Abgründe Ein Königreich verrückt nach Gin

Chaos, Elend, Verbrechen - was Alkohol anrichten kann, wenn ein ganzes Land säuft, war einst in Großbritannien zu betrachten. Die Gin-Krise führte das Königreich bis an den Rand des Ruins.

"Beer Street and Gin Lane" von William Hogarth, London, 1751
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"Beer Street and Gin Lane" von William Hogarth, London, 1751


Das Geständnis von Judith Defour vor dem Krongericht des Londoner Old Bailey sorgte für blankes Entsetzen: "Wir brachten das Kind am 27. Februar 1734 in die Felder, strangulierten es mit einem Leinentuch, damit es nicht mehr schreien konnte, und legten es in einem Graben ab." Den Gerichtsakten zufolge verkaufte die Frau die Kleidung des Kindes für einen Shilling und vier Pence, mit dem Erlös besorgte sie sich ein Viertel Gin.

Das Schlimmste an dieser Tat war für viele Bewohner Londons, dass Judith Defour ihre eigene, erst zwei Jahre alte Tochter umgebracht hatte. Nur wenig später wartete auf die junge Mutter der Galgen.

Das Verbrechen von Judith Defour galt als das grausamste während der sogenannten Gin-Krise, die Großbritannien im 18. Jahrhundert in Atem hielt. Die Menschen tranken immer mehr billigen Gin, zerstörten ihre Gesundheit, gefährdeten die Sicherheit des Landes. Auch wegen Defours Tat wurde Gin bald "Ruin der Mütter" genannt.

Die Zecher gossen sich in dieser Zeit derart zu, dass viele mit ihrem Leben bezahlten. Das Königreich versank in einem kollektiven Suff, der zu Verwahrlosung und Verbrechen führte, Familien sprengte, die britische Gesellschaft insgesamt zu verwüsten drohte. Wie war es bloß so weit gekommen?

Der Vorläufer des Gins war der niederländische Genever. Wilhelm III. von Oranien-Nassau hatte den mit Wacholder aromatisierten Getreideschnaps eingeführt, als er 1689 den englischen Thorn bestieg. Er begann, hohe Steuern auf ausländische alkoholische Getränke wie französischen Brandy und Wein zu erheben, um so gezielt den französischen Handel zu schädigen.

Die Bewohner Englands wurden ermuntert, ihre eigenen Destillerien zu gründen. Und das gelang - auch weil keine Lizenz zum Brennen gebraucht wurde und Gin steuerfrei war. Wenig später verfügte Wilhelm, dass Gin nur aus heimischem Getreide gebrannt werden durfte. Zudem besteuerte er das bis dahin so populäre Bier immer stärker.

Sein Ziel: Die Nation von der schrecklichen Sucht nach Tee heilen

Ursprünglich war der Schnaps nur in Drogerien zu kaufen, da er als Medizin angeboten wurde - vor allem als Aphrodisiakum, das "das eheliche Glück wiederbelebt, in dem es müde Ehemänner neu entflammen lässt und ältliche, lustlose Frauen in junge, begehrenswerte Wesen verwandelt", wie es in einem damaligen Zeitungsbericht hieß. Als Vorbild gepriesen wurde Queen Anne, eine ebenso begeisterte wie konditionsstarke Gin-Trinkerin.

Der Verbrauch nahm rasch zu, im ganzen Land entstanden Gin-Shops. Das hatte mehrere Vorteile. Zum einen wurde die lokale Landwirtschaft ihr Getreide los, zum anderen wollte man mit dem Gin-Trinken noch ein anderes Ziel erreichen: Die Nation sollte von ihrer "schrecklichen Sucht nach Tee" geheilt werden.

Die Folgen zeigten sich schnell und waren fatal.

"Vom Frühstück an tranken die Menschen aller Klassen Alkohol, ganz gleich ob Männer oder Frauen", erklärt Judith Hawley, Wissenschaftlerin an der Londoner Universität und Expertin für die Geschichte des 18. Jahrhunderts. "Selbst kleine Kinder bekamen zum Frühstück schon ein Glas Dünnbier. Das lag auch daran, dass das Trinkwasser oft abgestanden und miserabel war."

Offiziellen Steuerdokumenten zufolge war 1721 schon ein Viertel aller Bewohner Londons in irgendeiner Form an der Produktion von Gin beteiligt. 1730 gab es allein in London 1500 Destillerien. Schätzungen zufolge trank jeder Londoner in dieser Zeit durchschnittlich 110 Pints Gin pro Jahr - das entspricht gut 60 Liter. Ganz exakt lässt sich das natürlich nicht bestimmen.

Gepanscht mit Terpentin und Schwefelsäure

Längst gilt Gin als feiner Teil der Trinkkultur, very British - Barkeeper fachsimpeln über die besten Marken und Bezugsquellen, Connaisseurs testen sich durch Gin-and-Tonic-Variationen. Damals indes war Gin ein Arme-Leute-Fusel: Slumbewohner betäubten sich mit dem schnellen, billigen Vollrausch und vergaßen für ein paar Stunden ihre erbärmlichen Lebensumstände.

Dieses Gebräu aus dem 18. Jahrhundert hatte wenig gemein mit dem "trockenen", milden Gin von heute, der mit Kräutern und edlen Gewürzen aromatisiert wird. Auch ähnelte er kaum dem ursprünglich aus Holland importierten Genever mit nur rund 30 Prozent Alkohol. Der englische Gin war ein rauer, harter Brand. Mitunter konnte er bis zu 80 Prozent Alkohol enthalten und mit seiner teuflischen Schärfe, zu der auch feurige Zutaten wie Pfeffer oder Ingwer beitrugen, dem Trinker das Wasser in die Augen treiben.

An manchen Gin-Kellern, in denen die Londoner ihrer Trunksucht nachgingen, hing das Schild: "Betrunken für einen Penny. Tödlich betrunken für zwei Pennies. Sauberes Stroh umsonst". Ein deutlicher Hinweis: Meist waren die Zecher nach einigen Gläsern derart benebelt, dass sie nur noch der Ohnmacht nahe in ein Bett aus Stroh fallen konnten.

Die Gier nach schnellem Profit führte dazu, dass illegale Destillerien sich ausbreiteten. Einige Gin-Sorten wurden mit Terpentin und Schwefelsäure versetzt, im Londoner East End kam es zu Vergiftungen, Erblindungen und immer mehr Toten. Zwischenzeitlich überstieg die Sterberate durch Alkoholmissbrauch die Geburtenrate in London. Die Sterblichkeit von Kindern bis zum fünften Lebensjahr lag dort bei 75 Prozent; das lag nach Aufzeichnungen des Londoner Magistrats an schweren Epidemien wie Typhus, Masern oder Grippe, aber auch an der Gin-Krise.

Schwankendes Schiff der Trunkenheit

Die Oberschicht machte sich zunehmend ernste Sorgen um eine Nation, die sich permanent im Rausch befand und zusehends verwahrloste. Die Insel lief nach Ansicht mancher Beobachter Gefahr, zu einem schwankenden Schiff der Trunkenheit zu verkommen. "Gin war die erste moderne Droge", schrieb die Autorin Jessica Warner in einem Buch über die Gin-Krise.

In London, mit 750.000 Einwohnern damals die größte Stadt der Welt, kam es vermehrt zu Unruhen, die dem Gin zugeschrieben wurden. Der Sozialreformer Henry Fielding notierte 1751: "Eine neue Art der Trunkenheit, unseren Vorfahren völlig unbekannt, hat uns seit Neuestem befallen, und wenn wir sie nicht stoppen, wird sie unzweifelhaft einen Großteil der Unterschicht zerstören. Die Trunkenheit, die ich meine, kommt von dem Gift namens Gin."

Im gleichen Jahr hielt der Künstler William Hogarth das vom Gin verursachte Elend auf den Straßen Londons in seinem berühmten Stich "Beer Street and Gin Lane" fest. Hogarth zeigte, wie ein Bettler und sein Hund um einen Knochen kämpfen und einer Leiche die Wertsachen entwendet werden. Im Mittelpunkt des Bildes sitzt eine betrunkene Frau, die ihr kleines Kind fallen lässt. Mit dieser Figur wollte Hogarth möglicherweise auf das Verbrechen von Judith Defour verweisen.

Einen weiteren Stich nannte er "Beer Street" und porträtierte darin eine deutlich zivilere und humanere Gesellschaft. Der Konsum von Bier, so die Aussage, sorge für Ruhe und Ordnung - im Gegensatz zum ruinösen Gin.

"No Gin! No King!"

Im britischen Parlament gingen immer mehr Gesuche ein, um die Menschen mit staatlicher Gewalt vom Gin-Trinken abzubringen. Allein zwischen 1729 und 1751 wurden acht verschiedene Gesetze erlassen, um den Ginverbrauch zu senken. Doch sie blieben ohne großen Erfolg, denn die Großgrundbesitzer wollten weiter ihre Gerste absetzen.

Schließlich reduzierte der "Gin Act" von 1751 das Trinken erheblich. Das Gesetz bedeutete einen Wendepunkt in der Sozialgeschichte Londons und schwächte vor allem die kleinen Produzenten: Ab sofort brauchten sie eine Lizenz.

Auf den Straßen entbrannte der Zorn. Es kam zu Unruhen, nicht nur in London, auch in Bristol, Liverpool und Plymouth. Manche befürchteten gar eine Revolution. "No Gin! No King!", drohten die Londoner ihrem Herrscher. Andere verwiesen auf eine der angeblich "ureigenen britischen Freiheiten": das Recht auf Trunkenheit. Als die liberalen Bestimmungen ausliefen, tranken die Menschen ein letztes Glas auf "Mutter Gin" oder "Königin Geneva" und hielten ihr zu Ehren sogar spontane Trauerzüge auf den Straßen ab.

Der Gin-Automat: Miez und Miau

Eine listige und geheime Art, trotz der neuen Gesetze weiter ungehindert Gin verkaufen und trinken zu können, war die Erfindung einer neuartigen Verkaufsmaschine. Der aus Holz gebaute "Automat" wurde von den Londonern "Miez-und-Miau-Maschine" genannt und hatte die Form einer Katze, mit einem Kupferrohr als Schwanz.

Wer Gin wollte, flüsterte "Miez". Hatte der Verkäufer Gin vorrätig, antwortete die Katze (also derjenige, der sich dahinter versteckte) mit einem leisen "Miau". Der Gast legte ein paar Münzen ins Katzenmaul, schon floss aus dem kupfernen Schwanz ein Schuss Gin. Manche ließen ihn direkt aus dem Rohr in ihren Mund fließen.

So schnell, wie die Gin-Epidemie aufgekommen war, ging sie zu Ende. Es lag auch daran, dass die Ernten immer schlechter wurden. Gin blieb beliebt, davon zeugten auch die im Viktorianischen Zeitalter entstandenen eleganten Gin-Paläste - mondäne Bars, die sehr populär wurden, ausgestattet mit vielen Spiegeln, mit Gaslaternen und schweren, samtbezogenen Polstermöbeln. Die Nation schränkte ihren Gin-Konsum zunehmend ein; durch die harte Besteuerung wurden stattdessen Tee und Kaffee wieder beliebter.

Damit das auch so blieb und die Gin-Epidemie als für immer besiegt gelten konnte, wurden Teetassen produziert, die eine unmissverständliche Mahnung auf dem Tassenboden trugen: "Schütte keinen Gin in mich hinein."



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