Grubenunglück von Lengede "Als wir hochkamen, klatschten alle"

Seit Monaten harren die verschütteten Kumpel in Chile ihrer Rettung - nun steht sie kurz bevor. Wie es ist, aus der Dunkelheit zurückgeholt zu werden, weiß Emil Pohlai ganz genau: 1963 wurde er nach neun Tagen aus einer Luftblase in der verschütteten Mine von Lengede geholt. Auf einestages erinnert er sich an die dramatischen Stunden.

dpa

Es waren nur noch zwei Stunden. In zwei Stunden war die Tagesschicht zu Ende, ein Zug würde uns aus der Sohle im Berg abholen, in der ich gerade mit zwei Kumpeln arbeitete. Es war der 24. Oktober 1963, ziemlich genau 20 Uhr. Dann fiel der Strom aus.

Wir konnten nichts mehr sehen, die Luft wurde knapp, aber wir warteten zunächst weiter auf den Zug. Der Schacht zum Aufstieg war dreieinhalb Kilometer entfernt, anderthalb Stunden zu Fuß. Irgendwann gingen wir dann doch los - kein Strom, kein Zug. Nach 500 Metern kam uns dann schon das Wasser entgegen, das in den Schacht Mathilde eingebrochen war. Wir wollten es irgendwie aufhalten, aber es ging nicht. Ich leuchtete mit meiner Kopflampe, am Ende des Lichtstrahls stand das Wasser nicht mehr nur einen halben Meter, sondern schon anderthalb. Es stieg immer weiter. Wir kehrten um.

An unserem Ausgangspunkt kippten wir zwei Tonnen um und bauten einen Damm, dann drehten wir die Pressluft für die Bohrhämmer auf, während das Wasser immer näher kam. Um zehn vor zwölf blieb es plötzlich stehen. Wir waren erleichtert und dachten, das Wasser sei jetzt ausgelaufen und es würde gut sein. Zumal es um 2 Uhr nachts auch noch zurückging. Die oben haben jetzt Pumpen geholt und pumpen das Wasser ab - das glaubte ich. Aber das Wasser lief nur in einen anderen Schacht, und das war auch nicht viel. Wir steckten fest, 80 Meter unter der Erde.

Dann war es vollkommen dunkel

Immerhin: Das Wasser hatte die Pressluft nach vorne gedrückt, dahin wo wir waren. Eine Luftblase war entstanden.

Die Höhle, in der wir festsaßen, war relativ groß, etwa 32 Meter lang. Aber wir konnten dort nur so lange umherlaufen, wie wir Licht hatten. Und das war nicht lange. Unsere Kopflampen hatten noch bis Mitternacht gebrannt, dann machten wir sie aus, um Strom zu sparen. Die Akkus wurden trotzdem schwächer, insgesamt einen Tag funzelten die Lampen noch wie eine fast leere Taschenlampe. Dann war es vollkommen dunkel. Überall standen Maschinen, über die man stolpern konnte. Wir mussten sitzen.

Auch wenn die Lage aussichtslos schien - die Hoffnung haben wir nicht aufgegeben. Das lag vor allem an einem Zufall. Ich hatte kurz vorher in einer Illustrierten von einem Grubenunglück in Amerika gelesen, wo auch Kumpel verschüttet worden waren und die dann rausgeholt wurden. Mit Bohrungen. Ich konnte mir selbst damit Mut machen und auch meinen beiden Kollegen. "Das können sie doch bei uns auch machen", sagte ich. Wir durften nicht aufgeben, sie würden uns schon finden.

Es war kalt und nass dort unten, die Sachen klebten schnell am Körper. Doch das hatte auch Vorteile. Die Nässe drang in die Haut und verhinderte, dass wir austrockneten. Durst hatten wir, aber es war nicht so schlimm. Wasser war zwar genug da, aber das konnte man ja nicht trinken, es war ölig und dreckig. Hunger hatten wir auch, aber das empfanden wir als noch weniger tragisch. Ärgerlich war nur, dass die Schicht vorher ihr Brot nicht ganz aufgegessen hatte und wir es von unterwegs nicht mitgenommen hatten.

Die Zeit vergeht viel langsamer

Schlimmer waren die Angst und die Dunkelheit. Wir haben nur über unsere Rettung geredet und die Hoffnung, dass sie uns finden. Dann gab es Momente, wo ich an die Familie dachte und daran, wie es ihr wohl gehen würde. Es gab auch Stunden, in denen wir gar nicht geredet haben, nur gegrübelt.

Zwei Tage saßen wir da unten schon, die Zeit vergeht viel langsamer als draußen, jedenfalls kommt einem das so vor. Wir hockten auf Erzbrocken und manchmal drückten wir ein bisschen die Augen zu. Schlafen konnten wir nicht. Später haben wir es mal zusammengerechnet - in den neun Tagen, die wir insgesamt bis zu unserer Rettung dort unten zubringen mussten, haben wir vielleicht 50 Stunden geschlafen. Und nur einmal alle gleichzeitig für zwei Stunden.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag, in der dritten Nacht seit dem Wassereinbruch, hörten wir dann plötzlich Geräusche. Geräusche von einem Bohrer, die immer lauter wurden. Aber es hörte sich so an, als hätten sie daneben gebohrt. Dann hörte es plötzlich auf. Aus unserer Hoffnung wurde Enttäuschung und ein bisschen Verzweiflung. Am Sonntag um 14 Uhr ging es wieder los - und wir waren plötzlich wieder sicher, dass man uns doch noch finden würde. Eine Bohrung war die einzige Chance für unsere Rettung. Die Strecken und Schächte waren ja alle voller Schlamm, da ging nichts.

Das war unsere Antwort: Wir lebten

Als der Bohrer durch die Decke kam, saßen wir ganz am Ende unseres Raumes. Kurz vorher hörten wir Wasser plätschern, das kam von der Wasserspülung, mit der der Bohrer gekühlt wurde. Dann brach der Bohrer durch und hielt an. Wir hörten Klopfzeichen und schlugen mit der Hacke gegen das Gestänge. Das war unsere Antwort: Wir lebten.

Bis zu unserer endgültigen Rettung vergingen aber noch weitere vier Tage. Am 1. November war es endlich soweit. Wir sollten mit einer Rettungsbombe nach oben gezogen werden, und ich war der Erste. Einer von der Grubenwehr kam runter, um uns beim Einsteigen in die Rettungskapsel zu helfen. Ich sollte der Erste sein, weil ich Halsschmerzen hatte und schlecht schlucken konnte. Als ich dann in der Kapsel war dachte ich, das würde sicher ganz langsam gehen, eine halbe Stunde vielleicht. Aber so war es nicht: Ruckzuck, nach vielleicht vier Minuten, war ich oben. In der Kapsel war es auch finster, ich sah nichts. Aber es roch nach frischem Zement, den sie zwischen Rohre und Außenwand gegossen hatten, damit auch ja kein Sauerstoff entweichen konnte aus der Blase. Binnen einer halben Stunde waren wir drei gerettet.

Wir kamen oben direkt in eine Überdruckkammer und kriegten Sauerstoff, vier Stunden lang. Wir hatten zu viel Stickstoff eingeatmet. Dann ging die Schleuse auf - und erst jetzt wurde mir klar, was man für uns für einen Aufwand betrieben hatte. Und wie viele Menschen da waren! Reporter, Polizei, Grenzschutz, Rotes Kreuz - ich habe mich irgendwie sehr gewundert. Als wir aus der Schleuse traten, applaudierten die Menschen. Alle.

Warum sollen wir zum Arzt?

Nach Hause ging es aber immer noch nicht. Wir wurden zunächst in ein Zelt des Roten Kreuzes gebracht, wurden dort untersucht und bekamen frische Wäsche. Zwei Stunden dauerte das, dann kamen wir noch für drei Tage in ein Krankenhaus nach Peine. Und als wir entlassen wurden, ging es für 14 Tage nach Teneriffa. Den Urlaub hatte uns ein Reiseveranstalter geschenkt.

Unter Tage wollte ich später nie mehr arbeiten, das Unglück hat Spuren hinterlassen. Ich fing über Tage an, im Büro, und nur einmal habe ich mit dem Vorsatz gebrochen. Eine zeitlang verließen so viele Kumpels den Betrieb, dass man uns bat, wieder unter Tage zu gehen, als Vorbild, um den anderen Mut zu machen. Seht her, selbst die drei trauen sich wieder, ist doch nicht schlimm, so was. Acht Tage war ich unten, dann sagte der Arzt bei der Nachuntersuchung zu mir: "Ich denke, ihr wollt gesund werden!" Und das wollten wir wirklich.

Aber so waren wir Kumpel eben, wir haben für unseren Beruf und den Betrieb gelebt. Als ich dort unten festsaß, dachte ich ernsthaft: Die Rettung kostet den Betrieb ja viel Geld, dann muss ich also auch was tun - und arbeitete danach noch ein bisschen mehr. Dabei war das ja schon Akkordarbeit, die wir da geleistet haben. Einer der beiden Kumpel von damals lebt übrigens noch, Gerhard Hanusch. Wir treffen uns an jedem 1. November und feiern jedes Jahr aufs Neue unsere Rettung.

Wenn ich an die Kollegen in Chile denke, kommt aber alles wieder hoch. Die sitzen jetzt über zwei Monate da unten. Ich kann es nachempfinden, ich weiß, wie das ist, wenn man hofft. So lange. Und ich kenne auch die gesundheitlichen Schäden, auch wenn die Chilenen die noch nicht merken. Da kommt noch was, bei uns war das ja nicht anders. Als wir rauskamen, dachten wir: Warum sollen wir ins Krankenhaus, wir haben doch gar nichts! Aber dann wurden die Finger ganz steif und dick, die Zehen. Rheuma. Die Freude und die Anspannung verdrängt alles. Aber nicht für immer.

Aufgezeichnet von Christian Gödecke.



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