Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Grenzfotograf Wanderer am Todesstreifen

Grenzfotograf: Wanderer am Todesstreifen Fotos
Jürgen Ritter

Für die DDR war er ein Terrorist, dabei schoss er nur Fotos. Anfang der Achtziger lichtete Jürgen Ritter die deutsch-deutsche Grenze ab, misstrauisch beäugt von Westlern wie Stasi. Nach dem Mauerfall knipste er die Grenze erneut - der Kontrast zeigt den ganzen Wahnsinn von Mauer und Stacheldraht.

Es ließ mir keine Ruhe. Immer wieder hatte ich darüber nachgedacht, was ich eigentlich gegen diese Grenze tun kann. Anfang März 1981 hatte ich die Idee: Ich kaufte mir zwei Funkgeräte, beschaffte mir detailliertes Kartenmaterial und ließ mich von meiner Frau nahe der niedersächsischen Kleinstadt Schnackenburg dicht am Grenzzaun absetzen. Dann wanderte ich los, nach Süden, immer entlang an den Grenzsteinen und weißen Hinweispfählen, die auf westlicher Seite die Grenze zur DDR markierten. Bei mir hatte ich meine Kamera.

Immer wieder war ich in den bis dahin 32 Jahren meines Lebens auf diese Grenze gestoßen - als Schüler, als Soldat, bei fast jeder politischen Diskussion. Beinahe täglich kreisten meine Gedanken um die Nahtlinie, die Deutschland teilte. Jetzt wollte ich sie zu Fuß abschreiten, komplett. Von morgens bis abends würde ich Zeit haben, mich mit ihr auseinander zu setzen. Ich allein mit der Grenze und meinen Gedanken - ohne, dass jemand auf mich einredete!

Mit einigen Leuten in meiner Partei hatte ich über die deutsche Teilung gestritten. In den frühen Siebzigern war ich in die SPD eingetreten, weil ich fand, dass sie politisch gut zu mir passte. Damals gab es noch das Godesberger Programm. Über 30-mal kommt darin das Wort "Freiheit" vor. Mich hatte das fasziniert. Als ich auf einer Parteiversammlung daraus vorlesen wollte, winkten die Genossen ab: "Das wissen wir doch alles", hieß es, und: "Das Programm ist alt!" Das Einzige, was man für "die da drüben" tun könne, sei "mit ihnen reden". Für mich klang es wie "da kann man nichts machen".

Warum schießen die da auf Menschen?

Das hatte ich schon öfter gehört. Geboren bin ich 1949 in Uelzen, Niedersachsen, etwa 16 Kilometer Luftlinie von der Grenze entfernt. Als Junge war ich oft mit dem Fahrrad unterwegs. Natürlich zog es mich auch zur Grenze, ich wollte sie sehen, obwohl oder vielleicht auch gerade weil meine Eltern gesagt hatten: "Fahr da nicht hin. Das ist zu gefährlich, da wird geschossen."

Von da ab wuchs in mir eine Frage immer mehr: Warum schießen die da auf Menschen? Die Teilung, so hörte ich, hätte mit dem verlorenen Krieg zu tun, das sei "große Politik", Weltpolitik. "Das ist eben so". Das Warum beschäftigte mich trotzdem, auch als ich zur Bundeswehr kam. Es war die Zeit des Prager Frühlings. Ich hörte vom "17. Juni 1953" und "Ungarn 1956". Warum schießen die auf ihre eigenen Leute, wenn die eigentlich doch nur frei sein wollen?

Die Grenze. Nun auf meiner Wanderung sollte ich ihr ganz nah kommen. Ein bisschen mulmig war mir. Ich hatte zuvor in Schnackenburg beim Zollkommissariat angerufen, den Beamten von meinem Vorhaben erzählt und gefragt, ob ich mich bei ihnen melden könne, wenn etwas passieren sollte. Ein Funkgerät trug ich bei mir, das andere hatte ich meiner Frau gegeben. Die topografischen Karten hatte ich kopiert und verschiedene Punkte mit unterschiedlichen Zahlen markiert. Etwa jede halbe Stunde wollte ich mich per Funk melden und meinen Standort durchgeben - verschlüsselt, weil ich annahm, dass der Osten mithörte. Sollte meine Frau keine Nachricht mehr von mir empfangen, würde sie dem Zoll Bescheid geben. Anhand der Ziffern könnte sie sagen, von wo ich mich das letzte Mal gemeldet hatte.

Durch Wald, Sumpf und Moor

Es funktionierte. Unter den Zollbeamten hatte sich meine Tour rasch rumgesprochen. Als ich den Zuständigkeitsbereich des nächsten Zollkommissariats erreichte, wurde ich schon erwartet. Ein Zöllner fragte mich, ob er mich begleiten könne. Die Zöllner kannten sich in ihren drei oder fünf Kilometer langen Abschnitten bestens aus, viele erzählten mir ihre erlebten Grenzgeschichten, und immer wieder hielten wir an, damit ich Bilder von der Grenze und allem, was mir wichtig schien, machen konnte.

Meist wanderte ich am Wochenende oder auch wochenweise, wenn ich Urlaub hatte - je nach Wetter und Gelände 20 bis 30 Kilometer am Tag. Ich übernachtete in Jugendherbergen und setzte meine Tour am Morgen genau dort wieder fort, wo ich sie zuvor unterbrochen hatte. Ich lief durch Wälder und Moore, Heide und Sumpf, an Hängen entlang, auf schmalen, von Brennnesseln zugewucherten Pfaden, stieg über Weidezäune und stapfte durch Lehm, der an den Schuhen kleben blieb. Nach zwei Jahren hatte ich es geschafft: Von der Ostsee bis zur tschechischen Grenze. Ein tolles Gefühl!

Im Jahr darauf lief ich dann auch noch die Berliner Mauer ab, manche Orte fotografierte ich sogar mehrmals. Das Ergebnis meiner Arbeit präsentierte ich in zahlreichen Ausstellungen - doch richtig bekannt als Fotograf wurde ich erst durch einen Eklat in Hamburg, von dem Ende 1983 in der Presse zu lesen war.

Eklat in Hamburg

Meine Grenzbilder, Fotos von geteilten Wegen, Flüssen, Bahnlinien, von Häusern und Kirchen hinterm Zaun, von Minenfeldern und Grenzsoldaten waren zu diesem Zeitpunkt bereits in 15 Städten gezeigt worden, fast 85.000 Besucher hatten sie gesehen. Ich hatte die Ausstellung "Deutschdeutsche Realität" genannt, in Anspielung auf "DDR". Einer ihrer Besucher war der CDU-Politiker Hartmut Perschau, damals Chef der Hamburger Bürgerschaftsfraktion. Er bat Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD), die Ausstellung in der Rathausdiele zu zeigen. Dohnanyi stimmte zu, und auch der neu gewählte Bürgerschaftspräsident Peter Schulz (SPD) wollte sich an die Zusage halten. Er beauftragte eine Firma, um sich die gerade in Stade gastierende Ausstellung anzusehen.

Ihr Urteil: So geht das in Hamburg nicht. Sie wollten weniger Bilder, dafür größere - und andere Motive. Außerdem sei die Hamburger Rathausdiele ein ehrwürdiger Ort, und da müsse man eine andere Gestaltung der Ausstellung vornehmen. Ich aber wollte diese Änderungen nicht. Nach mehreren Monaten Diskussion fand die Ausstellung schließlich statt - sang- und klanglos, ohne Eröffnung und Presseeinladung, ohne das Geleitwort von Altbürgermeister Herbert Weichmann, das er extra für die Ausstellung geschrieben hatte, und in dem es hieß: "Ihr Beginnen verlangt immer mehr der Einheit Deutschlands seit der Grenzziehung zu gedenken. Der Geschichte, jedoch nicht der Gewalt, muss es überlassen bleiben, die wünschenswerte Korrektur vorzunehmen." Reaktionen von Besuchern sind nicht bekannt - ein Gästebuch durfte nicht ausliegen. Der Titel der Ausstellung wurde geändert, er lautete nun: "Die Wunde namens Deutschland."

Ich empfand das damals als versteckte Zensur. Die Entspannungspolitik und die Maxime "Wandel durch Annäherung" hatten sich durchgesetzt. Was das für meine Fotografie bedeutete, sollte ich noch merken. Vor meinen Ausstellungen wurde nun demonstriert - gegen die Bilder. Für viele Linke und 68er war die DDR besser als die Bundesrepublik, sie galt als der sozialere Staat.

Ein Scherz, der keiner war

Ab 1986 konnte ich kaum noch ausstellen. Wenn ich im Rathaus irgendeiner Stadt anrief, bekam ich immer häufiger sinngemäß zu hören: 'Tolle Sache, die Sie da machen, Herr Ritter, aber es tut uns leid: Wir bemühen uns gerade um eine Partnerschaft mit einer DDR-Stadt - da können wir solchen Bilder nicht zeigen.' Ich fotografierte trotzdem weiter.

Die Nachricht vom Mauerfall überraschte mich am 9. November 1989 in der Dunkelkammer. Ich entwickelte gerade Fotos vom Grenzzaun und hörte nebenbei den "Club" auf NDR 2. Kurz nach 19 Uhr verkündete der Moderator, dass in Berlin die Mauer aufgeht. Ich hielt das für einen Scherz, die Moderatoren waren für flotte Sprüche und Blödeleien bekannt. Also entwickelte ich weiter meine Fotos, aber sie brachten weiter in kurzen Abständen diese Meldung. Ich ging nach oben, schaltete den Fernseher ein - und sah, wie in Berlin die Mauer geöffnet wurde.

Am nächsten Tag fuhr ich mit Freunden nach Berlin. Ich fotografiert am Brandenburger Tor - und an anderen Stellen. Was wollte ich eigentlich noch hier? Geschossen würde nun nicht mehr. Meine Aufgabe ist erledigt, sagte ich mir, du brauchst nichts mehr zu tun gegen dieses menschenverachtene Bauwerk, das war's.

Eine ziemlich gefährliche Person

Seit langer Zeit war ich an diesem Tag zum ersten Mal wieder im Transit durch die DDR gefahren, zuvor war ich immer geflogen - auf Anraten des niedersächsischen Innenministeriums. Von dort hatte ich mehrfach Besuch erhalten: Ganz nüchtern und ohne Druck hatte man mich darüber aufgeklärt, dass ich aufgrund meiner Tätigkeiten in der Bundesrepublik beim Betreten der DDR festgenommen werden könnte. Selbstverständlich würde man mich wieder rausholen, aber das könne dauern. Ich solle das Risiko besser vermeiden.

Beim Innenministerium wusste man damals offensichtlich schon ein bisschen mehr. Ich dagegen war ahnungslos - bis ich meine Stasi-Akte zu sehen bekam. Den Berichten darin zufolge war ich ein Feind, bereitete Anschläge gegen die DDR-Grenze vor, arbeitete als Honorarreferent und schulte Angehörige des Bundesgrenzschutzes und des Zolls. Das muss man sich mal vorstellen: Ich, der Fotograf und Fernmeldehandwerker, hatte demnach auch mit dem Bundesnachrichtendienst zusammengearbeitet. Ganz klar: Ich war eine ziemlich gefährliche Person!

Beendet war meine Arbeit 1989 dann aber doch noch nicht. 15 Jahre nach der Grenzöffnung habe ich viele Orte meiner Wanderung noch einmal aufgesucht und fotografiert. Ich musste das einfach tun. Für die junge Generation, die diese Grenze nie erlebt hat. Meine Bilder von damals und heute zeigen, wie es war - und was Freiheit für uns alle bedeutet.

Noch mehr Fotos von Jürgen Ritter auf grenzbilder.de

Anzeige

Aufgezeichnet von Solveig Grothe

Artikel bewerten
4.3 (249 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Hans-Joachim Krug, 12.10.2009
Die Schilderung von Herrn Ritter über seinen Versuch, eine Ausstellung einzurichten, macht deutlich, wie wenig sich viele Politiker für die Teilung Deutschlands und die Wiedervereinigung interessierten. Von unserer Verfassung wird zwar immer wieder feierlich geredet, aber oft nicht danach gehandelt. Ich werden die Freude der Menschen beiderseits der Mauer über die Maueröffnung 1989 nie vergessen. Aber die Linke in der sich viele ehemalige Hunderprozenter der DDR heute noch gegen unsere Verfassunbg wittern, ist salonfähig geworden. Vergessen sind die Stasi-Methoden und die Maueropfer. Herrn Ritter sei Dank für seine Arbeit. Wenn wir die Schandtaten der NASZis nicht vergessen sollen, dann dürfen wir das über DDR-Schandtaten auch nicht.-
2.
Max Schneider, 13.10.2009
Wieso waren auf der westdeutschen Seite Zöllner? WIE hätte man den Eisernen Vorhang denn überwinden wollen? WAS hätte man denn von dort in den Westen schmuggeln können/wollen? Bin verwirrt.
3.
Olaf Nyksund, 13.10.2009
Danke, Herr Ritter - wichtige Arbeit! Ich hatte es leider seinerzeit versäumt, wie so viele, obwohl ich fast direkt (westlich) an der Grenze lebte. Was die 1968er-Konsorten angeht, so frage ich mich damals wie heute, weshalb diese Herrschaften in das Paradies DDR nicht ausgewandert sind, wenn sie die "BRD" so abgrundtief hass(t)en. Sorry, das werde ich nie verstehen.
4.
Hans-Joachim Krug, 14.10.2009
Zu Hern Max Schneider: Die DDR war auch Transitland für Waren aus anderen Ostblockländern. Daher auch der Einsatz von Zöllnern.
5. Die Grenze
Reiner Danzenbächer, 15.09.2014
habe ich in jungen Jahren in Bleckede (West) kennengelernt. Später habe ich den Großteil meiner 6 jährigen Wehrdienstzeit in Brück (Brandenburg) verbracht. Man ahnt nicht welche Schäden die Grenze und die Stasi bei den Menschen hinterlassen haben
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH