Gründung Israels vor 60 Jahren Der Jahrtausend-Traum

Gründung Israels vor 60 Jahren: Der Jahrtausend-Traum Fotos
REUTERS

Erez Israel, gelobtes Land: Für Europas Juden war die Gründung ihres eigenen Staates nur drei Jahre nach dem Holocaust ein Wunder. Zur Ruhe kamen sie auch in der ersehnten Heimstatt unterm Davidstern nie - der erste Krieg begann nur Stunden nach der Unabhängigkeitserklärung. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    2.9 (445 Bewertungen)

Es mag ein gutes Vorzeichen für die Zionisten gewesen sein, dass der Ort, an dem die Uno-Vollversammlung am 29. November 1947 tagte, um über die Teilung Palästinas abzustimmen, den Namen Lake Success trug. Dabei war im Vorfeld der Entscheidung durchaus ungewiss, ob diese ein Erfolg für die Verfechter eines jüdischen Staates werden sollte. Die muslimischen Nationen wie auch die britische Kolonialmacht versuchten mit allen Kräften, die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat zu verhindern.

So erwarteten denn Hunderttausende von Menschen in dem noch britischen Mandatsgebiet Palästina an jenem Tag voller Spannung die öffentliche Abstimmung. Der israelische Schriftsteller Amos Oz erinnert sich, wie er als Kind diesen dramatischen Augenblick erlebte: "Wie in einem Angstalptraum standen eng gedrängt, schweigend und reglos im gelblichen Schein der Straßenlaterne Massen aufrechter Schatten in unserem Hof, in den Nachbarhöfen, auf den Bürgersteigen, auf der Straße, wie eine riesige, stumme Gespensterversammlung im fahlen Licht, auf allen Balkonen, Hunderte von Männern und Frauen, die nicht einen einzigen Ton von sich gaben, Nachbarn, Bekannte und Fremde. Nur die tiefe, raue Stimme des amerikanischen Sprechers drang aus dem voll aufgedrehten Radio und ließ die Nachtluft erzittern."

Dann kommt der Moment, der die Welt für immer veränderte. Amos erinnert sich: "Einen nach dem anderen rief er die Namen der letzten Staaten in der Liste auf, nach dem englischen Alphabet, und donnerte die Antwort der betreffenden Delegierten sofort in sein Mikrofon: United Kingdom abstains. Union of Soviet Socialist Republics: Yes. United States: Yes. Uruguay: Yes. Venezuela: Yes. Yemen: No. Yugoslavia: Abstains. Damit verstummte die Stimme mit einem Schlag. Und abrupt senkte sich die außerirdische Stille herab und ließ die ganze Szene erstarren, ein schreckerfülltes, unheilschwangeres Schweigen trat ein, das Schweigen einer riesigen, den Atem anhaltenden Menschenmenge, wie ich es sonst niemals gehört habe, nicht vor dieser Nacht und nicht nach dieser Nacht."

Dem gespenstischen Schweigen folgte ausgelassenes Tanzen auf der Straße, fremde Menschen fielen sich weinend in die Arme, und überall wehten Fahnen mit dem Symbol des neuen Staates: dem Davidstern.

Sackgasse Assimilation

Dem Teilungsbeschluss vorausgegangen war ein jahrzehntelang währender Kampf der Zionisten für einen souveränen Staat der Juden. Genau 50 Jahre zuvor hatte der österreichische Journalist Theodor Herzl den ersten Zionistenkongress einberufen. Kurz vor der Jahrhundertwende hatte sich die Situation für die Juden Europas dramatisch verschlechtert. In Rußland tobten Pogrome, im Deutschen Reichstag saßen Abgeordenete mit dezidiert antisemitischem Programm, in Wien war mit Karl Lueger ein ausgesprochener Antisemit zum Bürgermeister gewählt worden. Selbst in Frankreich, dem Mutterland der Judenemanzipation, wurde die öffentliche Degradierung des fälschlicherweise des Hochverrats bezichtigten Offiziers Alfred Dreyfus von antijüdischen Krawallen begleitet.

Der als Korrespondent der Wiener "Neuen Freien Presse" in Paris wirkende Herzl veröffentlichte 1896 sein Pamphlet "Der Judenstaat", in dem er enttäuscht feststellte: "Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden Volksgemeinschaft unterzugehen und nur den Glauben unserer Väter zu bewahren. Man lässt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwängliche Patrioten, vergebens bringen wir dieselben Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger, vergebens bemühen wir uns den Ruhm unserer Vaterländer in Künsten und Wissenschaften, ihren Reichtum durch Handel und Verkehr zu erhöhen. In unseren Vaterländern, in denen wir ja auch schon seit Jahrhunderten wohnen, werden wir als Fremdlinge ausgeschrieen ... Wenn man uns in Ruhe ließe ... Aber ich glaube, man wird uns nicht in Ruhe lassen."

Noch wurde Herzl von den meisten Juden ausgelacht. Nur in Osteuropa gelang es ihm, die unter den Pogromen leidenden russischen Juden zu mobilisieren. Er gab die Hoffnung nicht auf und notierte nach dem Ende des ersten Zionistenkongresses am 3. September 1897 in sein Tagebuch: "Fasse ich den Baseler Congress in ein Wort zusammen - das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen - so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es Jeder einsehen."

Balfours Versprechen: Eine Heimstatt in Palästina

Und tatsächlich: Fast genau 50 Jahre später fasste die Uno den Beschluss, einen jüdischen Staat zu errichten. Herzl sollte es nicht mehr erleben. Er starb bereits 1904 im Alter von 44 Jahren, aufgerieben von seinen diplomatischen Bemühungen. Den größten Erfolg auf dem Weg zur Gründung Israels erntete einer seiner Nachfolger, der spätere erste Staatspräsident Israels, Chaim Weizmann.

Auf seine Initiative hin gab der britische Außenminister Lord Balfour im November1917, als die Briten gerade dabei waren, Palästina dem zerfallenden Osmanischen Reich zu entreißen, das Versprechen, die Juden bei der Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina zu unterstützen. So vage die Formulierung der berühmten "Balfour-Deklaration" auch war, hier war erstmals die Anerkennung der Juden auf ihre historische Heimat verbürgt. Auf sie sollten sich Zionisten berufen, wenn in den nächsten drei Jahrzehnten die britische Regierung immer wieder Rückzieher von diesem Versprechen machte.

Grund für die Veränderung der britischen Haltung war vor allem der wachsende Widerstand der in Palästina lebenden arabischen Bevölkerung gegen die als Eindringlinge betrachteten jüdischen Flüchtlinge aus Europa, die vor den Pogromen in Russland, dem Bürgerkrieg in der Ukraine, dem Antisemitismus in Polen und bald auch aus dem nationalsozialistischen Deutschland und den von ihm eroberten Territorien geflohen waren. Je zahlreicher die jüdische Bevölkerung in Palästina wurde, umso vehementer reagierten die Araber und umso dichter schlossen die Briten die Tore. Gerade in dem Moment, in dem die Gefahr für die Juden in Europa lebensbedrohend wurde, fanden sie kein rettendes Ufer mehr vor.

Die "Exodus" und die Uno-Vollversammlung

Selbst Herzl, der bereits am Ende des 19. Jahrhunderts befürchtete, man werde die Juden nicht in Ruhe lassen, konnte das Ausmaß der Vernichtung nicht vorhersehen. Als der Zweite Weltkrieg zu seinem Ende kam, waren zwei Drittel der europäischen Juden - und damit auch auch ein großer Teil der potentiellen Einwohner eines jüdischen Staates - ermordet worden.

Für die Weltgemeinschaft nahm der moralische Druck zu, den überlebenden Juden wenigstens ihren eigenen Staat zu gewähren. Diese waren zwar 1945 befreit worden, doch fühlten sie sich keineswegs frei. Viele von ihnen wurden in Internierungslagern festgehaltenen. Ihre ausweglose Situation wurde durch die Irrfahrt des mit über 4.500 Passagieren geladenen Flüchtlingsschiffes "Exodus 1947" verdeutlicht. Die Briten ließen das Schiff im Juli 1947 nicht in Haifa landen und zwangen die Passagiere zur Rückkehr nach Europa. Der Großteil wurde in Lagern bei Lübeck hinter Stacheldraht und Wachtürmen als Gefangene gehalten. Tausende anderer jüdischer Flüchtlinge aus Europa waren bereits in Zypern von den Briten interniert worden. Diese Episode blieb nicht ohne Folgen auf die Entscheidung der Uno-Vollversamlung im November 1947.

Allerdings spielten auch andere Motive eine Rolle. Die sowjetische Führung war sich bewusst, dass die führenden Zionisten aus Osteuropa stammende Sozialisten waren. Die Amerikaner, die erst im letzten Moment zur Unterstützung des jüdischen Staates bereit waren, hegten ihrerseits politische Hoffnungen zu Beginn des Kalten Krieges. Nicht zuletzt spielten persönliche religiöse Motive eine Rolle. So wollte etwa der brasilianische Präsident der Uno-Vollversammlung, Oswaldo Aranha, der Errichtung eines jüdischen Staates nach zwei Jahrtausenden nicht im Wege stehen.

Auf die Gründung folgte sofort Krieg

Der Teilungsplan für Palästina entsprach zwar keineswegs den Vorstellungen der Zionisten, doch die zionistische Führung unter dem späteren Ministerpräsidenten David Ben-Gurion stimmte im Gegensatz zu den arabischen Staaten der Teilung zu. Auf diese Weise konnte in absehbarer Zukunft zumindest ein jüdischer Rumpfstaat Realität werden.

Wie dieser aussehen würde, war durchaus noch unklar. So betonte Israels erster Staatspräsident Chaim Weizmann, die Religion habe sich auf die Synagoge zu beschränken und solle keinesfalls die Politik im Lande kontrollieren. Die Verfassung, von der alle Politiker damals sprachen, bleibt aber noch 60 Jahre nach der Staatsgründung ein Desideratum. Säkulare und Religiöse konnten sich nicht auf einen Kompromiss einigen.

Die Probleme im Inneren mussten zunächst hinter dem israelisch-arabischen Konflikt zurückstehen. Sofort nach dem Teilungsbeschluss setzte der militärische Konflikt mit den arabischen Nachbarn ein, der Tausende von Juden das Leben kostete und Hunderttausende von Arabern heimatlos machte. Der Enthusiasmus, den Amos Oz in der Nacht am 29. November zu spüren bekam, wich rasch der Ernüchterung: "Einer aus jedem Hundert der jüdischen Bevölkerung, einer aus jedem Hundert von Männern, Frauen, Alten, Kindern und Babys, einer aus jedem Hundert der Tanzenden, Feiernden, Trinkenden und Freudentränen Vergießenden, ein ganzes Prozent des jene Nacht auf den Straßen jubelnden und lärmenden Volks, würde sterben in dem Krieg, den die Araber knapp sieben Stunden nach der Entscheidung der Vollversammlung in Lake Success begannen."


Michael Brenner ist Professor für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München. Er ist Autor des Bandes "Geschichte des Zionismus" (Verlag C. H. Beck, München, 2. Auflage 2005).

Artikel bewerten
2.9 (445 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Volker Marquas 11.01.2013
Guter Artikel. Einige Tatsachen fehlen. 1. Balfour Deklaration 1917 und ihre schlimmen Folgen sind vollständig aus dem Bewusstsein der deutschen Bevölkerung verschwunden. Englische Quellen müssen heran gezogen werden. Warum? 2. Das politische Konzept des Zionismus entstand währen des 1. Weltkrieges eben um ein jüdisches Heimatland zu bekommen. Palästina war von Anfang an Favorit. 3. England fehlte Aceton zur Waffenproduktion. Chaim Weizmann, Zionistenführer, half und gewann Einfluss. 4. England brauchte und wollte dringend den Kriegseintritt der USA und machte sich den Einfluss der Zionisten zu Nutze und versprach Palästina (Balfour Deklaration) im Gegenzug. Durch diese Erklärung bekam England 1922 vor dem Völkerbund die Kontrolle über Palästina. Die Erklärung beinhaltete aber auch die Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung, die geschützt werden sollten. 5. England betrog die Zionisten genauso wie die Araber (Lawrence von Arabien) und gab ihnen nichts. 6. 1939 änderten die Engländer radikal ihre Politik und waren nun ganz gegen eine Heimstatt für die Juden in Palästina. Es kam zum berühmten ?White Paper? was dies besiegelte. Durch dieses Papier und die Folgen wurde es vielen europäischen Juden unmöglich gemacht vor dem Naziregime nach Palästina auszuwandern. 7. Liberale Briten sympathisierten mit den Zionisten. Fundamentalistische Christen von denen auch der Antisemitismus ausging wollten zwei Dinge erreichen. 1. Die Entvölkerung Europas von Juden und 2. Die Prophezeiung erfüllen: Christus kann nur zurückkehren in ein jüdisches Königreich im Heiligen Land. 8. Die Einwanderungsquoten waren von der UN sehr begrenzt. Zunächst hielt man sich etwas und dann gar nicht mehr daran. 1917 lebten 50000 Juden in Palästina, 1947 600000. Kleinere Revolten von Nichtjuden 1920, 21, 29, und 33. Große Aufstände 1936, 39. Sie wurden alle niedergeschlagen zunächst von Briten und ab 1930 auch von jüdischen Kräften. 9. 1948 Ausrufung des Staates Israel, dessen Gründung von den Briten gewollt oder ungewollt 1917 seinen Anfang nahm. 10. Bis heute leidet Palästina und vor allem die Nichtjuden unter den Folgen dieser Diplomatie. Ähnlich das Problem mit den Kurden, die bei der Aufteilung der Beute unter den Imperialisten ebenfalls vergessen wurden. Quelle: http://history1900s.about.com/cs/holocaust/p/balfourdeclare.htm
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH