Kutschfahrt des "Eisernen Gustav" Mit 1 PS nach Paris

Von Berlin brach Gustav Hartmann vor 90 Jahren per Droschke gen Paris auf. Ein Triumph der Langsamkeit: Der alte Kutscher protestierte gegen Konkurrenz durch Motortaxis - und wurde international wie ein Star gefeiert.

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Marie Hartmann ist stinksauer. Sechs Wochen lang spricht sie kein Wort mit ihrem Ehemann. Vergebens. Für den Kutscher gehört Schweigen zum Beruf, der stumme Gattinen-Groll kann ihn von seinem Vorhaben nicht abbringen: Am 2. April 1928, einem Montag, besteigt Gustav Theodor Andreas Hartmann gegen 10.30 Uhr seine Pferdedroschke mit der Nummer 120. Und rollt los.

Im Gepäck der festlich geschmückten Kutsche: 10.000 Postkarten mit seinem Konterfei. Ein Mann mit weißem Zylinder, Rauschebart und zerfurchtem Gesicht, 68 Jahre alt - und wild entschlossen, sein Berufsleben mit einem großen Abenteuer ausklingen zu lassen: Per Einspänner will Hartmann von Berlin nach Paris und wieder zurück zu reisen.

2000 Kilometer ohne Landkarte, ohne Französischkenntnisse, mit einem einzigen PS. Ein 13-jähriger Fuchswallach namens Grasmus soll Hartmann ziehen, den seine Kollegen "Eiserner Gustav" nannten. "Weil er am Bahnhof Wannsee jede Nacht auf den letzten Zug aus Berlin wartete, um morgens als Erster wieder dort zu stehen", erzählt Gustavs Enkelin Ursula Buchwitz-Wiebach im einestages-Gespräch.

"Meine Fuhre nach Paris is 'n Begräbnis"

Die 94-Jährige bewohnt das Haus, das ihr Großvater einst in Wannsee bauen ließ. Voller Stolz erzählt sie vom Humor und Durchhaltewillen des Eisernen. Seitlich an der Kutsche prangte seine Botschaft auf einem Schild: "Der älteste Fuhrherr von Wannsee, Gründer der Wannsee-Droschken, erlaubt sich, mit der Droschke 120 die letzte Fahrt Berlin-Paris zu machen, da das Pferde-Material im Aussterbeetat steht."

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Der Eiserne Gustav: Medienliebling mit Rauschebart

Hartmann protestierte mit der Reise gegen die Verdrängung der Pferdedroschke durch das motorbetriebene Taxi. "Meine Fuhre nach Paris is 'n Begräbnis", diktierte er Reportern. Die standen in Scharen am Wegesrand, um über die Fahrt des alten Mannes zu berichten.

In den Goldenen Zwanzigern lechzte die Welt nach sportlichen Rekorden, Abenteurern war Publicity gewiss. Ob sie den Ärmelkanal durchschwammen wie Gertrude Ederle, den Atlantik überflogen wie Charles Lindbergh, einen Riesenfußball kreuz und quer durch Deutschland rollten - oder eben mit der Kutsche nach Paris und zurück zuckelten. Um Hartmanns Reise hautnah mitzuerleben, fuhr ein Journalist zeitweise sogar mit im Einspänner: Hans Hermann Theobald vom Ullstein-Verlag, der die Reise mit 1000 Mark sponserte.

Der Kaiser, ein Pferdefan

Zwar wollte der Eiserne Gustav ein Zeichen gegen das Pferdedroschken-Sterben setzen. Dass er das Vierbein-Taxi 1928 noch für zukunftsfähig hielt, erscheint jedoch abwegig. Das benzinbetriebene Taxi hatte sich längst durchgesetzt, wenn auch gegen energische Widerstände: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung", soll Kaiser Wilhelm II. noch um 1900 geunkt haben.

Wie der Monarch verteufelten viele Menschen die teure, stinkende, knatternde Erfindung. Bis 1894 verkaufte Carl Benz gerade mal 25 Autos. Entnervt klagte er: "Mein erster Kunde war ein Verrückter. Mein zweiter war ein Todeskandidat."

Doch bald warf Wilhelm II. - und mit ihm der Rest der späteren Auto-Nation - die anfängliche Skepsis über Bord: Rollten 1907 erst 601 Motordroschken durch Berlin, vervierfachte sich ihre Zahl bis 1914 auf 2436. Mitte der Zwanzigerjahre hatte das Motortaxi die Pferdedroschke endgültig verdrängt. "Eine Erlaubnis zum Betrieb von Pferdekutschen wird nicht mehr erteilt", hieß es in der Berliner Droschkenordnung von 1927. Pech für den Eisernen Gustav.

Zu große Füße zum Autofahren

Ein Autohasser war der Kutscher trotzdem nicht; 1928 gehörten schon zwei Wagen zu seinem Fuhrpark. Ein Dürkopp und ein Benz - die Gustav beide nicht fahren konnte. "Mein Großvater hatte zu große Füße, er ist immer auf das falsche Pedal gelatscht", sagt seine Enkelin lachend. Und erzählt, wer der wahre Auslöser der Reise war: eine französische Abenteuerin namens Rachel Dorange, die 1927 von Paris nach Bukarest ritt.

Im November traf die schöne Dorange in Wannsee ein und fragte Gustav nach dem schnellsten Weg ins Zentrum. "Sie hat meinen Großvater mächtig beeindruckt", weiß Enkelin Ursula. Hartmann ließ sich die Adresse der Reiterin geben und versprach, sie im kommenden Jahr in Paris zu besuchen. "Was eine Frau kann, das kann ich schon lange", sollen Gustavs Worte gewesen sein.

Als er seinen Kollegen vom Plan erzählte, per Droschke an die Seine zu reisen, wetteten sie einen Sack Hafer dagegen, schrieb sein Biograf Gunnar Müller-Waldeck. Was den Eisernen nur noch mehr anspornte. Zumal er, der Niemand aus Wannsee, die Chance witterte, die ganz große Politik aufzumischen.

Auch wenn der deutsche Außenminister Gustav Stresemann und sein französischer Kollege Aristide Briand sich für Versöhnung einsetzten: 1928 waren die Wunden des Ersten Weltkriegs noch lange nicht verheilt, die "Erbfeinde" Deutschland und Frankreich noch weit davon entfernt, gute Freunde zu werden.

"Was Stresemann nich jeschafft hat, das schaffe ich!"

"Was Stresemann nich jeschafft hat, das schaffe ich!", tönte der Kutscher von seinem Bock herunter. Nach triumphalen Empfängen, etwa in seiner Geburtsstadt Magdeburg, in Hannover, Dortmund und Köln passierte er am 21. Mai im Moselstädtchen Perl die Grenze.

Metz, Verdun, Epernay: Der Eiserne Gustav trabte mitten durch die Schlachtfelder von einst, vorbei an unzähligen Kreuzen. Weiße für die Franzosen, schwarze für die Deutschen. In Verdun stieg er zu einem französischen Gefallenendenkmal hinauf, erzählt seine Enkelin: "Er hat die Toten geehrt, wollte, dass es keinen Krieg mehr gibt. "

Am 4. Juni, pünktlich zu seinem 69. Geburtstag, traf Hartmann in Paris ein und wurde frenetisch gefeiert: Der deutsche Botschafter lud zum Bankett, die französischen Fuhrunternehmer adelten ihn als "Ehrenkutscher". Moulin-Rouge-Tänzerinnen posierten mit Gustav, sogar die Filmdiva und Sängerin Mistinguett fiel ihm um den Hals. Nur von Abenteurerin Dorange war nichts zu sehen - sie war zum nächsten Langstreckenritt aufgebrochen.

Der betagte Kutscher war zu einer Art Popstar mit Rauschebart avanciert, selbst die internationale Presse berichtete: Als "Botschafter des guten Willens" titulierte ihn die "New York Times"; die "Time" berichtete von "Vive L'Allemagne" skandierenden Pariser Studenten.

Am lautesten ertönte der Jubel jedoch in Gustavs Heimatstadt. Als der um 22 Pfund leichtere Kutscher am 12. September 1928 wie ein siegreicher Feldherr mitten durchs Brandenburger Tor zog, tobte die Menge. "Hunderttausend sind auf den Beinen", schrieb der "Magdeburger General-Anzeiger"; beim Empfang servierte ihm Filmstar Henny Porten höchstpersönlich Eisbein.

Versöhnende Kraft des Großvaters

So viel Ruhm macht sexy: 86 "geflüsterte und geschriebene, handgeschriebene und getippte Liebesanträge" sollen Gustav erreicht haben, so der Dramatiker Ernst Toller 1929.

Bald jedoch wurde es still um den Eisernen Gustav. Er hängte sein Gewerbe an den Nagel, um Postkarten zu verkaufen. Gaul Grasmus fuhr fortan Milch spazieren. Anfang der Dreißigerjahre fiel Hartmanns Remise einem Brandstifter zum Opfer. Das Geld, das er bei der Fahrt eingenommen hatte, stopfte sich laut Enkelin Ursula ein windiger Finanzberater in die Tasche.

Kutscher Hartmann starb am 23. Dezember 1938 nach einem Schlaganfall. Hans Falladas Roman "Der Eiserne Gustav" blieb ihm erspart, ebenso der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, der auch Hartmanns Bemühen um Völkerverständigung zunichtemachte.

Ganz vergeblich war seine Fahrt trotzdem nicht - Gustavs versöhnende Kraft strahlte bis in die Nachkriegszeit: Als Enkelin Ursula in den Fünfzigerjahren per Bus nach Paris fuhr, ging sie ins Hotel "Splendid", wo 1928 ihr berühmter Großvater abgestiegen war. Kaum gab sich Buchwitz-Wiebach zu erkennen, reagierten die Angestellten euphorisch: "Ach wie schön, die Enkelin des Eisernen Gustav. Den hatten wir alle so gern."

Zum Weiterlesen: Gunnar Müller-Waldeck: Die Geschichte des legendären Droschkenkutschers Gustav Hartmann, Das Neue Berlin 2008
insgesamt 3 Beiträge
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Malte Poppensieker, 02.04.2018
1.
Hätte es die CSU damals schon gegeben, sicher hätte da jemand gesagt: "Das Automobil gehört nicht zu Deutschland"...
Wilfried Huthmacher, 04.04.2018
2. @Malte Poppensieker: ich bin erstaunt, dass sie diese Problematik...
in fünf Jahren nicht geändert hat.
Stefan Albrecht, 05.04.2018
3. Kurz und knapp
Kurz und knapp würde ich sagen: Ein echtes Original. Nicht eins vom der Sorte, die anderen erzählen, wie sie zu sein haben und was sie zu tun haben, sondern einer, der einfach eine gute Idee hat, sie mit viel Engagement verfolgt und immer er selbst bleibt. Das ist Original. Nicht Geschwätz von tolles Berlin und Lederhosen, um Tirolerisch auszusehen und dabei einfach lächerlich zu sein, weil man Schmierentheater spielt.
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