Grünen-Parteitage Eklats mit Ansage

Farbbeutel, Zickenalarm, Klassenfahrt nach Wackersdorf: Auf den Bundesparteitagen der Grünen war fast immer was los. Selten passierte das, was vorher abgesprochen war. einestages zeigt die Höhepunkte der grünen Lust am Eklat.

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Wer keine Überraschungen verträgt, ist auf den Parteitagen der Grünen am falschen Platz. Kein Wunder, ging es den Grünen doch von Anfang an um nichts Geringeres als eine "neue Form der politischen Vertretung", wie die Mitbegründerin Petra Kelly es 1979 in ihrem Offenen Brief an Helmut Schmidt formulierte. Und was neu ist, muss sich erst einmal selbst erfinden. Vor allem, wenn das Projekt basisdemokratisch angelegt ist.

"Sozial, ökologisch, basisdemokratisch und gewaltfrei": Wem ihr Ur-Motto nicht passte, konnte ja gehen. Wie etwa der als "Blut-und-Boden-Grüne" verschriene Parteisprecher August Haußleiter 1980 in Dortmund. Kaum waren die Konservativen um Herbert Gruhl und Baldur Springmann weg, scheiterten die Grünen zum ersten Mal an der Fünf-Prozent-Hürde - erst 1983 schafften sie dank ihrer Kampagne gegen das Wettrüsten den Sprung in den Bundestag. Um noch mehr Aufmerksamkeit für ihre Sache zu erlangen, reisten die Grünen auf ihrem Parteitag 1985 in Offenburg geschlossen nach Wackersdorf, um den Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage zu unterstützen.

Doch kaum saßen sie mit an den Schalthebeln der Macht, begann der Zwist zwischen Realos und Fundis zu eskalieren. Bald gab es in manchen Bundesländern gar zwei grüne Parteien. Im Austritt des "Realos" Otto Schily im November 1989 feierte der Grundsatzstreit einen seiner traurigen Höhepunkte; 1991 hatte wiederum Jutta Ditfurth die Nase voll und schmiss hin. Weitere Zankäpfel: Das Rotationsprinzip in der Bundestagesgruppe sowie die Trennung von Amt und Mandat. Außerdem mochte nicht jeder einen Teil seiner Diäten an den Öko-Fonds der Partei abgeben.

Macht macht verletzlich

Nur dank der auf dem Hannoveraner Vereinigungsparteitag 1993 vollzogenen Ehe von Grünen und Bündnis 90 schafften es die Umweltbewegten im Jahr darauf in den Bundestag. 1998 gelang sogar der ganz große Durchbruch: Die Revoluzzer von einst stellten einen Teil der Regierung. Wenn schon, denn schon, dachten sich die plötzlich Mächtigen und verabschiedeten 1998 in Magdeburg den "5-Mark-Beschluss", wonach der Benzinpreis schrittweise auf fünf Mark angehoben werden sollte.

Doch Macht macht verletzlich: Zum bislang größten Debakel auf einem Grünen-Parteitag gehörte die Farbbeutel-Attacke am 13. Mai 1999 in Bielefeld. Mit klebrigem Blut-Imitat, Buttersäure und Trillerpfeife mischten die Pazifisten den "Kriegsparteitag" auf, die Diskussionen zwischen den Befürwortern des Kosovo-Kriegs-Einsatzes um Joschka Fischer und Kriegsgegnern um Hans-Christian Ströbele drohten zu eskalieren. Zahlreiche Pazifisten traten aus - das gleiche passierte 2001 nach dem Beschluss, den Bundeswehreinsatz in Afghanistan zu unterstützen.

Bizarre Blüten trieb die Suche nach dem Wahren Ich zuletzt beim Logo-Streit auf dem Parteitag in Köln 2006: Blume ja oder nein, Schriftgrößen gleich lassen oder ändern, ja was denn nun? Wieder mal stimmte die Basis einen Antrag der Führung weg - und das Logo wurde kassiert.

Ob der Streit in Nürnberg entschieden wird - oder worüber man sich diesmal streitet, bleibt offen. Zumindest diesmal wollen sich die grünen Bosse einigen - und reisen mit drei neuen Logo-Entwürfen nach Franken.

Anmerkung: In der ursprünglichen Fassung des Textes stand, der Vereinigungsparteitag von Grünen und Bündnis 90 im Jahr 1993 habe in Leipzig stattgefunden. Es war jedoch Hannover, wie einestages-Leser Justus von Widekind richtig bemerkt.



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Justus von Widekind, 24.11.2007
1.
In Leipzig haben sich Grün-West und Grün-Ost vereinigt. Die Vereinigung Grüne Bündnis90 war in Hannover. Trotz meines Hinweises schon heute vormittag ist das immer noch falsch.
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