Grubenkatastrophe Luisenthal Feuerhölle in 600 Metern Tiefe

Der Tod kam in Sekunden: 1962 entzündete sich in einer Kohlegrube im Saarland Methangas und setzte eine tödliche Kettenreaktion in Gang, Hunderte starben bei einer der größten deutschen Bergwerkskatastrophen. Drei Kumpel erinnern sich an das Drama - und wie sie nur mit Glück überlebten.

Reiner Oettinger

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Ob es fünf Sekunden waren nach dem Knall oder vielleicht doch nur eine, daran kann sich Hartmut Warken nicht mehr erinnern. In seinem Gedächtnis sollte es ihm sowieso sein Leben lang wie eine Ewigkeit vorkommen, dieses Bild von dem Feuer, das in einer wellenförmigen Bewegung auf ihn zuraste.

Reflexartig riss der junge Bergmann seinen Arm vor sein Gesicht, eine irgendwie hilflose Geste angesichts der Naturgewalt, die da auf ihn zukam. Die Druckwelle der Explosion schleuderte ihn auf den Rücken; das Feuer verbrannte seinen Oberkörper, sein Gesicht, die Innenseite seines rechten Armes. Halb benommen hörte der 17 Jahre alte Lehrling seinen Ausbilder rufen, dass man raus müsse aus dem Stollen, schnell, und zwar gegen den Luftstrom.

Fünfzig, sechzig Meter schaffte Warken es noch, bis er von dem Grubengas ohnmächtig wurde und zusammenbrach: gefangen im saarländischen Steinkohlebergwerk Luisenthal, Sohle IV, Klärstreb III/E, mehr als 600 Meter unter der Erdoberfläche.

Es muss etwa 7.45 Uhr an jenem 7. Februar 1962 gewesen sein, als die schlimmste Bergwerkskatastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik mit einer heftigen Schlagwetter-Explosion ihren Anfang nahm: Im Alsbachfeld, einem von drei unterirdischen Abbaufeldern, die zu der Grube Luisenthal gehörten, war in den Kohleflözen eingeschlossenes Methangas ausgetreten und hatte sich entzündet. 299 Menschen starben, einige an Verbrennungen, die meisten aber an Gasvergiftungen. Nur einmal, noch vor der Gründung der BRD, waren in Deutschland mehr Bergleute ums Leben gekommen: 1946 starben in einer Bergkamener Zeche 405 Kumpel.

"Du lebst ja noch, Gott sei Dank!"

Die genaue Ursache des Funkenschlags in Luisenthal konnte selbst vor Gericht nie geklärt werden - seine verheerende Wirkung spürte Johann Rausch jedoch unmittelbar nach der Explosion. Und zwar über Tage: Rausch war am Alsbach-Schacht für die Seilfahrten der Bergleute und des Materials verantwortlich. Er wartete gerade auf einen Förderkorb, als er den Knall hörte. "Plötzlich wurde ich zehn bis 15 Meter durch die Luft geschleudert. Dann hörte ich schon die Stimmen meiner Kollegen, die riefen: 'Du lebst ja noch, Gott sei Dank!'".

Wie durch ein Wunder blieb er bis auf einige Prellungen unverletzt. "Dabei hat mich die 'Bild'-Zeitung als den ersten Toten vermeldet", sagt der inzwischen 82-Jährige empört im Interview mit einestages. Der "Bild"-Reporter habe geglaubt, er sei in die Tiefe gestürzt.

Vielleicht lag die Fehleinschätzung an der Wucht der Explosion, die so gewaltig war, dass sie sogar zwei 20 Tonnen schwere Schachtdeckel durch die Luft wirbelte; einer blieb sogar in sechs Metern Höhe in einer Verstrebung des Schachtgerüsts hängen. Eine schwarze Rauchwolke stieg aus dem Schacht; ansonsten wirkte Minuten nach der Explosion von außen alles friedlich.

Hunderte Meter darunter müssen sich Tragödien abgespielt haben. Johann Rausch, der trotz seiner Verletzungen den ganzen Tag weiterarbeitet und die Rettungskräfte unterstützte, konnte sie manchmal erahnen. Etwa, als er zwei Bergleute sah, die mit schwersten Verbrennungen aus der Tiefe geholt wurden. "Niemals", sagt er, "niemals werde ich diesen Anblick vergessen. Man kann nicht mit Worten beschreiben, wie verbrannte Menschen aussehen." Und so versucht er es erst gar nicht und sagt nur leise: "Furchtbar."

Bei Nieselregen harrten Hunderte aus

Derweil war die saarländische Kleinstadt Völklingen, deren Stadtteil Luisenthal Namensgeber der Grube ist, in Aufruhr. Die Nachricht von der Explosion hatte sich rasend schnell herumgesprochen. Die ganze Region lebte von dem Bergbau, in der Zeche Luisenthal waren rund 2000 Menschen angestellt. Kaum einer, der keine Freunde und Verwandte hatte, die unter Tage arbeiteten. Und kaum einer, der jetzt keine Angst hatte.

Denn Luisenthal galt wegen der hohen Methangaskonzentration in den Flözen als besonders anfällig für Schlagwetter-Explosionen. Allein von 1904 bis 1954 wurden hier 20 Brände und Explosionen gezählt; schon 1941 waren hier 31 Bergleute gestorben. Andererseits wurde gerade deswegen besonders viel in die Sicherheit investiert und die Zeche mehrfach wegen ihrer modernen Technik und der hohen Sicherheitsstandards ausgezeichnet. Bis zum Morgen des 7. Februar sah es so aus, als könne man die Gefahren bändigen.

Doch jetzt strömten die Angehörigen der Bergarbeiter beunruhigt zum Hauptschacht der Grube. Bei Nieselregen harrten Hunderte dort stundenlang aus und hofften, Näheres zu erfahren: Wo liegt das Zentrum des Unglücks? Wer war wann wo zur Arbeit eingeteilt? Gibt es Eingeschlossene?

Auch Gerhard Thurn, der wegen einer Kieferoperation am Tag des Unglücks krankgeschrieben war, wurde frühmorgens aus dem Schlaf gerissen. Seine Großmutter hatte im Radio von der Explosion gehört und ihn sofort geweckt. Thurn konnte kaum glauben, dass die Schlagwetter im Bereich des Alsbachfelds stattgefunden haben sollen. "Das war mir völlig unverständlich", erinnert er sich, "weil es als das sicherste Kohlefeld der ganzen Grube galt." Vor allem wusste er: Seine fünf Kameraden, mit denen er sonst zusammen in einem Team arbeitete, müssten jetzt alle dort unten sein.

In Lengede gab es ein Wunder, in Luisenthal nicht

Er hatte recht - und seine schlimmsten Befürchtungen traten ein: Keinen seiner fünf Kameraden sah er lebend wieder. Die Kiefer-OP hatte ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Für Thurn ist der tragische 7. Februar daher "so etwas wie ein zweiter Geburtstag". Ein seltsamer Geburtstag, findet er, es gibt nichts zu feiern, er kann nur dankbar sein für Glück, Zufall und Schicksal. "Es ist ein Tag zum Innehalten", sagt der 76-Jährige - und ist dennoch jedes Mal froh, wenn der Februartag vorbei ist.

Dieses Jahr ist die Erinnerung besonders präsent, denn zum 50. Jahrestag hat sich die ganze Polit-Prominenz des Saarlands angekündigt, um der 299 Opfer zu gedenken. Das bedeutet mehr Reden, mehr Händeschütteln, mehr Medienberichte. Und das bei einer Katastrophe, die außerhalb Völklingens eigentlich längst in Vergessenheit geraten war - ganz anders etwa als das Grubenunglück von Lengede nur anderthalb Jahre später. Dabei hatte es dort mit 29 Toten weit weniger Opfer gegeben.

Lengede aber blieb im Gedächtnis, weil noch nach zwei Wochen elf eingeschlossene Kumpel gerettet werden konnten. Das war Stoff fürs Kino. Von Luisenthal hingegen gibt es kaum Fotos, keine ikonischen Aufnahmen, keine gefeierten Volkshelden. Hier blieben die Wunder schlichtweg aus. Wer nicht in den ersten Stunden nach der Explosion gerettet wurde, schaffte es nicht mehr. Von 664 Bergleuten im Alsbachfeld starben 299.

Für die Rettungskräfte eine deprimierende Arbeit. "Man fand ja fast nur Tote", sagt Gerhard Thurn. Als Ortskundiger wies er den Helfern, von denen die meisten von außerhalb kamen, den Weg durch das kilometerlange Gewirr aus Stollen und Gängen. Nur ein Bergmann wurde in seinem Abschnitt lebend gefunden – der einzige Lichtblick nach Stunden.

Weil die Toten nicht über den beschädigten Alsbach-Schacht geborgen werden konnten, mussten die Leichen in die Waggons der unterirdischen Bahn getragen werden. Normalerweise fuhren damit die Bergleute zu ihrer Arbeitsstelle, jetzt wurden damit die Leichen zu einer letzten, drei Kilometer langen Reise bis zum Hauptschacht der Grube geschickt.

Ein fester Händedruck

Und dort, über Tage, wuchsen bei den Angehörigen Angst, Wut und Verzweiflung. Die Listen mit den Toten wurden stündlich länger. Ein Reporter des "Hamburger Abendblatts" berichtete, dass einige Frauen sogar versucht hätten, die Halle zu stürmen, in denen die Toten aufgebahrt wurden: Sie konnten die Ungewissheit nicht mehr ertragen.

Doch manchmal gab es Erfolgsmeldungen - wie die von Hartmut Warken: Nachdem der 17 Jahre alte Lehrling bewusstlos geworden war, wachte er fünf Stunden später im Krankenhaus auf. "Beruhigen Sie sich, Sie sind gerettet", waren die ersten Worte, die er wahrnahm. Dann dämmerte er wieder weg.

Ohne zu wissen, dass ihm beinahe die Lunge geplatzt wäre; dass sein Ausbilder, der neben ihm gestanden hatte, nicht mehr lebte; dass sein Bruder, der nur etwa 60 Meter weiter entfernt gearbeitet hatte, noch viel schwerer verletzt war als er selbst und fünf Tage später starb.

Wegen der schweren Verbrennungen musste Warken zwei Monate stationär behandelt werden. Am 16. Februar wurde er 18 Jahre alt. Es sollte sein schlimmster Geburtstag werden. "Da lag ich im Krankenhaus und ausgerechnet an diesem Tag wurde auch mein Bruder beerdigt", erzählt er. "Ich war ganz allein. Psychologische Hilfe gab es damals noch nicht."

Man hört es ihm an, dass er sie benötigt hätte. Nach all den Jahren versagt seine Stimme immer noch, wenn er von dem Unglück erzählt. "Ich habe versucht, es zu verdrängen. Es geht einfach nicht. Die Sache holt mich immer wieder ein." Unter Tage, das entschied er sofort, wollte er nie wieder arbeiten.

Statt psychologischer Hilfe gab es für die Luisenthaler damals Beileidsbekundungen von John F. Kennedy oder Papst Johannes XXIII. Dazu kamen private Spendengelder aus der ganzen Welt. 500 Mark erhielt Warkens Mutter aus dem Spendentopf für ihren verletzten Sohn; 1000 Mark für den verstorbenen. Und von dem Grubenbetreiber, den Saarbergwerken? "Von denen", sagt Hartmut Warken tonlos, "gab es einen festen Händedruck."



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Henryk Laufersweiler, 06.02.2012
1.
Auch ich habe das Unglück von Luisenthal miterlebt. An diesem Morgen des 07.02.62 stand ich als Schüler an einer Bushaltestelle in der Nähe des Alsbachschachtes. Ich hörte einen lauten Knall und spürte für einen Moment die Ausläufer der Druckwelle. Ich habe mir weiter nichts dabei gedacht und fuhr mit den nächsten Bus zur Schule. Stunden später ging der Direktor unserer Schule durch die Klassen und fragte, wessen Väter oder Verwandte in Luisenthal arbeiten. Es waren einige meiner Mitschüler betroffen. Das Ausmaß des Unglücks war zu der Zeit noch nicht bekannt. Man wußte nur, es hatte Tote gegeben. Der Unterricht für diesen Tag viel aus. 1974 bin ich dann selbst in Luisenthal angefahren und blieb 12 Jahre als Maschinensteiger unter Tage, bis ich selbst verunglückte und aufgrund meiner schweren Verletzungen nicht mehr untertagetauglich war. Ich hatte in dieser Zeit noch viele Kollegen, die entweder selbst das Unglück in einem anderen Baufeld überlebten oder mit den Rettungsmannschaften die Toten der Katastrophe bargen. Dramatische Geschichten von furchtbaren Erlebnissen machten noch viele Jahre die Runde. Leider mußte auch ich selbst in meiner Zeit unter Tage einige schwere Unglücke mit Toten und Verletzten erleben. Die Bilder belasten mich bis zum heutigen Tag und werden mich wohl nie loslassen. Trotzdem bin ich stolz darauf, ein Teil dieser verschworenen Gemeinschaft gewesen zu sein und möchte diese Zeit nicht missen.
Stefan Weber, 06.02.2012
2.
"Und das bei einer Katastrophe, die außerhalb Völklingens eigentlich längst in Vergessenheit geraten war" - außerhalb des Saarlandes vielleicht. Jedem Saarländer, der sich auch nur ein bißchen für die Geschichte seiner Heimat interessiert, ist die Schlagwetterexplosion von Luisenthal ein Begriff.
Heinz Becker, 06.02.2012
3.
Diese Menschen haben ihr Leben für den Wohlstand der Republik gegeben. Leider ist das alles längst vergessen und der Bergbau an der Saar läuft in diesem Jahr aus. Viel Lieber machen wir uns von importiertem Erdöl und Erdgas abhängig. Schade Glück Auf
Margit Thurn, 07.02.2012
4.
Schön, dass Spiegel online über das Grubenunglück von Luisenthal so ausführlich berichtet hat. Es gab heute in Luisenthal einen bewegenden Gottesdienst nachdem um 7.45 Uhr am Denkmal in Luisenthal 299 Kerzen für die 299 Toten angezündet wurden. Ein herzliches Glückauf aus dem Saarland
Gabriele Breyer, 11.11.2012
5.
Bei Bild 5 steht: Kumpels vor der Zeche.... Diese Ausdrücke werden im Saarland nicht gebraucht! Da heißt es: Bergleute vor der Grube. Glück auf von der Saar
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