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Treuer Hund Hachiko Erst geschlagen, dann vergöttert

Tierberühmtheit Hachiko: Ein Legende unter den Hunden Fotos
Shibuya Folk and Literary Shirane Memorial Museum

Der Tod des japanischen Hundes Hachiko rührte 1935 Millionen Menschen zu Trauer. Fast zehn Jahre lang hatte der Vierbeiner auf sein Herrchen gewartet. Von

Ergeben ließ der Ehrengast die Reden der Würdenträger über sich ergehen. Zuerst sprach ein Professor der Kaiserlichen Universität Tokio. Keine Reaktion. Es folgte der Generaldirektor der Tokioter Eisenbahngesellschaft. Schweigen. Und auch der Bürgermeister des Stadtteils Shibuya der japanischen Hauptstadt konnte dem Gratulanten keinerlei Regung entlocken.

Im Liegen, alle Viere von sich gestreckt, hörte sich der Geehrte geduldig die salbungsvollen Worte an. Vielleicht missfiel ihm der sonderbare Aufzug, den er zu diesem Spektakel tragen musste: Lauter rot-weiße Bändchen, die der Legende nach Glück bringen sollen. Vielleicht verstand er einfach auch nicht viel. Schließlich war er ein Hund. Mit dem Namen Hachiko.

Tausende Menschen waren an diesem 21. April 1934 zum Bahnhof Shibuya geströmt, um Hachiko zu ehren. Das Radio übertrug die Zeremonie in die ganze Welt. Nach den Reden führte der Zeremonienmeister ein kleines zehnjähriges Mädchen durch die Menge zu einem verhangenen Granitsockel.

Dort angekommen zog das Kind unter frenetischem Jubel der Menschen das Tuch herunter. Zum Vorschein kam: Hachiko, lebensgroß in Bronze gegossen. Mit großen traurigen Hundeaugen verfolgte der echte Hachiko unbeeindruckt die Zeremonie. Nach dem Ende der Feier konnten die Gäste zahlreiche Devotionalien in den umliegenden Läden erwerben: eine Hachiko-Briefmarke, Hachiko-Reiskräcker und andere Speisen, die nach dem Hund benannt waren. Schließlich war Hachiko der berühmteste Hund Japans - und der traurigste.

Echte Liebe

Geboren wurde der Vierbeiner, der ursprünglich Hachi hieß, zusammen mit seinen drei Brüdern irgendwann im November 1923 auf einem Bauernhof im Norden des Kaiserreichs. Er war ein reinrassiger Akita, eine alte japanische Hunderasse. Bereits im Januar 1924 steckte der Züchter Hachi in eine Transportkiste. Per Zug reiste der Hund Richtung Süden. Eile tat not: Nach allgemeiner Überzeugung musste ein Akita innerhalb von zwei Monaten mit seinem neuen Herrn vereint sein - so würde die Bindung stärker.

Dieser hieß Hidesaburo Ueno und war Professor für Agrarwissenschaft an der Universität Tokio. Der kinderlose Akademiker kümmerte sich ausgiebig um Hachi, sprach mit ihm, spielte mit ihm und fütterte ihn. Hachi wuchs zu einem kräftigen Akita heran, über 60 Zentimeter groß, mehr als 40 Kilogramm schwer, mit dichtem cremefarbenen, leicht gelbem Fell, einem Ringelschwanz und hochstehenden Ohren. Jeden Morgen ließ sich Ueno von Hachi Richtung Arbeit begleiten, meist zum nicht weit entfernten Bahnhof Shibuya. Dort holte der Hund ihn abends auch wieder ab - egal ob bei Sturm oder Sonnenschein.

Auch am 21. Mai 1925, einem wolkenverhangenen, düsteren Tag, wartete Hachi auf Uenos Rückkehr. Doch an diesem Abend stieg der Professor nicht aus dem Zug. Eine Hirnblutung hatte ihn während einer Vorlesung getötet.

Bald mussten sich die Fahrgäste am Bahnhof Shibuya an einen ungewöhnlichen Anblick gewöhnen. "Ich sah oft einen großen Hund in der Nähe der Bahnsteigsperre am Bahnhof Shibuya sitzen", berichtete Sato Noburu. "Allein, sittsam und ruhig am Abend." So oft er konnte, kam Hachi zum Bahnhof, um auf seinen toten Herrn zu warten. Allerdings war er kein Streuner. Einige Zeit nach dem Tod des Professors war das Tier bei dessen ehemaligem Gärtner untergekommen, zu dem er abends zurückkehrte.

Geschlagen und beschmiert

Der Hund war im Bahnhof allerdings alles andere als willkommen. Passagiere beschwerten sich beim Personal, Bahnmitarbeiter misshandelten ihn sogar. Hachi wurde geschlagen, manchmal mit Farbe beschmiert. Wehrlos ließ der Hund die Übergriffe über sich ergehen. Nur wenige Menschen waren gut zu ihm und fütterten ihn.

1932 sollten die meisten Misshandlungen allerdings aufhören. In der großen Zeitung "Tokyo Asahi-shimbun" erschien der Artikel "Die Geschichte des traurigen alten Hundes". Schlagartig war Hachi berühmt. Ein Mann namens Saito Hirokichi hatte die Presse auf Hachis trauriges Schicksal aufmerksam gemacht. Drei Jahre nach Uenos Tod hatte er den Hund auf der Straße spielen sehen. Der Japaner hatte besonderes Interesse an dem Vierbeiner, weil er vor Kurzem eine Vereinigung zur Rettung japanischer Hunderassen gegründet hatte. Akitas waren damals sehr selten geworden. Von Hachis Besitzer hatte Hirokichi dessen traurige Geschichte erfahren.

Tausende Menschen pilgerten nun nach Shibuya, um den treuesten Hund der Welt zu sehen. Schulkinder streichelten Hachi, Tierärzte untersuchten ihn kostenlos. Besucher brachten Blumen und Futter für das Tier. Sogar die Kaiserin ließ erklären, dass sie Hachis trauriges Schicksal bedauere. Zum Bahnhof hatte der Hund nun freien Zutritt, ein Bahnhofsmitarbeiter hatte für sein Wohlbefinden zu sorgen. In einem Paketlager durfte Hachis Besitzer sogar ein kleines Bett für den Vierbeiner aufbauen, der immer wieder unter schweren Krankheiten litt.

Vor allem wurde aus Hachi nun Hachi-ko. Die zusätzliche Silbe "ko" bedeutet soviel wie "kleiner Herr". Es gab ein Hachiko-Lied und zahlreiche Gedichte wurden für den treuen Hund geschrieben. Die um den Bahnhof herum angesiedelten Geschäfte vermarkteten die Popularität des Vierbeiners. Hachiko-Schokolade, Hachiko-Kuchen oder Puppen des Hundes verkauften sich bestens.

Einsamer Tod

Seine Popularität erreichte im Oktober 1934 einen ersten Höhepunkt, als feierlich Hachikos Denkmal eingeweiht wurde. Vom Schulkind bis zum Greis hatten Japaner aus dem In- und Ausland dafür gespendet. "Bitte verwenden Sie die Hälfte dieses Geldes, um Hachikos liebstes Futter zu kaufen und die andere Hälfte für die Bronzestatue", schrieben Viertklässler an das Komitee. Seine Geschichte fand sogar Eingang in die Schulbücher.

Den Vierbeiner selbst ließ all der Trubel kalt. Fast zehn Jahre hatte er nun schon auf sein Herrchen gewartet, es ging ihm immer schlechter. Seit einer schweren Krankheit 1929 hing sein linkes Ohr kraftlos herab. Am 8. März 1935 wurde der Hund tot in einer Straße aufgefunden, in der er bisher noch nie gesehen worden war. Zahlreiche Legenden entstanden. Ein Schnapsladenbesitzer meinte, dass Hachiko in Richtung von Uenos Grab sterben wollte. Andere meinten, dass er einfach allein sterben wollte.

Am 9. März 1935 strömten wieder Tausende Menschen am Bahnhof Shibuya zusammen. Unzählige Blumen schmückten den Platz, ein buddhistischer Mönch sprach ein Gebet für den Vierbeiner.

Nach der Zeremonie wurde Hachikos Körper präpariert. Bis heute befindet er sich im Nationalmuseum der Naturwissenschaften in Tokio. Und bis heute gilt sein Beispiel in Japan als Zeichen von Loyalität. Allerdings warnte bereits Hachikos "Entdecker" Saito Hirokichi vor einer derartigen Vermenschlichung des Tieres: "Er besaß einfach eine ursprüngliche Liebe zu seinem Herrn, der wiederum ihn geliebt hat."

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1.
kalinda, 06.03.2015
Rührende Geschichte. Darauf basierend der Film mit Richard Gere. Der bricht einem das Herz.
2. Hachiko ein Mythos, aber heute unrealistisch
B. Pürner, 07.03.2015
In der Tat ein rührende Geschichte, aber ... ... sie hat nichts mehr mit den heutigen Akitas zu tun. Der Akita ist - abweichend vom Artikel - kein Hund für nebenbei! Die Geschichte mit Hachiko ist wahr und geschah in den 1930er Jahren. In Japan ist Hachiko ein Mythos, weil er einige der japanischen Nationaltugenden verkörpert. Seither hat sich die Rasse Akita - so wie viele Rassen - sehr verändert. Heute ist es undenkbar einen Akita einfach so herumstreunen zu lassen. Solchen Veröffentlichungen ohne einen Hinweis auf die heutigen Akitas sind "ein Schuss in den Ofen", weil daraufhin wieder Leute Akitas anschaffen (oft über die Hundemafia oder Wildwest-Züchter) ohne sich vorher ausführlich zu informieren und diese Hunde - vor allem die Rüden - dann bei Akita in Not (www.akita-in-not.de) landen.
3.
Felix Rode, 07.03.2015
@ kalinda gestern, 21:34 Uhr "Rührende Geschichte. Darauf basierend der Film mit Richard Gere. Der bricht einem das Herz." Ach so - und ich dachte immer dass Julia Roberts wegen der Kohle bei Richard Gere geblieben ist :-))))
4. @1
Gabriel Juge, 07.03.2015
im übrigen auch nur ein Remake eine wunderbaren japanischen Films von 1987.
5.
Jochen Gaedcke, 07.03.2015
Vor dem Meeresbiologischen Laboratoire Arago der Pariser Curie-Universität in Banyuls/Südfrankreich befindet sich ein Kai, der gerne als Einstiegsstelle von Tauchern genutzt wird. Während eines Gastaufenthaltes an diesem Institut fiel mir ein Hund auf, der allabendlich zur selben Zeit auf diesen Kai hinausgelaufen kam, alle Anwesenden freundlich beschnupperte und sich danach, etwas abseits, für eine Halb/Dreiviertestunde niederließ, um aufs Meer zu blicken. Dann trottete er stets zielstrebig zurück in die (übrigens rührend hundenärrische) Stadt. Als ich eines Abends am Kai, der Hund war gerade gegangen, einen französischen Kollegen auf ihn ansprach, sagte mir der, dass sein Herrchen vor 2 Jahren von einem Tauchgang, den er hier begonnen hatte, nicht zurückgekehrt ist.
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