Guildo Horn Der Grand-Prix-Erwecker

Guildo Horn: Der Grand-Prix-Erwecker Fotos
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Piep, piep, piep, er hat euch lieb! 1998 brachte ein schlecht frisierter Sozialpädagoge frischen Wind in den Grand Prix d'Eurovision. Guildo Horn machte den altbackenen Schlagerwettstreit zu einem angesagten Medienereignis und begeisterte die Massen - nur einer konnte über den Auftritt des "Meisters" gar nicht lachen. Von

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Zum Jahreswechsel 1997/98 ging es dem häufig belächelten und noch häufiger totgesagten deutschen Schlager erstaunlich gut: Die Alben "Alles" und "Nie genug" des Kölner Haudegens Wolfgang Petry standen ganz oben in den Charts. Und dank des Tübingers Dieter Thomas Kuhn - auch bekannt als "die singende Föhnwelle" - grölten selbst Teenager auf unzähligen Schlagerpartys begeistert und lautstark: "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" und "Fiesta Mexicana".

Beim Grand Prix d'Eurovision de la Chanson hingegen mussten die deutschen Sänger eine Niederlage nach der anderen einstecken. Lange Zeit galt er daher als Sorgenkind der deutschen Unterhaltungsindustrie. Zwar konnte Ralph Siegel 1994 Deutschland mit dem von ihm zusammengestellten Mädchen-Trio Mekado und dem eingängigen Song "Wir geben 'ne Party" noch einmal zu einem dritten Platz verhelfen. Dann aber folgte ein Fiasko nach dem anderen: Das für Deutschland antretende Ehepaar Stone & Stone bekam 1995 lediglich einen Ehrenpunkt aus Malta. Ein Jahr später kam es noch schlimmer: Die von stampfenden Disco-Rhythmen unterlegte Hanne-Haller-Komposition "Planet of Blue", vorgetragen von dem bis dato völlig unbekannten Sänger Leon, schaffte es nicht einmal ins Finale. Und 1997 landete die ebenfalls unbekannte Bianca Shomburg mit der mehr als unspektakulären Ralph-Siegel-Ballade "Zeit" auf einem enttäuschenden 18. Platz.

Da war guter Rat teuer: Schlagerfreunde und Beobachter der deutschen Musik-Szene appellierten immer häufiger an Ralph Siegel, auch andere Komponisten und Produzenten ihr Glück versuchen zu lassen. Ebenso häufig vernehmbar war der Ruf nach bekannten Sängern, nach echten Stars, die nicht für den Grand Prix mal eben aus der Versenkung auftauchen, um gleich danach wieder darin zu verschwinden. Während Schlagerfreunde noch darüber nachdachten, wie man Nicole, die Deutschland 1982 immerhin den ersten und einzigen Grand-Prix-Sieg eingebracht hatte, zu einer erneuten Teilnahme überreden könnte, bahnte sich eine ganz andere Lösung an.

"Guildo hat euch lieb"

Einer, der bereits einige Jahre zuvor in einem Song verkündet hatte "Ich find' Schlager toll", spielte der größten deutschen Boulevard-Zeitung schon Monate vor der für Ende Februar 1998 geplanten Vorentscheidung die Information zu, daran teilnehmen zu wollen. Sein Name: Guildo Horn. Zwar war die Berichterstattung ("Darf dieser Mann für Deutschland singen?") größtenteils negativ. Dennoch freute sich die Szene, dass überhaupt mal wieder im Vorfeld über den Grand Prix berichtet wurde.

"Guildo hat euch lieb!" - so sollte nach Medienberichten der Beitrag heißen. Dieser Song mit dem treuherzigen Titel entpuppte sich als groovender, höchst eingängiger Ohrwurm, der mit seinem bewusst naiven Text (bekanntester Auszug: "Piep, piep, piep, ich hab' Dich lieb") eigentlich eine Parodie auf das Schlager-Genre ist, zugleich aber zu mehr Menschlichkeit und gegenseitiger Zuneigung aufruft.

Der Fernsehmoderator Stefan Raab hatte das lyrische Kleinkunstwerk unter dem Pseudonym "Alf Igel" komponiert. Die Anspielung auf Ralph Siegel wollte Raab, wie er später in einem Interview betonte, eher als "humoristische Hommage" denn als Verunglimpfung des Grand-Prix-Übervaters verstanden wissen.

So richtig lachen konnte Ralph Siegel darüber allerdings nicht. Als die Medien schließlich von den vielen begeisterten Fans des selbsternannten "Meisters" berichteten, die ihm für die TED-Abstimmung ihre Unterstützung zugesagt hatten und dafür von ihrem Idol mit Handys ausgestattet worden waren, platzte Siegel und einigen anderen Teilnehmern des Vorentscheids endgültig der Kragen: Das sei Wettbewerbsverzerrung, hieß es. Vielerorts wurde in Frage gestellt, ob es überhaupt Sinn mache, an den Start zu gehen. Schließlich trat Ralph Siegel doch an - diesmal mit gleich drei Kompositionen, die erneut von drei gänzlich unbekannten Interpreten dargeboten wurden.

Der Grand-Prix schafft den Image-Wandel

Ernsthaft überrascht war kaum jemand, als Guildo Horn am 26. Februar 1998 mit über 60 Prozent der Stimmen den Sieg im Vorentscheid davontrug und damit Rosenstolz ("Herzensschöner", Rang 2) und Hearts & Roses, die späteren "Jungen Tenöre", ("Du bist ein Teil von mir", Rang 3) auf die Plätze verwies. Unerwartet kam aber der Imagewandel des Grand Prix, der mit dem Sieg Guildo Horns einherging.

Musste man sich als Jugendlicher noch ein Jahr zuvor verschämt im stillen Kämmerlein einschließen, um den Grand Prix d'Eurovision zusehen, konnte man am 9. Mai 1998 ganz ungeniert auf eine der landauf, landab von zumeist jungen Menschen veranstalteten Grand-Prix-Partys gehen und dabei zuschauen, wie der Meister im blauen Mantel und mit gewohnt zotteligen Haaren seinen Song "Guildo hat euch lieb" vortrug.

Zwar fiel das Endergebnis nicht ganz so gut aus, wie die Guildo-Jünger sich das erhofft hatten. Es reichte aber zur besten Platzierung seit 1994 - einem achtbaren siebten Platz. Heute, im Jahr 11 nach Guildo Horn, hat sich nicht nur der Name des einstigen Grand Prix d'Eurovision de la Chanson geändert (in "Eurovision Song Contest"): Nachdem sich der deutsche Schlager 2001 noch einmal aufbäumte, als Michelle mit "Wer Liebe lebt" ins Rennen ging, musste er sich in den Folgejahren endgültig geschlagen geben. Ralph Siegel trat zwar noch zweimal für Deutschland an, allerdings sangen die von ihm produzierten Künstler Corinna May (2002) und Lou (2003) ihre Songs auf Englisch.

Ab 2004 gewannen jeweils Interpreten, deren Musik nichts mehr mit dem Deutschen Schlager gemein hat, die Vorentscheidungen: Max Mutzke (2004), Gracia (2005), Texas Lightning (2006), Roger Cicero (2007) und - ganz aktuell - No Angels (2008). Auch die nach Guildo Horns Grand-Prix-Teilnahme viel beschworene Spaßfraktion hat das Feld inzwischen wieder geräumt: Lediglich Stefan Raab selbst sorgte im Jahr 2000 mit "Wadde Hadde Dudde Da" noch einmal für Aufsehen.

"Danke", Guildo!

Der Name Guildo Horn verschwand nach 1998 bald wieder sang- und klanglos aus den Schlagzeilen. Weitere CD-Veröffentlichungen, etwa das Album "König der Möwen" (2002), konnten an die Erfolge der Single "Guildo hat euch lieb" sowie des Albums "Danke" aus dem Jahr 1998 nicht anschließen, sein Spielfilm "Waschen, schneiden, legen" (1999) floppte. Auch über seine jüngeren Projekte, beispielsweise seine Teilnahme an der RTL-Show "Let's Dance" oder seine SWR-Talkshow "Guildo und seine Gäste", in der er geistig behinderten Menschen ein Forum bietet, berichten die Medien lange nicht so ausführlich wie einst über seine Grand-Prix-Teilnahme.

Dennoch: Hätte Guildo nicht durch seine geschickte PR-Strategie seinerzeit den Grand Prix wieder zu einem viel beachteten Medienereignis gemacht - es ist mehr als fraglich, ob sich heute so kommerziell erfolgreiche Interpreten wie Roger Cicero und No Angels dem Vorentscheid stellen würden. Und deshalb erscheint es durchaus gerechtfertigt, den Albumtitel des Meisters aus dem Jahr 1998 zu zitieren: "Danke", Guildo!

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Thomas Zimmer, 21.05.2008
Guildo ist kein Sozialpädagoge - ts - er ist Diplom-Pädagoge. Und: nein, das hat nichts mit einem Lehrer zu tun.
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