Umstrittener Afrikaforscher Nachtigal "Im Nu war der Leichnam zerhackt"

1872 begleitete Gustav Nachtigal Sklavenjäger im Tschad. Leidenschaftlich verurteilte der Augenzeuge die brutale Hatz auf Menschen. Jetzt ist ein Streit über den deutschen Forscher ausgebrochen.

Corbis

6000 entbehrungsreiche Kilometer durch Afrika hatte Gustav Nachtigal im Frühjahr 1872 schon zurückgelegt, als er südlich des Tschadsees in große Gefahr geriet. Der Abenteurer und Forschungsreisende aus dem beschaulichen Eichstedt bei Stendal traf auf Sklavenjäger: Krieger des islamischen Sultanats Bagirmi, die kein Pardon kannten bei ihren Feinden.

Doch Nachtigal hatte Glück. Er überlebte. Den Fremden aus Europa behandelten die Krieger halb wie einen Gast, halb wie ihren Gefangenen. Wohl oder übel musste der Deutsche mit ihnen weiterziehen - und wurde so Augenzeuge einer brutalen Menschenjagd.

Fast anderthalb Jahrhunderte später wogt im Berliner Wedding ein merkwürdiger Streit um genau diesen Gustav Nachtigal. Die SPD möchte den Nachtigalplatz umbenennen, ebenso die Lüderitzstraße, benannt nach dem kolonialen Großkaufmann Adolf Lüderitz. Die CDU lehnt das ab, schlägt aber einen seltsamen Kompromiss vor: Sie will die Namen retten, indem einfach die Widmung geändert wird.

Schon 1986 machte mans so. Damals wurde die Berliner Petersallee, 1939 von den Nazis nach dem Kolonialisten Carl Peters benannt, flugs dem ehemaligen Berliner Stadtrat Hans Peters gewidmet. Den kannte zwar kaum jemand, aber so war alles politisch korrekt, und kein Stadtplan musste geändert werden.

Kolonialherr "der übleren Sorte"?

Nun soll mit Nachtigal und Lüderitz ähnlich verfahren werden: Statt an den Kolonialisten Adolf Lüderitz, der durch Landbetrug den Grundstein zur späteren Kolonie Deutsch-Südwestafrika im heutigen Namibia legte, soll der Straßenname künftig nur noch offiziell an die Hafenstadt Lüderitz erinnern; dabei wurde diese Stadt natürlich einst nach dem Händler Lüderitz benannt.

Nach derselben Logik soll der Berliner Nachtigalplatz fortan nicht mehr Gustav, sondern einem unbekannten Theologen namens Christoph Nachtigal gewidmet sein. Denn Gustav Nachtigal, so schreibt etwa "die tageszeitung", sei ein Kolonialherr "der übleren Sorte" gewesen. Doch stimmt das überhaupt?

Kaum jemand in seiner Zeit verurteilte die Praxis des Sklavenhandels so konsequent und leidenschaftlich wie der Pfarrersohn in seinen Tagebüchern. Die erzwungene Reise mit den Bagirmi-Kriegern kam Nachtigal wie eine Reise in die Hölle vor. Er musste mit ansehen, wie die Bagirmi im Gebiet des heutigen Tschad ein Dorf nach dem anderen überfielen, um neue Sklaven zu erbeuten - nicht zuletzt im Namen ihrer Religion.

"Sie hatten nicht das geringste Bedauern, diese 'verfluchten Heiden' wie Perlhühner zu erlegen", notierte Nachtigal. "Verwundete, halbtote Männer zerrte man unter den Büschen hervor, und halbwüchsige Bagirmi endigten ihre Leiden im Kampfe um ihren Besitz", berichtete Nachtigal in der "Deutschen Rundschau". "Dieser beständige Streit zwischen den Beutegierigen um den Besitz dieser Unglücklichen, die Eltern, Heimat, Glückseligkeit, Zukunft, alles verloren hatten, übertraf an Rohheit und Ekelhaftigkeit selbst die Gräuel des Kampfes."

Wer war dieser Reisende, der sich ins Innerste Afrikas vorgewagt hatte und dessen Aufzeichnungen noch jahrzehntelang seine Landsleute fesseln würden?

12.000 Kilometer in sechs Jahren

Als Kind war Nachtigal eher schwächlich und schüchtern. Er studierte Medizin und wurde Militärarzt. An Tuberkulose erkrankt kam er nach Nordafrika, wo er Leibarzt des Bey von Tunis wurde, des regionalen Herrschers und Statthalters des Osmanischen Reichs. Eine Begegnung mit dem tollkühnen Wüstenforscher Gerhard Rohlfs wurde schicksalhaft: Weil Rohlfs wenig Lust verspürte, zum zweiten Mal binnen weniger Jahre zum fernen Tschadsee zu reisen, wurde die Mission im Auftrag Königs Wilhelm I. von Preußen kurzerhand an Nachtigal delegiert.

Am 16. Februar 1869 brach Nachtigal von Tripolis in den Süden auf. Eine für damalige Verhältnisse unglaubliche Reise: In 2020 Tagen würde er die Sahara, den westlichen und mittleren Sudan durchqueren - auf Pferden, Kamelen, Eseln und streckenweise zu Fuß. 1874, am Ende des Abenteuers, hatte er 12.360 Kilometer zurückgelegt und unzählige lebensbedrohliche Situationen überstanden.

Zurück im deutschen Kaiserreich widmete sich Nachtigal der Niederschrift seiner Reiseberichte und appellierte leidenschaftlich, den Sklavenhandel zu beenden. Er wurde vielfach ausgezeichnet und Mitglied der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 1882 schickte ihn Reichskanzler Otto von Bismarck erneut nach Tunis, wo er sich als Generalkonsul um die Belange der deutschen Wirtschaft kümmern sollte. Diese Tätigkeit vernachlässigte er jedoch und studierte lieber den Islam. Expansion war dem Forscher unwichtig. Von Kolonien wollte er nichts wissen.

Philanthrop oder Finsterling - umstritten

Dennoch ließ sich Nachtigal von Bismarck zwei Jahre später überreden, Reichskommissar für Deutsch-Westafrika zu werden - daran entzündet sich die aktuelle Kritik. Zwar deutete Nachtigal in seinen Briefen an, er könne in seiner neuen Funktion den Sklavenhandel aktiv bekämpfen. Dennoch stellte er damals Togo und Kamerun unter "deutschen Schutz" und beglaubigte Adolf Lüderitz seine auf zweifelhafte Weise erworbenen Ländereien im heutigen Namibia.

Gerade ein Jahr amtierte Nachtigal als Reichskommissar. Dann raffte ihn die Tuberkulose dahin. An Bord des Kanonenboots "Möwe" starb er am 20. April 1885. Wie er heute einzuordnen ist, blieb seitdem umstritten. War er der brutale Kolonialist, für den ihn heute die Linken in Berlin halten und zu dem ihn die DDR-Geschichtsschreibung machte? Oder war er eher ein Philanthrop?

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Vielleicht hilft ein Vergleich. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es eine Vielzahl wagemutiger Männer und Frauen, die ins kaum erforschte Innerste Afrikas aufbrachen.

Darunter waren Missionare wie der Schotte David Livingstone, der helfen und zivilisieren wollte. Und Abenteurer wie der Reporter Henry Morton Stanley - er spürte den verschollenen Missionar im Auftrag seiner Zeitung auf und unterwarf später für den belgischen König Leopold II. den Kongo. Es waren Kolonialisten wie der Deutsche Carl Peters: Durch Landerwerb legte Peters den Grundstein der Kolonie Deutsch-Ostafrika und eiferte dabei seinem großen Vorbild Cecil Rhodes nach - einem britischen Imperialisten, der in Südafrika mit Goldminen steinreich wurde und von einem englischen Korridor von Kairo bis zum Kap träumte.

Daneben gab es Wissenschaftler wie Alfred Brehm; der Zoologe zog durch den Sudan und wurde später mit seinem "Tierleben" berühmt. Und Kaufmänner wie Lüderitz ergaunerten sich viel Land.

Falsche politische Korrektheit?

Gustav Nachtigal war wohl eine Mischung aus einigen dieser Charaktere. Zunächst trieb ihn die Abenteuerlust an; nach und nach rückte die Forschung in den Mittelpunkt. "Ohne geo-fachliche Vorbildung wurde er doch ein bedeutender Geograf und Ethnograf", schrieb der Geograf Heinrich Schiffer rund hundert Jahre nach Nachtigals Tod im Vorwort zu dessen Reiserinnerungen. "Seine länderkundlichen Raum-Analysen und die soziokulturellen Profile haben heute noch Gültigkeit."

Ganz am Ende seines bewegten Lebens ließ sich der Sklavereigegner Nachtigal überreden, in den Kolonialdienst einzutreten. Es war lange vor dem Gemetzel an den Herero in Südwest, lange bevor ruchbar wurde, welche Gräuel in Leopolds Kongo-Freistaat verübt wurden, lange vor dem Aufstand der Araber an der Ostküste.

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Carl Peters mag imperialer Wahn angetrieben haben, Adolf Lüderitz pure Geldgier. Beide kann, wer will, der Kategorie der Finsterlinge zuordnen. Aber Nachtigal?

Sicher, er hätte aus heutiger Sicht Lüderitz nicht seine Eroberungen beglaubigen sollen. Allerdings konnte er nicht ahnen, was einmal aus diesen Gebieten werden würde. Denn zunächst hatten viele Europäer durchaus das Motiv, Afrika zu zivilisieren, und deutsche Kolonien gab es erst ab 1885: dem Jahr, in dem Nachtigal starb. Aus politischer Korrektheit Gustav-Nachtigal-Straßen oder -Plätze umzubenennen - das erscheint ein wenig albern.

Mitarbeit: Christoph Gunkel

insgesamt 41 Beiträge
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Johannes Vogelgesang, 03.04.2016
1. Political correctness, die Hauptbeschäftigung der Linken
"Aus politischer Korrektheit Gustav-Nachtigal-Straßen oder -Plätze umzubenennen - das erscheint ein wenig albern. " Hat sich aber allgemein zur Hauptbeschäftigung der heutigen Linken entwickelt. Was anderes machen die mittlerweile nicht mehr.
Mark Mallokent, 03.04.2016
2. Eine
Man will eben heute nicht mehr wahrhaben, dass ein Motiv (keineswegs das einzige) für die Kolonialisierung Afrikas die Abschaffung der Sklaverei gewesen ist. Und weiterhin will keiner mehr wahrhaben, dass die afrikanischen Sklaven damals an die muslimisch-arabischen Länder geliefert worden sind. Man sollte sich ruhig mal wieder etwas genauer mit Nachtigal geschäftigen.
Rudolf Stein, 03.04.2016
3. Sucht, so werdet Ihr finden
Ich hab noch mal schnell geschaut, ob der Artikel wirklich im SPON steht: "Der Abenteurer und Forschungsreisende aus dem beschaulichen Eichstedt bei Stendal (ein Ossi, aha!) traf auf Sklavenjäger: Krieger des islamischen Sultanats Bagirmi, die kein Pardon kannten bei ihren Feinden." Unbarmherzige Sklavenjäger islamischen Glaubens? So etwas gibt es nicht! Höchstens bei Höcke, bei PEGIDA oder der AfD. SPON, das ist übelste nazistische Propaganda. Es wird allerhöchste Zeit, diesen Straßennamen vollständig zu liquidieren, radikal, und bitte keine Schummeleien! Es gibt so viele Vorbilder in unserer Zeit, die es verdient hätten, in Straßennamen verewigt zu werden, beispielsweise der Flüchtling, der auf der Bundesstraße 521 dem verunglückten NPD-Funktionär das Leben rettete, wäre so einer. Oder einer der unzähligen ehrlichen Neubürger, die prall gefüllte Geldbörsen finden und im Fundbüro abliefern.
Andreas Meier, 03.04.2016
4. Die Engländer
sind stolz auf jeden, der an ihrer bluttriefenden Kolonialgeschichte beteiligt war. Da erscheint die Kritik an jemandem, dem nur im Rückblick etwas vorzuwerfen ist (nie eine gute Art mit Geschichte umzugehen) in der Tat sehr albern.
Martin Michaelis, 03.04.2016
5.
Diese ganzen Säuberungen halte ich ohnehin für fragwürdig. Kein Wunder dass vor allem die Linken da immer vorne dran sind denn bei denen haben solche Säuberungen schlechte Tradition. Und wenn sie schon säubern wollen dann gäbe es in der eignen Historie genug zu tun.
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