Groteskes Kriegsgerät Waffen des Wahnsinns

Groteskes Kriegsgerät: Waffen des Wahnsinns Fotos

Kamikaze-Fledermäuse, Flugzeugträger aus Eis und Bomben, die schwul machen: Die beiden Weltkriege brachten Ingenieure und Erfinder aller Nationen auf die bizarrsten Ideen - manche schlicht verrückt, andere einfach nur skrupellos. einestages zeigt die absurdesten Kriegsgeräte. Von

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"Der Ballon war nach dem Start nur wenige Minuten lang sichtbar", notierte Major Teiji Takada im November 1944, "dann entschwand er als ein Fleck am Himmel - wie ein Stern am Tag." Trotz der poetischen Beschreibung entließ der Offizier der neunten japanischen Armee an diesem Herbsttag keinen romantischen Gruß in die Lüfte, sondern einen Sprengsatz. Es war der erste Vorbote eines japanischen Großangriffs auf die Westküste der USA.

Sogenannte Ballon-Bomben waren der aufwendigste Versuch der Japaner, den Schrecken des Kriegs bis vor die Haustüren der amerikanischen Bürger zu tragen. Mit den starken winterlichen Winden schickten Hitlers asiatische Verbündete bis zum Frühling 1945 rund 9000 an Ballons montierte Sprengsätze in Richtung Amerika. Mit dem Angriff per Zufallsprinzip wollten sie die US-Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen. 10.000 Menschen seien den explosiven Flugobjekten zum Opfer gefallen, große Brände hätten eine Panik in der Bevölkerung ausgelöst, posaunte die japanische Propagandamaschine über das Radio.

Die Realität war weit ernüchternder: Tatsächlich wurden nur 300 der gefährlichen gasgefüllten Flugobjekte in den USA gesichtet. Zwei der Bomben gingen gar in Japan selbst herunter, allerdings ohne jemanden zu verletzen. So forderte der Luftballon-Großangriff insgesamt nur sechs Leben - auch wenn der Tod dieser besonders tragisch war: Am 5. Mai 1945 starben fünf Kinder und eine Frau bei einem Ausflug in der Nähe von Lakeview, Oregon. Der Sprengsatz ging hoch, als die neugierige Gruppe versuchte, die merkwürdige Konstruktion aus dem Wald zu schleppen.

Panzer, Atombombe - Hundemine

Nie zuvor wurden so viele neue Waffen entwickelt wie in den beiden großen Weltkriegen des 20. Jahrhunderts - und niemals davor so bizarre. Befeuert von den Möglichkeiten des industriellen Zeitalters und der Erkenntnis, dass ein Krieg zahllose Nationen rund um den Globus involvieren kann, begann das Wettrüsten um immer wahnwitzigeres Kriegsgerät. Von den britischen Panzern, die 1916 bei der Somme-Schlacht die deutschen Truppen überraschten, bis zur Atombombe reicht das Schreckensarsenal. Allein in den USA arbeiteten 30.000 Physiker, Chemiker, Ingenieure und Ärzte in dem 1941 von Roosevelt gegründeten "Amt für wissenschaftliche Forschung der nationalen Verteidigung". Die Rüstungsmaschinerie lief auf Hochtouren, auch angetrieben durch die zügellose Phantasie zahlloser Erfinder.

So wurde etwa dem besten Freund des Menschen auf besonders perfide Art das Kämpfen beigebracht: Die Sowjets benutzte im Zweiten Weltkrieg Hunde als Kamikaze-Waffen, die deutsche Panzer aufhalten sollten. Bei der Abrichtung wurde ihnen als Belohnung Fressen unter die Tanks gelegt, die Tiere lernten, furchtlos unter die riesigen Kettenfahrzeuge zu kriechen. Im Einsatz wurde den Hunden dann ein Sprengsatz mit einem Knickzünder umgeschnallt, der abbrach und zündete, wenn sich die Hunde unter die Panzer begaben.

Auf dem Schlachtfeld wurden die sogenannten Panzerabwehrhunde nur kurz eingesetzt, denn die Waffenexperten der Roten Armee hatten etwas Entscheidendes außer Acht gelassen: Durch die Öle und Fette rochen die russischen Panzer anders als die der Gegner - und so sprengten die Hundeminen meist die eigenen Tanks. Nachdem ein Trupp Panzerabwehrhunde 1942 eine komplette sowjetische Panzerdivision zum Rückzug gezwungen hatte, wurden sie kaum noch eingesetzt.

Fledermäuse auf Hiroshima?

Auch die Amerikaner unternahmen im Zweiten Weltkrieg Versuche, Tiere als unfreiwillige Soldaten einzusetzen. Der Zahnarzt Lytle S. Adams aus Irwin, Pennsylvania, war fassungslos, als die japanische Luftwaffe am 7. Dezember 1941 Pearl Harbour angriff - und sann auf Rache. Kurze Zeit später hatte er eine zündende Idee: "Bat Bombs". Fledermäuse, an deren Körpern Brandsätze befestigt waren, sollten über japanischen Städten abgeworfen werden. Dort würden sich die Tiere in den leicht brennbaren, traditionell aus Holz und mit Papierwänden errichteten Gebäuden einnisten und dann gezündet werden.

Am 12. Januar 1942 schickte Adams einen Antrag ans Weiße Haus, die Forschungen für die Waffe aufnehmen zu dürfen. Präsident Roosevelt persönlich gab sein Okay. Also gingen die US-Militärs auf die Jagd nach Hunderttausenden Testfledermäusen. Der Chemiker Louis Fieser, der wenig später das Napalm erfinden sollte, entwickelte die speziellen Leichtbaubrandsätze. Doch obwohl ein Testeinsatz an dem Nachbau eines japanischen Dorfes ein verheerendes Ergebnis zeigte, kamen die Fledermausbomben nie zum Einsatz. Nachdem zwei Millionen Dollar für die Entwicklung ausgegeben waren, wurde das Projekt im August 1944 eingestellt, da die Bat Bomb erst Mitte 1945 einsatzbereit gewesen wäre.

Die US-Militärs setzten lieber auf eine andere Neuentwicklung: die Atombombe. Am 6. August 1945 wurde der erste Nuklearsprengsatz auf Hiroshima abgeworfen, drei Tage später explodierte eine zweite A-Bombe über Nagasaki. Rund 265.000 Menschen starben sofort oder in den folgenden Wochen. Wieder war Fledermausbombenerfinder Adams zutiefst schockiert. Er hielt seine tierische Waffe für die bessere Alternative zum Nuklearsprengkopf. Bei seinen Versuchen hatte er beobachtet, dass die über dem Ziel freigesetzten Fledermäuse noch bis zu 20 Meilen weit flogen. "Stellen Sie sich Tausende Feuer vor, die zum gleichen Zeitpunkt in einem Radius von 40 Meilen ausbrechen - und das durch den Abwurf einer einzigen Bat Bomb", sagte er, "Japan hätte verwüstet werden können, ohne das so viele Menschen umgekommen wären." Und ohne die verheerenden Nebenwirkungen der Strahlung.

Die Wunderwaffen der Nazis

Andere Geistesblitze, mit denen Privaterfinder Militärs und Rüstungsindustrie bombardierten, waren jedenfalls noch weit absurder. So versuchte der deutsche Ingenieur und Oberst a. D. Heinrich Ritter von Füchtbauer dem Reichswehrministerium 1934 ein Monstrum namens "Midgard-Schlange" schmackhaft zu machen. Das gepanzerte Ungetüm von 524 Meter Länge und 60.000 Tonnen Gewicht sollte sich mit einem riesigen Bohrer bis zu hundert Meter tief durch das Erdreich graben, um so Bunkeranlagen ausheben oder als Unterwassergefährt Häfen anzugreifen. Füchtbauer wollte 20 dieser Fahrzeuge produzieren, für 30 Millionen Reichsmark pro Stück. Doch die Verantwortlichen lehnten das Wahnsinnsprojekt mit dem martialischen, einem Ungeheuer der nordischen Mythologie entliehenen Namen, letztlich als nicht umsetzbar ab. Gleichwohl stieg Füchtbauer unter den Nazis zum Generalmajor auf.

Die Alliierten hätten sich womöglich kaum gewundert, wenn ein Ungetüm wie die Midgard-Schlange plötzlich aus dem Boden geschossen wäre. Denn den Nazis wurde im Zweiten Weltkrieg eigentlich alles zugetraut, gerade was die Entwicklung von allerhand geheimen Wunderwaffen anging. Gerüchte gingen um, Deutschland besäße eine Magnetwaffe, mit der feindliche Flieger vom Himmel geholt werden könnten. Auch war die Rede von einem gigantischen Flammenwerfer, der feindliche Jäger noch in Tausenden Metern Höhe am Himmel hätte grillen können. Die vielleicht erstaunlichste Legende war jene, dass die Deutschen eine Art Lupensatelliten in die Erdumlaufbahn geschossen hätten, mit dem sie durch die Bündelung des Sonnenlichts rund um den Globus ganze Städte niederbrennen könnten.

Flugzeugträger aus Eis und schwule Bomben

Aufgrund der hohen Verluste unter alliierten Schiffen ging außerdem die Mär um, die deutsche Marine verfüge über eine geheime U-Boot-Flotte aus Wunderschiffen, die sowohl für das Radar als auch für das menschliche Auge unsichtbar seien. Natürlich gab es diese Unsichtbar-Boote nicht. Realität dagegen war der Plan, mit dem Briten und Amerikaner ihre Verluste zur See verringern wollten: der Bau eines gigantischen Flugzeugträgers aus - Eis.

Das "Projekt Habbakuk" soll Lord Mountbatton, den Kommandeur der britischen kombinierten Land- und Seestreitkräfte, derart in Hochstimmung versetzt haben, dass er das Badezimmer von Premierminister Winston Churchill stürmte und in der Aufregung versehentlich seinen Notizblock in der Wanne des badenden Regierungschefs versenkte. Offenbar von Mountbattens Begeisterung mitgerissen, gab der Premier grünes Licht für eine 1200 Meter lange, 180 Meter breite schwimmende Festung mit zwölf Meter dicken Wänden aus 1,8 Millionen Tonnen gefrorenem Wasser. Ein Flugzeugträger aus Eis, so die Idee, könne nicht Leck schlagen und wäre unsinkbar. Außerdem wäre er kinderleicht instand zu setzen: Kleinere Schäden könnten einfach mit Eis überfroren werden.

Im Sommer 1943 wurde ein aus Eisblöcken zusammengesetzter, 18 Meter langer Prototyp von "Habbakuk" auf einem kanadischen See zu Wasser gelassen, in dessen Innerem eine Kühlmaschine installiert war. Das Experiment glückte - den gesamten Sommer lang taute die bizarre Konstruktion nicht weg. Doch trotz aller Begeisterung wurde es letztlich nichts mit dem Flugzeugträger aus gefrorenem Wasser - weil der Bau des Monstrums sich bis 1945 hingezogen hätte, entschieden sich die Verantwortlichen, das Projekt "Habbakuk" auf administrativem Wege zu versenken.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete die Entwicklung absurder Waffen keineswegs. Noch 1994 beantragten Mitarbeiter der amerikanischen Wright Laboratories in Dayton, Ohio 7,5 Millionen US-Dollar für die Entwicklung nicht- tödlicher Chemiewaffen. Darunter war auch eine sogenannte Gay Bomb: Wo sie explodierte, so die Idee der Düsentriebe, würden die von chemischen Wirkstoffen benebelten Gegner ihre Gewehre fallen lassen und in sexueller Raserei übereinander herfallen.

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1.
Ralf Bülow 18.08.2009
Manche absurde Waffe wurde aber wirklich eingesetzt, z.B. die V3, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/V3 . Ein ganz besonderes, hier nicht erwähntes Thema sind Klein- & Kleinst-U-Boote, die verdienen wohl einen eigenen Artikel.
2.
Axel Lapp 18.08.2009
'Schwul'? Das ist ja wohl nur in die Überschrift gerutscht um Leser zu gewinnen ...
3.
Andie Rothenhäusler 18.08.2009
Ich mag diese Sorte von Artikel als Technikhistoriker ziemlich gerne und lese sie auch immer wieder mit großem Interesse. Etwas schade allerdings finde ich, dass die meisten Bilder und Grafiken ohne Quellenangabe einfach so aus dem Modern Mechanix-Blog (http://blog.modernmechanix.com/) bzw. dem Tales Of Futurepast-Blog (http://davidszondy.com/) übernommen wurden - was für jemanden, der den entsprechenden Blog nicht kennt, nicht nachvollziehbar ist. Dasselbe betrifft auch die Artikel über den Roboter Elektro ("Ich. Habe. Ein. Ausgezeichnetes. Gehirn.") und "Angriff der Kreiselpanzer". Ein kurzer Verweis ("Mit freundlicher Genehmigung von...") würde wohl auch die ursprünglichen Blogger freuen...
4.
Peter Matzke 18.08.2009
Der vertikale Flammenwerfer war wirklich in der Erprobung. Allerdings bei der britischen Navy und auch nicht kilometerhoch. Doch man glaubte, damit deutsche Sturzkampfbomber Ju 87 überraschen zu können. Ein Handelschiff war bereits damit ausgerüstet, man wollte das Flugzeug am tiefsten Punkt des Sturzflugs, im Moment des Aulösens der Bombe, genau über dem Schiff schlagartig in Brand setzen. Die Erprobung zeigte rasch, dass eine Flamme auf ein in Bruchteilen einer Sekunde hindurch fliegendes Flugzeug etwa die gleiche Wirkung hat, wie eine Feuerzeugflamme auf einen schnell durchgezogegen Finger: Gar keine nämlich. Die Probe mit dem Finger hätten die britischen Techniker einfach eher machen sollen... Viel interessanter sind m.E. die "fliegenden Untertassen", die auf einem Flugplatz nahe Prag geflogen sein sollen. Wer weiß etwas darüber?
5.
Steffen Hamann 19.08.2009
Ein japanischer Ballon hat die Stromversorgung des Manhattan-Atombomben-Projekt der USA unterbrochen, fast eine Kernschmelze ausgelöst und fast das ganze Projekt sabotiert - es hat nicht viel gefehlt und niemand würde diese billigen Ballons, die vor allem mit fehlender Berichterstattung bekämpft wurden, als "relativ ineffektiv" bezeichnen. Wer weiß, ob dann Atombomben über Japan abgeworfen worden wären, wer weiß, ob nach solch einem radioaktiven Fehlschlag das Projekt weiter voran getrieben worden wäre. http://de.wikipedia.org/wiki/FUGU-Ballon
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