einen "Lausbubenstreich" handelte, war offensichtlich. In jedem Fall war uns ganz schön mulmig zumute, und da langsam auch die Dämmerung einsetzte (unsere Raum- und Zeitberechnung war eben noch nicht so ausgeprägt), war uns klar, dass wir auf die Hilfe Erwachsener angewiesen sein würden.

Verhöre und Kommissbrot

Doch kam alles anders, als wir uns das in unserem kindlichen Übermut hätten vorstellen können. Wir saßen in der Schusterei und machten Brotzeit, als vor dem Haus ein Militärjeep hielt und ein Mann im Ledermantel mit zwei Vopos den Raum betrat. Ohne viele Diskussionen wurden wir zum Mitkommen aufgefordert. Spätestens jetzt wurde uns klar, dass der Spaß vorbei sein würde. Überspielten wir zunächst noch unsere aufkommende Angst mit altklugen Redensarten, rutschte uns doch das Herz in die Hose. Nicht die Kälte, sondern die bevorstehenden Konsequenzen unseres Tuns ließen uns zittern.

Wir wurden in einen Militärlastwagen, auf dem zwei mit Schnellfeuergewehren bewaffnete Vopos saßen, gesteckt. Während der Fahrt versuchten wir vergeblich, aus den Vopos etwas herauszubekommen. Doch die starrten mit versteinerten Gesichtern, das Gewehr zwischen den Knien, vor sich hin und beantworteten keine unserer Fragen. Die Fahrt ging zur Dienststelle in Titschendorf, aber das war nur eine Zwischenstation. Nach einer oberflächlichen Befragung durch den Diensthabenden wurden wir weiter in die Tschachermühle in der Nähe von Wurzbach gebracht.

Dort war man wohl auf die gelegentliche Festnahme von Personen eingerichtet. Es gab Zellen mit Pritschen und Doppel- beziehungsweise Dreifachstockbetten. In eine dieser Zellen wurden wir gebracht. Einzeln wurden wir zu Verhören geholt, in denen versucht wurde, herauszufinden, ob nicht doch etwas Verdächtiges hinter unserem nachmittäglichen Auftauschen in Titschendorf steckte. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass man versuchte, uns zusätzlich Angst einzujagen. Es wurde eher versucht, die ganze Angelegenheit herunterzuspielen. Nicht verzichtet wurde auf eine intensive Befragung nach unseren Familienverhältnissen, den Berufen und politischen Betätigungen unserer Eltern. Verpflegt wurden wir mit Kommissbrot und Marmelade. Irgendwann durften wir uns in unsere Betten zurückziehen, wollte einer von uns zur Toilette, dann nur in Begleitung eines Vopos mit vorgehaltener MP. Irgendwie ging die Nacht vorbei.

Zurück in den Westen

Am nächsten Morgen wurden wir in einem überplanten NVA-Fahrzeug nach Probstzella, einem Grenzort in der Nähe von Ludwigstadt, gebracht. Während wir noch Stunden in der Kantine der Vopo-Baracken warten mussten, hatten wir endlich Zeit, uns Gedanken darüber zu machen, was auf uns zukommen würde. Unsere Angst war inzwischen einer innerlichen Anspannung gewichen, da wir nicht wussten, wie unsere Eltern auf unser "Abenteuer" reagieren würden. Denn was sich in der Zwischenzeit bei unseren Eltern abgespielt hatte, vermochten wir uns in unserer kindlichen Unbekümmertheit nicht vorzustellen.

Schließlich wurden wir dann alleine die Interzonenstrecke entlang über Falkenstein (Ost) nach Lauenstein (West) geschickt. Hier erwartete uns dann Friedel Füg, die Mutter von Bernd, mit dem Mietwagen-Köstner aus Nordhalben, die uns nach Nordhalben zurückfuhren.

Ergebnis: Wir wurden bei unserer Heimkehr im "Weißen Lamm", damals eine der am stärksten frequentierten Gaststätten des Ortes, jubelnd und wie Helden in Empfang und in die Arme unserer Eltern genommen. Die Tracht Prügel, die bei solchen Anlässen üblich gewesen wäre, blieb glücklicherweise aus.

Die drei Buben haben sich in den nachfolgenden 50 Jahren trotz dieses traumatischen Erlebnisses gut entwickelt. Bernd wurde Kfz-Meister und erfolgreicher Inhaber einer Markenvertretung in Berlin, Rudi verdingte sich fern von Nordhalben als kaufmännischer Angestellter im Controllingbereich eines Weltunternehmens in Eschborn, später in Bremen, und ich machte nach einer Kfz-Lehre Karriere in der Berliner und nach der Wende in der Brandenburger Polizei, wo ich 2005 als Leitender Polizeidirektor pensioniert wurde. Auch die beiden anderen sind inzwischen Rentner: Der Kontakt zwischen uns dreien besteht nach wie vor.



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Rainer Schinzel, 10.11.2007
1.
Ein schöner Bericht. In den 50er Jahren war noch so Einiges möglich. Ich verbrachte meine Kindheit in Probstzella, praktisch in Sichtweite der Grenze und erinnere mich an Prahlereien von älteren Jugendlichen, sie seien mal in Lauenstein oder Ludwigsstadt gewesen, gutes bayerisches Bier trinken. Eine kleine Korrektur: Probstzella war Interzonenbahnhof. Die Strecke führte über (den) Falkenstein, aber der lag auch schon im Westen ;-)
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