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Guerilla Gardening Blumenkrieger im Großstadtdschungel

Guerilla Gardening: Blumenkrieger im Großstadtdschungel Fotos
Corbis

Gras, Granaten, grüne Daumen: In den Siebzigern zog eine Gruppe von Widerstandskämpfern mit Spaten und Harken ins Gefecht gegen den Verfall New Yorks. Mit illegal angelegten Blumenbeeten verwandelten sie Müllhalden in grüne Oasen - und wurden zu den Urvätern einer subversiven Gärtnerbewegung. Von

Der Sprengsatz ist schnell gebaut: Man befülle eine alte Christbaumkugel durch einen kleinen Trichter mit Dünger, Torfgranulat und ein paar Pflanzensamen, verschließe die Öffnung mit etwas Zellstoff und schüttle das Ganze lange und vorsichtig - fertig ist die Bombe.

Es war das Jahr 1973, in dem New York plötzlich von Anschlägen mit solchen "Seed Grenades", Saatgranaten, heimgesucht wurde. Zunächst gingen sie nur auf einzelne Hinterhöfe und Abrissgrundstücke in besonders heruntergekommenen Straßen Manhattans nieder, doch schon bald verdichteten sich die Einschläge: Auf immer mehr Brachgrundstücke, zu Müllhalden verkommene Baugelände und Parkplätze voller Autowracks regneten die fruchtbaren Sprengkörper aus Christbaumkugeln, Luftballons oder Tonklumpen herab - und entluden sich nach Wochen mit bunten Explosionen aus Blüten, die mitten in der Großstadt-Ödnis zu sprießen begannen.

Die Attentätergruppe hinter diesen Anschlägen nannte sich "Green Guerillas". Und auch, wenn ihre Granaten nicht wirklich detonierten, sondern nur Samen von Sonnenblumen, Nelken oder Sojabohnen über unzugängliche Brachgelände verstreuten und sie in Blumenwiesen verwandelten, sollten die Guerilla-Gärtner zu den Vätern einer Revolution werden. Einer Revolution, die weit über New York hinausgehen sollte und heute mehr Anhänger hat denn je.

Die Erfindung der Nichts-Tun-Landwirtschaft

Die Mutter dieser Revolution hieß Liz Christy - auch wenn man der zierlichen jungen Frau mit dem wallenden braunen Haar niemals angesehen hätte, dass sie zur Anführerin einer Untergrundarmee taugt. Und tatsächlich war sie keine Partisanin, sondern eine Künstlerin, die ihr Geld mit Ölgemälden verdiente. Für die schöngeistige Frau muss das damals desolate Bild in den Straßen New Yorks eine Qual gewesen sein: Nachdem die Stadt die Grundsteuer erhöht hatte, ließen viele zahlungsunfähige Hausbesitzer ihre Häuser einfach verfallen oder brannten sie ab, um die Versicherungssummen zu kassieren. Und so waren viele Straßen New Yorks in den siebziger Jahren gesäumt von Ruinen und den Geröllfeldern, die nach dem Abriss zurückblieben und nur noch als Müllhalden oder als Treffpunkt von Dealern genutzt wurden.

Auf einem Spaziergang durch diese heruntergekommene Stadtlandschaft im Jahr 1973 bemerkte Liz Christy, wie aus einem Haufen Küchenmüll auf einem Brachgrundstück Tomaten wuchsen. Eine Idee keimte in ihr: Warum sollte man die leerstehenden Flächen nicht nutzen, um Pflanzen anzubauen? Liz überredete ein paar Freunde, gemeinsam mit ihr loszuziehen, um die ungenutzten Schandflecke ihres Viertels einem Fruchtbarkeitstest zu unterziehen: Über die Zäune warfen sie Saatbomben auf die leeren Grundstücke. Trieben Blumen und Nutzpflanzen aus, lohnte es sich, das Gelände von Unrat zu befreien und zu bepflanzen. Geschah nichts, lohnte die Mühe nicht.

Die Idee der Samenbombe war schon damals nicht mehr neu: Der japanische Mikrobiologe und Landwirt Masanobu Fukuoka hatte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Kugeln aus Samen, Kompost und Tonpulver benutzt, um eine völlig neue Art des Anbaus zu erproben. Fukuoka brachte jedes Jahr Hunderte dieser Saatbomben aus und überließ sie den Gunst- und Ungunstfaktoren ihrer Umwelt, bis er die überlebenden Pflanzen erntete. So züchtete er etwa Rettiche am Straßenrand oder baute Reis völlig ohne Pflanzenschutzmittel oder Pflügen der Felder an. Die "Nichts-Tun-Landwirtschaft", wie der Japaner seinen Ansatz nannte, wurde in den siebziger Jahren so bekannt, dass junge Menschen aus dem Westen zu seinem Hof pilgerten, um dort seine ungewöhnliche Methode zu erlernen.

Blutbad unter Blumenkindern

Von Nichtstun konnte hingegen bei Liz Christy und ihren Freunden keine Rede sein. Sie setzten zu ihrem ersten illegalen Gärtner-Großprojekt an: An der Kreuzung von Houston Street und Bowery in Manhattan stießen sie hinter verrosteten Maschendrahtzäunen auf ein 1700 Quadratmeter großes Brachgrundstück voller Autowracks, Baugeröll und verschrotteter Kühlschränke. Sie beschlossen, es in einen Park zu verwandeln - den ersten von Bewohnern selbst angelegten Gemeinschaftsgarten New Yorks. Es war ein ungeheures Vorhaben: Ein Jahr benötigten sie alleine dafür, den Boden für die Bepflanzung vorzubereiten - mit neu aufgetragenem Mutterboden, von Baumschulen gespendeten Setzlingen und Pferdemist, den sie von der berittenen Polizei erbettelten.

So gemeinnützig ihr Vorhaben schien, es war keineswegs ungefährlich. Nur vier Jahre zuvor hatte ein Konflikt um einen von Studenten der Universität Berkeley geschaffenen Gemeinschaftspark zu blutigen Auseinandersetzungen mit der dortigen Polizei geführt: Im April 1969 hatten Studenten der Hochschule beschlossen, ein 0,75 Hektar großes Stück Brachland der Universität, dessen Bebauungspläne im Sand verlaufen waren, in den "People's Park" zu verwandeln. Mit Hilfe Tausender Freiwilliger hatten sie das Grundstück binnen Wochen in einen begrünten Ort der Begegnung und Diskussion verwandelt. Die Universität duldete das Geschehen, obwohl sie eigentlich andere Pläne mit dem Land hatte.

Der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan machte hingegen keinen Hehl aus seiner Wut über die Landbesetzung: Er beschimpfte die Studenten als "kommunistische Sympathisanten", wie sich der Guerilla-Gärtner Richard Reynolds 2010 in seinem Buch "Guerilla Gardening" erinnerte. Und so sandte er am 15. Mai 1969 300 bewaffnete Polizeibeamte aus, die den People's Park mit einem zweieinhalb Meter hohen Zaun absperrten und einen Großteil der Bepflanzung zerstörten. Als rund 3000 Protestierende am Nachmittag mit "Wir wollen den Park!"-Rufen zu den Polizeisperren zogen, eskalierte die Situation: Demonstranten öffneten einen Hydranten und richteten den Wasserstrahl gegen die Polizei, die setzte Tränengas ein. Ziegelsteine flogen, plötzlich stand ein Auto in Flammen - und die Polizei eröffnete das Feuer auf die Menge. 128 Menschen wurden verletzt, einer erblindete, und ein Student starb an den Folgen einer Schusswunde. Reagan rief den Ausnahmezustand aus, mehr als 2000 Soldaten der Nationalgarde rückten an und hielten Berkeley wochenlang besetzt, ehe sich die Lage wieder beruhigte.

Grasfrisuren und Moosgraffiti

Es war also keineswegs auszuschließen, dass die illegalen Gärtneraktivitäten von Liz Christy und ihren Anhängern sie in Konflikt mit Gesetzeshütern bringen könnte - zumal sich die Gruppierung inzwischen martialisch "Green Guerillas" getauft hatte. Doch die grünen Guerillas erwiesen sich als kluge Taktiker und nutzten jede Gelegenheit, sich als gemeinnützige Gruppe zu profilieren und mit anderen Organisationen zu vernetzen: Im Frühjahr 1975 hielten sie gemeinsam mit dem Botanischen Garten die erste New Yorker Konferenz zur Gemeinschaftsbegrünung von Freiflächen ab. Im selben Jahr schufen sie mit der Umweltschutzgruppe CENYC ein Hilfsprogramm, um New Yorker Bürgern Informationen und Werkzeuge zum Guerilla-Gärtnern zur Verfügung zu stellen. Liz Christy startete sogar eine eigene Guerilla-Gardening-Radiosendung mit dem Titel "Grow Your Own".

1985, mit nur 39 Jahren, starb Christy an einer Krebserkrankung. Doch die Bewegung, die sie ins Leben gerufen hatte, lebte weiter. Vor allem, nachdem am 1. Mai 2000 Globalisierungskritiker vor den Londoner Houses of Parliament "Widerstand ist fruchtbar"-Transparente tragend eine riesige Verkehrsinsel pressewirksam mit Kräutern, Apfelbäumen und Hanf begrünten und einer Statue von Winston Churchill einen Irokesenschnitt aus Gras auf den Kopf pflanzten, erlebte Guerilla Gardening einen wahren Boom: Längst züchten Guerilla-Gärtner in Großstädten überall auf der Welt illegal Sojabohnen auf Hochhausdächern, bauen Getreide in öffentlichen Grünanlagen an oder malen mit einem Gemisch aus Buttermilch und Moos wachsende Moosgraffiti an graue Häuserwände. Alleine in New York gibt es heute rund 800 von Bürgern geschaffene Gemeinschaftsgärten.

Kommt man heute in New York an der Ecke Bowery und Houston Street vorbei, inzwischen mitten in einem kostspieligen In-Viertel, so erinnert nichts an die Geröllhalde, die hier vor 40 Jahren war: Im Schatten von Hängebirken erholen sich Büroarbeiter auf Holzbänken vom Stress der Großstadt und schauen Gärtnern beim Bestellen ihrer Parzelle zu. Eine Vogelscheuche hält Vögel von den Obstbäumen und Beerensträuchern fern, und eine Gruppe Rotwangen-Schmuckschildkröten schwimmt behäbig durch einen kleinen Teich, auf dem Seerosen blühen. Fast keine Spuren sind von dem Kampf geblieben, der hier einmal stattfand - dem Kampf einer Künstlerin gegen die Hässlichkeit der Stadt. Nur ein altes, verwittertes Schild hinter Maschendraht, auf dem in abblätternden Buchstaben steht: "Liz Christy Garden".

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Harry Harryman, 03.09.2011
Wie schön, dass man es hier schafft, Großstadtdschungel ohne Bindestricht zu schreiben. Auf der Startseite von SPIEGEL ONLINE ist dagegen ein Bindestrich drin. Überhaupt sehe ich, dass die Bindestrichitis der Startseiten hier bei "einestages" fast gar nicht zu sehen ist. - Eine echte Wohltat für Auge und Gemüt. Und die Bestätigung, dass doch nicht alle Journalisten des SPIEGELS Pisaner sind. harry362
2.
Alex Bötschi, 02.09.2011
Eigentlich muss man Asterix und Obelix (Udrezo und Goscinny) als Urguerilla Gärtner mit erwähnen. Im 1971 erschienen Band die Trabantenstadt versieht Mirakulix Eicheln mit Zaubertrank und so wird die Trabantenstadt mit einem neuen Wald überzogen. Das ist nicht nur mein lieblings Band sondern ist auch mein Allzeittraum, ultraschnellwachs Zaubertrank Eicheln, wenn ich mir eine Sache wünschen könnte dann das.
3.
Jörg Steinmann, 02.09.2011
Guerilla Gardening ist eine wunderbare Art, friedliche Eingriffe in den sozialen Alltag zu platzieren. Wie stark die Anziehungskraft und Gestaltungsenergie solcher Interventionen sind, war 2010 während des Kunstprojekts "Hacking The City", veranstaltet vom Essener Museum Folkwang, mit dem Beitrag des Künstlers Richard Reynolds zu erleben. Dessen "Verabredung zum Planzen" zog bei einer Aktion in der Essener Innenstadt eine riesige Menge begeisterter Freiheitsgärtner an. Die Aktion verlief friedlich und mit großem Zuspruch der anwesenden PassantInnen. http://www.hacking-the-city.org/artists-and-projects/richard-reynolds.html
4.
Ada Zaurak, 02.09.2011
damit kann ich keinen harten Euro verdienen und außerdem kostet dieser Kinderkram der Ökos und Sozialromantiker nur Platz der sinnvoll für Parkplätze und Straßen genutzt werden sollte
5.
Henning Sittel, 02.09.2011
>damit kann ich keinen harten Euro verdienen und außerdem kostet dieser Kinderkram der Ökos und Sozialromantiker nur Platz der sinnvoll für Parkplätze und Straßen genutzt werden sollte Vielleicht kapiert der Autor dieser Zeilen irgendwann, daß man "harte Euros" nicht essen kann, nicht atmen kann und nicht darin entspannen kann. Möge er doch bitte sich zwischen parkende Autos legen und dort sich seine Erholung gönnen.Ich wäre gespannt, was der Autor machen würde, wenn der ganze Kinderkram mal weg wäre. Straßen im notwendigen Umfang ja, Parkplätze auch, aber bitte nicht jeden Quadratzentimeter für diejenigen, die keine 100 mtr. zu einem Geschäft mehr laufen wollen, aber dafür dann abends im Fitnessstudio auf das Laufband gehen...
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