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Große Depression Das Fanal von 1929

Große Depression: Das Fanal von 1929 Fotos
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Werte im freien Fall: Mit dem Crash der New Yorker Börse begann vor 80 Jahren die schlimmste Wirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts. Millionen Menschen verloren ihr Vermögen, ihren Arbeitsplatz, ihre Rente - und den Glauben an die Marktwirtschaft. Von Alexander Jung

John D. Rockefeller war der reichste Mann seiner Zeit. Mit Öl und Raffinerien hatte der Amerikaner Anfang des 20. Jahrhunderts ein Vermögen gemacht, sein Riecher für Geschäfte war legendär. Aber selbst einen Rockefeller kann sein Gespür einmal trügen.

Am Mittwoch, dem 30. Oktober 1929, sechs Tage nach Beginn des New Yorker Börsen-Crashs, teilte er den verblüfften Beobachtern mit, er sei schon wieder in den Markt eingestiegen: "In dem Glauben, dass die Situation des Landes gesund ist, haben mein Sohn und ich seit Tagen gesunde Stammaktien gekauft." Rockefeller lag mit seiner Einschätzung ziemlich daneben. Den tatsächlichen Tiefpunkt erreichten die Aktienmärkte drei Jahre später, im Juli 1932. Und es sollte noch 22 Jahre dauern, bis die Börse wieder auf das Niveau der Vorkriegszeit gelangte.

Wie Rockefeller unterschätzten fast alle Zeitgenossen die Tiefe und vor allem die Dauer der Rezession, die sich bald zur Depression und zur Weltwirtschaftskrise auswachsen sollte. Mit einer solchen Katastrophe hatte niemand gerechnet.

In den Vereinigten Staaten schrumpfte die Wirtschaft zwischen 1929 und 1933 um fast ein Drittel, die Arbeitslosenquote stieg von 3 auf fast 25 Prozent. Noch schlimmer erwischte es das Deutsche Reich: Das Bruttosozialprodukt brach um 27 Prozent ein, die Zahl der registrierten Arbeitslosen wuchs bis Februar 1932 auf mehr als sechs Millionen, in Wahrheit waren aber wesentlich mehr Deutsche ohne Beschäftigung. Das Volk verarmte, die Not war groß, das wirtschaftliche Leben lag am Boden.

In den Harzer Kurorten ging das Geschäft der Gastwirte 1930 zeitweise um rund ein Drittel zurück. "Jede irgend zu vermeidende Ausgabe wird unterlassen", klagte das "Göttinger Tageblatt". In den Ausflugslokalen der Hauptstadt, so meldete der "Berliner Lokalanzeiger", würden Autobesitzer vorfahren, die oft "nur eine Flasche Selters bestellen und dazu von zu Hause mitgebrachten Kuchen verzehren".

Der amerikanische Korrespondent Hubert Renfro Knickerbocker beobachtete, dass höchstens zehn Prozent der Gäste in Berliner Wirtshäusern ein Bier vor sich stehen hatten. Sein Fazit: "Wenn der Deutsche zu arm geworden ist, um sich ein Bier zu kaufen, ist er am Verzweiflungspunkt angelangt."

Die Große Depression Anfang der dreißiger Jahre war für beinahe jeden, der sie erlebte, eine Grenzerfahrung, materiell wie psychologisch. Ganz anders die Wirtschaftskrise dieser Tage: Sie trifft nur wenige in wirklich existentieller Weise, bislang jedenfalls. Die Weltwirtschaft ist heute weit entfernt von der katastrophalen Situation, in der sie sich Anfang der dreißiger Jahre befand. Und doch sind Parallelen zwischen beiden Krisen augenfällig.

Damals wie heute ist das Vertrauen in den Markt und in die Solidität die Banken verlorengegangen. Damals wie heute bemühen sich Unternehmen vergebens um Kredite und kämpfen deshalb ums Überleben. Vor allem aber ging damals wie heute dem Crash eine Phase wilder Spekulation und maßloser Verschuldung voraus.

Die Menschen die das Leid und die Entbehrungen des Ersten Weltkriegs noch in frischer Erinnerung hatten, sehnten sich nach Frieden und Wohlstand. Sie waren fasziniert vom Fortschritt und den bahnbrechenden Produkten, die er hervorbrachte: von Autos und Flugzeugen, von Radiogeräten und Telefonen. Und sie konnten teilhaben an den technischen Errungenschaften: Zwei Monatslöhne reichten einem Arbeiter aus, um sich das Ford-Modell "Tin-Lizzy" leisten zu können.

Der Zauber der Moderne übertrug sich auf die Aktienmärkte, mehr und mehr Bürger begeisterten sich für die Börse und legten ihre Ersparnisse dort an, das Fieber erfasste alle Schichten. Unglaubliche Geschichten machten die Runde, etwa die vom Kammerdiener, der an der Börse eine Viertelmillion Dollar gewonnen hatte, oder von der Krankenschwester, die dank eines Tipps um 30.000 Dollar reicher geworden war.

Der US-Journalist Frederick Lewis Allen beschrieb, wie sich die Amerikaner dem Börsenrausch hingaben: "Der Chauffeur des reichen Mannes lenkt den Wagen mit zurückgelegten Ohren, um Nachrichten über eine bedeutende Kursveränderung von Bethlehem Steel aufzufangen, denn er besitzt selbst 50 Anteile. Der Fensterputzer im Büro des Maklers macht eine Pause, um den Ticker zu beobachten, denn er überlegt, ob er die Früchte seiner Arbeit in einige Anteile von Simmons umtauschen soll."

Nicht wenige spekulierten mit geliehenem Geld im festen Glauben, mit den Kursgewinnen ihre Schulden tilgen zu können. Der Hang der Amerikaner, auf Pump einzukaufen, verfestigte sich zum Lebensstil. Mehr als die Hälfte aller Autos und drei Viertel aller Möbel waren auf Kredit finanziert.

John Kenneth Galbraith, der große Erforscher der Weltwirtschaftskrise, nannte es den "Triumph der Phantasie", der die Märkte derart in Bewegung versetzt habe: "nicht in langsamen, gesetzten Schritten, sondern mit sprunghaften Sätzen", so der Ökonom: "Die Massenflucht in die Scheinwelt, wichtiger Bestandteil jeder Spekulationsorgie, begann ernsthafte Formen anzunehmen."

Fast jeden zweiten Tag wurden neue Investmentgesellschaften gegründet. 1927 verkauften sie den Anlegern Papiere im Wert von 400 Millionen Dollar, zwei Jahre später war das Volumen auf drei Milliarden Dollar gewachsen. Alle waren überzeugt: Der Aktienboom in "God's own country" sollte noch viele Jahre weitergehen.

Die modernen Unternehmen schienen schließlich noch gewaltige Potentiale in sich zu tragen. Die 1919 gegründete Radio Corporation of America beispielsweise konnte ihren Börsenwert vom Frühjahr 1928 bis zum Herbst 1929 um das Fünffache steigern, ohne je eine Dividende gezahlt zu haben. Vom Aktienfieber ließen sich auch die Unternehmer anstecken. Sie nutzten ihre Gewinne selten noch für Investitionen; an der Börse zu spekulieren, schien weit lukrativer - und müheloser obendrein.

"In Amerika sind wir heute dem Triumph über die Armut näher als jemals zuvor in der Geschichte irgendeines Landes", jubelte US-Präsident Herbert Hoover im Wahlkampf 1928. Der Manager und Politiker John Raskob, der später das Empire State Building errichtete, verbreitete die These, wer 20 Jahre lang jeden Monat Aktien im Wert von 15 Dollar kaufe, würde am Ende rund 80 000 Dollar verdienen: "Jeder sollte reich sein", lautete sein Credo.

Noch zwei Wochen vor dem Crash meinte der bekannte Yale-Ökonom Irving Fisher, "dass Aktienkurse, wie es scheint, ein dauerhaft hohes Niveau erreicht haben" - und ruinierte damit seinen Ruf. Die Harvard Economic Society erklärte im November 1929, dass eine ernstliche Depression "außerhalb des Bereiches des Möglichen" liege. Und Präsident Hoover versicherte im Dezember 1929, dass es "die starke und gesicherte Lage der Banken" gewesen sei, die "das gesamte Kreditsystem ohne Schwächung des Kapitals sicher durch die Krise getragen hat". Da stand die wirkliche Bankenkrise noch bevor.

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