Großbrand Der "Schwarze Montag" von Eschweiler

Mit Schauder blicken die Einwohner Eschweilers auf einen Montag im März 1985 zurück: Brandwolken verdunkelten den Himmel, brennendes Öl lief durch die Straßen. Um ein Haar hätte es Ferdi Keuter auch erwischt.

Ferdi Keuter/Eschweiler Zeitung

Am Montag, den 11. März 1985, war ich mit dem Auto auf dem Wege zur Lackfabrik Merckens. Das Verwaltungsgebäude lag nur einen Steinwurf vom Mineralölwerk Wenzel & Weidmann entfernt. Neben der Produktion von Farben und dem Verkauf von Maler-Zubehör verfügte die Firma über einen hauseigenen Vertrieb. Mit einem Besuch wollte ich ausloten, ob ein zusätzlicher Handel mit Tapeten für sie in Frage käme.

Ich fuhr über die Friedensstraße in Richtung Merckens zu meinem Termin, als mir ein Mann entgegengelaufen kam, der wild mit den Armen herumfuchtelte. Er schrie mir zu, ich solle auf der Stelle umkehren. Andernfalls würde ich bald keine Möglichkeit dazu haben, denn Wenzel & Weidmann würde brennen. So schnell wie möglich wendete ich auf der Zufahrt einer Garage. Dann sah ich den dicken Qualm über den Dächern...

Die weiteren Ereignisse erfuhr ich später aus der Zeitung und von Augenzeugen. Rund 400 Männer von Feuerwehren aus Stadt und Kreis Aachen, aus Düren und Bergheim, Einsatzkräfte von Polizei, Bundesgrenzschutz, Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz und Katastrophenschutz bemühten sich bis zum Abend, den größten Brand in der Eschweiler Nachkriegsgeschichte und seine Folgen unter Kontrolle zu bringen.

"Es sieht aus wie im Krieg"

Binnen kürzester Zeit hatte eine schwarze, ölige Rauchwolke weite Teile der Innenstadt verdunkelt. Der Qualm war nach Auskunft des chemischen Untersuchungsamtes und der Gesundheitsbehörde glücklicherweise keine Gefahr für die Bevölkerung. Es kam zu keiner Evakuierung. Trotzdem standen zahlreiche Bürger aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Unglücksortes mit Koffern und Tüten mit eilig zusammengerafften Habseligkeiten vor ihren Türen. "Es sieht aus wie im Krieg", meinte ein Passant.

Große Teile der Eschweiler Innenstadt verwandelten sich im Verlaufe des Nachmittages in eine einzige Schlammfläche. Mehrere Zentimeter hoch stand stellenweise das ausgetretene Öl in den Straßen rund um den Brandort.

Unter großen Schwierigkeiten versuchten Hilfsmannschaften, das Absickern des Öls zu verhindern und die betroffenen Kanalschächte mit Sandsäcken zu schützen. Die gesamte Innenstadt wurde für den Durchgangsverkehr gesperrt. Als Folge der aalglatten Fahrbahnen kam es zu mehreren kleinen Verkehrsunfällen. Kurz nach 18 Uhr war das Feuer endlich unter Kontrolle.

Inwieweit die angrenzenden Wohnhäuser durch Feuer oder Rauch beschädigt wurden, konnte erst später in Erfahrung gebracht werden. Das Ehepaar Hans und Hanne Imping wohnten zu dieser Zeit auf der Jülicher Straße. Die Beiden standen am Nachmittag in ihrer Haustüre und beobachteten den Brand. Bedrohlich nahe lief das brennende Öl am ihrem Haus vorbei. Gott sei Dank war der Bordstein hoch genug, um eine Katastrophe abzuwenden. Ihr Haus blieb unversehrt.

Ein Schaden in Millionenhöhe

Der nahegelegene evangelische Friedhof hingegen wurde zu weiten Teilen verwüstet. Der gesamte Fuhrpark des Unternehmens von Wenzel & Weidmann fiel dem Großbrand ebenso zum Opfer wie mehrere Autos, die in einer Seitenstraße geparkt worden waren. Die Flammen vernichteten auch große Teile der Lackchemie Merckens. Insgesamt belief sich der durch das Großfeuer verursachte Schaden auf mehrere Millionen Euro.

Wenn man bedenkt, wie viel Treibstoff und Lösemittel in diesem kleinen Industriegebiet gelagert waren, grenzt es fast an ein Wunder, dass Eschweiler so glimpflich davon gekommen ist. Von der gesamten Industrie ist an diesem Standort nichts mehr geblieben. Sowohl Wenzel & Weidmann als auch Merckens existieren nicht mehr.

Nebenbei erzählt: Hugo Merckens, der Inhaber der Lackfabrik, war in den zwanziger Jahren Branddirektor von Eschweiler und Kreisbrandmeister des Landkreises Aachen. Nach Kriegsende leitete er 1947 den Wiederaufbau der örtlichen Feuerwehr. Wäre der Brand zu seinen Lebzeiten ausgebrochen, wäre er sein eigener Brandmeister gewesen. Zum 80. Geburtstag verlieh ihm seine Heimatstadt im September 1951 die Ehrenbürgerschaft. 2003 erhielt eine kleine Nebenstraße der Friedensstraße unweit der Lackfabrik den Namen "Hugo-Merckens-Straße".



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.